Kommunikation

Je mehr Gemeinden mitwirken, desto fruchtvoller wird es für alle

Digitalisierung ist keine Naturgewalt, sondern ein kultureller Prozess – und damit gestaltbar. Davon ist Magdalena Reiter, Designerin und Expertin für digitale Offenheit, überzeugt. Im Gespräch mit Daniela Ingruber erklärt sie, was Open Data und Open Design konkret bedeuten und welches Potenzial sie für Gemeinden bergen: Von offen zugänglichen Fahrplandaten, aus denen unabhängige Apps entstehen können, bis hin zu partizipativen Projekten mit Kindern und Jugendlichen, die kommunale Daten kreativ nutzen. Reiter plädiert für ein Grundverständnis digitaler Offenheit auf Gemeindeebene – nicht als Selbstzweck, sondern als Voraussetzung dafür, dass Bürger:innen digitale Systeme nicht nur nutzen, sondern auch hinterfragen und mitgestalten können. Gemeinden müssen dabei nicht alles alleine stemmen: Oft reicht es, Räume und Infrastruktur bereitzustellen, damit NGOs, Schulen und engagierte Einzelpersonen aktiv werden können. Ihr Fazit ist pragmatisch und optimistisch zugleich – und mündet in einem Appell: Je mehr Gemeinden mitmachen, desto fruchtvoller wird digitale Teilhabe für alle.

Du arbeitest an einer Schnittstelle zwischen Medien, Plattformen und Bevölkerung. Wie bist du dazu gekommen?

Eigentlich bin ich Industriedesignerin. Ich habe mich aber bald damit auseinandergesetzt, was Digitalisierung mit uns Designer:innen macht. Wie sie einerseits neue Handlungsspielräume öffnet, andererseits aber auch die Gestaltungsbedingungen grundsätzlich verändert. 

Ich habe mich früh mit dem Begriff Open Design beschäftigt und diesen auch ein Stück weit mitgeprägt. Open Design, das heißt, Gestaltung digital offen, zugänglich, partizipativ und prozessorientiert zu machen. Demokratisierung, Teilhabe, Gleichberechtigung – öffentliche Institutionen sind an solchen Grundwerten natürlich besonders interessiert. Darum bin ich immer wieder eingeladen worden, dazu Arbeiten zu realisieren. Zuerst war das eher im Kunst- und Kulturbereich der Fall, später in verschiedensten Abteilungen der öffentlichen Hand.

Was bedeutet „offen“ in Open Design und Open Data?

Magdalena Reiter

Eine ganz essenzielle Eigenschaft von Offenheit ist Zugänglichkeit – also, dass Inhalte ohne Paywalls und Zugangsbeschränkungen genutzt werden können. Dazu kommt die Maschinenlesbarkeit: Bei Open Data heißt das zum Beispiel, die Daten kommen in strukturierter oder standardisierter Form, sodass sie digital ausgewertet und nachgenutzt werden können und die Leute so tatsächlich etwas damit anfangen können. 

Auch das Urheber:innenrecht ist zu beachten: Offene Werke sind offen lizenziert. Die gängigsten Lizenzen dafür sind Creative-Commons-Lizenzen. Die sind mittlerweile auch für Kommunen sehr wichtig geworden – nicht mehr nur für Kreative, sondern für alle, die irgendetwas erschaffen und digital zugänglich machen wollen. Und eine weitere Grundbedingung ist, dass man offene Inhalte für alles Mögliche weiterverwenden kann, auch für kommerzielle Zwecke.

Partizipation und Demokratie. Wenn ich dich richtig verstehe, ist beides für dich ganz wichtig.

Absolut. Wir brauchen eine starke gemeinsame Infrastruktur – im Analogen genauso wie im digitalen Raum. Dazu gehören Straßen und Kindergärten ebenso wie offene digitale Räume und Inhalte.

Könntest du mir ein Beispiel nennen, was da so wichtig wäre im digitalen Raum? 

