Die Schule ermöglicht Kleingruppenarbeit und bietet offene Lernlandschaften sowie Räume für Rückzug und Projektarbeit.
© Günter Richard Wett
Gemeinschaftsprojekt
Als ganz Anif eine Schule plante
Wenn heute die Kinder am Morgen durch die hellen, offenen Räume der Volksschule Anif (Salzburg) laufen, dann ist es nicht nur ein Gebäude, das sie betreten. Es ist ein Ort, den viele Menschen aus der Gemeinde gemeinsam gedacht, geplant und weiterentwickelt haben – von der Bürgermeisterin bis zur Reinigungskraft, von Pädagoginnen über Eltern bis zu den Kindern selbst.
klar, ob die Zeichen auf Neubau oder Umbau stehen, erinnert sich Bürgermeisterin Gabriella Gehmacher-Leitner.
Anstatt vorschnell eine Entscheidung zu treffen, entschied sich die Gemeinde für einen umfassenden Beteiligungsprozess in der sogenannten Phase Null – jene Phase, die die Grundpfeiler für die konkrete Planung festlegt. Begleitet wurde dieser Prozess von RAUM.WERT unter der Leitung der Architektin, und Mediatorin Ursula Spannberger. „Wir gehen davon aus, dass Menschen Expertinnen und Experten ihres eigenen Alltags sind. Sie wissen am besten, was sie brauchen. Unsere Aufgabe ist es, dieses Wissen sichtbar zu machen und in eine tragfähige Grundlage für die Planung zu übersetzen“, erklärt Spannberger.
„Als die Kinder später das neue Gebäude betreten haben, haben sie auf einzelne Details gezeigt und gesagt: Das war unsere Idee“
In Workshops kamen Gemeindevertretung, Lehrer:innen, Eltern, Kinder, Reinigungspersonal, Vereine und interessierte Bürger:innen zusammen. Zunächst stand eine gemeinsame Ist-Analyse im Mittelpunkt: Was funktioniert gut? Welche Qualitäten sollen erhalten bleiben? Und was ist nicht mehr zeitgemäß und behindert uns darin unser pädagogisches Konzept zu leben?
„Alle hatten die Möglichkeit mitzureden – und die, die mitgeredet haben, wurden auch gehört“, betont Bürgermeisterin Gehmacher-Leitner. Ein besonderes Augenmerk lag auf der Einbindung der Kinder. In eigenen Workshops formulierten sie ihre Bedürfnisse und Ideen. „Als die Kinder später das neue Gebäude betreten haben, haben sie auf einzelne Details gezeigt und gesagt: Das war unsere Idee“, erzählt die Ortschefin. Für Spannberger ist das kein Zufall: „Bei Schulen ist es essenziell, Kinder und Jugendliche einzubeziehen – sie erleben die Räume täglich.“
Lernen von anderen: Exkursionen und gemeinsame Visionen
Teil des Prozesses waren auch Exkursionen zu anderen Schulbauten, etwa nach Feldkirchen an der Donau. Die Begeisterung für transparente Gebäude, viel Glas und sogenannte Außenklassen war groß. „Ab diesem Moment waren sich alle einig: Das wünschen wir uns auch“, so die Bürgermeisterin.
Auf Basis dieser Eindrücke, der pädagogischen Anforderungen und der gemeinsam erarbeiteten Raumwerte im Visionsworkshop entstand das Raumprogramm mit einem Qualitäten- und Kriterienkatalog – inklusive Energieeffizienzstandards der E5-Gemeinde Anif. Dies bildete die Grundlage für die europaweite, zweistufige Ausschreibung des Architekturwettbewerbs. Man entschied sich für einen Neubau. Nicht zuletzt, weil sich die Anforderungen an moderne Pädagogik stark verändert haben: Kleingruppenarbeit, offene Lernlandschaften, Räume für Rückzug und Projektarbeit – all das sollte die neue Schule hergeben.
Beteiligung spart Geld
Auf die Ausschreibung bewarben sich 21 Architekturbüros. In der Jury saßen neben Fachleuten auch Anifer Gemeindevertreter:innen, die Bürgermeisterin, die Schuldirektion und die Bildungsdirektion. „Diese Transparenz hat viel Vertrauen geschaffen“, sagt Gehmacher-Leitner.
