Franziska Meisinger
Franziska Meisinger im Jahr 1924.
© Volksschule Unzmarkt, Schulchronik, Bd. 1

Historische Forschung

Die erste Bürgermeisterin Österreichs gab es schon 23 Jahre früher als bisher angenommen

27. Oktober 2026
Im Jahr 1923 wählte der Gemeinderat im obersteirischen Unzmarkt Franziska Meisinger zur Bürgermeisterin. Damit stand dort mehr als zwei Jahrzehnte früher eine Frau an der Spitze einer österreichischen Gemeinde als lange angenommen.
Meinhard Brunner
Der Historiker Meinhard Brunner fand heraus, dass bereits mehr als 20 Jahre früher eine Frau an der Spitze einer österreichischen Gemeinde stand, als bisher kolportiert. Foto: Steiermärkisches Landesarchiv/B. Prügger

Als erste Bürgermeisterin Österreichs galt bisher Maria Rothschedl. Sie wurde 1946 in der südsteirischen Gemeinde Oberhaag im Bezirk Leibnitz gewählt. Diese Angabe findet sich in Zeitungsberichten und auch in der Online-Enzyklopädie Wikipedia. Zuletzt griff sie am 13. Juli 2026 die Zeit im Bild 2 auf. Anlass war ein Bericht über das alljährliche Bürgermeisterinnentreffen, das diesmal in Rankweil und Wolfurt in Vorarlberg stattfand.

Der Historiker Meinhard Brunner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Historischen Landeskommission für Steiermark (HLK). In einem Beitrag im Blog der HLK stellt er nun klar: Bereits 1923 wurde Franziska Meisinger (1862 bis 1937) in der Marktgemeinde Unzmarkt zur Bürgermeisterin gewählt. Der Ort gehört heute zur Marktgemeinde Unzmarkt-Frauenburg im Bezirk Murtal. Brunner hatte schon 2008 in der „Bezirkstopographie Judenburg“ auf sie hingewiesen. Dieses Werk fand aber nur wenig Beachtung.

Frauen in der Politik nach 1918

Am 12. November 1918 wurde in Wien die Republik ausgerufen. Mit dem damals beschlossenen Gesetz erhielten erstmals alle Frauen in Österreich das aktive und das passive Wahlrecht. Das galt auch für Wahlen in den Ländern und Gemeinden. In den politischen Gremien blieben Frauen aber selten. In der Konstituierenden Nationalversammlung saßen 1919 nur acht Frauen. Im steirischen Landtag waren nach der Wahl vom 11. Mai 1919 vier Frauen und 66 Männer vertreten. Im Grazer Gemeinderat waren es sechs Frauen und 42 Männer. Leitende Funktionen in Ausschüssen oder Kommissionen erhielt keine der Mandatarinnen.

In den knapp 1.030 übrigen Gemeinden der Steiermark fanden am 27. Juli 1919 die ersten Gemeinderatswahlen nach dem allgemeinen Wahlrecht für Frauen und Männer statt. Wie viele Frauen dabei gewählt wurden, lässt sich wegen der lückenhaften Quellen kaum klären. Stichproben in Archiven, Zeitungen und Fachliteratur zeigen aber: In mindestens 28 steirischen Gemeinden gab es Gemeinderätinnen der ersten Stunde. Sie gehörten der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei oder der Wirtschaftspartei an. Die Wirtschaftspartei war eine gemeinsame Liste von Christlichsozialen und Deutschnationalen. Neben Franziska Meisinger saß vermutlich nur Paula Repa in St. Stefan ob Leoben als erste Frau in einem steirischen Gemeindevorstand.

Die Frau des Gemeindearztes

Franziska Meisinger kam am 3. September 1862 in Vordernberg zur Welt. Ihr Vater war Gemischtwarenhändler. Im Jahr 1880 heiratete sie den Arzt Otto Meisinger aus Simbach am Inn in Bayern. Das Paar zog nach Unzmarkt. Dort arbeitete ihr Mann als Gemeinde-, Bahn- und Werksarzt. Er war außerdem Gründungsmitglied der Freiwilligen Feuerwehr und ab 1889 mit Unterbrechungen Bürgermeister des Ortes. Im Frühjahr 1902 musste er das Amt aus gesundheitlichen Gründen abgeben. Er starb im Jänner 1903.

