„Bei uns läuft es einfach ein bisschen ruhiger ab.“ Stefanie Ganeider über das Tempo im Ort und die Zeit dafür, Dinge wahrzunehmen.
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Mit Herz für Österreichs jüngste Gemeinde
Mitten aus der Dorfgemeinschaft ins Bürgermeisteramt: Stefanie Ganeider ist in Lavant tief verwurzelt und startet mit neuem Vize und neuem Amtsleiter durch. Warum ihr Gemeinschaft und Transparenz wichtiger sind als große Umbrüche.
Wer zum ersten Mal von Lavant hört, denkt vielleicht an Kärnten, den Fluss oder das Lavanttal. Die Gemeinde, um die es hier geht, liegt aber in Osttirol, am östlichen Rand des Lienzer Talbodens und direkt am Fuß der Lienzer Dolomiten. Über 340 Menschen leben hier, und sie sind so jung wie nirgendwo sonst im Lande: Lavant ist die jüngste Gemeinde Österreichs. Der Altersdurchschnitt liegt knapp über 38 Jahren.
Die Gemeinde ist klein, aber wirtschaftlich solide. Zwei Schotterwerke, ein großes Golfresort mit dem größten Golfplatz Tirols und einige weitere leistungsstarke Betriebe sorgen für Arbeitsplätze und Einnahmen. Mit dem Schießplatz Lavanter Forcha verfügt Lavant zudem über einen Ort, an dem militärische Ausbildung und die Vorbereitung auf sicherheitsrelevante Einsätze ihren Platz haben.
Die neue Bürgermeisterin Stefanie Ganeider beschreibt ihre Heimat mit spürbarem Stolz, aber ohne große Worte. Gemeindezentrum, Sportplatz, Kindergarten, Volksschule, Kinderspielplatz und Tennisplatz bilden einen zusammenhängenden Komplex und der Blick auf die Dolomiten gehört zum Alltag. Der Ort hat einen eigenen Rhythmus. Zwei Monate lang erreicht die Sonne im Winter das Tal nicht, dafür gleichen die vielen Sonnenstunden im Sommer das wieder aus. Ein Nachteil ist das für Ganeider nicht, im Gegenteil.
„Wir haben einen richtigen Winter und wir in Lavant schätzen das“, sagt sie. Dann locken in atemberaubender Frost- oder Schneekulisse eine gut angenommene Langlaufloipe und ein Eislaufplatz, im Sommer der einladende Freizeitkomplex rund um das Gemeindezentrum, der größte Golfplatz Tirols, der Frauenbach-Wasserfall und der Waldlehrpfad sowie etliche Wandersteige und -wege dort, wo die Lienzer Dolomiten vor der Haustür liegen.
Kinder wachsen unbeschwert auf
Was den Ort für Ganeider besonders macht, ist das kleine, feine dörfliche Miteinander, das den Blick für die vermeintlich kleinen Dinge, die sich oft als besonders wertvoll erweisen, schärft und vieles bewusster erleben lässt.
„Unseren Kindern hier beim unbeschwerten Aufwachsen in herrlicher Natur und im dörflichem Schutz zuzusehen, ist etwas ganz Besonderes“, so Ganeider. Geschichtsträchtig ist die Gegend obendrein. Auf dem Lavanter Kirchbichl zeugen archäologische Ausgrabungen von einer jahrtausendealten Besiedlung – von den vorrömischen Zeiten bis zur römischen und spätantiken Höhensiedlung. Ihren Ort mag sie sichtlich. „Wir leben im Paradies“, sagt sie – mit einem Lächeln, aber durchaus ernst gemeint.
Dass Ganeider einmal an der Spitze der Gemeinde stehen würde, war kein lang geplanter Karriereschritt, sondern das Ergebnis eines Lebens, das durchwegs eng mit Lavant verwoben ist. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war die gebürtige Lavanterin von klein auf in den Vereinen aktiv, von der Pfarre über den Sportverein bis zur Volksmusik. „Ich war immer schon sehr engagiert und habe das immer genossen. Das hat mich sicher geprägt“, sagt sie.
