Symboldarstellung des demographischen Wandels
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Der demographische Wandel und seine Effekte auf regionale Arbeitsmärkte in Österreich

Der demographische Wandel rückt auch in Österreich immer stärker in den Fokus von Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Schon innerhalb des nächsten Jahrzehnts wird er besonders den ländlichen Raum verändern.

Fast überall (außer in den Städten und im Wiener Umland) wird die Zahl der 20- bis 64-Jährigen schon bis 2030 stark rückläufig sein; die Zahl der über 64-Jährigen wird dagegen bis 2030 in den meisten Regionen um rund ein Drittel ansteigen (vgl. Abbildung 1). Und dabei wird es erst nach 2030 richtig problematisch. Der Abhängigkeitsquotient (d. h. die Zahl der Kinder und der PensionistInnen als Prozentsatz der Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter) wird in vielen Regionen bis 2050 auf über 100 % steigen. Nur die Städte werden vom demographischen Wandel halbwegs verschont bleiben. Den geringsten Abhängigkeitsquotienten wird im Jahr 2050 der 5. Wiener Bezirk aufweisen (61 %).

Bevölkerungswachstum der 20 - 64-Jährigen

Bevölkerungswachstum der über 64-Jährigen
Abbildung 1: Alterung der Bevölkerung in Österreich bis 2030, Quelle: ÖROK-Regionalprognose 2018, Darstellung des IHS

Demographie und Arbeitsmarkt

Die Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden rasch deutlich spürbar sein. Dabei ist die Fachkräftesituation vielerorts schon heute angespannt. Gerade in den westösterreichischen Bundesländern, aber auch in vielen Teilen Niederösterreichs, herrscht nahezu Vollbeschäftigung und die Schwierigkeiten, offene Stellen zu besetzen, steigen.

Zwar wird der Begriff „Fachkräftemangel“ oft allzu leichtfertig für generelle oder anders gelagerte Probleme bei der Suche nach Arbeitskräften verwendet; in manchen Branchen muss aber tatsächlich inzwischen von einem Fachkräftemangel gesprochen werden (siehe z. B. die IHS-Studie von Fink et al., 2015). Wurde dieser vor einigen Jahren noch im Wesentlichen bei IngenieurInnen und InformatikerInnen vermutet, sind es heute auch alle Arten von handwerklichen Tätigkeiten, die die Mangelberufslisten füllen, vom Tourismus ganz zu schweigen.

In Oberösterreich reicht der Mangel von den AnstreicherInnen bis zu den ZuckerbäckerInnen. Unglücklicherweise werden es gerade die heute schon angespannten Regionen sein, in denen sich die Alterung am schnellsten fortsetzen wird. Im Westen wird also das Erwerbspersonenpotential bald ausgehen, während der Osten noch aus der höheren Arbeitslosigkeit und der hohen Zuwanderung ins Wiener Umland zehren kann.

Ökonomische Folgen des demographischen Wandels

Ist diese Situation aus ökonomischer Sicht bedenklich? Nicht unbedingt. Regionen, in denen die Sterberate die Geburtenrate übersteigt, werden – wenn nicht ein positiver Migrationssaldo die Lücke füllen kann – bald anfangen zu schrumpfen. Das ist zwar mit schwierigen Fragen der regionalen Daseinsvorsorge verbunden, wenn kritische Infrastruktur nur noch für eine Handvoll Menschen aufrechterhalten werden muss.

Grundsätzlich ist eine solche Konsolidierung aber nicht dramatisch, solange der Wohlstand pro Kopf nicht sinkt. Eine alternde Gesellschaft ist also bis zu einem gewissen Grad ökonomisch unbedenklich, wenn der Produktivitätsfortschritt groß genug ist.

Auch ist der Fachkräftemangel oft nur eine Frage der Allokation: Die Fachkräfte fehlen ja nicht grundsätzlich, aber die Menschen müssen durch attraktive Bezahlung motiviert werden, in diesen Bereichen tätig zu werden bzw. sich in den betreffenden Bereichen aus- oder fortzubilden. Wenn das regionale Fachkräfteangebot sinkt, dann erhöht das die Verhandlungsbasis der Arbeitenden, und die Unternehmen müssen entweder höhere Löhne anbieten oder aus dem Markt ausscheiden.

Natürlich ist es aus individueller Sicht zweifellos tragisch, wenn ein Betrieb aufgeben muss. Wenn er aber zu den Preisen, die er zahlen kann, keine Arbeitskräfte mehr findet, dann ist das keineswegs Ausdruck eines Marktversagens, sondern – im Gegenteil – ein Zeichen dafür, dass die Fachkräfte anderswo produktiver eingesetzt werden können und aus gesamtwirtschaftlicher Sicht auch sollten.

Also gibt es kein Problem? Doch. Denn an ein Schrumpfen oder eine Konsolidierung der Bevölkerung ist in Österreich gar nicht zu denken. Bis Ende des Jahrhunderts wird sich die Bevölkerungszahl wohl sogar der 10-Millionenmarke annähern.

