Astrid Rainer, Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Plus Burgenland, Dalilah Mitringer, Public Management-Beraterin beim KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung, Roland Gruber, Gründer von nonconform und Vizebürgermeister mit Gemeindebund Präsident Bgm. Johannes Pressl beim Panel Talk am KWF 2026, mit Moderatorin Sabine Kronberger
© KOMMUNAL/Jürg Christandl

KWF 2026

Gestaltungsspielraum ist keine Frage des Geldes – sondern des Denkens

Wenn Budgets schrumpfen, aber Aufgaben wachsen: Vier Expertinnen und Experten diskutierten beim Kommunalwirtschaftsforum 2026, was Gemeinden wirklich stark macht – und warum Resilienz mit einer Vorentscheidung beginnt.

Moderatorin Sabine Kronberger versammelte beim Panel Talk des Kommunalwirtschaftsforums 2026 vier Menschen mit grundverschiedenen Zugängen zu einer gemeinsamen Herausforderung: Wie entwickeln sich Gemeinden weiter, wenn die finanziellen Spielräume enger werden? Dalilah Mitringer, Public Management-Beraterin beim KDZ – Zentrum für Verwaltungsforschung, Bgm. Johannes Pressl, Präsident des Österreichischen Gemeindebunds, Roland Gruber, Gründer von nonconform und Vizebürgermeister, sowie Astrid Rainer, Geschäftsführerin der Nachbarschaftshilfe Plus Burgenland, nahmen auf der Bühne Platz und gaben Antworten, die zum Nachdenken anregten.

Ergebnisoffen sein – bevor der Prozess beginnt

Sabine Kronberger eröffnete das Gespräch mit einer Frage an Dalilah Mitringer: Was ist die wichtigste Botschaft, die man Gemeinden zum Thema Fehlerkultur und Verantwortung mitgeben könnte? Mitringer antwortete mit einer Unterscheidung, die zunächst überrascht. Es gehe ihr nicht um eine Entscheidung am Ende eines Prozesses, sondern um eine Haltung ganz zu Beginn: Man committet sich, ergebnisoffen zu sein, und schafft einen geschützten Raum, in dem Menschen zusammenkommen und Dinge testen können.

Verwaltungen seien aus gutem Grund oft angstgetriebene Organisationen, wie Mitringer formulierte – getrieben von Haftungsfragen und dem Bewusstsein für rechtliche Risiken. Genau deshalb brauche es den bewussten Schritt, diesen Modus zu verlassen. In einer Welt, die von Volatilität und exponentiellen Veränderungen geprägt sei, führe Vorsicht allein nicht weiter.

Auf die Folgefrage Kronbergers, was das Sozialkapital einer Gemeinde ausmacht und ob man es verlieren kann, antwortete Mitringer mit einer Analogie aus persönlichen Beziehungen. Sozialkapital entstehe immer dann neu, wenn Menschen in Kontakt treten, Vertrauen aufbauen und gemeinsam etwas ausprobieren. Gemeinden hätten dabei einen strukturellen Vorteil: Sie sind die Ebene, die den Menschen am nächsten ist. Wer hier Strukturen schaffe, die Menschen zusammenbringen – etwa durch die gezielte Förderung von Ehrenamt –, stärke das Sozialkapital aktiv.

Kronberger fragte schließlich nach der persönlichen Resilienz jener Menschen, die tagtäglich Gemeinden führen. Mitringer beschrieb Gesprächspartnerinnen und -partner, die offen über Erschöpfung und Rückschläge gesprochen hatten – und über die Kraft, trotzdem weiterzumachen. Nicht aufgeben, wenn wieder ein Schlag kommt, immer wieder aufstehen: Das, so Mitringer, sei letztlich „die Definition eigentlich von persönlicher Resilienz".

Was abgeht, ist der Gestaltungsspielraum

Kronberger knüpfte direkt an und wandte sich an Johannes Pressl: Was macht persönliche Resilienz als Bürgermeister und Gemeindebundpräsident aus? Pressl beschrieb eine Haltung, die er als soziologisches Interesse an der Gemeinde bezeichnete. Wer Freude daran entwickle zu verstehen, wie Gesellschaft funktioniert und wie Menschen ticken, gewinne eine Art innere Selbstsicherheit – und stehe Schwierigkeiten dadurch gelassener gegenüber.