Als Witwe besaß Franziska Meisinger mehrere Liegenschaften und lebte offenbar in gesicherten Verhältnissen. Ihre politische Haltung ordnet Brunner aufgrund von Indizien als deutschnational ein. Im Ort war sie angesehen. Im Ersten Weltkrieg leitete sie ab 1916 die Ausgabestelle für Grundnahrungsmittel, die die Gemeinde im Turnsaal der Volksschule eingerichtet hatte.

Der Weg an die Gemeindespitze

Bei der Gemeinderatswahl 1919 erreichten in Unzmarkt Sozialdemokraten und Wirtschaftspartei je fünf Mandate. Franziska Meisinger zog für die Wirtschaftspartei in den Gemeinderat ein. Im August 1919 wurde sie zur zweiten Stellvertreterin von Bürgermeister Raimund Baudisch gewählt.

Die Arbeit im Gemeinderat war schwierig. Bürgermeister wechselten mehrfach. Ein ständiger Streitpunkt waren die Nutzungsrechte im sogenannten Bürgerwald, etwa für Holz und Viehtrieb. Auch Meisinger geriet unter Druck. Ende 1922 wollte sie ihr Mandat zurücklegen. Der Gemeinderat lehnte das einstimmig ab. Anfang Februar 1923 trat Bürgermeister Simon Hafner zurück. Der sozialdemokratische erste Vizebürgermeister Georg Wittmann legte gegen Beschlüsse des Gemeinderats Beschwerde ein. Er wollte die Amtsgeschäfte nur kurz führen und übergab sie bald an Meisinger. Ab 19. März 1923 leitete sie die Gemeinde damit faktisch.

Die Bezirkshauptmannschaft Judenburg wies Wittmanns Beschwerde im April 1923 ab. Am 30. Mai 1923 wählte der Gemeinderat Meisinger einstimmig per Zuruf zur Bürgermeisterin. Eine solche Wahl widersprach aber der Gemeindeordnung. Die Landesregierung erklärte sie im Juli für ungültig. Am 2. August 1923 stimmte der Gemeinderat erneut ab, diesmal mit Stimmzetteln. Von acht anwesenden Mitgliedern stimmten sechs für Franziska Meisinger. Sie nahm die Wahl an und war damit rechtmäßig Bürgermeisterin.

Kommunalpolitik in Zeiten der Inflation

Grab von Franziska Meisinger
Das Grab von Franziska „Fanni“ Meisinger am Friedhof Unzmarkt: Foto: HLK / M. Brunner

Die Amtszeit war von starker Geldentwertung geprägt. Die Gemeinde musste den Wasserzins gegenüber 1922 auf das Fünfzehnfache erhöhen. Auf der Tagesordnung standen Gemeindefinanzen und Steuern, Wasser, Strom und Straßen, die Schule, die Armenfürsorge, das Gemeindepersonal und erneut der Bürgerwald.

Am 19. Februar 1924 leitete Meisinger ihre 15. und letzte Sitzung. Wenige Tage später legte sie ihr Mandat zurück. Mit ihr verließen drei weitere Vertreter der Wirtschaftspartei den Gemeinderat. Einen Grund nennen die Protokolle nicht. 

Bei der Gemeinderatswahl im Mai 1924 kandidierte sie nur noch als nachrangiges Ersatzmitglied. Rechtlich war sie knapp sechs Monate im Amt, tatsächlich trug sie elf Monate die Verantwortung.

Franziska Meisinger starb am 17. April 1937 in Unzmarkt. Ein Nachruf in der „Murtaler Zeitung“ erwähnte, dass sie einige Zeit Bürgermeister gewesen war. Auf ihrem Grabstein am Ortsfriedhof steht dagegen nur „Arztenswitwe“.

Frauen an der Gemeindespitze heute

Im Jahr 2026 gibt es in Österreich 2.092 Gemeinden. 253 davon werden von einer Frau geführt, das sind 12,1 Prozent. Meinhard Brunner hofft, dass sein Beitrag auch außerhalb der Steiermark die Suche nach weiteren Ortschefinnen aus der Ersten Republik anstößt.