Regen in einer Landschaft
Wenn Wasser steigt, Hänge rutschen oder Wälder brennen, zählt jede Minute. Moderne Systeme verschaffen Gemeinden entscheidende Vorwarnzeit.
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Prognosen

Katastrophenschutz wird zur Datenwissenschaft

Der Katastrophenschutz verschiebt sich von der Reaktion zur Antizipation: Drohnen erkunden Hochwasserlagen aus der Luft, Sensoren melden Glätte und Hangbewegungen, KI verdichtet Prognosen. Ein Überblick, was in Österreich schon Realität ist – und wo der Hebel weiter bei der Gemeinde liegt.

Als im September 2024 ganz Niederösterreich zum Katastrophengebiet erklärt wurde, zeigte sich beides zugleich: wie verwundbar Gemeinden gegenüber Naturgefahren sind und wie sehr sich der Katastrophenschutz in den letzten Jahren gewandelt hat. Wo früher improvisiert und mit dem bloßen Auge beurteilt wurde, kommen heute Drohnen, Sensoren, KI-gestützte Prognosen und geteilte europäische Ressourcen zum Einsatz. 

Für Gemeinden ist das zunehmend Teil der eigenen Vorsorge. Was tut sich auf diesem Gebiet und was davon ist in Österreich schon Realität?

Drohnen liefern den Blick von oben

Am sichtbarsten ist der Aufstieg der Drohne vom Spielzeug zum Standard-Lage­erkundungsmittel. Tirol betreibt über seine Landeswarnzentrale nach eigenen Angaben als erste Landesverwaltung Österreichs ein ständig einsatzbereites Drohnenkompetenzzentrum. Drei Fluggeräte, bedient von einem Team ausgebildeter Piloten, liefern hochauflösende Bilder in Echtzeit an die Einsatzleitung, sind mit Wärmebildkameras für Nachteinsätze ausgestattet und speisen ihre Aufnahmen direkt in das Lageerfassungssystem katGIS ein. Dokumentiert werden damit Felsstürze, Lawinen, Sturmschäden und Hochwasser. Ähnliche Teams entstehen bei den Feuerwehren. 

Drohne
Ein Operator aus dem 13-köpfigen Team von Drohnen-Piloten des Landes-­Warn- und Lagezentrums (LWLZ). In Tirol wird laufend geschult und auf besondere Einsatzsituationen trainiert. Foto: Land Tirol

Die Wiener Berufsfeuerwehr etwa hat mehrere Drohnenteams aufgebaut und die Landesfeuerwehrverbände haben eigene Richtlinien für den Drohneneinsatz erlassen. Der praktische Nutzen ist gerade bei Hochwasser enorm.

Wenn Bäche Holz, Geröll und Wurzelstöcke gegen eine Brücke drücken, entsteht eine Verklausung, die den Durchfluss blockiert und das Wasser in kürzester Zeit über die Ufer treten lässt. Solche Verklausungen aus der Luft zu erkennen, noch bevor sie brechen oder das Wasser umleiten, verschafft der Einsatzleitung wertvolle Minuten und hält Menschen aus gefährlichen, unübersichtlichen Bereichen heraus. 

Überschwemmung
Nach der Verklausung: Diese Brücke hielt dem aufgestauten Wasser nicht stand. Solche Engstellen lassen sich aus der Luft erkennen, bevor sie brechen. Foto: Christian - stock.adobe.com

Auch in der Waldbrandfrüherkennung werden Drohnen bereits erprobt, etwa in Versuchen des Kuratoriums für Verkehrssicherheit. Wie selbstverständlich das Mittel geworden ist, zeigt der Umfang. Allein die Tiroler Landesdrohnen stiegen 2024 rund neunzig Mal auf und beim Hochwasser im Osten Österreichs flog die Luftaufklärung des Bundesheeres regelmäßig über das Katastrophengebiet, um gefährdete Hänge und den Zustand der Infrastruktur aus der Luft zu beurteilen.

Sensoren erkennen schleichende Gefahren

Ergänzt wird die Luftaufklärung durch stationäre Sensorik, die schleichende Gefahren früher meldet, als ein Mensch sie bemerken würde. Am geläufigsten sind Straßenwetterstationen, die die Fahrbahntemperatur messen sowie Glatteis prognostizieren, bevor es sich bildet, und so den Winterdienst gezielt auslösen. Dasselbe Prinzip kommt zunehmend bei Naturgefahren zum Einsatz. Messketten überwachen die Bewegung rutschgefährdeter Hänge, Pegel und Niederschlagsmesser hängen an automatischen Warnschwellen und in Wildbächen erfassen Anlagen den Geschiebetrieb. 

