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Bevölkerungsentwicklung
5 Stellschrauben für den demografischen Wandel
Mehr Kinder, mehr Arbeit, mehr Produktivität, gezielte Zuwanderung, ehrliche Anpassung:
Die Antworten auf den demografischen Wandel sind bekannt. Wirksam werden sie erst im Zusammenspiel von Bund, Ländern und Gemeinden – und erst dann, wenn die Politik aufhört, Einzelmaßnahmen als Lösung zu verkaufen
1. Familienpolitik
Bedingungen schaffen, nicht Geburten kaufen
Der Reflex, auf sinkende Geburtenraten mit Geld zu antworten, ist alt und die Bilanz ist ernüchternd. Polen hat 2016 mit dem Kindergeld „Rodzina 500+“ die Geburtenrate für kurze Zeit angehoben, sie fiel danach jedoch auf neue Tiefstände. Gleichzeitig sank die Erwerbsbeteiligung von Müttern messbar (OECD, Economics Department Working Paper „The Family 500+ child allowance and female labour supply in Poland“; IZA World of Labor). Spaniens Geburtenprämie „cheque bebé“ von 2007 bis 2010 löste einen Anstieg der Geburten aus, der mit der Abschaffung wieder endete (González, American Economic Journal: Economic Policy, 2013). Geburten lassen sich vorziehen. Kaufen lassen sie sich kaum.
Was langfristig wirkt, ist anderer Natur. Frankreich, über Jahrzehnte eines der geburtenstärksten Länder Europas, verdankt das weniger dem Kindergeld als dem Zusammenspiel aus flächendeckender Kinderbetreuung, steuerlicher Entlastung von Familien und einer Kultur, die Mutterschaft und Erwerbstätigkeit als vereinbar behandelt.
40 Prozent der Mütter mit Kindern ab fünf Jahren arbeiten dort Vollzeit, 35 Prozent Teilzeit (Wissenschaftliche Dienste des Deutschen Bundestages, WD 8 – 014/25 vom 26.5.2025, auf Basis von Eurostat). Schweden führte 1980 die sogenannte Speed Premium ein und weitete sie 1986 aus: Wer innerhalb von 30 Monaten ein weiteres Kind bekommt, behält das Elterngeld auf dem Niveau des vorherigen Einkommens (Andersson/Hoem/Duvander, Demographic Research, 2006).
Das Gutachten des Bundestags referiert dazu eine Studie des Institute for Health Metrics and Evaluation (IHME): Familienpolitische Maßnahmen heben die Geburtenrate nicht auf das Ersatzniveau, sie können aber verhindern, dass sie auf extrem niedrige Werte fällt. Entscheidend sei eine Kombination, die Lebensqualität und Erwerbsbeteiligung von Frauen zugleich stärkt (WD 8 – 014/25). Für die Gemeinden heißt das: Der Krippenplatz mit Öffnungszeiten, die zu einem Vollzeitjob passen, ist eine wirksamere Familienpolitik als jede Prämie.
2. Arbeitsmarkt
Das vorhandene Potenzial ausschöpfen
der Bund bei Pensionsrecht und Steuern, die Sozialpartner, das AMS und die Gemeinden als Arbeitgeber und Betreuungsanbieter. Bild: Atthasit - stock.adobe.com
Österreich hat eine Reserve, über die wenig gesprochen wird: das eigene Arbeitskräftepotenzial. Die Erwerbstätigenquote der 55- bis 64-Jährigen lag 2004 bei 27,1 Prozent und ist bis 2023 auf 57,3 Prozent gestiegen (Statistik Austria, Ältere Erwerbstätige 2023). Das ist ein Fortschritt, aber kein Spitzenwert: 2022 lag Österreich mit 56,4 Prozent auf Platz 19 in der EU, Schweden kam auf 77,3 Prozent (ebd.).
Wie schnell sich hier etwas bewegen kann, zeigt die Anhebung des Frauenpensionsalters, die seit Jänner 2024 schrittweise wirkt. Im Juni 2024 waren rund 16.000 Frauen zwischen 60 und 65 mehr unselbstständig beschäftigt als ein Jahr davor, ein Plus von 37 Prozent. In den Jahren zuvor wuchs diese Gruppe nur um rund 3.000 Personen pro Jahr. Die WKO führt den Anstieg unter anderem auf die Reform zurück (WKO, Medienservice „Immer mehr ältere Frauen erwerbstätig“, 2024). Auch AMS-Chef Johannes Kopf betont, es brauche neben Zuwanderung mehr ältere Menschen, die weiterarbeiten („profil“, 3.10.2026, S. 23).
