Kommunikation
Lokal, regional, national: Der Zwiespalt von Medienzielgruppen und -eigentümern
Die vergleichsmäßig hohe Zahl von Medien für die Gemeinde- oder Bezirksebene ist trügerisch. Ihre Eigentümerkonzentration in einer dominanten Gruppe und weiteren aus Tageszeitungen entstandenen Verlagshäusern birgt das Risiko großflächiger Verluste. Wenn sich die Krise der, von redaktionellem Journalismus geprägten, herkömmlichen Medien weiter verstärkt, besteht für die größtenteils als Gratisblätter konzipierten lokalen Wochentitel zudem die Gefahr, dass sie zu Bauernopfern werden. Denn die digitale Transformation der konstitutiven Kauf-Marken ihrer Eigentümer hat Vorrang. Eine Gegenstrategie liegt in neuen Kooperationen. Die Gemeinden könnten Partner dafür sein.
Um den Stellenwert lokaler Medien auf den Punkt zu bringen, taugen zwei Anekdoten besser als viele empirische Befunde. „95 Prozent der Menschen verbringen 95 Prozent ihrer Zeit im Umkreis von 25 Kilometern.“ Mit diesem unbewiesenen Verlegerslogan aus den USA begründete der frühere Vorstandsvorsitzende Hermann Petz (vgl. Wallnöfer 2008) nahezu gebetsmühlenartig die bundesweite Expansion der Tiroler Moser Holding, die 2009 in der Fusion ihrer Bezirksblätter mit der steirischen und Kärntner Woche der Styria Media Group zur Regionalmedien Austria gipfelte (vgl. Fidler 2011). Die mehr als 120 wöchentlich erscheinenden Gratistitel dieser RMA sind mit 2,9 Millionen Leser:innen pro Ausgabe – 37 Prozent der über 14-Jährigen – das reichweitenstärkste Printmedium in Österreich (vgl. Media-Analyse 2025).
Dieser unternehmerischen Größe steht die enorme Wirkung von Kleinheit gegenüber, die Erkundungen nach der Nutzung und auch Glaubwürdigkeit von Medien in überschaubaren Kommunen ergeben: „Wo ein Gemeindeblatt existiert, gewinnt es immer. Sogar bei auffälliger Parteinähe. Und auch gegen ORF und Tageszeitungen“, erklärte ein einschlägig erprobter Marktforscher verblüfften Politiker:innen und Berater:innen (die durchwegs ungenannt bleiben wollen) die Ergebnisse von mehreren Umfragen nach den wichtigsten Transporteuren für Wahlwerbung. Dieser kaum zu übertreffende Faktor Nähe zeigt sich auch am Erfolg von engagiert betriebenen elektronischen Medien mit lediglich lokaler Verbreitung. Das reicht von Radio Osttirol und Radio Grün-Weiß (Leoben) über die Online-Magazine Dolomitenstadt (Lienz) und Zwischenbrücken (Wien-Leopoldstadt und Brigittenau) bis zu den Fernsehsendern RKM (Mölltal) und MundeTV (Telfs).
Kaum greifbare Eigentümer vor Ort
Die lokale thematische Verankerung geht aber nur selten einher mit einer ebenso verortbaren Eigentümerschaft. Nur wenigen Medienbetreibern für den Nahbereich gelingt damit ein Geschäftsmodell, das dem inhaltlichen Erfolg entspricht. Wo es dennoch der Fall ist, spricht das für eine seltene Verbindung von latentem Idealismus mit professioneller Leidenschaft und bodenständigem Qualitätsbewusstsein. Gerhard Pirkners Dolomitenstadt (vgl. Zeibig/Reinisch 2024) ist solch ein Beispiel.
Die Nachrichten-Website wirkt bereits seit 2010 als Hecht im Karpfenteich der stärksten hiesigen Anti-These zu den US-amerikanischen News Deserts: Rund um Lienz betreiben Kleine, Krone, TT, Mein Bezirk und ORF unverhältnismäßig viel Wettbewerbsaufwand zwecks Stützung ihrer Media-Daten, bleibt der Osttiroler Bote samt seinem Radio aber der Platzhirsch.