Die Abbildung unten zeigt, dass auch die ländlichen Regionen insgesamt nicht schrumpfen werden. Im Jahr 2050 wird immer noch der Großteil der Menschen in Österreich im ländlichen Raum leben (schwarze, gepunktete Linie), auch wenn der Anteil der Stadtbevölkerung natürlich stark zulegen wird (schwarze, durchgezogene Linie). Das eigentlich Dramatische ist der Rückgang der Erwerbsbevölkerung (grüne Kurven) im nicht-städtischen Raum und die Zunahme des Anteils der älteren Bevölkerung (graue Kurven).

Bevölkerungsprognose bis 2050
Abbildung 2: Bevölkerungsprognose bis 2050, Quelle: ÖROK-Regionalprognose 2018, Darstellung des IHS.

Die oben skizzierte Konsolidierung findet also nicht statt. Die Bereitstellung öffentlicher Güter muss nicht nur aufrechterhalten, der Umfang der öffentlichen Güter muss sogar noch vergrößert werden und die Kosten werden – aller Voraussicht nach – aufgrund der demographischen Veränderungen und den daraus entstehenden höheren Anforderungen an die Qualität der öffentlichen Güter sogar steigen.

Insofern ist es sehr wohl problematisch, wenn die österreichische Volkswirtschaft im Jahr 2050 mit 5 % weniger Personen im erwerbsfähigen Alter genug erwirtschaften muss, um eine um 9 % gewachsene Bevölkerungszahl nicht nur zu erhalten, sondern idealerweise sogar mit einem stetig wachsenden Pro-Kopf-Wohlstand auszustatten. Ausreichend wirtschaftliche Aktivität zu ermöglichen und die Produktivität zu erhöhen sind also mit die Kernaufgaben bei der Bewältigung des demographischen Wandels, neben der Sicherstellung der Nachhaltigkeit sozialer Systeme.

Und diese Aufgabe muss politisch auf der Ebene des Bundes gelöst werden und darf nicht den Regionen umgehängt werden. Selbstverständlich braucht es auch die Unternehmen, die Produktivitätsgewinne generieren können, oder LokalpolitikerInnen mit guten Ideen um einer alternden Gesellschaft zu begegnen.

Vielerorts – vor allem in (Ost-)Deutschland, wo das Problem schon viel fortgeschrittener ist und wo die Bevölkerungszahl auch tatsächlich empfindlich schrumpfen wird oder schon geschrumpft ist – werden auf lokaler Ebene Konzepte diskutiert, mit denen insbesondere der ländliche Raum attraktiver gemacht werden soll. Darunter sind dann oft Vorschläge wie Telemedizin, virtuelle Schulen, Rufbusse, rollende Supermärkte usw.

Viele dieser Ideen mögen helfen, die Auswirkungen des demographischen Wandels vor Ort erträglicher zu machen, aber nichts davon wird nachhaltigen Erfolg zeitigen, wenn es um die Frage der Finanzierung öffentlicher Güter oder der Sozialsysteme geht. Sofern also nicht substantielle Produktivitätsfortschritte erzielt werden, mit denen ein/e Erwerbsfähige/r statistisch in die Lage versetzt wird, nicht nur sich selbst, sondern noch ein bis zwei Nichterwerbsfähige zu unterhalten, sind Lösungen gefragt, die die Abhängigkeitsquotienten spürbar nach unten bringen. Die Lösungsvorschläge sind nicht beliebt, aber sie liegen auf der Hand:

Maßnahmen zur Kompensierung des demographischen Wandels

Erstens muss die (tatsächliche) Lebensarbeitszeit der Erwerbstätigen steigen. Die Verlängerung kann an beiden Enden der Erwerbsphase vorgenommen werden: Am unteren Ende kann man versuchen, junge Menschen früher in die Erwerbstätigkeit zu bringen.

Eine Straffung der im internationalen Vergleich hohen Studienzeiten in Österreich könnte hier eine Maßnahme sein. Möglich wäre das durch individuelle Sanktionierung (z. B. steigende Studiengebühren), aber auch durch eine Neustrukturierung der Hochschulfinanzierung, die sich weniger als bisher an der Zahl der Inskriptionen ausrichtet. Aber vor allem am oberen Ende der Erwerbsphase kann noch gedreht werden: Natürlich ist das Pensionsantrittsalter in Österreich bereits jetzt so hoch, dass viele Menschen in den Jahren vor der Pensionierung am Arbeitsmarkt Probleme haben. Das wird sich aber angesichts der demographischen Entwicklung rasch ändern, da die Arbeitskräfteknappheit ein Umdenken bei den Unternehmen verursachen wird. Im OECD-Vergleich erfolgt der Pensionsantritt in Österreich jedenfalls relativ früh.

Angesichts einer in den letzten Jahrzehnten stark gestiegenen Lebenserwartung wäre es folgerichtig, wenn sich die Lebensarbeitszeit entsprechend mitentwickeln würde. Das kann natürlich nur etappenweise erfolgen, um die heranwachsenden Kohorten mitzunehmen und sie durch entsprechende arbeitsmarkt- und bildungspolitische Flankierung für ein längeres Erwerbsleben fit zu machen. Auch wird das nicht in allen Sektoren möglich sein. Eine durchschnittliche Erhöhung des Pensionsantrittsalters würde aber durch die verringerten Bezugsdauern die Pensionskassen entlasten und zugleich die Fachkräftesituation entspannen.