Ein Teil dieser Überwachung stammt aus der Wildbach- und Lawinenverbauung, die kritische Gräben und Hänge mit Geomonitoring im Blick behält. Was diese Sensoren verbindet, ist der Übergang vom Reagieren zum Antizipieren. Nicht der Schaden wird dokumentiert, sondern der Weg dorthin wird rechtzeitig sichtbar gemacht.

KI soll Warnungen präziser machen

Den größten Sprung verspricht die Verknüpfung dieser Datenströme mit künstlicher Intelligenz. Die 2023 aus ZAMG und Geologischer Bundesanstalt fusionierte GeoSphere Austria bündelt in ihrem RiskLab die datengestützte Vorhersage von Wetter-, Klima- und Naturgefahren und arbeitet dabei zunehmend an wirkungsbasierten Warnungen, die nicht nur sagen, wie viel Regen fallen wird, sondern was das konkret für ein Gebiet bedeutet. Dazu gehören der Ausbau von Prognosen für Unwetter, Hochwasser und Rutschungen ebenso wie eine im Aufbau befindliche nationale Schaden- und Ereignisdatenbank, aus der die Modelle lernen sollen. 

Nach der Erfahrung von 2024 und der Häufung von Waldbränden ist genau diese Kopplung von Klimamodellierung, Sensorik und Frühwarnung zum zentralen Innovationsfeld geworden. Der Reiz liegt darin, aus vielen vergangenen Ereignissen zu lernen und die Prognose dorthin zu bringen, wo bislang Erfahrung und Bauchgefühl entscheiden mussten, ohne dabei falsche Sicherheit zu erzeugen.

Hightech gegen Steinschlag

Dass Innovation nicht immer digital sein muss, zeigt ein Projekt aus der Obersteiermark, das über die Region hinaus Beachtung gefunden hat. Die Landesstraße L127 ist die ­einzige Verbindung in die Gemeinde Radmer und ein bröckelnder Hang bedrohte diese Lebensader mit regelmäßigem Steinschlag. Herkömmliche Schutznetze stießen an ihre ­Grenzen, weil sie gerade die kleinen, schnellen Steine nicht zuverlässig abfingen und weil der Platz fehlte.

Das Grazer Ingenieurbüro IKK Group entwickelte im Auftrag des Landes eine Lösung, die Bautechnik mit Hochtechnologie verbindet: Stahlbetonstützen mit auskragenden Trägern überbauen die Straße und tragen ein Schutznetz, das durch ein hochfestes Aramid-Gewebe ergänzt wird. Aramid ist jenes reißfeste Material, aus dem auch Schutzwesten bestehen, und es fängt selbst kleinste Steine ab, die klassische Netze durchschlagen. 

Vor der Umsetzung wurde die Schutzwirkung mit computergestützten Simulationen und Belastungstests nachgewiesen, gebaut wurde in Fertigteilbauweise, um die Sperrzeiten der ohnehin einzigen Zufahrt kurz zu halten. 

Das Projekt wurde 2025 für den Staatspreis Consulting nominiert und seine Botschaft ist für viele Berggemeinden dieselbe: Wo die Wahl darin besteht, entweder auf einen Stahlschutz zu vertrauen und zu hoffen, dass nichts Großes herunterkommt, oder die Erreichbarkeit ganz aufzugeben, kann maßgeschneiderte Ingenieurskunst eine Gemeinde am Netz halten.

Hangwasser beginnt abseits der Flüsse

Ein oft unterschätztes Risiko, das fast jede Gemeinde betrifft, ist das Hangwasser. Bei Starkregen schießt Wasser über freie Flächen zu Tal, sammelt sich in Tiefenlinien und trifft Siedlungen, die weit weg von jedem Fluss liegen und sich deshalb in Sicherheit wähnten.

Michael Stur, Bürgermeister von Weyregg am Attersee und einer der profiliertesten Fachleute für Naturgefahren, verweist seit Jahren darauf, dass sich dieses Risiko mit vorausschauender Planung entschärfen lässt, oft mit baulichen Maßnahmen geringen Umfangs. 