Mehr Konkurrenz ist nicht einmal in Wien, wo der Journalist Bernhard Odenahl als KG-Komplementär das digitale Grätzl-Magazin Zwischenbrücken für den 2. und 20. Bezirk aufzieht. Als Kommanditistin steht die Kolumnistin und Grünen-Politikerin Sybille Hamann hinter dem Projekt, das von der Wirtschaftsagentur Wien sowie Autor Daniel Glattauer unterstützt wird und 2025 per Crowdfunding 27.140 Euro von 183 Unterstützer:innen eingesammelt hat – mehr als den angestrebten „Optimalbetrag“ von 25.000 Euro, um es bis 2026 weiterführen zu können (vgl. Odenahl et al. 2025). Es existiert noch, wirkt aber mit seinen Privatier-Eignern:innen so untypisch wie das Radio Grün-Weiß oder die Oberländer Rundschau (Imst und Landeck), die größtenteils im Besitz der Gründerfamilie Egger ist. Wer die vielen Stufen der kompliziert verschachtelten Eigentümerschaft ihres Minderheitsgesellschafters bis zum Ende verfolgt, landet jedoch bei Branchengrößen mit Jahresumsätzen im deutlich dreistelligen Millionenbereich: Moser Holding (Tiroler Tageszeitung), Styria Media Group (Kleine Zeitung, Presse) und Russmedia (Vorarlberger Nachrichten, Neue) (vgl. Fidler 2025).
Die Krise als kleinster gemeinsamer Nenner
Letztere hat ihre vier Jahrzehnte lang in Vorarlberg überaus populären Gratiszeitungen „Wann & Wo“ aber 2024 eingestellt (vgl. ORF 2024). Dadurch bleiben in diesem Markt neben der RMA nur noch das Verlagshaus der Salzburger Nachrichten mit seiner Salzburger Woche, Wimmer Medien (Oberösterreichische Nachrichten) mit Tipps sowie das Echo Medienhaus mit dem Wiener Bezirksblatt als große Mitspieler übrig. Dazu kommt das Pressehaus St. Pölten mit den Niederösterreichischen Nachrichten (NÖN), dem seltenen Fall einer regionalen Kauf-Wochenzeitung. Es hat die ebenfalls so konstituierte Burgenländische Volkszeitung (BVZ) zum Jahreswechsel 2026 an Geschäftsführer und Chefredakteur Markus Stefanitsch verkauft. Ansonsten gibt es nur wenige unternehmerisch noch eigenständige Lokaltitel im Blätterwald: Von den Unterkärntner Nachrichten (vgl. Greiner 2018) über die Obersteirische Rundschau bis zum Boten aus der Buckligen Welt (vgl. VRM 2026).
Diese nachrichtlichen Nahversorger-Davids teilen das Hauptproblem der Medienhaus-Goliaths: Digitalisierung. Ob Gratis- oder Kauftitel spielt dabei kaum eine Rolle. Denn es fehlen da wie dort die Geschäftsmodelle zum ungebrochenen Bedarf an news you can use aus dem engsten Lebensumfeld. Google, Meta, Tiktok & Co. saugen auch auf dieser Ebene das Geld für Werbung ab. Ihre Algorithmen in Kombination mit lokalisierbarem Mikrotargeting sind für viele Ex-Heimatblatt-Kunden überzeugender.
Wettbewerbsfähige Online-Plattformen gegen diese globalen Plattformen zu schaffen, gelingt kaum. Sogar der Platzhirsch RMA ist von der cash cow seiner Konzern-Eigentümer:innen zum Nachzügler-Sorgenkind avanciert. Vom 2019 noch zweistelligen Millionengewinn (vgl. Fidler 2020) ist das Joint-Venture kontinuierlich in einen kleinen Verlust 2023 geschlittert. 2024 ging es aber wieder knapp in die Millionengewinnzone (vgl. Fidler 2025). Trotzdem wird ein Abbau von 100 der 600 Mitarbeiter:innen zwar offiziell nicht eingestanden, jedoch bei beiden Eigentümer:innen – Moser Holding und Styria – von maßgeblichen Führungskräften hinter vorgehaltener Hand bestätigt (vgl. Plaikner 2025).
