„Wenn dieser Egoismus, den wir heute in unserer Gesellschaft erleben, stärker wird, wird es immer schwieriger werden, Kommunen zu führen.“ Michael Obermoser missfällt, wie sich der zwischenmenschliche Umgang entwickelt.
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Der Ortschef, der das Miteinander schätzt
Zu Wald im Pinzgau gehören der Hauptort im Salzachtal im Oberpinzgau und das Feriendorf Königsleiten am Berg. In letzterem ist Michael Obermoser aufgewachsen, ist Hotelier, war beinahe 20 Jahre Landtagsabgeordneter und ist seit 2013 Bürgermeister. Er setzt auf Hauptwohnsitze, verlangt Selbstbeteiligung, kämpft gegen Muren und wünscht sich vor allem eines: dass wieder miteinander statt übereinander geredet wird.
Zur Gemeinde Wald im Pinzgau gehören zwei sehr unterschiedliche Teile: der gewachsene Hauptort im Salzachtal und das Feriendorf Königsleiten, rund zehn Kilometer entfernt auf etwa 1.600 Metern.
Als die Eltern von Michael Obermoser 1969 hinauf nach Königsleiten zogen, war dieses Dorf gerade erst im Entstehen. Viele Spielmöglichkeiten gab es dort für einen Buben nicht, also half der 1967 in Radstadt Geborene im Lebensmittelgeschäft seiner Mutter mit und füllte Äpfel in Kilosäcke. Was heute als Kinderarbeit verboten wäre, war für ihn damals ein schöner erster Verdienst. Die Familie hatte hier von Anfang an ihren Hauptwohnsitz, seither ist Obermoser stolzer Walder und Königsleitner.
Sein Vater gründete die Skischule Königsleiten und daneben eine Bier- und Weinstube, den legendären „Sportlerkeller“. Aus der Gastronomie wurde schließlich ein Beherbergungsbetrieb, das Stammhaus der Familie, die „Pinzgauer Höhe“, und 1989 kaufte der Vater von Obermoser und seinen Brüdern das Hotel Königsleiten.
Wald liegt gemeinsam mit Krimml am Westende des Pinzgaus, an der Grenze zu Tirol. Hier entspringt die Salzach, die Gemeinde mit ihren 1.264 Einwohnern gehört zur Nationalparkregion Hohe Tauern. Königsleiten wurde am Reißbrett geplant, auch um im Oberpinzgau die Bauwirtschaft zu beleben.
Vorgesehen waren laut Obermoser 3.000 Betten, die Hälfte in einheimisch geführten Betrieben, die andere Hälfte als Zweitwohnungen zur Finanzierung. Doch Immobilienhändler erkannten, dass mit dem Wohnungsverkauf deutlich schneller Geld zu machen war. Heute stehen nach Obermosers Rechnung rund 1.500 gewerblichen Betten an die 4.500 Zweitwohnungsbetten gegenüber.
Verurteilen will er das im Rückblick nicht. „Wir sind alle Kinder unserer Zeit“, sagt er. Bis in die Neunzigerjahre sei die Entwicklung ein Segen gewesen, von dem Bauwirtschaft, Seilbahnen, Skischulen und Hotellerie profitierten. Heute, sagt Obermoser klar, gebe es genug Betten. Neue sollen nur entstehen, wenn Einheimische mit Hauptwohnsitz sie führen.
Eine Gemeinde braucht Hauptwohnsitze
Eine Gemeinde brauche Menschen, die bei der Feuerwehr mitarbeiten, in der Musikkapelle spielen oder eine Wassergenossenschaft führen. Gäste aus dem Ausland seien herzlich willkommen. Aber: „In Führungspositionen und in Gestaltungspositionen in einer Kommune müssen Leute sein, die hier ihren Lebensmittelpunkt haben.“ Mit vielen Zweitwohnungseigentümern ist der Hotelier befreundet. Trotzdem gilt für ihn: „Langfristig betrachtet kann eine Gemeinde nur mit Hauptwohnsitzern funktionieren, die ihren Lebensmittelpunkt hier haben.“ Im Alltag stört die Abwesenheit der zahlreichen Nebenwohnsitzer wenig, auch wegen der räumlichen Trennung von Tal und Berg.
Über die Wirtschaft in die Politik
Zur Politik kam Obermoser über die Wirtschaft. Als Jungunternehmer trat er dem Wirtschaftsbund bei und wurde bald Ortsobmann. Mit 17 Mitgliedern unter sich habe er sich damals wie der mächtigste Mann der Welt gefühlt, erzählt er mit Selbstironie. Recht bald kam er aber drauf, dass die anderen vor allem dankbar waren, weil jetzt ein anderer die Arbeit machte.
Obermosers erste Aktion war ein Postwurf mit dem Aufruf „Fahr nicht fort, kauf im Ort“. Prompt beschwerten sich einige beim Vater, wie sich der Bub das Einkaufen beim teuren Metzger und Bäcker vorstelle. Für den jungen Ortsobmann war das ein Zeichen, einen wunden Punkt getroffen zu haben, und ein Ansporn, sich für die Menschen in der Region einzusetzen.
1995 zog er in die Gemeindevertretung ein und 2004 in den Salzburger Landtag, dem er 19 Jahre lang angehörte. „Als ich in den Landtag gekommen bin, war ich zuvor schon zehn Jahre in der Gemeindestube.“ 2013 wurde Obermoser Bürgermeister, seit 2024 ist er auch Bezirksbürgermeister des Pinzgaus. „Ich sehe diese beiden Institutionen als Partner, die sich gegenseitig stützen und unterstützen müssen.“ Vom Land wünscht er sich lesbare Gesetze, umsetzbare Vorgaben und einen gut dotierten Gemeindeausgleichsfonds.
