Herwig Schuster, Umweltchemiker bei Greenpeace
Herwig Schuster, Umweltchemiker bei Greenpeace
© Mitja Kobal / Greenpeace

Asbestfunde und deren Analyse, ein Experteninterview

Es gibt viele offene Fragen rund um die aktuelle Asbest-Causa. KOMMUNAL hat den Greenpeace Experten Herwig Schuster zum Interview gebeten.

KOMMUNAL: Sie kritisieren, dass die Steinbruchbetreiber und das Land mit VDI 3866 eine Richtlinie verwenden, die laut eigenem Anwendungsbereich nur für technisch zugemischten Asbest gilt. Warum hat Greenpeace bei den eigenen Untersuchungen nicht von Anfang an konsequent auf TRGS 517 gesetzt, wenn diese aus Sicht der Kritiker die fachlich richtige Methode für Naturstein wäre?

Herwig Schuster: Greenpeace hat die entnommenen Proben in ein deutsches unabhängiges Labor geschickt. Dieses hat seit mehr als 40 Jahren Erfahrungen in der Asbestanalyse. Das Labor hat die Analysemethode gewählt, da es sich bei den Proben um Material handelt, das an öffentlichen Orten lag. Die TRGS 517 gilt nur für Steinbrüche und Steinbruchprodukte verarbeitende Produktionen - nicht für Asbestmaterial an öffentlichen Orten. 

Grundsätzlich ist anzumerken, dass es sich bei Asbestanalysen immer um optische Verfahren im Rasterelektronenmikroskop handelt - egal welche Methode angewandt wird. Werden im Rasterelektronenmikroskop Fasern gesichtet und identifiziert wird auf dessen Basis der Analysebericht erstellt. Die unterschiedlichen Normen unterscheiden sich nur hinsichtlich der Probenaufbereitung. Während bei Steinbrüchen und gesteinsverarbeitenden Betrieben die Frage im Raum steht wie viel Asbest ist in den Steinen, steht bei Asbest-Schotterstraßen die Frage im Vordergrund, wie viel Asbest liegt frei im Staub. Da in den Steinbrüchen reinstes Asbestmineral abgebaut wurde und dieses in Form von reinen Brocken in hoher Zahl in den Produkten (Schotter, Kies, Streusplitt) liegt, ist die gewählte Analysemethode nach VDI 3866 die bessere Wahl. 
Die Behörden haben dieselbe Methode VDI 3866 für die Gehaltsbestimmungen der Steinbruchprodukte  gewählt, auf dessen Basis die Schließung veranlasst wurde.
Bei dem untersuchten Material ist die Schwierigkeit der sehr hohe Asbestgehalt, da die Labormitarbeiter:innen beim Zerkleinern und Aufbereiten des Probenmaterials hohes Risiko einer Asbestexposition tragen. 

KOMMUNAL: Die Steinbruchseite argumentiert, der Massegehalt im Gestein sage nichts über die tatsächliche Faserfreisetzung in der Atemluft aus, entscheidend sei die WHO-Faserzahl. Auf wie vielen der von Ihnen dokumentierten 109 Fundorte liegen tatsächlich Luftmessungen unter Realbedingungen vor, und wie viele stützen sich ausschließlich auf Massegehalt im Material?

Herwig Schuster: Die WHO-Faserzahlbestimmung ist eine Momentaufnahme. Wichtig ist es den Gesamtasbestgehalt sowie die WHO Fasern zu bestimmen. Denn wenn eine Asbestschotterstraße durch Befahren belastet wird, ändert sich die WHO Faserzahl stetig. WHO Fasern sind Fasern die eine bestimmte Größe haben. Jede Belastung des Materials erzeugt WHO Fasern und ändert deren Gehalt ständig. 
Für den Menschen sind nur die WHO Fasern gefährlich. Bei offen liegenden Asbestminieralien ist es deshalb wichtig einzuschätzen, wie hoch das Gefährdungspotential ist. Die durchgeführten Luftmessungen in Niederösterreich, Ungarn und dem Burgenland belegen das sehr hohe Faserfreisetzungspotential von Asbestmineralien im Schotter. Es wurden bis zu knapp 300.000 Fasern pro Kubikmeter gemessen. Die Frage wieviele Asbestfasern bei Belastung in die Luft gelangen ist abhängig vom Asbestgehalt. Jedes Milligramm reines Asbest kann laut Sachverstänidgengutachten bis zu 10 Millionen Fasern freisetzen.

