Zeitung mit Lupe lesen
Fehlender Lokaljournalismus schafft schließlich eine Lücke, die von hyperparteiischen, fragwürdigen „Alternativmedien“ gefüllt werden kann, wie das auch für Österreich nicht auszuschließen ist.
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Medien

Wie geht Innovativer Journalismus auf lokaler Ebene?

In Österreich existieren bislang verhältnismäßig wenige Lokalmedien, die auf neue innovative Geschäftsmodelle setzen, etwa durch serviceorientierte Inhalte oder partizipative Formate. Ein Überblick zu den Chancen und Herausforderungen durch Medien-Start-ups auf lokaler Ebene.

Der Lokaljournalismus steht durch den digitalen Wandel weltweit unter Druck. Schon seit vielen Jahren kämpfen regional oder lokal ausgerichtete Medienunternehmen mit rückläufigen Werbeeinnahmen, sinkenden Auflagen und schrumpfender Belegschaft. 

In den Vereinigten Staaten haben seit 2005 rund 40 Prozent der Lokalzeitungen ihren Betrieb eingestellt, in einigen US-Regionen spricht man mittlerweile gar von „Nachrichtenwüsten“. Aber auch in EU-Staaten wie der Bundesrepublik Deutschland ist ein erheblicher Rückgang von Zeitungen in ländlichen Gebieten zu beobachten. 

Diese Situation ist leicht paradox, da gerade dem innovativen Lokaljournalismus in Zeiten der Medienkrise ein Wachstumspotenzial nachgesagt wird. Als „innovativ“ gelten solche Medien, die neue Geschäftsmodelle und damit kreative Lösungen entwickeln, um die örtliche Community zu gewinnen. 

In der Regel handelt es sich um lokale Medien-Start-ups mit diversifizierten Angeboten wie Membership-Paketen, Investigativstorys, multimedialen Formaten oder Events. Speziell in Österreich existieren solche Angebote bislang nur in geringem Ausmaß, weshalb der österreichische Lokaljournalismus sein Potenzial aus Sicht von Experten nicht ausschöpft.

Lokale „Alternativmedien“ im 20. Jahrhundert

Ein Blick auf die Geschichte zeigt uns: Auch in Österreich gab es immer schon lokal ausgerichtete Medien, die eine Gegenöffentlichkeit zur etablierten Presse vor Ort bilden wollten. Früher handelte es sich bei derartigen „Alternativmedien“ meistens um laienhafte bzw. unterfinanzierte Projekte, die eng mit sozialen Bewegungen verbunden waren. In den 1990er-Jahren entstanden etwa in mehreren Bundesländern gesellschaftskritische Straßenzeitungen, die bis heute in den Hauptstädten von Menschen in Armut verkauft werden. Dazu zählen das „Megaphon“ in Graz, der „Augustin“ in Wien oder die Tiroler Straßenzeitung „20er“ in Innsbruck.

Interview mit Mikrofon
Mit dem Wegfall des Rundfunkmonopols kam es Ende des 20. Jahrhunderts auch zur offiziellen Errichtung nichtkommerzieller Lokalradios, von denen einige zuvor als „Piratensender“ aktiv gewesen waren. Foto: wellphoto - stock.adobe.com

Mit dem Wegfall des Rundfunkmonopols kam es Ende des 20. Jahrhunderts auch zur offiziellen Errichtung nichtkommerzieller Lokalradios, von denen einige zuvor als „Piratensender“ aktiv gewesen waren.

Im ländlichen Bereich gingen etwa das Freie Radio Salzkammergut (Bad Ischl), Radio FREEQUENNS (Ennstal) oder Proton (Dornbirn) auf Sendung. Heute existieren in Österreich insgesamt 14 Freie Radios, die sich primär über den Nichtkommerziellen Rundfunkfonds finanzieren. Ab den 2000er-Jahren gründeten sich in einzelnen Bundesländern auch sogenannte Community-TVs, deren Inhalte überwiegend von Laien produziert werden, konkret OKTO (Wien), DORFTV (Oberösterreich) und FS1 (Salzburg).

Innovative neue Lokalmedien? 

Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es hierzulande aber nur wenige innovative Digitalmedien, die eine Alternative zur etablierten Lokalpresse darstellen, etwa zu den Angeboten der Regionalmedien Austria. 

Ein öffentlich häufig genanntes Beispiel ist das 2010 gegründete „Dolomitenstadt“ mit Sitz in Lienz, das inzwischen ausschließlich online erscheint. Das Magazin berichtet grundsätzlich kostenlos, bietet aber zusätzlich ein Bezahlange­bot für investigative Recherchen, Videoreportagen und Ähnliches. Trotz des regionalen Fokus auf Osttirol erzielt „Dolomitenstadt“ eine beachtliche Reichweite, was auch an seiner starken Einbeziehung der Community vor Ort liegen dürfte. 2025 wurde es als Pionierprojekt für regionalen unabhängigen Onlinejournalismus mit dem Walther-Rode-Preis ausgezeichnet.

Ein junges innovatives Projekt ist das Digital­medium „Zwischenbrücken“, das seit März 2025 über die Wiener Bezirke Leopoldstadt und Brigittenau informiert und dafür professionelle Journalisten beschäftigt. Neben seiner hyperlokalen Ausrichtung thematisiert Zwischenbrücken auch die Auswirkungen größerer (inter-)nationaler Ereignisse auf die Lebenssituation der Bezirksbewohner. Daneben organisiert es Veranstaltungen zu ortsspezifischen Missständen und Führungen durch die Bezirke für seine Mitglieder. Mittlerweile hat das Medium mehrere investigative Recherchen produziert, die auch von großen Medien aufgegriffen wurden.

