Urban Future 2026 in Ljubljana
© Kristjan Kuzmanoski

Stadtentwicklung

Mutige Städte, mutige Stadtmacher

20. April 2026
Von 24. bis 27. März 2026 versammelte die Konferenz Urban Future rund 2.000 Teilnehmende aus fast 50 Ländern in der slowenischen Hauptstadt Ljubljana – zum Austausch über lebenswerte Städte, gescheiterte Projekte und die Frage, was Kommunen wirklich voranbringt.
Gerald Babel Sutter
Urban Future-Gründer Gerald Babel Sutter. Foto Adam Slowikowski

Was 2014 als kleiner Workshop für Stadtverwaltungsmitarbeitende in Graz begann, ist heute Europas wichtigste Plattform für urbane Zukunftsfragen. Die Konferenz Urban Future – gegründet und nach wie vor von Graz aus organisiert – hat in den vergangenen Jahren bereits Oslo, Łódź und Rotterdam als Gastgerbestädte begrüßt. Heuer war Ljubljana an der Reihe. Und die slowenische Hauptstadt erwies sich als idealer Rahmen: autofreie Altstadt, belebte Flusspromenade, starker Fokus auf öffentlichen Raum – Ljubljana verkörpert viele der Werte, die bei Urban Future diskutiert werden, bereits im gelebten Alltag.

Zum Eröffnungsakt begrüßte Gründer und CEO Gerald Babel-Sutter rund 1.600 Stadtmacherinnen und -macher aus aller Welt. Bis zum Ende der viertägigen Veranstaltung wuchs die Teilnehmerschaft auf insgesamt 2.000 Personen aus 290 Städten in 49 Ländern an. Die Kennzahlen der Ausgabe 2026 sprechen für sich: 180 Sprecherinnen und Sprecher , 60 Sessions und 30 Field Trips.

Urban Unicorns – Stadtmacher:innen mit Mut

Ein zentrales Leitmotiv zog sich durch die gesamte Konferenz: Mut. Babel-Sutter bezeichnete die Teilnehmenden als „Urban Unicorns“ – Stadtmacher:innen, die wie Einhörner zielstrebig, ungewöhnlich und zukunftsorientiert sind. Sein Credo beim Eröffnungsakt: „Don’t let others tell you what you cannot do.“ Eine Botschaft, die gerade für Kommunalpolitiker und Verwaltungsverantwortliche mehr als nur Inspiration sein kann.

Auffällig ist die breite Zusammensetzung der Teilnehmenden: Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Verwaltung treffen auf NGOs, Wirtschaft, Forschung und Studierende – auf Augenhöhe. Ein vergünstigtes Ticket-Angebot für Studierende sowie ein eigenes „Young Leaders Programme“ für Unter-30-Jährige sorgen dafür, dass auch die nächste Generation von Stadtgestalter eingebunden wird.

Das Format: Mehr als eine Konferenz

Urban Future versteht sich nicht als klassische Fachkonferenz, sondern als Plattform für echten Austausch. Neben Panels und Workshops prägen informelle Formate das Geschehen – von Networking bei Kaffee und Snacks über thematische Exkursionen bis hin zu einem internationalen Pub Quiz. Die Atmosphäre ist bewusst offen und niederschwellig gehalten.

Besonders hervorzuheben ist die „Cities F*ck-up Show“: Akteur:innen aus verschiedenen Städten präsentieren darin öffentlich gescheiterte Projekte und teilen ihre Erkenntnisse daraus. Das Format unterstreicht den Anspruch der Konferenz, auch Misserfolge produktiv zu reflektieren – ein in der Kommunalwelt nach wie vor seltener Mut zur Transparenz.

Urban Future Konferenz
Foto: Kristjan Kuzmanoski

Ausgewählte Themen und Diskussionen

Tourismus und Stadtverträglichkeit

Im Panel „Tourists go home. How to distribute tourists instead“ wurde Tourismus kritisch unter die Lupe genommen. Konsens: Eine Stadt kann nur dann gut für Besucherinnen und Besucher sein, wenn sie für ihre Bewohnerinnen und Bewohner funktioniert. Als Strategien wurden räumliche Verteilung von Besucherstrom sowie gezieltes Placemaking diskutiert – mit Beispielen aus Wien und Ljubljana. Aus dem Publikum kam die grundsätzliche Frage, ob Tourismus überhaupt weiter wachsen müsse – insbesondere dort, wo der wirtschaftliche Nutzen nur wenigen zugutekommt.

