Chrstine Maria Tschol
„Das kann man schon mal eine kurze Zeit machen, aber auf Dauer ist das nix.“ Christine Maria Tschol über die Doppelbelastung als Bürgermeisterin und Vollzeit-Schichtarbeiterin.

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„Das Menschliche ist mir das Wichtigste“

Chrstine Maria Tschol ist seit März Bürgermeisterin von Musau. Erst fand sich niemand, um die kleine Gemeinde im Außerfern zu leiten, doch mittlerweile hat die neue Ortschefin Gefallen daran gefunden.
Musau
Im Vordergrund ist der Ort Musau und der flache Teil seines Gemeindegebietes zu sehen. Dahinter, jenseits des Lechs befindet sich die Gemeinde Unter-Pinswang. Die Hügel am Horizont gehören bereits zu Deutschland. Foto: FOTO // Kai Brühne CC BY-SA 3.0

Wer schon einmal von Tirol kommend ins Allgäu gefahren ist, zum Beispiel um das Schloss Neuschwanstein zu besichtigen, hat mit Sicherheit auch Musau passiert. Die kleine Gemeinde im nördlichen Außerfern liegt Luftlinie keine fünf Kilometer vom berühmten Märchenschloss des bayrischen Königs Ludwig II. entfernt.

Bahnhof Musau
Musau hat keine 400 Einwohner, aber dennoch zwei Haltepunkte der Außerfernbahn: Ulrichsbrücke-Füssen sowie die Station Musau. Foto: Bruno413 CC BY-SA 4.0

Durch das Musauer Gemeindegebiet führt sowohl die Außerfernbahn, als auch die Fernpassstraße B 179. Kaum 400 Einwohner zählt die langgestreckte Ortschaft. Sie liegt in einer beckenartig erweiterten Ebene, durch die der Lech fließt. Musau befindet sich in etwa auf halber Strecke zwischen der Bezirkshauptstadt Reutte und der bayrischen Grenzstadt Füssen.

Das Raintal, das auch zu Musau gehört, ist bei Mountainbikern recht beliebt und die Musauer Alm wird gerne von Wanderern aufgesucht. Davon abgesehen ist die Gemeinde aber ein beschaulicher Ort. Drei hübsche Kapellen zieren die idyllische Landschaft, deren Horizont von hoch aufragenden Gipfeln gezeichnet wird. 

Raintal
Ein Großteil des Gemeindegebietes von Musau entfällt auf das Raintal - ein Hochgebirgstal, dessen Talschluss im Westen die nördliche von der südlichen Kette der Tannheimer Berge trennt. Foto: Kai Brühne CC BY-SA 3.0

Die Leute leben gerne hier, denn hier ist die Welt noch in Ordnung. Man kennt sich. Abwanderung ist im Vergleich zu anderen Gemeinden kein Thema und die Bevölkerungszahl seit Jahrzehnten konstant. Dennoch drohte der Gemeinde in den letzten Jahren plötzlich Ungemach.

Begonnen hat es damit, dass sich der ehemalige Bürgermeister Sieghard Wachter im Jahr 2022 nach zwei Amtsperioden in den Ruhestand verabschieden und sein Amt abgeben wollte. Doch bis zum Stichtag am 28. Jänner reichte niemand im Ort eine Liste zur Wahl ein.

Damit ergaben sich nun drei Optionen: Entweder machen Bürgermeister und Gemeinderat weiter und die Gemeindeführung bleibt im Amt, ohne dass die Bürger überhaupt wählen. Oder aber Bürgermeister und Gemeinderat machen nicht weiter. Dann würde sich der Gemeinderat auflösen und es würden Neuwahlen ausgeschrieben werden. Und würde für diese abermals kein Wahlvorschlag eingereicht werden, träte die dritte Option in Kraft, und diese wäre eine Fusionierung mit einer anderen Gemeinde.  

Wollte zunächst nicht Bürgermeisterin werden

Letzteres wollte niemand, und weil zu befürchten war, dass sich abermals niemand zur Kandidatur fände, machte Wachter notgedrungen weiter. „So eine rechte Freude hat er aber nicht mehr damit gehabt“, erinnert sich Christine Maria Tschol zurück.

