Simon Tschann
Simon Tschann über sein Weingarten-Projekt: „Es ging dabei nicht darum, Geld für das Projekt zu organisieren, sondern um das gemeinschaftliche Ziel. Es haben dann wirklich viele mitgearbeitet, sodass wir sagen können: Das ist unser Gemeinschaftsprojekt!“
© Stadt Bludenz

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Gastgeber in der Politik

Simon Tschann wurde mit 28 Jahren Bürgermeister von Bludenz. Davor war er in der Tourismuswirtschaft tätig und hat sich viel davon in die Politik mitgenommen.

Mit rund 15.000 Einwohnern ist die „Alpenstadt Bludenz“ das Zentrum von fünf umliegenden Tälern. Diese Lage bringt es mit sich, dass Kooperationen mit den umliegenden Gemeinden ein wichtiges Thema sind.

Bludenz
Die „Fünf-Täler-Stadt“ Bludenz liegt am Schnittpunkt der Täler Walgau, Brandnertal (Rätikon), Montafon (Silvretta) und Klostertal (Arlberg). Das, fünfte Tal, das Große Walsertal, mündet erst bei Ludesch, einige Kilometer westlich von Bludenz, in den Walgau ein. Foto: TRAVEL EASY - stock.adobe.com

„Letztlich stehen alle Kommunen vor den selben Herausforderungen“, sagt der Bludenzer Bürgermeister Simon Tschann. „Daher ist es mir ein Anliegen, die Gemeinden der Region einzubinden. Und ich kann sagen, dass ich da auf offene Ohren gestoßen bin. Wir sind jetzt weg vom früheren ,Kirchturmdenken‘ und haben gelernt, größer zu planen. Dieses Miteinander wollen wir noch weiter ausbauen.“

Bad für die ganze Region

Ein Beispiel dafür ist der geplante Umbau des Hallenbades in ein Regionalbad. „Das Bad wird von Menschen aus der ganzen Region sowie auch von Touristen genutzt. Daher möchten wir die anderen Gemeinden schon bei der Planung einbinden“, erläutert Tschann. Natürlich geht es dabei auch ums Geld, denn mit finanzieller Unterstützung wären die Investitionskosten für die Stadt Bludenz wesentlich leichter zu verkraften.

Bad Bludenz
Das Bludenzer Erlebnishallenbad soll durch eine großangelegt Kooperation zum Regionalbad werden.

Als Quereinsteiger in die Politik

Simon Tschann ist mit 31 Jahren der jüngste Bürgermeister Vorarlbergs. Bei seiner Wahl war er erst 28 und hatte zuvor noch kein politisches Amt inne. „Ich bin in Bludenz aufgewachsen und war immer schon sehr daran interessiert, was in meiner Stadt passiert. Die Stadt lag und liegt mir am Herzen“, berichtete er, warum er zusagte, als der damalige Bürgermeister Josef Katzenmayer auf ihn zukam und meinte: „Simon, wir brauchen neuen Schwung“. „Die Möglichkeit, meine Heimatstadt mitzugestalten und Dinge zu bewegen, hat mich gereizt“, sagt er.

Im Tourismus viel für die Politik gelernt

Zu der Zeit war er im Fremdenverkehr tätig. Er hatte eine Tourismusschule absolviert und dann in Hotels gearbeitet. „Unter anderem im Bregenzerwald im Betrieb des früheren Wirtschaftskammerpräsidenten Hans Peter Metzler“, erzählt Tschann. Danach studierte er in Innsbruck Betriebswirtschaft und ging dann wieder zurück nach Vorarlberg, um in der Traube Braz zu arbeiten.

Die Zeit im Tourismus war prägend für seine Einstellung. „Ich habe davon einen starken Fokus auf Dienstleistung mitgenommen. Auch heute sehe ich mich als ,Gastgeber in der Politik‘.“

Geprägt haben ihn auch Führungskräfte, die er in der Branche kennengelernt hat. Etwa der bereits erwähnte Hans Peter Metzler oder die Familie Lorünser im Hotel Traube in Braz.

Weingarten als Gemeinschaftsprojekt

Aus der Tätigkeit im Tourismus resultiert wohl auch die Leidenschaft für Wein und Weinbau. Der heutige Bürgermeister absolvierte eine Sommelier-Ausbildung und hat gemeinsam mit seiner Familie und vielen anderen Partnern einen Weingarten mit mittlerweile über 800 Rebstöcken angesetzt. „Es ging dabei nicht darum, Geld für das Projekt zu organisieren, sondern um das gemeinschaftliche Ziel. Es haben dann wirklich viele mitgearbeitet, sodass wir sagen können: Das ist unser Weingarten!“

Bludenz lebenswerter machen

Viel Zeit für die Arbeit im Weingarten bleibt derzeit aber nicht. Die Arbeit als Chef einer 15.000-Einwohner-Bezirksstadt lässt nicht viel Freizeit.

