Neue Geldausgabegeräte sollen Versorgungslücken schließen. Doch für viele Gemeinden braucht es mehr als freiwillige Zusagen.
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Der letzte Bankomat im Dorf
Seit Jahren wird das Bargeld für tot erklärt, und seit Jahren zeigt sich in den Gemeinden das Gegenteil: 78 Prozent der österreichischen Bürgermeisterinnen, Bürgermeister und Amtsleiter halten es weiterhin für wichtig. Eine repräsentative Studie im Auftrag der Geldservice Austria (GSA) macht aber auch klar, wo das eigentliche Problem liegt: nicht in der Nachfrage, sondern in der Fläche. 36 Prozent der Gemeinden haben keine eigene Bankfiliale mehr, 15 Prozent keinen Bankomaten.
Seit gut zwei Jahrzehnten wird das Bargeld beerdigt, mit schöner Regelmäßigkeit und im Brustton der Überzeugung. Jedes Jahr ein neues Ablaufdatum, jedes Jahr dasselbe Ergebnis: Der Patient zahlt weiter bar.
Anfang September hat die Geldservice Austria (GSA), eine hundertprozentige Bargeld-Tochter der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), in ihrem Wiener Mastercash-Center eine Studie vorgestellt, die zeigt, warum diese Diagnose gerade für die österreichischen Gemeinden gründlich danebenliegt. Und sie zeigt zugleich, worin das eigentliche Problem besteht. Es ist nämlich nicht das Bargeld, das aus den Gemeinden verschwindet. Es ist die Infrastruktur drumherum.
Mehrheit findet Bargeld wichtig
Das Trendforschungsinstitut Pitters Trendexpert hat im Auftrag der GSA zwischen Februar und April 205 Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger in österreichischen Gemeinden befragt, Bürgermeisterinnen und Bürgermeister zu 44 Prozent, Amtsleiterinnen und Amtsleiter zu 38 Prozent, der Rest in sonstiger Funktion. Das entspricht rund zehn Prozent aller Gemeinden des Landes, über alle Bundesländer und Ortsgrößen verteilt, methodisch also solide genug, um daraus mehr als eine Stimmungslage abzuleiten.
Studienautor Harald Pitters bringt das zentrale Ergebnis auf den Punkt: 44 Prozent der Befragten finden Bargeld in ihrer Gemeinde sehr wichtig, weitere 34 Prozent eher wichtig. Macht 78 Prozent. Für mehr als 40 Prozent ist die Bargeldversorgung sogar ein Schlüsselthema der Gemeindepolitik, nicht bloß eine Randnotiz zwischen Kanalsanierung und Kindergartenausbau.
Wo das Bargeld tatsächlich fehlt
Wer nachfragt, warum das so ist, bekommt keine nostalgische Antwort, sondern eine sehr konkrete:
- 98 Prozent der Befragten halten Bargeld für Vereine, Märkte und Veranstaltungen für unverzichtbar. 89 Prozent sehen es als wirtschaftlich bedeutsam für lokale Klein- und Mittelbetriebe.
- 87 Prozent nennen es eine wichtige Absicherung bei Cyberattacken und Systemausfällen, ebenso viele halten es für sozial schwächere Bevölkerungsgruppen für besonders wichtig.
Das ist die Liste der Gründe, aus denen ein Dorfwirt, ein Kirtag-Standler oder eine Blasmusikkapelle nach wie vor eine Geldbörse braucht und keine Zahlungs-App. Und es ist zugleich eine Liste, die mit der Realität der Bargeldinfrastruktur zunehmend in Widerspruch gerät.
36 Prozent der Gemeinden haben keine eigene Bankfiliale mehr, 15 Prozent keinen Bankomaten. Als größte Hindernisse nennen die Befragten in dieser Reihenfolge die Schließung von Bankfilialen und den Abbau von Bankomaten, mit weitem Abstand vor allen anderen Gründen. Von mangelnder Nachfrage der Bevölkerung, die man ja vermuten könnte, ist in den Antworten so gut wie nichts zu lesen.
