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Messe-Innovationen

Smarte Lösungen für Kommunen in Sachen Abfallwirtschaft und Wasserqualität

9. April 2026
Steigende Brandgefahr in Recyclinganlagen, Mikroplastik im Abwasser, PFAS-belastete Böden: Kommunale Betriebe stehen vor wachsenden technischen und regulatorischen Herausforderungen.

Auf der IFAT Munich 2026 präsentieren rund 50 internationale Start-ups konkrete Antworten – von KI-gestützter Batteriedetektion bis hin zu bakterienbasierten Sanierungsverfahren. Ein Überblick über die Innovationen mit dem größten Potenzial für Gemeinden.

Mikroplastik im Abwasser: Früherkennung direkt an der Quelle

Kommunale Kläranlagen geraten zunehmend unter Druck: Die verschärften Anforderungen der EU-Kommunalabwasserrichtlinie (KARL) sowie der Chemikalienverordnung REACH verlangen eine zuverlässigere Erfassung von Mikroplastik. Das 2024 in Bayreuth gegründete Start-up ZAITRUS bietet dafür ein sensorgestütztes Durchfluss-System, das Kunststoffpartikel in Flüssigkeiten in Echtzeit identifiziert, kategorisiert und quantifiziert – direkt an der Einleitstelle.

„Für kommunale Kläranlagen bietet sich so ein effektiver Mechanismus zur Prävention und Qualitätssicherung, der vor Schäden schützen kann", erklärt Geschäftsführer Till Zwede. Das System befindet sich derzeit in der Pilotphase; ZAITRUS sucht aktiv nach kommunalen Partnern für weitere Pilotprojekte. Ab dem Jahreswechsel 2026/27 ist ein vollwertiges Monitoring-as-a-Service-Angebot geplant.

Bakterien statt Chemie: Neue Wege bei PFAS-Sanierung

PFAS-kontaminierte Böden und Gewässer sind für viele Gemeinden ein kostspieliges und langwieriges Problem. Das Schweizer Biotech-Start-up CellX Biosolutions, 2024 an der ETH Zürich gegründet, setzt auf einen ungewöhnlichen Ansatz: Speziell isolierte Bakterienkonsortien bauen chemische Schadstoffe – darunter PFAS, Pestizide und Arzneimittelrückstände – direkt in Abwasserbehandlungsanlagen, Böden und Gewässern ab.

Derzeit werden Partner für Labor- und Industriepilotprojekte gesucht – ausdrücklich auch Betreiber kontaminierter kommunaler Standorte. Die vollständige Kommerzialisierung ist für 2028 geplant. Für Gemeinden, die heute schon mit Altlasten zu kämpfen haben, könnte das Verfahren mittelfristig eine kostengünstigere Alternative zu herkömmlichen Sanierungsmethoden darstellen.

Brandschutz in der Recyclinganlage: KI erkennt Lithiumbatterien im Abfallstrom

Versteckte Lithiumbatterien in Hausmüll und Wertstoffsammlungen sind eine der wachsenden Gefahrenquellen in kommunalen Sortier- und Recyclinganlagen – mit teils verheerenden Folgebränden. Das norwegische Start-up Litech AS hat dafür eine nachrüstbare KI-gestützte Sensortechnologie entwickelt, die auf Magnetischer Induktionsspektroskopie (MIS) basiert. Das System erkennt Lithiumbatterien und Druckgasbehälter zuverlässig auf dem laufenden Förderband – selbst wenn diese in Plastiksäcken verborgen oder von anderem Abfall verdeckt sind.

Ein Sensor der ersten Generation ist bereits seit 2024 in einer kommunalen Abfallanlage in Oslo im Einsatz. Zu den Zielgruppen zählen explizit kommunale Entsorgungsunternehmen sowie Betreiber von Sortier- und Recyclinganlagen. Aktuell fokussiert sich Litech auf die DACH-Region, Nordeuropa und Frankreich – und ist auf der IFAT Munich sowohl für Pilotpartnerschaften als auch für kommerzielle Gespräche offen.

Elektronikschrott als Rohstoffquelle: Robotik schließt die Lücke

Die Verwertung von Elektroschrott und Nichteisenmetallen ist für kommunale Entsorger oft aufwendig und personalintensiv. Das schwedische Start-up Enodo Robotics kombiniert KI mit einem patentierten Greifroboter, der unterschiedlichste Objekte flexibel erfassen und sortieren kann – und damit die bisher meist manuelle Arbeit in diesem Bereich übernimmt. Eine integrierte KI-Visionsplattform, trainiert mit Millionen realer Recyclingbilder, liefert dabei Echtzeit-Einblicke in Zusammensetzung und Qualität der Materialströme.

Das System ist als Nachrüstlösung für bestehende Anlagen kommerziell verfügbar und wird bereits in der Praxis eingesetzt – ein direkter Anknüpfungspunkt für kommunale Entsorger, die ihre Wertschöpfung aus kritischen Rohstoffen steigern wollen.

Bioabfälle als Rohstoff: Kläranlagen als Produktionsstandorte

Ein besonders zukunftsweisender Ansatz für kommunale Kläranlagenbetreiber kommt von EveryCarbon aus Tübingen: Das 2024 aus der TU Hamburg ausgegründete Biotech-Start-up wandelt organische Abfälle aus Haushalten, der Landwirtschaft und der Lebensmittelindustrie gemeinsam mit Abwasser und genmodifizierten Bakterien in 2,3-Butandiol um – einem Ausgangsstoff für Hochleistungspolymere.

Aktuell betreibt das Unternehmen eine Pilotanlage auf dem Gelände einer Kläranlage bei Stuttgart. „Die IFAT Munich bildet genau den Schnittpunkt ab, an dem wir arbeiten: organischer Abfall-Kohlenstoff aus Haushalten, Industrie und Abwasser trifft auf industrielle Materialwirtschaft", so Geschäftsführer Dr. Sebastian Beblawy. Kommunale Ver- und Entsorgungsbetriebe sowie Kläranlagenbetreiber zählen ausdrücklich zu den gesuchten Partnern.

IFAT Munich als Schaufenster für kommunale Innovationen

Die Startup Area der IFAT Munich 2026 (Halle C4) macht deutlich: Die Lösungen von morgen für kommunale Herausforderungen in Abfallwirtschaft, Wasserqualität und Kreislaufwirtschaft entstehen heute – an der Schnittstelle von Digitalisierung, Biotechnologie und KI. Für Gemeinden lohnt es sich, den Kontakt zu diesen Unternehmen frühzeitig zu suchen, um Pilotprojekte zu initiieren und Förderfenster zu nutzen. Weitere Informationen zur Startup Area und den Themenbühnen der IFAT Munich unter www.ifat.de.