Sparsam wirtschaften, gemeinsam finanzieren
Finanziell steht Wald gut da. Mit seinem Amtsleiter ist der Ortschef befreundet, die zwei haben ein gutes Einvernehmen und verfügen beide über eine kaufmännische Ausbildung. Gemeinsam haben sie sparsam gewirtschaftet und Schulden getilgt.
„Damit eine Gemeinde Geld hat, muss der Bürgermeister damit vorsichtig umgehen, sparsam sein. Und das ist oft unsympathisch“, weiß Obermoser. „Wenn irgendjemand etwas braucht, frage ich darum auch immer: Was ist deine Selbstbeteiligung? Was zahlst du davon?“ Die Feuerwehr beispielsweise trage je nach Anschaffung bis zu einem Viertel selbst. „Alles, was nix kostet, ist nix wert“, sagt er. Was man geschenkt bekomme, werde selten geschätzt. Wer dagegen etwas beitrage, wisse auch, was er daran hat.
Ein Hallenbad mit mehrfachem Nutzen
Dass Qualität ihren Preis hat, sieht man in Wald am Kristallbad Wald-Königsleiten. Als eine der wenigen Salzburger Gemeinden leistet sich Wald ein eigenes Hallenbad. Gewinn macht es keinen, ein großes Defizit aber auch nicht; für die Instandhaltung schießt die Gemeinde zu. Ein Zuschuss, der sich lohnt: Im selben Komplex sind auch ein Friseur, ein Physiotherapeut, Gastronomie und eine Kleinkindbetreuung untergebracht. Die Bürgerinnen und Bürger haben also gleich mehrfach etwas davon.
Gerade an solchen Einrichtungen zeigt sich, dass eine Gemeinde anders rechnen muss als ein Unternehmen. „Eine Kommune finanztechnisch zu führen, ist ganz etwas anderes als ein Betrieb“, erzählt der Ortschef. Als Gemeinde stehe man ständig unter Druck, etwas zu errichten. Die oft überbordenden Vorschriften würden zum permanenten Modernisieren und Erneuern zwingen, und das gehe ins Geld. Manchmal müsse man auch sagen dürfen, dass die Schule noch ein paar Jahre gut ihren Dienst tue.
Wenig Platz, große Naturgefahren
Die größte Herausforderung an die Gemeinde stellt aber ohnehin die Natur dar. Wald im Pinzgau ist vom Klimawandel stark betroffen, Muren und Hochwasser kehren immer wieder. Im August 2021 gingen mehrere Muren ab und vermurten den Bereich Vorderkrimml. Manche plädieren dafür, Häuser in solchen Gefahrenzonen aufzugeben und die Bewohner umzusiedeln. Im flachen Land mag das gehen, sagt Obermoser, in Wald aber nicht. Der Talboden sei kaum einen Kilometer breit, links und rechts stehe der Berg. Wohin also mit den Menschen? Die Verbauung der Wildbäche und Gräben ist Obermoser deshalb ein großes Anliegen, damit Hauptwohnsitze und Arbeitsplätze erhalten bleiben.
Vereine und Beteiligung stärken das Dorf
Ebenso wichtig sind ihm die Vereine: „Die Vereine sind der Kick einer Dorfgemeinschaft.“ Obermoser ist selbst Feuerwehrmann. „Wenn die Vereine gut organisiert sind, dann sind selbst in kleinen Gemeinden Hunderte Leute dabei.“ In Wald seien es rund 900, Doppelmitgliedschaften eingerechnet. Für mehr Zusammenkommen sorgt auch die Zukunftsschmiede, ein Beteiligungsformat im Rahmen des Landesprogramms „Zukunftsraum Gemeinde“, an dem laut Obermoser rund 600 Menschen mitwirkten. Herausgekommen sind unter anderem ein großteils spendenfinanzierter Calisthenics-Park, ein Seniorenprojekt, ein Jugendraum und ein erster Flohmarkt.
Im Gespräch mit KOMMUNAL erzählt Obermoser auch, worunter er oft leidet: dem immer raueren Umgangston in der Gesellschaft. „Wir haben das Miteinanderreden verlernt. Wir reden übereinander, aber nicht mehr miteinander.“ Seine Eltern hätten ihm mitgegeben, dass man nur miteinander und durch Solidarität etwas bewegen könne.
„Der Egoismus in unserer Gesellschaft macht mich manchmal sehr traurig.“ Früher habe man eine andere Meinung stehen lassen. Heute heiße es oft: „Wenn du nicht meiner Meinung bist, dann mag ich dich nicht. Dann gehörst du bekämpft.“ Das missfällt ihm auch in manchen Bereichen der Politik: „Wenn verschiedene Parteien oft nur noch mit Denunzierungen und mit Niedermacherei Applaus bekommen, dann ist das einfach nicht meine Welt.“ Auch für die Gemeinden sieht er darin eine Gefahr, denn „wenn dieser Egoismus, den wir heute in unserer Gesellschaft erleben, stärker wird, wird es immer schwieriger werden, Kommunen zu führen“.
Wie Miteinander praktisch geht, zeigt sein nächster Termin. Unmittelbar nach dem Interview steht eine Verhandlung mit den Bundesforsten und der Nachbargemeinde Krimml auf Obermosers Kalender: „Es geht um die Errichtung eines Notwegs, um unsere Krimmler Nachbarn bei Hochwasser erreichen zu können.“
Michael Obermoser
Alter: 58
Gemeinde: Wald im Pinzgau
Einwohnerzahl: 1.264
Bürgermeisterin: September 2013
Partei: ÖVP