Gutes Geschäft für den Staat, schlechtes für die Bank
Warum zieht sich die Bankfiliale zurück, obwohl die Nachfrage nach Bargeld bleibt? Die Antwort, die OeNB-Direktor Matthias Schroth bei der Präsentation gab, ist unbequemer, als es das übliche Digitalisierungsnarrativ nahelegt. Bargeld ist für den Staat ein gutes Geschäft, für die einzelne Bank aber ein Kostenfaktor. Wenn eine Bank Bargeld ausgeben will, muss sie es sich von der Notenbank leihen und dafür Zinsen zahlen, jenen Notenbankzins, über den täglich in der Zeitung berichtet wird.
Bargeld, das die Menschen abheben, verlässt damit das Bankensystem, in dem es unbar viel günstiger geschöpft werden kann. Schroth formuliert es so: „Geldschöpfung fällt immer irgendwo an, aber einmal kommt sie über die Notenbank dem Finanzminister und damit der Allgemeinheit zugute, und einmal bleibt sie schlicht privat. Das ist der eigentliche Grund, warum der Markt allein die Bargeldversorgung in der Fläche nicht sichert. Für die einzelne Bankfiliale rechnet sich Bargeld schlechter als für die Republik.“
Subsidiarität statt Selbstverpflichtung
Genau an diesem Punkt beginnt die föderale Logik der Geschichte, und sie ist eine, die Gemeindevertreterinnen und -vertreter kennen, weil sie an anderer Stelle ständig dieselbe Debatte führen.
Bargeldversorgung ist keine Pflichtaufgabe der Gemeinden, stellte Gemeindebundpräsident Johannes Pressl klar. Gemeinden nehmen ihre Aufgaben vor Ort wahr, aber die Grundlagenarbeit, die Sicherstellung eines flächendeckenden Netzes, ist eine Aufgabe von Ländern und vor allem des Bundes, verankert im Subsidiaritätsprinzip.
Genau diese Erwartungshaltung teilen auch die Befragten: 66 Prozent halten eine gesetzliche Sicherstellung eines flächendeckenden Bankomatnetzes für sehr wichtig, weitere 29 Prozent für eher wichtig.
95 Prozent Zustimmung zu einer gesetzlichen Regelung, das ist ein Wert, wie man ihn selten in einer Gemeindebefragung findet, und er zeigt, dass die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister hier keine Beratungsleistung erwarten, sondern eine Rechtsgrundlage.
Immerhin ist in den vergangenen Jahren tatsächlich etwas passiert. Gemeindebund und Banken haben 2024 ein Moratorium vereinbart, das die bestehenden 8.300 Bankomaten der Kreditinstitute bis Ende 2029 absichert.
Parallel dazu hat die OeNB eine Initiative für bis zu 120 zusätzliche Geldausgabegeräte in bisher unterversorgten Gemeinden aufgesetzt, 73 davon sind laut GSA bereits in Betrieb, der Rest soll bis Jahresende folgen. Die Kosten für Aufstellung, Betrieb und Wartung dieser zusätzlichen Geräte, rund eine bis 1,2 Millionen Euro jährlich, trägt die Nationalbank, nicht die Gemeinden.
Wo diese neuen Standorte hinkommen, wurde nicht nach Gemeindegrenzen entschieden, sondern nach tatsächlichen Wegen und Versorgungsradien, wie Pressl erläuterte: Eine 15-Quadratkilometer-Gemeinde mit funktionierendem Nahversorgungszentrum braucht keinen eigenen Bankomaten, wenn die Nachbargemeinde mit Greißler, Wirtshaus und Kindergarten ohnehin der reale Lebensmittelpunkt ist. Das ist eine nüchterne, fast schon unromantische Herangehensweise an Daseinsvorsorge, aber es ist die richtige. Man löst ein Versorgungsproblem nicht mit einem Gerät im Hinterland, sondern mit einem Gerät dort, wo Menschen tatsächlich hinkommen.