Es fehlt ein digitales Geschäftsmodell
Am mangelnden Online-Zulauf liegen die Probleme nicht. Sie entstehen aus der digital enorm schwierigen Finanzierung von Journalismus, die Gratis-Bezirkstitel ebenso trifft wie Weltblätter hinter Pay Walls. Den titelmäßig zu "Mein Bezirk" vereinheitlichten Wochenblättern der RMA gelingt mit der gleichnamigen Website sogar der Umstieg zum Tagesmedium. Auch dank der Einbindung von Bürgerjournalismus – Nutzer:innen als Publizist:innen, die sogenannten „Regionaut:innen“ – erreicht sie täglich 322.000 User:innen. Das ist zwar klar hinter ORF (1,164 Millionen), Krone (707.000), Heute (494.000) und Oe24 (473.000), aber in Griffweite zum Kurier (385.000) und auf Augenhöhe mit den Flaggschiffen der Eigentümer – Kleine (354.000) und TT (140.000). Auch den NÖN (121.000) gelingt so ein Achtungserfolg im Tagesgeschäft. Im Wochenrhythmus sind es sogar 483.000 Nutzer:innen – mehr als für die Printausgaben (435.000). Diese Überholung des Analog-Publikums schafft bisher keine Tageszeitung (vgl. Media-Analyse 2025 und ÖWA 2026).
Doch das beantwortet nicht die Frage zum Geschäftsmodell. Das Niederösterreichische Pressehaus schrieb zuletzt Millionenverluste, hat neben der BVZ (vgl. ORF 2025) auch NÖN-TV verkauft und will sich vom Verlagssitz trennen (vgl. NÖN 2026). Ein Sanierungsfall, an dem – gegen den Willen des Haupteigentümers Diözese St. Pölten (54%, ihr Pressverein 26%) – Raiffeisen seine Anteile (20%) längst erhöhen will, um neben Zahlungsverpflichtungen auch Mitbestimmungsrechte zu haben (vgl. BWB 2024).
Hinter dem 50:50-Joint Venture RMA wirken die Eigentümer noch vielfältiger: Die Styria Media Group, zu der auch die Presse zählt, gehört der Privatstiftung Katholischer Medien Verein (98,33%) und dem Katholischen Medien Verein (1,67%). Die Moser Holding hingegen ist im Besitz einer GmbH von neun Nachkommen des Gründers (75,01%) sowie der Bank für Tirol und Vorarlberg (24,99%). Russmedia, die Salzburger Nachrichten und auch Wimmer Medien sind sogar reine Familienunternehmen (Russ, Dasch, Cuturi) von Erben der Verlegerpioniere nach dem Zweiten Weltkrieg (vgl. Fidler 2025).
Von Abwehrkämpfern zu Förderfällen
Gemeinsam ist all diesen Medienhäusern, dass sie die Gratis-Wochenblätter einst vor allem als Geleitschutz ihrer Kauf-Tageszeitungen gegründet oder übernommen haben. Teilweise schon begleitet von der Regionalisierung dieser Titel (Kleine, TT, später auch OÖN), die bis zu Mutationen für nahezu jeden Bezirk reichte.
Dieses Konzept diente ursprünglich zur Abwehr der Krone, die seit 1968 Schritt für Schritt neun Bundesländer-Ausgaben etablierte und sich nicht noch weiter differenzieren konnte – aber auch für den inhaltlichen Wettbewerb mit den ORF-Landesstudios. Verstärkt durch ihre Bundesland heute-Sendungen ab 1988 und das Investment der Zeitungshäuser in Privatradios ab 1995. Darüber hinaus kam es sogar zum künstlichen Wettbewerb in den eigenen Medienhäusern. Dieser Effekt wurde allerdings bei den RMA-Titeln durch ein offensichtliches redaktionelles Downgrading schon bald nach der Fusion von Bezirksblättern und Woche nahezu komplett entschärft. Die 2024 zu Mein Bezirk vereinheitlichten Blätter spielen in der jeweiligen politischen Landesliga kaum noch eine Rolle. Auch das Ziel bundesweiter Inhaltsrelevanz wirkt vorbei – im Gegensatz zur nationalen Werbeschaltungsmöglichkeit in allen Titeln.