Die Angleichung des Antrittsalters der Frauen an das der Männer war ein längst überfälliger Schritt. Maßnahmen zur Erhöhung der in Österreich statistisch besonders schlechten Gesundheit Älterer sind ebenfalls nötig. Während z. B. in Schweden die Hälfte aller 55- bis 69-Jährigen den eigenen Gesundheitszustand als exzellent oder sehr gut einschätzt, sind es in Österreich nur zwischen 35 und 40 % (Daten aus der SHARE-Erhebung).

Frauenerwerbsquote sollte steigen

Zweitens sollte – neben der Erhöhung der Lebensarbeitszeit aller Personen in Österreich – die Frauenerwerbsquote steigen. Überraschenderweise gibt es sogar in den jüngeren Kohorten noch beträchtliches Potential. Obwohl Erziehungskarenzen als erwerbstätige Zeit gelten, liegt die Erwerbsbeteiligung der Frauen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren um rund acht Prozentpunkte unterhalb jener der Männer.

Diese stille Reserve könnte durch familienpolitische Maßnahmen und vor allem durch einen Ausbau der Kindertagesbetreuung (vor allem am Land) aktiviert werden. Hier sind auch die Gemeinden gefordert. Allein eine Umverteilung der Erziehungslasten auf beide Partner (z. B. durch die Einführung der Väterkarenz) erscheint zwar gesellschaftspolitisch wünschenswert, erhöht aber das Arbeitskräfteangebot nicht.

Jugendarbeitslosigkeit ist zu hoch

Drittens schlummern wertvolle Reserven bei den Jugendlichen. Zwar steht Österreich im europäischen Vergleich der Jugendarbeitslosenquote gut da; fast 10 % sind aber trotzdem inakzeptabel.

Gerade in dieser Kohorte muss der Anspruch sein, jede/n zeitnah in den Arbeitsmarkt zu integrieren; schon allein, um die am oberen Ende der Altersskala wegfallenden Arbeitskräfte zu ersetzen. Die eingeführte Ausbildungspflicht mag die Zahl der BildungsabbrecherInnen und der NEETS („Not in Education, Employment, or Training“) verringern können; ob sie aber auch Anreize schafft, schnell und zielstrebig in das Erwerbsleben einzusteigen, muss sich erst herausstellen. Idealerweise müssen Bildung und Arbeitsmarkteinstieg in Österreich noch besser verknüpft werden, qualifikatorisch und organisatorisch.

Zuwanderung löst Probleme nicht

Viertens sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass selektive Zuwanderung die Lösung der Probleme sein kann. Natürlich wird es auch in Zukunft Zuwanderung nach Österreich geben; sie ist der Grund dafür, dass die Bevölkerungszahl trotz Alterung weiter steigen wird. Aber Migration strömt niemals dorthin, wo die größten Probleme sind, sondern dorthin, wo die größten Chancen liegen!

Die Hoffnung, dass die Mangelberufslisten so etwas wie globale Stellenausschreibungen sind und dass sich ZuckerbäckerInnen aus aller Welt mit ihren Rot-Weiß-Rot-Karten schon bald auf den Weg in den ländlichen Raum machen werden, ist viel zu optimistisch. Das Sehnsuchtssystem mancher Parteien – ein Punkteschema wie in Kanada oder Australien zur zielsicheren Unterscheidung in gewollte und weniger gewollte Migration – funktioniert nicht einmal in Kanada oder Australien. Wie immer, wenn planwirtschaftliche Instrumente zum Einsatz kommen, sind schwerwiegende Mismatches am Arbeitsmarkt die Folge.

Am Ende besteht die Gefahr, dass MigrantInnen trotzdem arbeitslos oder weit unter ihrer Qualifikation beschäftigt sind und die offenen Stellen weiter unbesetzt bleiben. Das heißt nicht, dass eine Reform der Rot-Weiß-Rot-Karten nicht sinnvoll wäre, aber man darf sich von ihr keine Lösung der demographischen Probleme des ländlichen Raumes erwarten.

Fazit

Die Lösung des demographischen Problems muss also von innen kommen. Und sie braucht ein entschlossenes Handeln der Bundespolitik, um das Arbeitskräftepotential langfristig zu erhöhen und besser auszuschöpfen. Die Schlüssel dafür sind vor allem in Pensions-, Arbeitsmarkt- und Bildungspolitik zu finden. Die betroffenen Regionen sind auf diese Zuarbeiten angewiesen; sie selbst können lediglich versuchen, möglichst kreativ auf die entstehenden Herausforderungen zu reagieren.

Regionalpolitik und Regionalförderung helfen ihnen dabei und sind daher weiterhin wichtige Instrumente bei der Bewältigung der lokalen Auswirkungen des demographischen Wandels, aber sie sind bei weitem nicht genug. Der demographische Wandel ist keine Aufgabe, die allein auf regionaler Ebene oder in den Betrieben gelöst werden kann.