Über viele Jahre hinweg betreute Ganeider die Ministrant:innen in der Pfarre und mit Nikolsdorf brachte sie gemeindeübergreifend eine musikalische Früherziehung auf den Weg. Das Engagement liegt in der Familie, denn schon ihr Großvater war 24 Jahre lang Bürgermeister von Lavant. Ein bisschen vom Spirit ihres Opas, vermutet sie, sei da wohl auf sie übergesprungen. 2022 zog sie in den Gemeinderat ein und wurde bald darauf Vizebürgermeisterin. „Dass ich auf Anhieb Stellvertreterin geworden bin, hat sich recht spontan ergeben“, erinnert sie sich zurück.
Vom Vereinsleben ins Bürgermeisteramt
Den Ausschlag, an die Spitze aufzurücken, gab der Rückzug ihres Vorgängers. Oswald Kuenz hatte die Gemeinde 28 Jahre lang geführt und zog sich zwei Jahre vor dem Ende der Amtsperiode zurück. Ganeider, damals seine Stellvertreterin und von ihm als Wunschnachfolgerin genannt, war bereit, Verantwortung zu übernehmen. Im Mai 2026 wählte der Gemeinderat sie einstimmig zur neuen Bürgermeisterin.
Für die Aufgabe brennt die Ortschefin, das spürt man schnell. Bei der Frage nach den Schattenseiten des Amtes, etwa Anfeindungen oder weniger Zeit für die Familie, winkt sie ab. „Ich habe gewusst, worauf ich mich einlasse. Ich scheue absolut keine Arbeit, ich liebe die Herausforderung und ich mag die Leute“, sagt sie. Und sie sei mit vollem Einsatz dabei: „Was ich mache, das mache ich mit Herz.“ Die zwei Töchter, elf und vierzehn Jahre alt, den Teilzeitjob als Assistentin der Geschäftsleitung in Lienz und die Arbeiten zu Hause rund um Haus und Garten organisiert die zweifache Mutter gemeinsam mit ihrem Mann.
Ein neues Team an der Gemeindespitze
Ganeider ist übrigens nicht die Einzige, die neu im Amt ist. Mit ihr hat die Gemeinde auch einen neuen Vizebürgermeister, Lukas Kaplenig, den sie als großen Gewinn für die Gemeindepolitik sieht, und vor allem einen neuen Amtsleiter bekommen. Thomas Hopfgartner übernahm diese Schlüsselfunktion von seinem Vorgänger Philipp Pacher. In einer Gemeinde dieser Größe bilden Amtsleiter und Bürgermeisterin die zentrale Schnittstelle. Bei ihnen läuft praktisch alles zusammen. Dass beide Ämter gleichzeitig neu besetzt wurden, hätte definitiv holprig werden können.
Was nach Risiko klingt, erlebt Ganeider aber anders. Sie setzt konsequent auf Teamarbeit, packt im Tagesgeschäft selbst mit an und hebt die Rolle der erfahrenen Finanzverwalterin Renate Winkler hervor, die das junge Team stützt. Ganeider ist spürbar stolz auf das gesamte Gemeindebediensteten-Team, in dem alle in dieser spannenden Zeit sehr viel Engagement und persönlichen Einsatz an den Tag legen und sich als wahre Teamplayer erweisen. Die vielen Aufgaben und die Bürokratie teile man sich auf und das gelinge fürs Erste sehr gut.
