Impression von der Juryreise nach Krumbach - die sieben Finalisten wurden von der Jury besucht und unter die Lupe genommen.
© Georg Herder
Die neuen Baukulturgemeinden werden gekürt
Aus 44 Einreichungen wurden 14 Nominierte, aus 14 Nominierten sieben Finalisten. Am 19. November kürt der Verein LandLuft in Wien die neuen Baukulturgemeinden Österreichs. Das Motto „Nutzen, was da ist!“ traf einen Nerv, den die heimische Raumordnung seit Jahrzehnten erfolgreich ignoriert.
Kein Landesrat reist an, wenn eine Gemeinde die leerstehende Bankfiliale am Hauptplatz in einen Treffpunkt verwandelt. Das Ritual der österreichischen Kommunalpolitik ist der Spatenstich. Wer umbaut, weiterbaut und umnutzt, arbeitet meist ohne Fototermin.
Der Verein LandLuft dreht diese Logik seit 2009 um. Sein Baukulturgemeinde-Preis holt jene Gemeinden auf die Bühne, die ihren Ort als Ganzes denken. Die fünfte Auflage steht unter dem Motto „Nutzen, was da ist!“. Gesucht waren Kommunen, die bestehende Gebäude, Flächen und Strukturen weiterentwickeln, Leerstand umnutzen, Material wiederverwenden und Bürger:innen wie Fachleute einbinden.
Von 44 auf sieben. 44 Gemeinden haben sich beworben, im Jänner nominierte die Jury 14 davon aus sieben Bundesländern. Ihre Projekte reichen vom denkmalgeschützten Bürgerhaus über ehemalige Wirtshäuser, alte Kinos und leere Bankfilialen bis zu neu aktivierten Freiräumen. Nach dem Hearing am 10. April in Trofaiach blieben sieben Finalisten übrig: Bezau und Egg (Vorarlberg), Oberhofen im Inntal (Tirol), Ried im Innkreis (Oberösterreich), Griffen (Kärnten), Gamlitz (Steiermark) und Pöttelsdorf (Burgenland).
Im Juni hat die Kernjury unter Vorsitz von Katja Fischer, Stiftung Baukultur Thüringen, alle sieben vor Ort besucht. Baukulturgemeinde weden alle sieben Finalisten, wer Preisträger wird und wer eine Anerkennung erhält, bleibt bis zum 19. November unter Verschluss.
Bauen ist die teuerste Antwort
Dass das Motto mehr ist als ein freundlicher Appell, zeigen die Zahlen. Seit 2002 will die Republik den Bodenverbrauch auf 2,5 Hektar pro Tag begrenzen. Das Umweltbundesamt meldete zuletzt elf bis zwölf Hektar, also fast das Fünffache. Gleichzeitig stehen rund 40.000 Hektar an Wohn-, Gewerbe- und Industrieimmobilien leer. Das entspricht ungefähr der Fläche Wiens.
Das Paradoxon hat System. Der Neubau auf der grünen Wiese ist planbar und förderfähig. Der Bestand bringt Statik, Altlasten, Denkmalschutz und zersplitterte Eigentumsverhältnisse mit, und neun Bauordnungen behandeln den Umbau als Störfall. Max Weber hätte seine Freude gehabt: Die bürokratische Rationalität belohnt das Berechenbare, und berechenbar ist das Neue. LandLuft-Geschäftsführerin Anneke Essl hält dagegen: „Baukultur beginnt bei der Diskussion, ob Bauen generell notwendig ist.“
Dass dieser Ansatz über Österreich hinaus wirkt, bestätigt die Juryvorsitzende mit dem Blick aus Deutschland: „Die Baukultur-Szene hat großen Respekt vor dem, was hier seit vielen Jahren entsteht.“ Seit 2009 hat LandLuft 36 Gemeinden, neun Initiativen und eine Region ausgezeichnet.
Die eigentliche Botschaft
Am 19. November werden in Wien die Preisträgerinnen und Anerkennungen vorgestellt, zugleich starten Publikation und Wanderausstellung. KOMMUNAL wird berichten.
Die Botschaft steht aber schon jetzt fest. Sieben Gemeinden beweisen, dass Umbau oder besser „der Umgang mit dem Vorhandenen“ (weil es ja auch um soziale Ressourcen und vorhandene Materialien etc. geht) gelingt, obwohl die Rahmenbedingungen ihn behindern. Das ist ihr Verdienst, nicht das des Systems. Wer den Bodenverbrauch ernsthaft senken will, muss den Umbau so einfach, so förderfähig und so rechtssicher machen wie den Neubau. Bis dahin bleibt die Baukulturgemeinde die Ausnahme. Sie sollte die Regel sein.
Über LandLuft
Der Verein LandLuft fördert, erforscht und vermittelt seit 1999 Baukultur in ländlichen Räumen. Um die Komplexität von Baukultur „watscheneinfach“ zu kommunizieren, setzt er auf die Vorbildwirkung erfolgreicher Gemeinden, ihrer Projekte und der Menschen dahinter. Der Baukulturgemeinde-Preis wird seit 2009 vergeben.
Der Weg zum Preis
- 28. Jänner 2026: 14 Gemeinden nominiert
- 10. April 2026: Juryhearing in Trofaiach
- 22. April 2026: sieben Finalisten bekanntgegeben
- 15. bis 19. Juni 2026: Juryreise
- 19. November 2026: Preisverleihung in Wien
Infos
KOMMUNAL ist Kooperationspartner, der Österreichische Gemeindebund Partner des 5. Baukulturgemeinde-Preises.