Als Kronberger nach den gesellschaftlichen Folgen fragte, wenn Gemeinden finanziell nicht mehr gestalten können, wollte Pressl gar nicht erst bei der akuten Krise beginnen. Das eigentliche Problem sei das fehlende Antizipieren. Wer wisse, wo die Stellschrauben der Gemeindefinanzen liegen, könne Engpässe im Vorlauf erkennen – lange bevor es brenne. Aus sehr guten Zeiten zu kommen und dann nicht umzusteuern, wenn Spielräume schmelzen, sei schlicht kein vorausschauendes Management. Abgangsgemeinden könnten unter Umständen noch ganz gut leben, weil Rettungsschirme einspringen. Aber ein zentraler Verlust bleibe immer derselbe:

„Was abgeht, ist der Gestaltungsspielraum. Und das tut uns weh, weil wir grundsätzlich nicht geboren sind, um nichts zu tun und nur zu verwalten."

Johannes Pressl, Präsident des Österreichischen Gemeindebunds

Die Antwort darauf sei Querdenken – oder, wie Pressl mit Blick auf den deutschen Sprachgebrauch vorsichtig korrigierte: anders denken. Als konkretes Beispiel nannte er ein ehrenamtlich getragenes Rufbus-System namens Emil. Wo solche Mobilitätslösungen früher bis zu 200.000 Euro pro Gemeinde und Jahr kosteten, komme das System heute mit rund 8.000 bis 10.000 Euro aus – weil Freiwillige für Freiwillige fahren und eine Software im Hintergrund die Organisation übernimmt.

Auf Kronbergers Frage nach politisch realisierbaren Wegen zur Verbesserung der Einnahmenbasis räumte Pressl ein, dass die Grundsteuerreform mit der aktuellen Bundesregierung nicht konsensfähig sei. Sein Fokus liege derzeit auf einem Infrastrukturerhaltungsbeitrag auf Bundesebene, denn wer Instandhaltungen verschiebe, zahle später ein Vielfaches. Parallel verhandle der Gemeindebund einen zinslosen Zwei-Milliarden-Kredit für kommunale Infrastrukturinvestitionen – etwa Photovoltaik-Anlagen auf Gemeindegebäuden, die sich laut Pressl in sechs bis acht Jahren durch Einsparungen selbst refinanzieren. Am Ende des Gedankengangs stand ein Bild, das im Saal haften blieb:

„Stellt euch vor, da stehen drei Mann da – der Bund, die Länder und die Gemeinden. Die haben nix an. Und einer, der nix anhat, dem kann man auch nix mehr ausziehen. So schauen wir derzeit mit den Finanzen aus."

Gemeindebundpräsident Johannes Pressl (in Analogie zum Märchen „des Kaisers neue Kleider“)

Das Haar in der Suppe finden – und dann weiterreden

Kronberger wandte sich an Roland Gruber mit einer direkten Frage: Wo hakt es, wenn Gemeinden nicht zusammenarbeiten wollen, obwohl es dringend nötig wäre? Gruber, der als Architekt und Vizebürgermeister täglich mit Kooperationsprozessen konfrontiert ist, beschrieb zwei unerlässliche Voraussetzungen für das Gelingen.

Erstens brauche es Persönlichkeiten, die mutig in Vorleistung gehen und etwas zur Diskussion stellen – auf die Gefahr hin, anfangs viele Widerstände zu ernten. Zweitens müsse man wirklich in Dialog treten. Und dabei gelte es, das Entscheidende zu verstehen:

„Das Haar in der Suppe ist das Wichtigste, was die Leute eigentlich suchen. Und sie wollen gar nicht wissen, wie die Suppe schmeckt – sie wollen nur wissen, was nicht passt."

Roland Gruber, Gründer nonconform

Wer dieses kleine Haar gefunden habe, so Gruber, könne plötzlich auf eine ganz andere Ebene des Gesprächs wechseln. Dahinter stecke oft nur eine Kleinigkeit – und wenn die adressiert sei, öffne sich der Raum für echte Zusammenarbeit. Gelobt werde man für diesen Job nie, sagte Gruber offen. Der eigentliche Auftrag sei es, aus negativen Stimmungen heraus in eine positive Zukunftsperspektive zu führen – in jedem Gespräch, bei jedem Projekt.