Ein Beispiel sind Fahrplandaten des öffentlichen Verkehrs. Man kann sich natürlich überlegen, ob man solche Daten verkauft. Man kann sie aber auch offen zur Verfügung stellen und rundherum ein Ökosystem entstehen lassen. Dann können unabhängige Apps entwickelt oder offene Daten in Anwendungen eingebaut werden, die für bestimmte Zielgruppen wichtig sind – etwa für ältere Menschen oder für Menschen mit besonderem Unterstützungsbedarf. Wenn solche Daten offen zirkulieren, kann viel mehr entstehen. Und davon profitieren letztlich alle.

Du hast in verschiedenen Projekten mit der Stadt Linz zusammengearbeitet. Ist Linz durch die Ars Electronica besonders weit bei Open Data, den Creative Commons und so weiter?

Es gibt mit data.gv.at eine gemeinsame Plattform aller Kommunen, auf der offene Daten veröffentlicht werden können. Wenn man sich diese Website anschaut, sieht man, dass Linz tatsächlich weit vorne liegt und ähnlich viele Datensätze hat wie Wien. Linz hat verstanden, dass Offenheit einen Mehrwert bietet. Ob das unmittelbar der Ars Electronica geschuldet ist oder ob beides Ausdruck davon ist, dass man dort früh erkannt hat, wie wichtig Digitalisierung ist, kann ich schwer beurteilen. Unabhängig von der Ursache ist in Linz jedenfalls ein Klima entstanden, in dem solche Entwicklungen gut gedeihen konnten.

Was genau machst du, wenn du mit einer Kommune arbeitest? 

Das reicht von Workshops mit einzelnen Abteilungen bis zur Konzeption und Entwicklung ganzer Programme. Ein besonderes Herzensanliegen ist mir, junge Menschen zu adressieren. So habe ich beispielsweise den Aufbau eines Ökosystems geleitet, das sowohl Kinder- und Jugendprogramme als auch Fortbildungen für Pädagog:innen umfasst. Mir geht es darum, digitale Themen nicht isoliert zu behandeln, sondern verschiedene Zielgruppen mitzudenken und miteinander zu verbinden.

Junge Menschen verstehen digitale Themen oft sehr schnell, weil sie mit digitalen Medien aufgewachsen sind und es für sie keinen klassischen Kulturbruch gibt. Gleichzeitig wird diese Generation oft überschätzt. Es heißt dann, sie seien ja die Digital Natives, die ohnehin alles verstehen. In der Praxis sehen wir aber, dass sie mit vielen Fragen alleingelassen werden. Deshalb ist es mir wichtig, gerade diese Gruppen gezielt anzusprechen und ihnen Kompetenzen und eine Haltung mitzugeben. Und genauso wichtig ist es, auch Pädagog:innen gut zu begleiten, damit sie jungen Menschen Orientierung geben können.

Welche Haltung meinst du damit?

Eines meiner Grundprinzipien ist, Menschen darin zu bestärken, ihre Umwelt mutig mitzugestalten. Also, nicht nur in der Rolle von Konsument:innen zu bleiben, sondern zu verstehen, dass digitale Systeme politisch sind und deshalb auch veränderbar und gestaltbar sein müssen. Digitalisierung ist keine Naturgewalt, sondern ein kultureller Prozess. Und diesen Prozess können wir mitgestalten.

Gestalten und Kreativität sind den Menschen ja angeboren.

Ja, und ich habe das Gefühl, dass es Kindern und Jugendlichen auch in vielen anderen Bereichen den Rücken stärkt, wenn sie erleben, dass sie selbst gestalten können. Bei einem Hackathon vor einigen Jahren hat eine Gruppe von 12- bis 16-Jährigen mit den Verkehrsdaten der Stadt Linz eine App entwickelt, die ähnlich funktionierte wie Google Maps. Der Unterschied war: Die Routen wurden nicht nach Effizienz berechnet, sondern zum Beispiel danach, wo am Weg die meisten Spielplätze oder die meisten Bäume liegen.

In der Präsentation wurde dann sehr deutlich, was eigentlich dahinter steckt: eine Kritik daran, wie ihr Alltag organisiert ist. Sie hetzen in die Schule, von dort gleich weiter und dann wieder nach Hause. Das Schöne am Weg geht dabei verloren. Genau das finde ich so wertvoll: Wenn junge Menschen über ihr eigenes Leben, ihre Umwelt und ihren Alltag nachdenken und daraus etwas Eigenes gestalten.