Interessant ist dabei, was die Befragten selbst nicht an erste Stelle setzen. Interkommunale Zusammenarbeit bei Bargeldver- und -entsorgung landet mit 25 Prozent „sehr wichtig“ am unteren Ende der abgefragten Maßnahmen, deutlich hinter der gesetzlichen Bankomatgarantie.
Das ist bemerkenswert, weil die naheliegendste und günstigste Antwort auf ein Versorgungsproblem, nämlich dass sich Gemeinden zusammentun, in der Prioritätenliste der eigenen Vertreter eher hintenanschlägt. Vielleicht, weil eine gesetzliche Garantie sich sicherer anfühlt als eine freiwillige Absprache mit der Nachbargemeinde. Vielleicht auch, weil Kooperation in der Praxis mehr Abstimmungsaufwand bedeutet, als ein Bescheid aus Wien. Es wäre trotzdem lohnend, wenn der Gemeindebund genau hier nachlegt, denn ungenutzte Kooperationspotenziale sind selten ein Zeichen von Überversorgung.
Wenn Strom und Internet ausfallen
Der zweite große Strang der Studie betrifft Resilienz, und hier wird die Debatte, die sonst gerne in Sonntagsreden über „Krisenvorsorge“ verläuft, überraschend konkret. 87 Prozent der Befragten sehen Bargeld als wichtige Alternative bei Cyberattacken.
OeNB-Direktor Schroth erinnerte an den großflächigen Stromausfall in Spanien im Vorjahr: Wenn Strom und Internet ausfallen, funktioniert genau ein Zahlungsmittel weiter, nämlich jenes, das man in der Geldtasche hat. Bankomaten selbst sind dabei keine Hilfe, eine unterbrechungsfreie Stromversorgung für Geldausgabeautomaten gibt es in Österreich längst nicht mehr. Die eigentliche Vorsorge liegt damit nicht bei der Infrastruktur, sondern bei der Bevölkerung selbst, ein kleiner Bargeldvorrat zu Hause, in kleinen Scheinen, für den Ernstfall. Das ist keine besonders österreichische Erfindung, aber die Zahlen zeigen, dass die Botschaft in den Gemeinden angekommen ist.
Nicht nur ein Thema der Großeltern
Wer glaubt, das alles sei ein Anliegen der älteren Generation, irrt ebenfalls. Zwar sehen 71 Prozent der Befragten Bargeld vor allem als Mittel, ältere Menschen im Alltag besser zu versorgen, aber 65 Prozent halten es zugleich für ein wichtiges Werkzeug, um Kinder und Jugendliche an einen verantwortungsvollen Umgang mit Geld heranzuführen.
Auch bei der Assoziationsabfrage der Studie verbindet eine deutliche Mehrheit, 65 Prozent, den Begriff Bargeld mit Zukunft statt mit Vergangenheit, 67 Prozent mit Mainstream statt mit Nischenprodukt. Das widerspricht dem gängigen Narrativ, wonach alles Digitale automatisch modern und alles Physische automatisch rückständig sei, ein Narrativ, das schon Max Weber mit seinem Begriff der Rationalisierung skeptisch gesehen hätte: Fortschritt bemisst sich nicht daran, wie viel Materielles verschwindet, sondern daran, wie gut ein System seine Legitimität begründen kann.
Und in diesem Punkt liegt die eigentliche Pointe der Studie. Bargeld ist in Österreich das einzige gesetzliche Zahlungsmittel, mit staatlicher Garantie und demokratischer Kontrolle über die Notenbank. Die überwiegende Mehrheit privater Zahlungsdienste dagegen ist in der Hand weniger, meist US-amerikanischer Konzerne, die ihre eigenen Regeln setzen. Wer also unbedingt zwischen Tradition und Fortschritt unterscheiden will: Die rational-legal legitimierte Institution in diesem Vergleich ist nicht die Kreditkarte. Es ist der Zwanzig-Euro-Schein.
