Aufwind erfuhr das Einfamilienhaus nach dem Zweiten Weltkrieg.
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Wie das Einfamilienhaus nach Österreich kam – um zu bleiben
Das Einfamilienhaus gilt heute als selbstverständlicher Teil der österreichischen Wohnlandschaft – doch seine Geschichte ist eng mit gesellschaftlichen Umbrüchen, politischen Interessen und wirtschaftlichen Entwicklungen verwoben. Von den herrschaftlichen Landvillen des 19. Jahrhunderts über die Nachkriegszeit bis zur heutigen Fertighausindustrie spiegelt das Eigenheim die jeweils vorherrschenden Lebensvorstellungen und Machtverhältnisse wider. Der Traum vom eigenen Haus wurde gezielt gefördert, um politische Stabilität zu schaffen und den Konsum anzukurbeln. Österreich entwickelte sich zur „Nation der Häuslbauer“.
Seit seiner Gründung widmete sich das Architekturzentrum Wien (Az W) in vielen Ausstellungen dem Wohnen und damit auch dem Einfamilienhaus, der Wohnpräferenz Nummer eins der Österreicherinnen und Österreicher. Dieses ist mitverantwortlich für die immense Zersiedelung und dennoch scheinbar unverrückbare Tatsache. Es lohnt sich ein Blick ins Az W Forschungs- und Ausstellungsarchiv:
Bereits 1998 erkundete die Ausstellung „Wir Häuslbauer. Bauen in Österreich seit 1945“ die Motive und Seelenlage der Eigenheimbesitzer:innen. Während bei der Ausstellung „Home Stories“ (2005) und dem Preis „Das beste Haus“ (2005–2018) noch die Vermittlung von „mehr Architektur“ im Vordergrund standen, fokussierte die Ausstellung „Architektur und Kalter Krieg“ (2019) auf die ideologischen Auseinandersetzungen rund ums Wohnen. Und die Wanderausstellung „Boden für Alle“ (2020) zeigt das Einfamilienhaus als Mitverursacher des enormen Bodenverbrauchs in Österreich. Die Forschungsergebnisse all jener Projekte liefern die Grundlage für dieses Kapitel über den Siegeszug des Einfamilienhauses in Österreich.
Der Kampf ums Wohnen
Ähnlich der Entwicklung in den USA entspringt auch hierzulande der Typus Einfamilienhaus der herrschaftlichen Landvilla. Um den negativen Auswirkungen der Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts auf die Städte zu entkommen, fliehen der Adel und das gehobene Bürgertum in neu geschaffene Landhäuser und entdecken die Natur als Erholungs- und Wohnraum.
Die allgemeine Verschiebung vom Wohnen in einem Haus als wirtschaftliche Selbstversorgungs- und Produktionseinheit zum „modernen Wohnen“ im Kleinfamilienhaus vollzieht sich nur langsam. Dem wachsenden Wohnraumbedarf und den prekären Wohnverhältnissen in den Städten begegnen die politischen Lager mit unterschiedlichen Konzepten: Mietskaserne und gemeinschaftlich organisierte Wohnformen versus geschlossene Wohneinheiten für die sittlich gefestigte Kernfamilie. Parallel entstehen Ansätze wie die Arbeiter:innensiedlungen, Reformbewegungen wie die Gartenstädte oder die Siedler:innenbewegung.
In Wien ziehen nach dem Ersten Weltkrieg viele geflüchtete Familien an den Stadtrand in teils selbst errichtete Behausungen, sogenannte „Bretteldörfer“, wo sie sich mit Gemüseanbau und Kleintierhaltung selbst versorgen können. Das Ideal vom Einfamilienhaus mit seiner Trennung von Erwerbsleben und Familienleben wird sowohl in der Heimatschutzbewegung als auch im Nationalsozialismus als antiurbanes Modell unterstützt.
„Own-Home Movement in Austria”
Richtigen Aufwind erfuhr das Einfamilienhaus nach dem Zweiten Weltkrieg. Die private Wohnstätte für die – patriarchal geführte – Kernfamilie wird seitens des bürgerlich-konservativen Lagers als erstrebenswerte Wohnform angesehen.
Ziel des Marshallplans mit dem European Recovery Program (ERP) war die wirtschaftliche Integration in das kapitalistische Wirtschaftssystem. Dabei galt die Eigentumsbildung als stabilisierendes Mittel, um die Bevölkerung für kommunistisches Gedankengut unempfänglich zu machen. Massen- und Populärkultur werden massiv eingesetzt, um diesen American Way of Life zu fördern.
ERP-Mittel werden nun auch für den privaten Wohnungsbau zur Verfügung gestellt und die österreichische Regierung verabschiedet mehrere eigenheimfördernde Maßnahmen: steuerliche Absetzbarkeit der Bausparverträge (1953), steuerliche Begünstigung von Grundstückserwerb (1964) und Wohnbauförderungen, die den Bau von Eigenheimen unterstützen.
