Das System besteht aus Tragwerkselementen, Widerlager-Doppelwänden und Flachfundamenten und ergibt nach Montage eine monolithische Rahmenbrücke nach aktuellen Normen.
© MABA
Fertigteilbrücken für den Katastrophenfall
Der Klimawandel macht Hochwasserereignisse zur neuen Realität für Gemeinden. In Wiesfleck im Burgenland führte ein Unwetter im Juni 2024 zu massiven Schäden an Straßen, Brücken und Infrastruktur. Aus der akuten Notsituation heraus entstand gemeinsam mit der Wildbach- und Lawinenverbauung ein neues Fertigteil-Brückensystem von Maba, das schnelle Hilfe und langfristige Lösungen verbinden soll.
Der Klimawandel verändert die Anforderungen an die kommunale Infrastruktur: Starkregen und Hochwasser treten häufiger auf, Hochwasserschutz wird zur Kernaufgabe. Wie dramatisch sich Extremwetter binnen Stunden auswirken kann, zeigte das Hochwasser im Juni 2024 in Wiesfleck im Burgenland, besonders im Ortsteil Schreibersdorf: Panzerbach und Seraubach wurden zu reißenden Strömen – mit verheerenden Folgen für Straßen, Brücken und Infrastruktur.
„Ein Bach, der normalerweise zwei bis drei Meter breit ist, hat sich auf 20 bis 30 Meter ausgeweitet. Straßen, Wasserleitungen, Kanalisation – vieles wurde zerstört, Autos wurden mitgerissen. Ein Ereignis von enormer Dimension“, erinnert sich Christian Amberger, Sektionsleiter der Wildbach- und Lawinenverbauung. Elf Brücken wurden zerstört, Häuser und Höfe abgeschnitten, die Infrastrukturkosten: mehrere Millionen Euro.
Wenn Geschwindigkeit plötzlich alles entscheidet
Klassische Infrastrukturprojekte dauern zu lang, Planung und Genehmigung brauchen sonst Jahre – in Wiesfleck musste binnen Tagen gehandelt werden. „Zuerst mussten Strom, Wasserleitungen und Grundversorgung wiederhergestellt werden“, sagt Michael Angerler, Projektleiter der Wildbach- und Lawinenverbauung Wien, NÖ, Burgenland. „Parallel haben wir gesucht, wie man rasch Brücken herstellen kann.“
Der Kontakt führte zur Maba Fertigteilindustrie GmbH, gemeinsam entstand ein Fertigteil-System für Einsätze nach Hochwasser. „Es ging darum, rasch Lösungen zu finden, damit Menschen wieder zu Haus und Hof gelangen“, erklärt Thomas Hauer von Maba. „Bereits im Spätherbst 2024 wurden die ersten Brücken binnen Tagen entwickelt und aufgestellt.“
Das Fertigteilbrückensystem: modular, schnell und robust
Das System besteht aus Tragwerkselementen, Widerlager-Doppelwänden und Flachfundamenten und ergibt nach Montage eine monolithische Rahmenbrücke nach aktuellen Normen. Die Brücken sind für Weiten bis acht Meter ausgelegt, elf Meter in Entwicklung – geeignet für Gemeindestraßen, Güterwege und Hofzufahrten, unterstellungsfrei montiert.
„Der Vorteil liegt in der kurzen Bauzeit“, erklärt Hauer. „Wir benötigen kein schweres Gerät, ein Lkw mit Ladekran reicht.“ Ortbetonbrücken brauchen lange Schalungen, Fertigteile sind in Tagen montiert. „Nach dem Abriss der alten Brücke dauerte es vier bis fünf Tage bis zu den neuen Widerlagern, dann wurden die Elemente direkt versetzt“, beschreibt Angerler.
Sicherheit und Hochwasserabfluss als zentrale Vorteile
Die alten Brücken waren durch Wildholz verklaust, Wasser trat unkontrolliert aus. Die neuen Brücken benötigen deshalb keine Unterstellung mehr. „Das ist bei Hochwassergefahr entscheidend, weil Unterstellungen den Abflussquerschnitt verkleinern und Verklausungen begünstigen“, erklärt Angerler.
Wildbäche transportieren Schwemmholz und Geröll, jedes Hindernis erhöht das Risiko. Die neuen Systeme ermöglichen auch größere Abflussbreiten bei kompakter Bauweise – ein Vorteil in engen Ortslagen.
Hochwasserschutz ist mehr als Brückenbau
„Wir errichten Brücken nie isoliert, sondern als Teil eines Schutzkonzepts. Die Wildbach- und Lawinenverbauung ist kein klassischer Brückenbauer“, betont Amberger. Die Projekte sind Teil von Hochwasserschutzkonzepten, finanziert über das Wasserbautenförderungsgesetz. Drei Partner tragen die Kosten: Bund, Land, Interessentenschaft, meist die Gemeinde selbst. In Wiesfleck subventionierte das Land Burgenland die Brückendecken.
Finanzierung bleibt für Gemeinden eine Herausforderung, deshalb gewinnen schnelle, günstige Systeme an Bedeutung. „Entscheidend war die Geschwindigkeit – mit konventioneller Bauweise hätten wir das nie geschafft“, ergänzt Amberger.
Gemeinden brauchen Strategien – nicht nur Sofortmaßnahmen
Wiesfleck zeigt: Gemeinden müssen sich strategisch auf Naturgefahren vorbereiten. „Jede von Wildbächen betroffene Gemeinde verfügt über Gefahrenzonenpläne, dazu Risikokarten und Systeme wie HORA“, erklärt Amberger.
Die Wildbach- und Lawinenverbauung bietet den „Vorsorgecheck für Naturgefahren im Klimawandel“ mit dem Umweltbundesamt.
Ein wachsender Markt mit großem Investitionsbedarf
Viele Brückenbauwerke stammen aus den 1960er- bis 1980er-Jahren und erreichen das Ende ihrer Lebensdauer. „Gemeinden besitzen Hunderte Brücken, die 40 oder 50 Jahre alt sind – da entsteht erheblicher Sanierungsbedarf“, sagt Hauer. Maba investiert in größere Spannweiten und mehr Kapazitäten: „Wir setzen auf ein flexibel erweiterbares System“, so Hauer.
Wiesfleck könnte beispielhaft werden: Hochwasser wird künftig nicht mehr Ausnahme, sondern Teil der kommunalen Realität sein.