Polyzentrische Stadtstrukturen

Das Panel „Building Cities of Many Centres“ beleuchtete die Herausforderung lebendiger Stadtzentren in kleinen und mittleren Städten. Stimmen aus Riga, Vilnius, Madrid und Gorizia/Nova Gorica zeigten unterschiedliche Ansätze. Riga revitalisiert Leerstand in der Altstadt zu gefördertem Wohnbau. Nova Gorica hat im Bebauungsplan verankert, dass jedes neue Mehrparteienhaus auf eigenem Grund öffentlich zugängliche Grünflächen schaffen und deren Pflege dauerhaft sicherstellen muss – ein bemerkenswertes Instrument der kommunalen Planung.

Geschlechtergerechte Stadt

Im Panel „Women changing cities. When Women lead, cities thrive“ herrschte Konsens: Dort, wo sich Frauen wohlfühlen, fühlen sich alle wohl. Nourhan Bassam von The Gendered City brachte die These ein, dass Städte nicht geschlechtsneutral, sondern Ausdruck bestehender gesellschaftlicher Machtverhältnisse sind – und damit auch durch bewusste Planung verändert werden können.

Wien als internationaler Impulsgeber

Auch die österreichische Bundeshauptstadt war präsent: Mit dem neuen Format „Vienna Connect“ feierte die Stadt Wien in Ljubljana ihre internationale Premiere. Die Teilnahme wurde durch die Internationalen Büros der Stadt Wien organisiert, angesiedelt in der WH International Services GmbH der Wien Holding. Wiener Expert:innen brachten sich in Panels zu Themen wie lebendige Stadtzentren, Kreislaufwirtschaft und Resilienz ein – darunter auch eine Debatte über geschlechtersensible Stadtplanung.

Am ersten Konferenztag organisierte Wien gemeinsam mit Advantage Austria Slowenien, der Stadtgemeinde Celje, Eurotowns und der Climate-neutral City eine Netzwerkveranstaltung, bei der neue Kooperationen angestossen wurden. Alena Sirka-Bred, Leiterin der Gruppe Europa und Internationales der Stadt Wien, betonte den hohen Mehrwert des Austauschs mit Architekt:innen, Expert:innen und Wissenschaftler:innen aus anderen Städten.

Kreislaufwirtschaft zum Angreifen: Der Circular Pizza Workshop

Eine besondere österreichische Beteiligung kam von der FH Technikum Wien: Programmleiterin Martina Ortbauer und Lektorin Christine Bertl vertraten den Masterstudiengang Environmental Management & Ecotoxicology. Im Rahmen eines Field Trips im Center Rog hielt Bertl den selbst entwickelten „Circular Pizza Brunch“-Workshop – ein interaktives, veganes Format, das nachhaltige Ressourcennutzung direkt erfahrbar macht. Die Teilnehmenden lernten, wie aus Lebensmittelresten wertvolle Ressourcen werden – anschaulich und praxisnah.

Ljubljana als Lernort

Die Gastgeberstadt selbst war ein zentrales Thema der Konferenz. Ljubljana gilt international als Vorzeigestadt für menschenfreundliche Innenstädte: Der motorisierte Verkehr wurde weitgehend aus der Altstadt verbannt, an der Ljubljanica haben Fuß- und Radverkehr Vorrang. Field Trips führten Teilnehmende u. a. zur Baustelle der Hauptbahnhofserweiterung und zum Kunst- und Kulturzentrum Rog. Geführte Fahrradtouren zeigten gelungene wie weniger gelungene Beispiele der Fahrradinfrastruktur – mit offenem Blick auf Qualitäten und Defizite.

Nächste Station: Istanbul 2027

Am Ende der Konferenz verkündeten Gerald Babel-Sutter und das Urban Future-Team den nächsten Austragungsort: Im April 2027 findet Urban Future zum ersten Mal außerhalb Europas statt – in Istanbul. Die Megacity auf zwei Kontinenten biete laut den Veranstaltern einen passenden Rahmen für Debatten über Mobilität, Resilienz, öffentlichen Raum und sozialen Zusammenhalt.

Mut als kommunale Haltung

Urban Future 2026 in Ljubljana hat gezeigt, dass die großen Fragen der Stadtentwicklung keine nationalen Grenzen kennen. Ob Tourismus, Leerstand, Grünraumversorgung oder Geschlechtergerechtigkeit – die Herausforderungen ähneln sich, die Lösungsansätze sind vielfaltig. Was Kommunen brauchen, ist neben Ressourcen vor allem eines: den Mut, auch über Misserfolge zu sprechen, voneinander zu lernen und neue Wege zu gehen.