Wird in dem Fall auch etwas aufgedeckt, was vielen Erwachsenen eventuell gar nicht so klar ist?

Ja, durchaus. Solche Momente überraschen und regen zum Nachdenken an. Genau das kann passieren, wenn man Kindern und Jugendlichen solche Gestaltungsräume gibt. 

Hast du das bei älteren Menschen auch erlebt?

Erwachsene bewegen sich oft stärker in den Mustern, die sie im Lauf der Zeit gelernt haben. Sich daraus wieder Freiräume zu erschließen, ist meist ein bewusster Schritt. Kindern und Jugendlichen gelingt das oft viel intuitiver.
Wie sehr siehst du die Gemeinden in ihrer Verantwortung, das auch zu fördern, gerade bei Jugendlichen und Kindern?

Kinder und Jugendliche in ihrer Entwicklung gut zu begleiten, sehe ich als ein Gemeinschaftsprojekt, bei dem viele Protagonist:innen zusammenhelfen müssen – Eltern, Schule, außerschulische Initiativen. Je mehr mitwirken, desto fruchtvoller wird es. Natürlich ist jede Gemeinde, die das verstanden hat und darin aktiv ist, ein Gewinn.

Das heißt, es braucht nicht nur die Gemeinde, sondern auch NGOs oder Kulturinitiativen, um wirklich zu gestalten?

Ich halte wenig davon, die Verantwortung für Digitalisierung einer einzelnen Gruppe zuzuschieben. Weder Eltern noch Schule oder Gemeinden können das allein leisten. Auch in Hinblick auf die Chancengerechtigkeit muss die Aufgabe auf viele Schultern verteilt sein.  Wenn es vor Ort Umsetzungswillen von Initiativen oder NGOs gibt, kann ich jeder Gemeinde nur raten, das so gut wie möglich zu unterstützen. Gemeinden können sehr viel ermöglichen – oft schon, indem sie Grundinfrastruktur wie Räume bereitstellen. Die offenen Technologielabore (Otelos) in Oberösterreich sind dafür ein gutes Beispiel: Wo Räume vorhanden sind und engagierte Menschen die Themen tragen, kann mit vergleichsweise wenig Unterstützung viel entstehen.

Das heißt, es braucht nicht immer hunderttausende Euro, sondern manchmal bloß das Zurverfügungstellen von Infrastruktur?

Es können jedenfalls wichtige erste Schritte sein, durch die später mehr wachsen kann. Gemeinden haben oft nicht die Mittel, um eigene medienpädagogische Konzepte oder Formate für unterschiedliche Altersgruppen zu entwickeln. Umso wichtiger ist es, in Kooperationen und überregional zu denken und auch Menschen einzubeziehen, die sich ehrenamtlich engagieren wollen. Wenn dann zusätzlich Budget da ist, umso besser – dann können Workshopreihen, Vermittlungsarbeit und weitere Formate daraus entstehen.

Du sprichst immer wieder von Selbstermächtigung auf digitaler Ebene. Wie arbeitest du dazu?

Für mich heißt digitale Selbstermächtigung, Menschen in die Lage zu versetzen, digitale Systeme nicht nur zu nutzen, sondern sie auch zu verstehen, zu hinterfragen und eben auch mitzugestalten. Deshalb arbeite ich bevorzugt mit offenen Infrastrukturen, weil sie mehr Handlungsspielraum eröffnen und langfristig demokratischer und nachhaltiger sind.

Mir geht es darum, Berührungsängste abzubauen und sichtbar zu machen, dass digitale Technologien gestaltbar sind. Projekte wie Wikipedia zeigen sehr gut, wie Einzelne für ein Kollektiv wirksam werden können. Gleichzeitig sieht man dort auch, dass Teilhabe nicht automatisch für alle gleichermaßen möglich ist. Je privilegierter Menschen sind, desto eher können sie an solchen Projekten partizipieren. Genau deshalb ist es wichtig, Offenheit nicht nur zu behaupten, sondern sie so umzusetzen, dass sie tatsächlich mehr Beteiligung ermöglicht.

