Zukunft braucht Ortsmitte
Warum Bodenschutz dort beginnt, wo Menschen gerne bleiben
„Man greift nach dem Besteck, das auf dem Tisch liegt, und es ist so warm, dass man es nicht einmal mehr in die Hand nehmen kann.“ Mit diesem Bild beschreibt Sarah Katholnig, Vizebürgermeisterin von Villach, die Realität heißer Sommertage.
Was früher als Ausnahme galt, ist im Sommer 2026 vielerorts zur Normalität geworden. Hitzewellen, Trockenperioden und Starkregenereignisse zeigen deutlich: Der Klimawandel verändert nicht nur unsere Landschaften, sondern auch die Ortszentren unserer Gemeinden.
Genau dort, wo Menschen einkaufen, auf einen Kaffee zusammensitzen oder sich begegnen, wird spürbar, ob eine Gemeinde auf die Zukunft vorbereitet ist. Die gute Nachricht: Gemeinden in ganz Österreich zeigen bereits, wie Bodenschutz, Klimawandelanpassung und Ortskernbelebung zusammengedacht werden können.
Wenn Hitze zur Standortfrage wird
Wo Asphalt und Beton dominieren, steigen die Temperaturen besonders stark an. Plätze verlieren an Aufenthaltsqualität und Menschen ziehen sich zurück. In Villach entschied man sich deshalb schon vor Jahren für einen anderen Weg. Bäume wurden gepflanzt, Plätze begrünt und die Innenstadt Schritt für Schritt klimafit gestaltet. „Wir müssen heute schon an die nächsten Generationen denken“, betont Sarah Katholnig.
Was als Klimawandelanpassung begann, stärkt heute zugleich Handel, Gastronomie und Lebensqualität. Markus Baier, Bürgermeister von Zellerndorf, unterstreicht diese Bedeutung: „Der Ortskern ist eine Frage der Identifikation und damit ein Ort, wo man sich begegnet, wo Menschen sich treffen können, wo man gemeinsam etwas unternehmen kann.“ Denn ein Ortskern lebt nicht von Gebäuden allein. Er lebt davon, dass Menschen dort gerne Zeit verbringen.
Die wichtigste Maßnahme liegt unter unseren Füßen
Wer an Begrünung denkt, denkt meist an Baumkronen. Entscheidend ist jedoch oft das, was unter der Oberfläche passiert. Ein Baum braucht auch mitten im verbauten Ort ausreichend Wurzelraum, sonst kann er seine Funktion nicht erfüllen. Deshalb setzt Villach auf das sogenannte Schwammstadt-Prinzip. Regenwasser wird gespeichert statt sofort abgeleitet. Bäume überstehen Trockenperioden besser und ihre Verdunstung sorgt für natürliche Kühlung.
Der Zusammenhang ist einfach: Ohne funktionsfähigen Boden gibt es keine wirksame Klimawandelanpassung. Bodenschutz bedeutet daher weit mehr als den Schutz landwirtschaftlicher Flächen. Auch im Siedlungsraum müssen Böden Wasser aufnehmen, speichern und zur Kühlung beitragen können.
Dürre und Starkregen sind dieselbe Herausforderung
Wie wichtig diese Funktionen sind, zeigt das Weinviertel. „Wir hatten beinahe ein halbes Jahr lang keinen Regen“, erinnert sich Markus Baier, Bürgermeister von Zellerndorf. Das unterstreicht Christian Altendorfer, Bürgermeister von Seeham: „Die Herausforderung des Klimawandels sind die Wetterextreme, die zur Zeit herrschen.“ Denn zur Dürre kommen die zunehmenden Starkregenereignisse: Große Wassermengen fallen innerhalb kurzer Zeit und können von versiegelten Flächen kaum aufgenommen werden.
Die Antwort darauf liegt nicht allein in technischen Schutzmaßnahmen. Gemeinden brauchen mehr Flächen, auf denen Wasser versickern, gespeichert und bei Bedarf wieder abgegeben werden kann. Dürre und Starkregen sind daher keine Gegensätze. Beide machen deutlich, wie wichtig gesunde Böden für die Zukunft einer Gemeinde sind.
Die nachhaltigsten Flächen sind oft schon vorhanden
Bodenschutz beginnt jedoch nicht erst bei Entsiegelungsprojekten. Oft beginnt er bei der Frage, wo überhaupt gebaut wird. In Zellerndorf entsteht auf dem lange leer stehenden Ziegelofenareal ein neues Gemeindezentrum. Selbst das Gebäude wird dabei zum Beispiel für Kreislaufwirtschaft: Ein bestehender Holzriegelbau aus Hollabrunn wird abgetragen und in Zellerndorf als Gemeindeamt wiedererrichtet.