In dieser Gemengelage wird für die frei Haus gelieferten Gratiszeitungen – sie müssen sich in Deutschland immer noch meistens „Anzeigenblätter“ nennen lassen – plötzlich staatliche Unterstützung zum großen Thema. Im aktuellen Regierungsprogramm steht ein Satz, der diese Begehrlichkeit sogar trotz aller Sparzwänge realistisch erscheinen lässt: „Die flächendeckende Zeitungszustellung in den Regionen soll sichergestellt sein; dafür wird ein Fördermodell zur Stärkung analoger Vertriebswege entwickelt“ (vgl. Österreichische Volkspartei et al. 2025). Zudem steigen die entsprechenden Bedürfnisse an den Privatrundfunkfonds. Radio-Grün-Weiß-Geschäftsführer Peter Petzner sieht in den Technik-Kosten für die zusätzliche digitale Verbreitung die größte Herausforderung. Seine Beispielrechnung: Zur 100.000 Euro teuren UKW-Ausstrahlung eines kleinen Anbieters kommen nun noch 60.000 für DAB+ (vgl. Plaikner 2026).
PR-Übermacht und Subventionswünsche
„Wir müssen mit immer weniger Zutaten kochen, aber es soll gleich gut schmecken“, beschreibt er die Situation nach einem Personalabbau, von dem „wahrscheinlich alle Sender betroffen waren.“ Journalismus-Einsparung bedeutet weniger Nachrichtenanteil und geringere lokale Relevanz. Mit solch demokratiepolitisch fundierter Argumentation rufen Große wie Kleine nach Subvention. Die nach Personalabbau 2023 und 2025 weitere 45 Stellen streichende ProsiebenSat.1 Puls 4 GmbH ist trotz riesiger Gewinne ihrer Eigentümer (vgl. Salzburger Nachrichten und Handelsblatt 2026) der Höchstbezieher von Privatrundfunkförderung (vgl. Fidler 2026-3). Sie hat selbst zwar nur überregionale Programme – Puls 4, Puls 24, ATV und ATV II, stellt aber mit dem Streamer Joyn eine zukunftsträchtige Plattform auch für Kleinstmedien zur Verfügung.
Sie sind wie alle Informationsanbieter einerseits von einem ständig stärkeren Wandel des Nutzungsverhaltens zum Bewegtbild betroffen und leiden andererseits unter dem Trend zu sogenannten owned media – der Schaffung eigener PR-Kanäle zur Umgehung von Kritik und Filterung durch journalistisch geprägte Redaktionen.
Letztere haben in Lokalmedien zwar seit jeher selten eine starke Position gegenüber den kaufmännisch dominierten Gratisprodukten, schaffen aber allein schon durch die Mischung ihrer Quellen ein breiteres Nachrichten- und Meinungsspektrum. Ein weiteres Argument für die herkömmliche unterste und bodenständigste Medienebene ist die hohe inhaltliche Konzentration darüber: Lediglich ORF und Krone haben noch echte Redaktionen in allen Bundesländern. Die Austria Presse Agentur APA verfügt pro Korrespondentenbüro und Bundesland meist nur noch über eine Person (vgl. APA 2026). Unterdessen liegen die größten Sparpotenziale der regionalen Tageszeitungen noch in den Bezirksredaktionen.