  
KOMMUNAL: Sie sprechen von „der Spitze des Eisbergs“. Welche belastbare Grundlage gibt es für diese Einschätzung über die bislang laborbestätigten Funde hinaus, und wie unterscheidet sich diese Einschätzung von einer politischen Zuspitzung?

Herwig Schuster: Greenpeace hat auf einer interaktiven Karte alle bestätigten Funde von Behörden sowie eigene Messungen veröffentlicht. Hinzu kommen die vielen gemeldeten Fälle aus der Bevölkerung. Greenpeace hat eine Meldestelle eingerichtet. Dort können Personen Asbestfunde mittels Koordinatenangabe und Detailfotos und Laborberichten melden. Asbestmineralien im Schotter, Kies und Streusplitt sind sehr gut mit freiem Auge erkennbar. Wenn die Bilder eindeutig sind, wird die Fläche als Verdachtsfläche eingetragen. In kritischen Fällen prüft Greenpeace selbst vor Ort. Bislang wurden z.B. in Wien aber auch Niederösterreich alle gemeldeten Asbestfunde, auf denen behördliche Testungen erfolgten, durch Labortest bestätigt. 
Wir erhalten pro Woche ca. 80 neue Verdachtsmeldungen und sprechen deshalb von der Spitze des Eisberges, da noch viel mehr Orte betroffen sind als bislang bekannt.

Die Steinbrüche haben seit 1990 rund 35 Millionen Tonnen mit Asbetsmineralien kontaminiertes Gestein in Umlauf gebracht. Die Schätzung wurde anhand des Montanhandbuches des BMF, dass jährlich den Abbau in Tonnen beziffert berechnet. In der Regel liefern die Steinbrüche etwa 100 Kilometer weit aus. Wir haben noch keine Steinbruchprodukte (aus den vier behördlich geschlossenen Steinbrüchen) gefunden, die nicht asbesthaltig waren. Auf Basis dieser Mengen, haben wir auch den potentiellen Schaden berechnet, der bei mindestens 1,6 Milliarden Euro liegt.

KOMMUNAL: Sie werfen den Behörden vor, Gemeinden mit den Sanierungskosten allein zu lassen. Welche konkrete Finanzierungslösung fordert Greenpeace, und soll diese primär vom Bund, vom Land oder aus dem EU-Solidaritätsfonds kommen? Was passiert aus Ihrer Sicht, wenn keine dieser Ebenen zahlt?

Herwig Schuster: Greenpeace hat mit dem ÖKOBÜRO untersucht, ob es Möglichkeiten für eine EU-Kofinanzierung gibt. Die Antwort der Kurzstudie war, dass ein Antrag beim EU-Solidaritätsfonds Sinn macht. Angesichts des hohen Schadens kommt in Österreich nur der Bund für eine Finanzierung in Frage. Neben EU-Mitteln kommt hier vor allem der Katastrophenfonds in Frage. Wenn niemand zahlt, und am Ende Amtshaftungsklagen gegen das Land Burgenland gewonnen werden, muss das Land zahlen (oder im worst-case in den Konkurs geschickt werden).



KOMMUNAL: Kritiker werfen Greenpeace vor, mit undokumentierten Probenahmen an öffentlichen Flächen ohne erkennbaren Beprobungsplan zu arbeiten. Wie sieht Ihr eigenes Vorgehen bei der Probenahme konkret aus, und wer überprüft dessen wissenschaftliche Qualität unabhängig von Greenpeace selbst?