Auch in Seeham setzt man seit Jahren auf die Stärkung des Ortszentrums statt auf Wachstum am Ortsrand. „Ortsentwicklung ist ein langfristiger Prozess“, betont Christian Altendorfer. „Die Menschen merken den Mehrwert oft erst, wenn etwas fertig ist.“ Erfolgreich wird solch eine Entwicklung vor allem dann, wenn Menschen gemeinsam an einer Vorstellung ihrer künftigen Ortsmitte arbeiten.
Einen ähnlichen Weg verfolgt Gallneukirchen. Die Nutzung bestehender Gebäude und die Aufwertung öffentlicher Räume schaffen Identität und sparen gleichzeitig wertvolle Flächen. „Jedes Gebäude, das weitergenutzt werden kann, ist ein Gewinn für den Ort“, sagt Bernhard Berger, Obmann des Klimaausschusses. Die attraktivste Entwicklungsfläche liegt oft nicht am Ortsrand, sondern mitten im Ort.
Mut macht den Unterschied
So unterschiedlich die vier Gemeinden sind, eines verbindet sie: Keine Veränderung kam ohne Diskussionen zustande. Neue Bäume, weniger Versiegelung oder die Revitalisierung bestehender Gebäude bedeuten häufig, Gewohntes zu hinterfragen. Genau darin liegt aber die Chance. „Wer den Boden aufreißt, reißt auch etwas im Kopf auf“, beschreibt Sepp Wall-Strasser, Bürgermeister von Gallneukirchen, die Bewusstseinsbildung und die Wirkung gelungener Ortsentwicklungsprozesse.
Die Erfahrungen aus Seeham, Zellerndorf, Gallneukirchen und Villach zeigen: Akzeptanz entsteht oft dann, wenn Ergebnisse sichtbar werden. Wenn Menschen den Schatten eines Baumes genießen. Wenn ein lange leer stehendes Gebäude wieder genutzt wird. Wenn ein Platz zum Treffpunkt wird. Dafür braucht es kommunale Entscheidungsträger:innen, die langfristig denken, Beteiligung ernst nehmen und den Mut haben, neue Wege auszuprobieren.
Die Zukunft der Ortskerne entscheidet sich jetzt
Die Sommer der vergangenen Jahre haben deutlich gemacht, dass sich die Rahmenbedingungen dauerhaft verändern. Die Frage ist nicht mehr, ob Gemeinden handeln müssen, sondern wie. Die Beispiele zeigen, dass Maßnahmen für Bodenschutz und Klimawandelanpassung häufig genau jene Qualitäten stärken, die Gemeinden ohnehin fördern möchten: attraktive Ortszentren, kurze Wege, Begegnung und Lebensqualität.
Ein lebendiger Ortskern braucht Menschen, die gerne bleiben. Dafür braucht es Schatten, Grün und Wasser. Und all das braucht einen Boden, der seine Funktionen erfüllen kann. Wer heute in Bodenschutz und Ortskernentwicklung investiert, schützt daher nicht nur eine Ressource. Er schafft die Grundlage dafür, dass Gemeinden auch in Zukunft Orte bleiben, an denen Menschen gerne leben, arbeiten und einander begegnen.
Fünf Fragen für die nächste Gemeinderatssitzung
- Müssen wir dafür wirklich neu bauen? Oder gibt es leer stehende Gebäude, Brachflächen oder ungenutzte Räume, die neues Leben bekommen können?
- Muss diese Fläche vollständig versiegelt werden? Wo kann Regenwasser versickern? Wo können Bäume wachsen? Wo lassen sich Grünflächen erhalten oder erweitern?
- Welche Sanierungen stehen ohnehin an? Können Straßen-, Platz- oder Kanalbauprojekte genutzt werden, um den Ort gleichzeitig klimafitter und lebenswerter zu machen?
- Welche Kosten verursacht unsere Entscheidung in 20 Jahren? Neue Straßen, Leitungen und Siedlungsflächen müssen langfristig erhalten werden. Die bessere Nutzung bestehender Infrastruktur ist oft die wirtschaftlichere Lösung.
- Haben wir die Menschen früh genug eingebunden? Gute Beteiligung verhindert nicht jeden Konflikt. Sie schafft aber bessere Ideen, mehr Verständnis und oft auch mehr Unterstützung für politische Entscheidungen.
Ortskernbelebung und Bodenschutz in Gemeinden Der Film KERNSTÜCK erzählt die Geschichten von Menschen aus Seeham, Zellerndorf, Gallneukirchen und Villach, die mit Mut, Beharrlichkeit und Kreativität ihre Ortsmitten weiterentwickelt haben. Die Beispiele zeigen, wie Bodenschutz, Klimawandelanpassung und Ortskernbelebung zusammenwirken können, und bieten Inspiration für Gemeinden in ganz Österreich. Nach den Filmpremieren wird der Film online verfügbar sein. Mehr Informationen: bodenbuendnis.at/kernstueck/ Das Projekt wird vom Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft gefördert.