Anna Pieper von RAUM.WERT betont: „Wenn man alle Beteiligten früh einbindet, spart man später viel Geld“, sagt sie. „Man verhindert Fehlplanungen, nutzt Räume mehrfach und baut nur das, was es wirklich braucht.“ Die Workshops von RAUM.WERT seien dabei wie Prävention: Sie schaffen ein gemeinsames Ziel, verhindern Konflikte und sorgen dafür, dass alle später sagen können: Das ist auch meine Schule.
Ursula Spannberger erklärt: „Viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister haben anfangs Sorge, dass Beteiligung Bürgerinitiativen befeuert. In Wahrheit passiert genau das Gegenteil: Wenn die Menschen mitgestalten können, wird das Vorhaben zu ihrem Projekt.“
Trotz anfänglicher Skepsis einzelner Stimmen in Gemeinderat und Bevölkerung steht heute die gesamte Gemeinde hinter dem Projekt, wie Bürgermeisterin Gehmacher-Leitner unterstreicht: „Rückblickend kann ich sagen: Alle haben heute noch eine Freude mit dieser Schule.“
Ein Gebäude für die gesamte Gemeinde
Die Volksschule liegt zwischen den drei Ortsteilen Anif, Niederalm und Neu-Anif, direkt neben den Sportflächen – ein Ort, der wie eine Brücke wirkt. „Es ist ein verbindender Bildungscampus, nicht nur eine Schule“, sagt Spannberger. Das war auch Bürgermeisterin Gabi Gehmacher-Leitner wichtig, die das Projekt von Anfang an energisch unterstützte. Die Schule dient heute weit mehr als dem Lernen: Sie ist Begegnungsraum und Veranstaltungsort, der die Menschen zusammenbringt. Turnsaal, Musikraum und Aula werden auch von Vereinen genutzt – die Schule ist ein Treffpunkt für den ganzen Ort.
Das Tiroler Architekturbüro Gritsch Haslwanter ging aus dem europaweit offenen Wettbewerb hervor. Errichtet wurde die Schule schließlich von einer Salzburger Wohnbaugenossenschaft, die als erfahrener Bauträger auch viele organisatorische Aufgaben übernahm – eine deutliche Entlastung für die Gemeinde.
Ökologisch und wirtschaftlich
Mit Baukosten von rund 21 Millionen Euro, über 50 Prozent davon gefördert vom Land Salzburg, erfüllt das Gebäude den klimaaktiv Gold-Standard. Eine Wärmepumpe, eine 100-kW-Photovoltaikanlage, mechanische Beschattung und kontrollierte Raumlüftung sorgen für Effizienz und Komfort. Besonders innovativ: Der Beton der alten Schule wurde geschreddert und wiederverwendet. „Durch das Recycling konnten wir sogar Kosten sparen“, so die Bürgermeisterin.
Was Gemeinden daraus lernen können
Das Beispiel Anif zeigt, wie Gemeinden mit Mut zur Beteiligung, professioneller Begleitung und Offenheit für neue Wege nachhaltige und akzeptierte Lösungen schaffen können. Oder, wie es Ursula Spannberger formuliert: „Architektur ist eine Dienstleistung. Unsere gebauten Räume müssen den Bedürfnissen der Menschen dienen.“ Auch Bürgermeisterin Gehmacher-Leitner zieht ein positives Fazit: „Der Prozess hat Zeit gebraucht – aber er hat sich gelohnt. Die Menschen identifizieren sich mit der Schule. Es ist ihre Schule.“
Die neue Volksschule: Ein Gebäude für die Zukunft
Heute kann die neue Volksschule all das, was der alte Bau nicht konnte:
- flexible Lernformen ermöglichen
- Räume gemeinsam nutzen
- sich nicht nur den heutigen, sondern auch den Bedürfnissen der Zukunft anpassen
- Vereinen Platz bieten
- ganztägig bespielt werden
- die verschiedenen Ortsteile miteinander verbinden
Vor allem aber: Sie gehört den Menschen in Anif. Weil sie sie selbst mitgeplant haben.