Ein Beispiel wäre hier Peter Steinberger, der Anfang des Jahres mit dem KI-Agenten OpenClaw den Open-Source-Gedanken wieder ins Spiel gebracht hat. Er sagte, er möchte junge Menschen fördern, die damit frei digital arbeiten können. Das ist ganz anders als das, was du machst, doch der  Gemeinschaftsgedanke steckt da wahrscheinlich auch ein bisschen dahinter.

Ja, der Gemeinschaftsgedanke ist da sicher eine Verbindung. Und in diesem Feld kommt noch etwas Entscheidendes dazu: Transparenz. Gerade wenn wir über KI oder über Algorithmen allgemein sprechen, ist es entscheidend, dass ihre Funktionsweisen zumindest in wesentlichen Punkten nachvollziehbar und überprüfbar bleiben. Denn solche Systeme beeinflussen unser Leben zunehmend.

Offenheit heißt in diesem Zusammenhang nicht, dass ausnahmslos alles für alle zugänglich sein muss. Aber es braucht Formen der Kontrolle und Überprüfbarkeit, zum Beispiel durch Wissenschaft und unabhängige Forschung.

Wenn man dir zuhört, erinnert man sich daran, dass „Gemeinde“ und „gemeinsam“ denselben Wortursprung haben. Wenn du dir von Gemeinden wünschen könntest, wie sie mit Open Data umgehen, was wäre das?

Kleine Gemeinden haben oft begrenzte Ressourcen und können nicht in allen Bereichen Vorreiter:innen sein. Wichtig wäre mir aber, dass ein Grundverständnis für digitale Offenheit entsteht. Denn nur wenn klar ist, was Open Data und Offenheit konkret bedeuten, können Gemeinden dieses Potenzial auch für sich selbst nutzen. Das „ABC der Offenheit“, das wir vor zehn Jahren entwickelt haben und ich gemeinsam mit einer beeindruckenden Gruppe von Frauen aus Wissenschaft, Kultur, Bildung und Leitungsfunktionen nun neu herausgeben durfte, soll genau dazu beitragen.

Gibt es das online oder in Buchform?

Ja, beides: als Buch und als kostenloses PDF zum Herunterladen.

Du strahlst so viel Optimismus aus. Das wirkt echt. Was macht dich noch optimistisch, auch in Bezug auf die Künstliche Intelligenz?

Wahrscheinlich ist schon eine Portion Idealismus dabei. Ich habe noch immer die Hoffnung, dass wir Systeme so gestalten können, dass wir als Menschen profitieren und unseren Planeten dabei halbwegs erhalten. Mir hilft es, zwischen Theorie und Praxis zu  oszillieren. Dadurch sehe ich auch in neuen Entwicklungen Potenziale, allerdings immer unter der klaren Voraussetzung, dass wir sie besser gestalten.

Künstliche Intelligenz sehe ich weder euphorisch noch pessimistisch, sondern pragmatisch. Mich interessiert, wo sie Erleichterung schafft, aber eben auch, wo sie Machtverhältnisse verschärft. Und genau dort müssen wir Systeme fairer machen. Gerade daraus entsteht für mich Antrieb: aus dem Wissen, dass es noch Spielräume gibt, Dinge zu verändern. 

Magdalena Reiter beschäftigt sich seit vielen Jahren mit digitaler Offenheit, Transparenz und der Frage, wie Technologien im Sinne des Gemeinwohls gestaltet werden können. Sie war Leiterin der Open Commons Linz, einer Initiative der Stadt Linz, und prägte dort Projekte zu Open Data, digitaler Teilhabe und Communitys. Aktuell arbeitet sie selbständig. Dabei konzipiert und leitet sie Seminare, Workshops und Bildungsformate für Erwachsene, Kinder und Jugendliche, mit einem Fokus auf KI, digitale Selbstermächtigung, Offenheit und kritische Medienbildung. Kürzlich gab sie das „ABC der Offenheit“ heraus, das auf ihrer Website gratis zum Download steht: 
https://www.magdalenareiter.at/- Hier kann man die gedruckte Version vom ABC der Offenheit bestellen: https://kupf.at/shop/
 

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