Dazu kommt die Teilzeit. Österreich hat nach den Niederlanden die zweithöchste Teilzeitquote der EU, mehr als die Hälfte der Frauen über 35 arbeitet Teilzeit (Statistik Austria, zit. n. APA, 19.3.2024). Jede Verschiebung zu mehr Stunden, ermöglicht durch Betreuung statt erkauft durch Verzicht auf Kinder, erhöht das Arbeitsvolumen ohne einen einzigen zusätzlichen Einwohner.
3. Produktivität & Qualifikation
Mehr aus weniger machen
Eine Gesellschaft mit weniger Erwerbstätigen kann ihren Wohlstand nur halten, wenn die verbleibenden produktiver werden. Die Qualifikationsstruktur verschiebt sich dabei bereits massiv.
Das WIFO erwartet bis 2040 um rund 223.000 mehr Erwerbstätige mit AHS- oder BHS-Matura und um rund 375.000 mehr mit akademischem Abschluss. Die Zahl der Erwerbstätigen mit Lehrabschluss sinkt dagegen um rund 250.000, die Zahl jener mit berufsbildender mittlerer Schule um rund 130.000 (WIFO-Studie zum Arbeitskräfteangebot bis 2040, März 2023, zit. n. ORF.at, 3.3.2023).
Für die Gemeinden ist das eine unbequeme Nachricht. Wasserwerk, Kläranlage und Bauhof brauchen Facharbeiter, keine Masterabsolventen. Digitalisierung und Automatisierung sind deshalb keine Modethemen, sondern die Antwort auf die Frage, wer 2040 den Kanal wartet.
4. Zuwanderung
Notwendig, aber nicht hinreichend
der Bund bei Aufenthaltsrecht und Rot-Weiß-Rot-Karte, Länder und Gemeinden bei der Integration vor Ort. Bild: Christian Müller - stock.adobe.com
Zuwanderung gilt in der öffentlichen Debatte oft als die einzige realistische Antwort. Die Zahlen relativieren das, ohne es zu widerlegen. 2025 sind netto 30.742 Menschen nach Österreich zugewandert, 2024 waren es noch 50.105. Das Bevölkerungswachstum hat sich damit auf 18.743 Personen halbiert (Statistik Austria, 29.6.2026). Noch gleicht die Zuwanderung das Geburtendefizit von 11.835 mehr als zweieinhalbfach aus. Der Puffer ist also da. Er wird nur dünner.
Und er ist ungleich verteilt. Zugewandert wird vor allem in die großen Städte, in die überalterten Regionen kommen die allerwenigsten („profil“, 3.10.2026, S. 23). Zuwanderung hilft dem Arbeitsmarkt, muss aber auch politisch und gesellschaftlich akzeptiert werden („profil“, 3.10.2026, S. 23). Wer sie als Strategie für den ländlichen Raum versteht, muss Wohnraum, Arbeitsplätze und Integrationsangebote dort schaffen, wo sie gebraucht werden, und nicht nur dort, wo sie ohnehin entstehen.
5. Anpassung
Schrumpfen lernen
vor allem die Gemeinden und Länder, die über Raumordnung und Infrastruktur entscheiden. Bild: Man888 - stock.adobe.com
Die unangenehmste Antwort auf den demografischen Wandel ist die Bereitschaft zur Anpassung. Schulstandorte, Spitalsnetze, Leitungsnetze und Pensionsformeln sind auf Wachstum gebaut. Für das Gegenteil fehlt nicht nur das Konzept, es fehlt das Vokabular. „Das Wort Rückbau möchte kein Politiker in den Mund nehmen“, sagt Karoline Mitterer vom KDZ. „Damit riskiert man schnell, abgewählt zu werden.“ In Deutschland seien aufgrund der Wanderungsbewegungen ganze Landstriche entvölkert: „Dort musste man sich damit beschäftigen. In Österreich sind die Überlegungen noch nicht so weit“ („profil“, 3.10.2026, S. 24).