Schon 1.000 arbeitslose Journalisten:innen
Die Transformationskrise journalistischer Medien in den digitalen Raum umfasst also alle gesellschaftlichen und Verwaltungsebenen. Daneben steigt das Meldungsangebot von professionellen wie amateurhaften Influencer:innen samt gezielten und unbeabsichtigten Fake News. Die technischen Möglichkeiten zur Realitätsverfälschung werden immer besser und ihre Anwendung infolge von KI ständig einfacher. Unterdessen wächst der Kommunikationsdruck vor Ort ebenso stetig wie im Landes- und Bundesbereich.
Unter diesen Rahmenbedingungen stellt sich auch für Gemeinden die Gretchenfrage, wie sie es mit owned media halten. Die im politischen Zusammenhang am häufigsten zitierte und kritisierte Antwort darauf gibt die FPÖ mit ihrem eigenen Medienhaus (vgl. FPÖ 2025).
Die anderen Parteien suchen – vorerst weniger erfolgreich – ähnliche Wege. Die Verwaltung verschob unterdessen so diskret wie möglich die Gewichte von politischer Kommunikation und Journalismus: Bundesregierung, Länder und die drei nach Wien größten Städte beschäftigen fast 1.000 PR-Mitarbeiter:innen (vgl. Fidler 2026-2) – die Hälfte davon allein für die aktuelle Koalition. Zum Vergleich: Ungefähr so viele professionelle Journalist:innen sind aktuell als arbeitslos gemeldet (vgl. Fidler 2026-1). Insgesamt umfasst die Branche noch rund 4.000 Personen.
Handlungsoptionen und Auswegthesen
Für die Gemeinden ergeben sich aus dieser für die vierte Gewalt existenzbedrohenden Lage demokratiepolitische Handlungsoptionen bzw. erprobungswürdige Vorschläge:
- Die eigene Kommunikation muss stärker denn je journalistischen Kriterien unterliegen. Die vom Presserat erarbeiteten Grundsätze für die publizistische Arbeit (Ehrenkodex für die österreichische Presse) (vgl. Österreichischer Presserat 2019) geben dafür ebenso gute Hinweise wie das 2022 vollkommen überarbeitete Redaktionsstatut des ORF (vgl. ORF 2022). Obwohl ihre Kommunikation absendergeleitet ist, kann die öffentliche Verwaltung ein medienethisches Vorbild sein. Das erfordert eine stärkere Orientierung an Journalismus als Public Relations. Dies gilt umso mehr, je kleiner und personalschwächer eine Gemeinde ist. Wo eine:r alles machen muss, fällt das Abgleiten in plumpe Werbung ebenso auf wie der Versuch aufrichtiger und transparenter Information, die nicht nur Gutes verheißt.
- Wo vorhanden, verdienen lokale Medien Unterstützung durch – klar gekennzeichnete – bezahlte Einschaltungen der Gemeinden in ihrem Verbreitungsgebiet. Sie dürfen keine Willfährigkeit bedingen, sondern müssen ungeachtet allfälliger redaktioneller Kritik erfolgen. Ein Kriterium dafür könnte allerdings sein, dass die betroffenen Medien sich Qualitätskriterien wie dem Ehrenkodex der Presse unterwerfen. Wenn sie anhaltend dagegen verstoßen, ist der Entzug von Einschaltungen nicht nur denkbar, sondern sinnvoll. Das könnte sogar ein Vorbild von unten für die Arbeit des Presserats auf Bundesebene sein. Denn seine Verstoß-Erkenntnisse wirken zahnlos wegen mangelnder Sanktionsmöglichkeiten abseits des Prangers.
- Die Nutzung lokaler und regionaler Medien für Einschaltungen erscheint auch deshalb sinnvoller als zuletzt, weil Meta auf Facebook und Instagram und Google mit YouTube in der Europäischen Union keine bezahlte politische Werbung mehr annehmen (vgl. Frick/Neuerer 2025) – als Reaktion auf härtere EU-Transparenzregeln für solche Einschaltungen (vgl. Europäischer Rat 2025). Die Rückkehr der öffentlichen Hand auf allen Ebenen zu einer puren Einheimischenstrategie sollte zumindest das Abflusstempo der Werbegelder zu den globalen Konzernen verlangsamen und hätte vielleicht sogar Vorbildwirkung. 2023 haben die Einnahmen der internationalen Digitalkonzerne in Österreich jene der klassischen Medien überholt. 2025 lagen sie bereits mit 2,7 gegenüber 1,8 Milliarden Euro voran (vgl. Fidler 2026-4).