Die Werkzeuge dafür werden besser: Hangwasserhinweiskarten zeigen inzwischen, wo das Wasser bei Extremregen hinfließt, und geben Gemeinden eine Grundlage für Widmung und Bebauung. In Oberösterreich etwa können Schutzprojekte über ein Förderprogramm mitfinanziert werden, bei dem rund achtzig Prozent der anerkannten Kosten von der öffentlichen Hand getragen werden und die Gemeinde die restlichen zwanzig Prozent beisteuert. Der Hebel liegt hier eindeutig bei der Gemeinde selbst, denn wer Tiefenlinien freihält, Versiegelung begrenzt und Abflusswege nicht verbaut, verhindert Schäden, bevor sie entstehen.

Warnsysteme werden für Gemeinden zugänglich

Parallel dazu ist eine ganze Landschaft an Informations- und Warnwerkzeugen entstanden, die früher Fachleuten vorbehalten war und heute öffentlich zugänglich ist. 

Die öffentlich zugängliche Naturgefahrenplattform HORA zeigt Risikokarten zu Überflutung, Sturm und weiteren Gefahren, GeoSphere Austria betreibt ein mehrstufiges Warnsystem für Unwetter und mehrere Länder öffnen ihre hydrologischen Messdaten im Netz. 

Über Portale wie das bundesweite ehyd oder das Tiroler Hydro Online sind Pegel, Niederschlag und Grundwasserstände heute nahezu in Echtzeit einsehbar, nicht nur für Fachleute, sondern für jede Amtsleitung. 

Naturgefahrenplattform HORA
Die öffentlich zugängliche Naturgefahrenplattform HORA zeigt Risikokarten zu Überflutung, Sturm und weiteren Gefahren.

Hinzu kommen Programme, die für einzelne Städte und Gemeinden Hochwasserverläufe simulieren und so zeigen, welche Straßenzüge zuerst unter Wasser stehen. Zur Alarmierung der Bevölkerung dient neben den Sirenen inzwischen auch AT-Alert, das Warnungen direkt auf das Handy in einem betroffenen Gebiet schickt. Und weil ein großflächiger, länger andauernder Stromausfall alle diese Systeme zugleich treffen würde, gehört die Vorsorge für ein solches Blackout mittlerweile zum Pflicht­programm kommunaler Krisenplanung.

Europa teilt Ressourcen für den Ernstfall

Was eine einzelne Gemeinde oder auch ein Bundesland nicht allein stemmen kann, fängt zunehmend die europäische Ebene ab. Über das EU-Katastrophenschutzverfahren und die Reserve rescEU teilen sich die Mitgliedstaaten Löschflugzeuge, Hubschrauber und Vorräte. 

Für die Waldbrandsaison 2025 umfasste die gemeinsame Flotte aus rescEU und dem europäischen Katastrophenschutzpool 22 Löschflugzeuge und mehrere Hubschrauber, dazu waren im Hochsommer rund 650 Feuerwehrleute aus vierzehn Ländern an besonders gefährdeten Standorten in Südeuropa vorpositioniert. 

Die EU finanziert überdies den Aufbau neuer Löschflugzeuge für die kommenden Jahre. Österreich profitiert von dieser Solidaritätslogik in beide Richtungen: als möglicher Empfänger von Hilfe und als Land, das im Ernstfall selbst Kräfte entsendet. Für ein kleines Land mit begrenzten Spezialgeräten ist dieser geteilte Pool oft der Unterschied zwischen einem beherrschbaren und einem übermächtigen Ereignis, auch wenn die Anforderung solcher Hilfe immer über Bund und Länder läuft und nicht von der einzelnen Gemeinde ausgeht.

Mehr Vorwarnzeit, aber keine Vorsorge ohne Menschen

So unterschiedlich diese Neuerungen sind, sie laufen auf denselben Punkt zu: Der Katastrophenschutz verschiebt sich von der Reaktion auf das Ereignis hin zu seiner Antizipation, von der Bewältigung des Schadens hin zu seiner Vermeidung. 

Für Gemeinden ist das eine gute Nachricht, aber keine bequeme. Denn Technik nimmt niemandem die Vorsorge ab. Eine Drohne muss geflogen, ein Sensor gewartet, eine Warnung verstanden und in eine Entscheidung übersetzt werden, und die wirksamste Prävention bleibt oft die unspektakuläre Raumplanung, die gefährdete Flächen gar nicht erst verbaut. 

Die Innovationen der letzten Jahre geben den Verantwortlichen im Ort mehr Werkzeuge und mehr Vorwarnzeit als je zuvor. Was sie daraus machen, entscheidet sich weiterhin vor Ort. 

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