„Gerade als jüngster Bürgermeister Vorarlbergs ist es mir ein Anliegen, Politik für junge Menschen und Familien zu machen. Andererseits haben wir auch immer mehr ältere Menschen, die eine gute Versorgung brauchen“, sagt Tschann. Sein Ziel ist es, die Stadt noch lebenswerter machen. „Da gehört das Thema Sicherheit genauso dazu wie Sport, Kultur usw. Alles immer unter dem Aspekt der Nachhaltigkeit: Alle Projekte, die war angehen – etwa Revitalisierungen oder neue Straßen – müssen umweltfreundlich sein.“

Forderung nach mehr Unterstützung

Eine große Herausforderung ist der Bildungsbereich, vor allem die Kinder- und Kleinkinderbetreuung. Tschann: „Für eine Gemeinde ist es schwierig, die sich oft rasch ändernden gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen. Wir kommen mit dem Bauen von Kindergärten kaum nach. Dazu kommen noch die Schwierigkeiten, gutes Personal zu bekommen und die nötige Finanzierung aufzustellen. Dabei bräuchten wir mehr Unterstützung von Bund und Land.“

Wie in fast allen Gemeinden ist die finanzielle Lage angespannt. „Die Kosten im Sozialbereich, etwa eben bei der Kinderbetreuung oder im Gesundheitsbereich, steigen enorm. Dazu kommt, dass die Inflation und die Zinsen in den letzten Jahren sehr hoch waren, während die Ertragsanteile gesunken sind“, teilt Tschann die Probleme seiner Bürgermeisterkollegen im ganzen Land. Glücklicherweise floriere aber die Bludenzer Wirtschaft, sodass die Kommunalsteuereinnahmen stetig steigen.

Lob gibt es für das neue Gemeindepaket des Bundes: „Das wird uns sicher helfen, aber es ist klar, dass es nicht jedes Jahr ein Gemeindepaket geben wird.“

Projekte in Umsetzung

Zu tun gibt es Vieles: Ein großes Projekt ist die Erweiterung der Volksschule Mitte. Hier wird ein Zubau errichtet, sodass es möglich sein wird, zusätzliche Klassen unterzubringen und Mittagsbetreuung anzubieten.

Im Stadtteil Bings wird gemeinsam mit der Nachbargemeinde Stallehr ein neues Feuerwehrhaus gebaut – auch das ein gutes Beispiel für die Kooperation der Stadt mit den Umlandgemeinden.

 Das neue Feuerwehrhaus in Bings-Stallehr wird im Rahmen einer Gemeindekooperation errichtet.
Das neue Feuerwehrhaus in Bings-Stallehr wird im Rahmen einer Gemeindekooperation errichtet.

„Und im Bildungsquartier, wo sich ein Bundesgymnasium, Berufsschulen, die polytechnische Schule und höhere Schulen befinden, errichten wir einen Jugend- und Freizeitplatz. Das wird ein Projekt für die gesamte Region, da hier Jugendliche aus dem weiteren Umfeld zusammenkommen“, berichtet Tschann.

Die unangenehmen Seiten des Bürgermeister-Daseins

Gegen den Bürgermeister wird wegen des Verdachts des Amtsmissbrauchs in einem Bauverfahren ermittelt. Wie geht er damit um?

„Solche Vorwürfe sind für jeden Menschen sehr unangenehm. Und für einen Bürgermeister gehört es zu den negativen Seiten des Amts. Ich vertraue auf den Rechtsstaat, aber die Dauer des Verfahrens - es zieht sich schon seit über zwei Jahren dahin - zehren natürlich. Das ist nicht angenehm.“

Kritik gab es auch an einem angeblich überteuerten Dienstwagen mit E-Antrieb. „Wer mich kennt, weiß, dass ich mir nichts aus Autos mache. „Ich bin ein junger Bürgermeister, der auf Nachhaltigkeit und Klimaschutz setzt.“ Der neue Wagen sei kein Luxusspielzeug, sondern komme aufgrund der E-Mobilitätsförderung sogar günstiger als das bis dahin verwendete Fahrzeug mit Verbrennermotor.

Tschann hofft, dass sich alle Vorwürfe bald klären, damit er sich weiter auf seine Ziele konzentrieren kann. „Ich möchte mich persönlich weiterentwickeln und auch dazu beitragen, Bludenz weiterzuentwickeln. Wichtig ist mir die Zusammenarbeit – einerseits in der Region und anderseits mit meinem Team und mit einer tollen Mannschaft im Rathaus. Wir haben viele Ideen und Projekte, die wir gerne umsetzen möchten – und jetzt heißt es auch über die parteigrenzen hinweg – diese Dinge gemeinsam anzugehen.“

Zur Person

Simon Tschann

Alter: 33
Gemeinde: Bludenz
Einwohnerzahl: 15.029 (1. Jänner 2023))
Bürgermeister seit: Oktober 20
Partei: ÖVP