Dass es auch hierzulande geht, zeigt Eisenerz. Die Gemeinde startete bereits 2005 das Projekt „redesign Eisenerz 2021“, um den Bevölkerungsrückgang aktiv zu begleiten, mit Konzentration auf das Zentrum und der Umnutzung leer stehender Wohnungen („profil“, 3.10.2026, S. 26). Die Erfahrung dort lehrt allerdings auch Demut. Bürgermeister Rauninger rechnet nicht mit 15 Jahren, sondern mit zwei bis drei Generationen, bis dieser Weg zu Ende gegangen ist („profil“, 3.10.2026, S. 26). Rückbau ist ein Projekt über Generationen, nicht über eine Legislaturperiode.
Die unterschätzte Ressource
Zur Anpassung gehört ein Perspektivenwechsel. Eine ältere Gesellschaft ist nicht nur eine Kostenstelle. Pensionisten bringen Kaufkraft, Zeit für Ehrenamt und Nachfrage nach Dienstleistungen in die Gemeinden. „Pensionierte können eine Region auch beleben“, sagt Stephan Marik-Lebeck von Statistik Austria („profil“, 3.10.2026, S. 23). Wer Vereinsleben, Nachbarschaftshilfe und Freiwilligenarbeit organisiert, nutzt eine Ressource, die in jeder Bevölkerungsprognose wächst.
Die demokratische Rechnung
Bleibt eine Dimension, die in der Demografiedebatte fast immer fehlt: die politische. Der Politikwissenschaftler Achim Goerres von der Universität Duisburg-Essen warnt: „Vor allem in wirtschaftlich schwachen Regionen stößt der Wohlfahrtsstaat an seine Grenzen.“ Und: „Wenn Menschen das Gefühl haben, dass der Staat seine Aufgaben nicht erfüllt, werden sie gegenüber der Demokratie kritischer“ („profil“, 3.10.2026, S. 24). Die Schließung des letzten Nahversorgers, der Postpartnerstelle oder der Volksschule ist so gesehen nicht nur eine Verwaltungsentscheidung. Sie ist ein Signal darüber, ob der Staat am Ort noch präsent ist.
Gleichzeitig verschiebt sich das politische Gewicht. 2050 werden Menschen im Pensionsalter mehr als ein Viertel der Wählerschaft stellen („profil“, 3.10.2026, S. 27). Daraus folgt allerdings nicht automatisch eine Politik gegen die Jungen. „Nur weil jemand älter wird, fängt er nicht an, anders zu wählen“, sagt Goerres. Belege dafür, dass Wählerinnen und Wähler im Alter konservativer werden, gebe es nicht. Ältere seien über Familie, Freunde und Bekannte mit Jüngeren verbunden („profil“, 3.10.2026, S. 27). Politik für junge Menschen ist deshalb auch Politik für alte.
Die Schlussfolgerung
Es gibt keine demografische Wunderwaffe. Es gibt ein Bündel von Maßnahmen, das nur im Zusammenspiel wirkt: Familienpolitik, die Bedingungen schafft, statt Geburten zu kaufen; Arbeitsmarktpolitik, die das inländische Potenzial ausschöpft; Qualifikation und Technik, die mit weniger Menschen mehr leisten; Zuwanderung, die dort ankommt, wo sie gebraucht wird; und der Mut, Strukturen anzupassen, die für eine andere Bevölkerung gebaut wurden.
Max Weber hat Politik als „ein starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“ beschrieben. Selten passte der Satz besser als beim demografischen Wandel. Die Bretter sind hart, das Bohren dauert Jahrzehnte und die Ergebnisse erlebt meist erst die nächste Bürgermeistergeneration. Wer eine dieser fünf Stellschrauben zur alleinigen Lösung erklärt, hat das Problem nicht verstanden. Wer keine davon anrührt, hat es verstanden und schaut trotzdem weg.
Jede demografische Debatte endet früher oder später bei derselben Frage: Was tun?
Und jede endet bei derselben Versuchung, nämlich eine einzige Antwort zu geben. Die einen rufen nach Geburtenprämien, die anderen nach Zuwanderung, die dritten nach Robotern. Alle haben ein bisschen recht und gerade deshalb unrecht. Es gibt im Wesentlichen fünf Stellschrauben. Keine davon reicht allein und jede liegt in einer anderen Zuständigkeit.