Herwig Schuster: Greenpeace ist seit 50 Jahren aktiv und hat entsprechende fundierte und international anerkannte Expert:innen (Radioaktivität, gefährliche Abfälle, Bodenproben, Wasserproben, etc), wenn es um Umweltthemen geht. Auf Basis dieser großen Erfahrungen gibt es klare Prozedere wie repräsentative Umweltproben zu nehmen und zu dokumentieren sind. 
Bei Asbest ist Greenpeace auf unabhängige und akkreditierte Labore angewiesen, die bei der Beprobung beraten und die Analysen durchführen. 
Der konkrete Vorgang bei Asbestproben ist folgender: Die Greenpeace Mitarbeitenden haben chemische Fachausbildungen (Lehre, Meisterschule, Studienabschlüsse im Bereich Chemie) und regelmäßige interne sowie externe Ausbildungen im Bereich der Umweltanalytik. Zudem gibt es eine Science Unit, die an der Universität Exeter angesiedelt ist und  beratend zur Seite steht. 
Der Probezug erfolgt unterschiedlich. Es wird die Fläche erhoben, Bedingungen der Probenahme (Umgebung, Witterung, Zeitpunkt, Standort) dokumentiert und georeferenzierte Proben genommen. Zum Beginn des Asbestskandals wurden zusätzlich unterschiedliche einzelne Gesteinsmineralien ins Labor geschickt um zu überprüfen wie das Asbest vorkommt und ob es optisch erkennbar ist. Alle Proben waren stark positiv. 
In der Regel werden je nach Größe der betroffenen Fläche an mehreren Stellen (abhängig von der Größe) Stichproben entnommen und zu einer Mischprobe zusammengeführt. Bei größeren Flächen wie Schotterstraßen können auch mehrere Proben entnommen werden.  Diese wird an das Labor übermittelt mit einem Probenauftrag. 
Bei Schotterflächen wird eine Mischung aus Schotter, Kiesel und Sand entnommen. Bei Straßenbanketten mehrere Schaufeln an unterschiedlichen Stellen. Bei Asphalten werden die Asbestmineraleinschlüsse in der Oberfläche dokumentiert und ausgekratzt. Wenn diese asbesthaltig sind, wird der zuständigen Straßenverwaltung mitgeteilt, dass Asbestverdacht besteht. Diese haben die Möglichkeit “Bohrkerne” des Asphaltes in Auftrag zu geben. In Wien wurde in allen von Greenpeace übermittelten und bisher untersuchten Asphalte Asbest in grenzwertüberschreitender  Menge (Recycling größer 0,008 Prozent und Entsorgung größer 0,1 Asbestmassegehalt durch die Behörde nachgewiesen. 

 

KOMMUNAL: Wenn sich Ihre Ergebnisse, wie Sie sagen, mit den behördlichen Messungen decken, warum hält die burgenländische Taskforce trotzdem an ihrer differenzierteren Position fest, dass gebundener Asbest im Gestein an sich keine Gefahr darstellt? Worin unterscheidet sich Ihre Risikobewertung von der der Taskforce, wenn die Messwerte identisch sind?

Herwig Schuster: Sehr viele Positionen der Taskforce sind uns nicht nachvollziehbar. Wir vermuten, dass es mit möglichen exorbitanten Kosten für das Land Burgenland in Zusammenhang steht. Wir wissen es aber nicht, und müssen sagen, dass es seitens der Taskforce keinerlei Gesprächsbereitschaft mit uns gibt – eine einmalige Situation im Umgang mit Behörden in Österreich.



KOMMUNAL: Was schulden Sie den rund 40 Beschäftigten, die laut Betreiberangaben infolge der Sperren bereits ihren Job verloren haben, an Antwort, wenn sich am Ende herausstellen sollte, dass Teile der Sperren auf methodisch angreifbaren Messungen beruhten?


Herwig Schuster: Diese Frage stellt sich nicht. Die Sperren wurden vom Land Burgenland verhängt, bevor Greenpeace öffentlich zum Thema Asbest aufgetreten ist. 

Zur Person: 

Herwig Schuster ist Umweltchemiker bei Greenpeace.


 

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