Nachgefragt, nicht nachgeplappert
Bei der anschließenden Fragerunde ließen sich Journalistinnen und Journalisten die bequemsten Antworten nicht durchgehen.
Nachgefragt wurde etwa, ob sich der 15-Prozent-Wert der bankomatfreien Gemeinden tatsächlich sauber auf ganz Österreich hochrechnen lasse. Pitters räumte ein, dass die Ortsgröße hier eine Rolle spiele und eine Nachgewichtung nötig sei, hielt aber an der grundsätzlichen Übertragbarkeit der Stichprobe fest.
Gefragt wurde auch, warum Cashback an der Supermarktkasse, von der Branche seit Jahren als Ergänzung beworben, in der Praxis kaum ankommt: 46 Prozent der Gemeinden bieten es laut eigener Auskunft gar nicht an oder es wird nicht genutzt, nur 13 Prozent flächendeckend. Der Handel, so die einhellige Antwort von Pressl und Schroth, sieht sich selbst nicht in der Rolle des Bargeldversorgers, sondern bietet einen Zusatzservice, der einen Grundeinkauf voraussetzt und daher strukturell kein Ersatz für die Bankfiliale sein kann.
Der Bund ist gefordert, nicht die Gemeinde
Was die GSA aus alledem für sich selbst ableitet, ist wenig überraschend, aber deshalb nicht falsch. Das Unternehmen, das mit 327 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und sieben Cash-Centern von Bregenz bis Wien im Vorjahr 145 Milliarden Euro an Bargeld bearbeitet, 5.700 Bankomaten und Selbstbedienungsgeräte betreut und über 430 Einzahlungstresore für Betriebe bereitstellt, positioniert sich als der logistische Partner für genau jene Gemeinden, die in der Studie Versorgungslücken beschreiben, nach eigener Schätzung ein Marktpotenzial von rund 30 Prozent aller Gemeinden.
21 Prozent der Befragten haben bereits konkretes Interesse an einer Beratung durch die GSA signalisiert, ein Wert, den Geschäftsführer Gerhard Gierer selbst als Auftrag verstanden wissen will: Die Studie sei die Grundlage, jetzt beginne die eigentliche Arbeit mit den Gemeinden vor Ort.
Bargeld ist nicht gefährdet
Am Ende bleibt ein Befund, der sich nicht schönreden lässt, aber auch keine Alarmstimmung braucht. Bargeld selbst ist in Österreich nicht gefährdet, 94 Prozent der Bevölkerung wollen laut jüngster Zahlungsmittelstudie der OeNB nicht darauf verzichten, das ist ein Wert, von dem sich andere gesetzliche Zahlungsmittel eine Scheibe abschneiden könnten.
Gefährdet ist etwas anderes: die Bankfiliale um die Ecke, der Bankomat am Hauptplatz, also jene physische Präsenz, die eine Gemeinde erst zu einem Ort macht, an dem man tatsächlich etwas erledigen kann. Und weil diese Präsenz nicht dem freien Markt überlassen werden kann, ohne dass Randgemeinden regelmäßig das Nachsehen haben, bleibt die Lösung dort, wo sie laut Subsidiaritätsprinzip auch hingehört: bei Ländern und Bund, mit gesetzlicher Verbindlichkeit statt freiwilliger Selbstverpflichtung der Banken. Die Gemeinden haben ihre Hausaufgaben mit dieser Studie gemacht. Jetzt ist die Republik am Zug.
Quellen: Studiengutachten „Bargeld in den Gemeinden“ (Pitters Trendexpert im Auftrag der Geldservice Austria, n=205, Februar–April 2026); Pressetext GSA vom 10. September 2026; Pressekonferenz-Transkript vom 10. September 2026 mit Gerhard Gierer (GSA), Johannes Pressl (Gemeindebund), Matthias Schroth (OeNB), Harald Pitters (Pitters Trendexpert); GSA Fact Sheet.