Als Kronberger nach konkreten Beispielen aus seiner Planungspraxis fragte, brachte Gruber ein Konzept ins Spiel, das er selbst als Baureduktionsplanung bezeichnet. Die Denkweise dahinter: Gemeinden hätten jahrzehntelang nach dem Prinzip des Wunsches ans Christkind geplant – immer nur dazu zu bauen, immer mehr. Das habe lange gut funktioniert. Heute brauche es ein anderes Denken:

Stattdessen gehe es darum zu fragen, wie durch Reorganisation und regionale Kooperationen ein gutes Ergebnis mit deutlich weniger Neubau entstehen kann. Als Beispiel nannte er eine Schule, für die am Ende vielleicht nur 100 Quadratmeter neu gebaut werden müssten – der Rest entstehe durch neue Kooperationen und klügere Nutzung vorhandener Räume. Das Geschenk werde aufgemacht, alle freuten sich, und man habe viel weniger tun müssen als gedacht.

Mit sechs Gemeinden anfangen – und nicht aufgeben

Den abschließenden Impuls des Panels setzte Astrid Rainer. Kronberger bat sie, das Modell der Nachbarschaftshilfe Plus Burgenland vorzustellen – ein Projekt, das Rainer mit einem Zitat einleitete, das den Bogen zum Beginn der Diskussion schlug: Am Anfang sei man dort, wo man sich nicht auskennt – aber jedem Anfang wohne auch ein Zauber inne.

2013 hatte die Dorferneuerung im Burgenland den Anstoß gegeben, das Thema Nachbarschaftshilfe neu zu denken. Die Ausgangslage war klar: Das Burgenland ist eine klassische Pendlerregion, viele Berufstätige arbeiten in Wien, während ältere Angehörige zu Hause wenig Mobilitätsoptionen haben. 2014 beschlossen fünf Bürgermeister und eine Bürgermeisterin überparteilich, ein neues Modell aufzubauen. In jeder Gemeinde entstanden Gruppen von Ehrenamtlichen – überwiegend rüstige Pensionistinnen und Pensionisten –, die bei Alltagsaufgaben helfen: Arztfahrten, Besorgungen, gemeinsame Spaziergänge oder Mittagstische, die nebenbei auch der lokalen Gastronomie zugutekommen. Finanziert wird das Projekt durch Gemeindebeiträge, Förderungen und Spenden.

Das Projekt wuchs bis auf 20 Gemeinden und gewann 2021 den Kommunal-Impuls Award Österreich. Die Grundhaltung dahinter war Rainer zufolge von Beginn an dieselbe:

„Wir möchten die demografische Entwicklung nicht als Problem sehen, sondern als Chance."

Astrid Rainer, Geschäftsführung Nachbarschaftshilfe Plus Burgenland

2025 wurde die Landesförderung gestrichen. Das Projekt schrumpfte von 20 auf heute sieben Gemeinden. Kronberger fragte nach dem Rat an Gemeinden, die ein ähnliches Modell einführen wollen – und Rainer antwortete aus ihrer nun noch einmal geschärften Erfahrung heraus: Das Wichtigste sei die Freiwilligkeit auf allen Ebenen. Der Gemeinderat müsse aktiv und überzeugt Ja sagen, nicht weil jemand Druck macht. Die Ehrenamtlichen müssten aus eigenem Antrieb dabei sein. Und die Klientinnen und Klienten müssten selbst entscheiden. Vorher stehe immer eine Analysephase: Haushaltsbefragungen, Bürgerveranstaltungen, Gespräche mit der Gemeindeführung. Das Ergebnis werde dann dem Gemeinderat vorgelegt.

In den sieben verbliebenen Gemeinden zeigt das Modell, was trägt, wenn der institutionelle Rückhalt wegbricht: 300 Freiwillige, die regelmäßig da sind.

Was die Runde hinterlässt, ist eine Erkenntnis, die sich durch alle vier Beiträge zog: Gestaltungsspielraum entsteht nicht zuerst durch mehr Geld – sondern durch die Bereitschaft, anders zu denken, mutig in Vorleistung zu gehen und den Menschen den Raum zu geben, den sie brauchen, um selbst etwas zu bewegen.