- Politische Kommunikation – von Gebietskörperschaften wie Parteien – und kritischer Journalismus als ihr Gegenüber – von redaktionellen Medien wie Einzelpersonen – bestellen das Feld für den demokratischen Diskurs. Die Digitalisierung verschiebt allerdings die unterschiedlichen Voraussetzungen. So wie öffentlich-rechtliche und private Medien künftig trotz ihrer Konkurrenz auf einer gemeinsamen nationalen Online-Plattform kollaborieren können (vgl. Österreichische Volkspartei et al. 2025), erscheinen für Gemeinden und lokale Medien in Privatbesitz gemeinsame Web-Auftritte auf einer Landing Page durchaus sinnvoll. Die Definition wirtschaftlicher und inhaltlicher Rahmenbedingungen für eine solche Frenemy-Strategie schafft neues Verständnis für die Rollenverteilung.
Das Schreckensbild der Nachrichtenwüste
Die grundsätzliche Bedeutung von Lokalmedien für den demokratischen Diskurs zeigt sich in US-amerikanischen Nachrichtenwüsten. Diese news deserts sind Gebiete ohne journalistische Grundversorgung. Ihre Zahl ist in 20 Jahren von 150 auf 213 counties, jene mit nur noch einer solchen Vor-Ort-Nachrichtenquelle auf 1.524 (von insgesamt 3.144) mit 50 Millionen Menschen angewachsen (vgl. Medill 2025).
Schon bei der Präsidentschaftswahl 2020 erhielt Donald Trump in den Nachrichtenwüsten und jenen Gebieten, denen ein solcher Zustand drohte, 83 Prozent der Stimmen (vgl. Waldman/Henson 2023). Eine entsprechende deutsche Studie beruhigt: Auf Landkreisebene gibt es weder Nachrichtenwüsten noch negative Auswirkungen auf politische Partizipation und andere Aspekte des demokratischen Gemeinwesens (vgl. Wellbrock/Maaß 2024).
Österreich wirkt durch seine statistisch vergleichsmäßig hohe Zahl an Lokalmedien wie eine Insel der Seligen. Doch diese Annahme zerbirst allein durch ein Wegdenken der RMA-Titel. Für sie gilt, wie für die meisten anderen: Wenn sich die wirtschaftliche Medienkrise weiter verschärft, sind sie eher nice to have statt must have als die mit wesentlich mehr Markenstärke gewappneten Tageszeitungen ihrer Medienhäuser. Die Gemeinden müssen diese Entwicklung zumindest aufmerksam und sensibel beobachten. Denn sie hat unmittelbare Auswirkungen auf den Informationsstand und das Wahlverhalten der Bevölkerung.
P.S.: Am 3. Juni 2026 wurde die Übernahme der Tiroler Moser Holding (MoHo) durch die Vorarlberger Russmedia bekannt. Letztere hält dann 77 Prozent am gemeinsamen Unternehmen, die Bank für Tirol und Vorarlberg (BTV) die restlichen Anteile. Dadurch entsteht ein Medienhaus mit drei Tageszeitungen (TT, VN, Neue) und rund 400 Millionen Euro Jahresumsatz. Das ist beinahe ein Drittel des ORF – ähnlich groß wie Mediaprint (Krone, Kurier) und Styria (Kleine, Presse). Da Russmedia seine Gratiswochenzeitungen bereits eingestellt hat (siehe Seite 24) und nun zum Hälfte-Gesellschafter der RMA (Mein Bezirk) wird, könnten dieser Zusammenschluss, den die Kartellbehörde erst genehmigen muss, auch gravierende Auswirkungen auf die lokale Print- und Digitalmedienlandschaft in Österreich haben – samt enormen demokratiepolitischen Folgen für die Information auf dieser Verwaltungsebene.