Das Haus als austauschbares Konsumgut
Die fordistische Idee von seriell produzierbaren Häusern macht das Haus zum Konsumgut, das je nach Finanzkraft austauschbar ist. Die Musterhaus-Ausstellung in der Veitingergasse (1954) wurde zwar von 40.000 Personen besichtigt, stieß aber auf wenig Interesse – die Preise waren zu hoch, die Ausstattung zu unkonventionell. Der Versuch, in Österreich einen Fertigteilhausmarkt zu etablieren, scheiterte.
Fortan wurde die serielle Herstellung von Baukomponenten – von Türen, Fenstern bis Möbeln – finanziell gefördert und mittels Ausstellungen und Massenmedien beworben. Denn der Besitz eines Eigenheims machte die Anschaffung weiterer Konsumgüter notwendig und kurbelte so den Wirtschaftsaufschwung an, der auf permanentem und konsumgetriebenem Wachstum basiert.
Die Nation der Häuslbauer
Nachdem sich in Österreich der Fertighausmarkt nicht durchzusetzen vermag, entstehen vorerst auch keine großen, von Bauträgern entwickelten Siedlungen nach amerikanischem Vorbild.
In den Nachkriegsjahrzehnten mangelt es der Bevölkerung schlicht an Kaufkraft. Der Absatzmarkt ist zu klein, als dass eine Serienproduktion wirtschaftlich wäre. Doch der Traum vom eigenen Heim verfängt sich und die Grundstückspreise sind erschwinglich. Österreich wird zur Nation der Häuslbauer.
Die fehlende Finanzkraft wird durch viel Eigenleistung ausgeglichen und die gegenseitige nachbarschaftliche Unterstützung bei den Baustellen führt zu einer hohen Identifikation mit dem eigenen Haus. Während die Häuser der 1950er-Jahre zumeist klein, kompakt und mit Steildach realisiert werden, wächst mit dem Wohlstand auch die Wohnfläche und die Hausformen werden modern und international: zweistöckig mit Balkon, Bungalow-Stil mit Swimming-Pool oder moderne Interpretationen einer rustikal-alpinen Architektur.
Ab den späten 1950er-Jahren löst sich die Erschließung neuer Einfamilienhausgebiete von vorhandenen Arbeitsplätzen oder öffentlicher Anbindung ab. Möglich macht dies die rasante Verbreitung des privaten Pkw. Als Symbol individueller Freiheit bietet das Auto Zugang zu einem Lebensstil, bei dem die Arbeits-, Schul-, Freizeit- und Wohnorte durch Pendeln verbunden werden.
Wichtiges Beiwerk für dieses Lebenskonstrukt ist allerdings auch die Vollzeit-Hausfrau, die all diese Wege managt. In mehr oder weniger konzentrischen Kreisen wachsen die Einfamilienhausteppiche rund um die Städte. Erst mit der Ölkrise Anfang der 70er-Jahre gerät der ewige Wachstumsglaube ins Wanken. Die Zersiedelung des Landes, Zerstörung des Ortsbildes und Individualisierung der Gesellschaft geraten in die Kritik. Gleichzeitig wird das Häuslbauertum durch die ersten Baumärkte und einer Lawine an Baustoffen und Ausstattungsteilen angeheizt.
Das Ende der Häuslbauer und der Spätkapitalismus
Mit der Wohlstandsgesellschaft verändert sich der Eigenheimmarkt. Die Grundstücke werden rarer und damit teurer. Statt Nachbarschaftshilfe steht nun – oft geerbtes – Kapital zur Verfügung und der Traum vom Haus will in Zeit und Geld kalkulierbar verwirklicht werden.
Auf die soziologischen Veränderungen trifft die Fertigteilhausbranche, die ihrem vormals schlechten Image mit höheren Standards, Zertifizierungen und der Gründung des Österreichischen Fertighausverbandes entgegenwirkt. 1991 eröffnet der Fertighauspark Blaue Lagune bei der SCS mit den ersten Musterhäusern für interessierte Kund:innen und bereits Mitte der 90er-Jahre ist jeder vierte Neubau ein Fertigteilhaus.
Während sich die Zahl der Einfamilienhäuser seit 1970 verdreifacht hat, nimmt die Bevölkerung im gleichen Zeitraum nur um ein Fünftel zu. Die Ausdehnung der Einfamilienhaussiedlungen und das dazu passend ausgebaute Straßennetz lässt viele Gemeinden im Umland der Städte enorm anschwellen. Investoren entdecken den Raum dazwischen und verdichten das Land mit großflächigem Einzelhandel, Fachmarktzentren und Gewerbeparks. Niemand muss mehr in die Stadt zum Einkaufen fahren, eigentlich nicht einmal die Städter selbst.
Um aus der Menge der individualistischen Einzelobjekte herauszustechen, wird in den 1990ern das Themenwohnen erfunden – von Golfsiedlung über See-Siedlung bis zur autofreien Ökosiedlung werden immer neue Käuferschichten angesprochen. Nun ist auch der österreichische Markt bereit für Bauträgerprojekte im großen Maßstab und nach amerikanischem Muster.