Auch im Bereich von regional oder lokal ausgerichteten Podcasts ist für Österreich noch viel Luft nach oben. Ein erwähnenswertes Projekt ist hier der Reportage-Podcast „Inselmilieu“, der sich wenig beachteten Orten und Menschen in Wien widmet, etwa der FKK-Szene in der Lobau oder dem Böhmischen Prater. Dabei verfolgt „Inselmilieu“ einen multimedialen Ansatz, indem es neben den Podcast-Folgen auch Fotoreportagen oder Event-Formate anbietet, um seine Mitglieder zu erreichen. Bereits 2021 wurde „Inselmilieu“ für eine seiner Folgen mit dem Prälat-Leopold-Ungar-Preis in der Kategorie Online/Multimedia ausgezeichnet.

Herausforderungen für die Gemeinden? 

Eine Zunahme lokaler Alternativmedien birgt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken. Denn der Anstieg von Nachrichtenseiten, Blogs und YouTube-Formaten führt zu gewissen Abgrenzungsschwierigkeiten, ob man es mit einem seriösen Angebot zu tun hat oder nicht. 

Auch in Österreich gibt es Projekte, die sich als Alternative zu etablierten Lokalmedien inszenieren, de facto aber Propaganda bis hin zu Desinformation betreiben. Ein Beispiel dafür war der 2022 eingestellte „Wochenblick“ aus Linz, der regelmäßig wegen diskriminierender und irreführender Berichte in der Kritik stand. Ebenso zu erwähnen ist der oberösterreichische Regionalsender RTV, der sich im Laufe der Corona-Pandemie für verschwörungsideologische Positionen öffnete und heute mit dem rechts­extremen Onlinemedium AUF1 kooperiert. 

Solche Kanäle stellen auch die Bundesländer und Gemeinden vor spezifische Herausforderungen, etwa was Interviewanfragen oder Inserate der öffentlichen Hand betrifft. So sorgte es 2018 für Aufsehen, dass die städtische Linz AG rund 7.000 Euro an den umstrittenen „Wochenblick“ überwies und auch ein FPÖ-Landesrat dort mit Steuergeld inserierte. Der frühere Vorsitzende der SPÖ Tirol musste sich von einem rechtsextremen Magazin öffentlich distanzieren, nachdem er diesem ein Interview gegeben hatte. Solche Gefahren bestehen speziell für kommunale Einrichtungen und Politiker, die oft nicht über eine professionelle PR-Abteilung verfügen, welche die Herkunft eines Mediums schon im Vorhinein überprüft.

Umso mehr muss auch in den Gemeinden das Bewusstsein für seriösen (Lokal-)Journalismus gestärkt werden. Zentral ist dabei die Einhaltung anerkannter Grundsätze der journalistischen Praxis – dazu zählen insbesondere das Prinzip einer sorgfältigen Recherche, die Trennung von Bericht und Kommentar, die Möglichkeit zur Stellungnahme bei Beschuldigungen oder ein Verzicht auf diskriminierende Inhalte. 

In Österreich sind diese Grundsätze im „Ehrenkodex für die österreichische Presse“ festgelegt, über dessen Einhaltung der Österreichische Presserat wacht. Ein gewichtiger Anhaltspunkt für Gemeinden besteht somit darin, ob sich das konkrete Medium öffentlich gewillt zeigt, die berufsethischen Regeln jenes Kodex zu befolgen – unabhängig davon, ob es sich um ein etabliertes oder alternatives Medium handelt.

Ausblick

Es steht außer Zweifel, dass unabhängiger Lokaljournalismus essenziell für die liberale Demokratie ist. Internationale Studien zeigen uns, dass ein Verschwinden lokaler Medien zu einer geringeren Wahlbeteiligung und einer wachsenden Polarisierung auf Gemeindeebene führt. Ohne professionelle „Watchdogs“ erhöht sich auch das Risiko, dass kommunale Politiker oder Unternehmen vor Ort verantwortungslos agieren bzw. korruptionsanfällig werden, was insgesamt dem Gemeinwesen schadet. Fehlender Lokaljournalismus schafft schließlich eine Lücke, die von hyperparteiischen, fragwürdigen „Alternativmedien“ gefüllt werden kann, wie das auch für Österreich nicht auszuschließen ist.

In Zukunft benötigt es daher einen breiten gesellschaftlichen Konsens, unabhängigen Lokaljournalismus in Österreich nachhaltig abzusichern. Das betrifft einerseits die Bereitschaft aller Bürger, für seriösen Journalismus vor Ort zu bezahlen, etwa durch ein Abonnement oder Spenden. 

Andererseits haben auch Gemeindepolitiker und Unternehmen der jeweiligen Region eine Verantwortung, seriösen Lokalmedien den Rücken zu stärken, sowohl durch eine Kommunikationsbereitschaft wie gegebenenfalls die finanzielle Unterstützung durch Inserate. Auf übergeordneter Ebene bedarf es zudem einer Medienpolitik, die neben etablierten Verlagshäusern auch lokalen Medien-Start-ups eine Fördermöglichkeit bietet. 

In Wien gibt es mit der Wiener Medieninitiative zumindest ein Förderprogramm, das gezielt journalistische Innovation auf Projektbasis fördert. In den anderen Bundesländern fehlt bis dato eine vergleichbare Journalismusförderung. 

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