Beim Einarbeiten des neuen Führungsteams hilft, dass Lavant nicht auf sich allein gestellt ist. Vom Tiroler Gemeindeverband bekomme man kompetente Unterstützung, die Bürgermeisterkolleg:innen der Nachbargemeinden seien hilfsbereit und auch sonst seien viele Menschen, mit denen eine Zusammenarbeit stattfindet, sehr unterstützend. Im Zweifelsfall erkundige man sich lieber öfter, als etwas falsch zu machen. „Uns ist es lieber, wir fragen zwei- oder dreimal nach, dafür passt es dann“, sagt Ganeider. Diese Grundhaltung, im Zweifel nachzufragen und Dinge von Anfang an sauber zu erledigen, zieht sich durch ihre ersten Monate im Amt.
Gemeinschaft statt großer Umbrüche
Inhaltlich strebt Ganeider aktuell keine großen Umbrüche an, sondern will das Bewährte sichern. Ihr wichtigster Schwerpunkt ist die Gemeinschaft, das Zwischenmenschliche. Es gehe ihr darum, eine gute Grundlage dafür zu schaffen, dass die Menschen gern in Lavant wohnen. Wichtig sind ihr zudem Transparenz und eine wirtschaftliche Perspektive mit Weitblick – sparsam und zweckmäßig, aber stets mit Blick auf die Zukunft.
Realistisch ist die Bürgermeisterin auch beim Geld. Lavant gilt als finanzkräftige Gemeinde – ein Verdienst ihrer Vorgänger, wie Ganeider betont, aber auch das Ergebnis einer Zeit, in der die öffentliche Hand insgesamt über deutlich größere finanzielle Spielräume verfügte. Doch die Zeiten seien angespannt, die Kosten hoch und Instandhaltung falle laufend an. „Es muss die Gemeinde sparen, es muss das Land sparen, es muss der Bund sparen. Wir sitzen ja alle im selben Boot“, bringt sie es auf den Punkt.
Feuerwehrhaus und Wasserversorgung im Fokus
Das größte Vorhaben der kommenden Zeit ist ein neues Feuerwehrgerätehaus. Das alte liegt mitten im Ortszentrum, eingezwängt zwischen Landesstraße, Bach, Volksschule und Wohnhäusern. Für die immer größeren Fahrzeuge und die moderne Technik fehlt schlicht der Platz. Ein Architekturwettbewerb ist abgeschlossen, aktuell läuft die Umwidmung eines Grundstücks. Ob und wie sich der Bau finanzieren lässt, ist die nächste offene Frage.
Ein zweites Anliegen ist die Wasserversorgung. Zwar ist Lavant gut aufgestellt, mit ausreichenden Reserven und einem Tiefbrunnen, doch die Bürgermeisterin möchte zusätzlich eine Quelle sanieren und als Reserve absichern. Weil sich in der Natur vieles verändere, will sie diese sensible Infrastruktur beizeiten zukunftssicher machen. Ein weiteres Vorhaben führt hinaus in die Natur. Unterhalb des Frauenbach-Wasserfalls verläuft ein ruhiger Waldpfad, der vor allem heuer stark besucht wird. Mit dem Tourismusverband prüft die Gemeinde, ob sich der Weg neu gestalten und eventuell barrierefrei anlegen lässt.
Ob sie 2028 selbst kandidieren wird, lässt Ganeider bewusst offen. Sie möchte sehen, wie sich die nächsten Monate entwickeln, und dann entscheiden. Gespieltes Zögern ist das nicht, eher der nüchterne Blick einer Frau, die sich nur auf etwas einlässt, wenn sie es ganz tut. „Wenn die Zeit kommt, dann werde ich mich entsprechend entscheiden, und dann ziehe ich es durch“, sagt sie. Bis dahin ist die jüngste Gemeinde Österreichs bei einer Bürgermeisterin gut aufgehoben, die in Lavant verwurzelt ist, deren Herz für die Menschen in Lavant schlägt und die ihre Aufgabe sichtlich mag.
Stefanie Ganeider
Alter: 40
Gemeinde: Lavant in Osttirol
Einwohnerzahl: 342 (Jänner 2026)
Bürgermeisterin: 11. Mai 2026
Partei: Dorfliste