Literatur
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- BWB – Bundeswettbewerbsbehörde (2024): „Zusammenschluss Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien Beteiligungs GmbH / Niederösterreichisches Pressehaus Druck- und Verlagsgesellschaft m.b.H. - Durchführung des Zusammenschlusses unter Auflagen zum Schutz der Medienvielfalt gestellt“, 9.7.2024, www.bwb.gv.at/news/detail/zusammenschluss-raiffeisen-holding-niederoesterreich-wien-beteiligungs-gmbh-niederoesterreichisches-pressehaus-druck-und-verlagsgesellschaft-mbh-durchfuehrung-des-zusammenschlusses-unter-auflagen-zum-schutz-der-medi-envielfalt-gestellt [29.3.2026].
- Europäischer Rat – Rat der Europäischen Union (2025): „Regulierung politischer Werbung“, 16.10.2025, https://www.consilium.europa.eu/de/policies/regulating-political-advertising/#rules [29.3.2026].
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- Fidler, Harald (2020): „Österreichs größte Medienunternehmen 2020 – und ihre Erwartungen in Zeiten von Corona“, 24.7.2020, www.derstandard.at/story/2000118737432/oesterreichs-groesste-medienhaeuser-2020-und-ihre-erwartungen-in-zeiten-von [29.3.2026].
- Fidler, Harald (2025): „Österreichs größte Medienunternehmen 2025 – vor dem nächsten Herbststurm“, 20.8.2025, www.derstandard.at/story/3000000282604/oesterreichs-groesste-medienunternehmen-2025-vor-dem-naechsten-herbststurm [29.3.2026].
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- Fidler, Harald (2026-2): „Fast 500 Menschen machen in Österreichs Regierungsstellen Öffentlichkeitsarbeit“, 3.2.2026, www.derstandard.at/story/3000000305707/fast-500-menschen-machen-in-oesterreichs-regierungsstellen-oeffentlichkeitsarbeit
- Fidler, Harald (2026-3): „22,7 Millionen Euro Förderung an kommerzielle Privatsender vergeben“, 12.2.2026, www.derstandard.at/story/3000000308223/227-millionen-euro-foerderung-an-kommerzielle-privatsender-vergeben [29.3.2026].
- Fidler, Harald (2026-4): „2,7 Werbemilliarden aus Österreich an Google und Co, sieben Prozent Minus für Medien“, 18.2.2026, www.derstandard.at/story/3000000308988/27-werbemilliarden-aus-oesterreich-an-google-und-co-7-prozent-minus-fuer-medien [29.3.2026].
- FPÖ -Freiheitliche Partei Österreichs (2025): „FPÖ präsentierte freiheitliches Medienhaus: Hochprofessionell, multimedial und alles unter einem Dach“, 15.1.2025, www.fpoe.at/aktuell/artikel-detailansicht/fpoe-praesentierte-freiheitliches-medienhaus-hochprofessionell-multimedial-und-alles-unter-einem-dach [29.3.2026].
Frick, Leonard/Neuerer, Dietmar (2025): „Google und Meta stoppen politische Werbung in Europa“, 10.10.2025, www.handelsblatt.com/politik/international/soziale-medien-google-und-meta-stoppen-politische-werbung-in-europa/100162045.html [29.3.2026]. - Greiner, Ulrike (2018): „,Unterkärntner Nachrichten‘ zeigen sich in neuem Gewand“, 4.7.2018, www.kleinezeitung.at/kaernten/lavanttal/5458429/Wolfsberg_Unterkaerntner-Nachrichten-zeigen-sich-in-neuem-Gewand [29.3.2026].
- Handelsblatt (2026): „Schwacher Werbemarkt – Pro Sieben Sat.1 verfehlt Gewinnziel“, 3.2.2026, www.handelsblatt.com/unternehmen/it-medien/medien-schwacher-werbemarkt-pro-sieben-sat.1-verfehlt-gewinnziel/100197090.html [29.3.2026].
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- Medill School of Journalism, Northwestern University (2025): „News deserts hit new high and 50 million have limited access to local