Nachdem der damalige Vizebürgermeister bald darauf von einem Tag auf den anderen aus seinem Amt ausgeschieden ist, ist zwar Tschol noch als neue Vizebürgermeisterin eingesprungen, „obwohl ich das eigentlich überhaupt nicht wollte.“ Doch Wachter stellte in Aussicht sich mit 30.November endgültig zurückzuziehen, und für die restlichen vier Monate bis dahin ließ sich Tschol breitschlagen, das Vize-Amt zu übernehmen. In Folge nahm Wachter sie zu jeder Sitzung, zu jeder Besprechung und zu jedem Treffen mit.

„Da hat es mir begonnen zu gefallen, muss ich zugeben. Und dann bedurfte es nicht mehr allzu viel Überredungskunst,“ gesteht Tschol. An und für sich plante sie mit dem damaligen Gemeinderat weiterzumachen, doch auch viele der älteren Gemeinderäte entschlossen sich aufzuhören.

100 % für die neue Bürgermeisterin

Um es kurz zu machen: In Musau bahnte sich ein kompletter Neustart an. Der Gemeinderat löste sich mit 30. November 2023 auf, und am 12. Dezember 2023 übernahm der Amtsverwalter Christoph Fringer von der Bezirkshauptmannschaft Reutte interimistisch die Amtsgeschäfte.

Zur Wahl traten schlussendlich zwei Listen an, wovon Tschols Liste acht der insgesamt elf Gemeinderatssitze für sich gewinnen konnte. Zur Bürgermeisterinnenwahl trat sie ohne Gegenkandidaten an und bekam 100 Prozent der Stimmen. Am 13. März dieses Jahres folgte die konstituierende Sitzung des Gemeinderates und seitdem ist eine neue Ortschefin mit einem neuen Team am Start. Das mühsame Herumlavieren der Monate davor hatte damit endlich ein Ende. Im Gemeinderat hat sich der harmonische Umgang miteinander gottseidank auch unter den Neuen bewahrt. „Das ist mir auch sehr wichtig. Ich bin zwar nicht konfliktscheu, aber ich mag es gern geordnet. Man muss nicht immer einer Meinung sein, das ist völlig klar, aber man kann alles in einem normalen Ton und mit normalen Umgangsformen diskutieren“, stellt Tschol klar.   

Einladung zu Kaffee und Kuchen

Derzeit sei alles noch recht frisch, erzählt die 58-Jährige. Man finde zueinander, und dabei sei es ihr wichtig, dass man sich auf der Gemeinde auch mal ohne Zuhörer treffen kann, um frei zu reden. „Damit das Gemeinsame zum Vorschein kommt, jeder seine Ideen einbringen kann, und wenn die Themen durch sind, dann reden wir auch noch über sonstiges. Ich habe sämtliche Gemeinderäte auch schon mal alle zu mir nach Hause auf Kaffee und Kuchen eingeladen,“ verrät Tschol, „denn das Menschliche ist mir ganz wichtig.“

Schichtarbeit ist mit Amt schwierig

Das passt auch zu ihrem Beruf. Über dreißig Jahre arbeitete Tschol nämlich als Kellnerin in der Gastronomie. Nachdem sie in Reutte die Hauptschule, Haushaltungsschule und Handelsschule absolviert hatte, wollte sie nur vorübergehend im Gastgewerbe arbeiten und blieb schlussendlich jahrzehntelang dabei. Ein paar Jahre war sie dazwischen auch im Verkauf, doch auch das war ein kommunikativer Job.

Die Corona-Pandemie brachte für Tschol einschneidende Veränderungen. Zu der Zeit arbeitete sie auf der Kappeler Alm in Nesselwang, auch bekannt als der Balkon des Allgäus. Und wie andernorts auch musste dort für längere Zeit geschlossen werden.

„Doch man kann nicht ewig daheim bleiben, und die Rechnungen kommen ja weiterhin ins Haus,“ erinnert sich die heutige Ortschefin zurück. Darum hat sie sich im Metallwerk in Reutte beworben und arbeitet dort seitdem im Drei-Schicht-Betrieb. “Noch!“, wie sie betont, denn künftig wird sie diesen Job um 50 Prozent reduzieren.

„Das klappt sonst nicht. Insbesondere mit den Nachtschichten und dem Bürgermeisterinnenamt. Letzte Woche war ich von 8 bis 13 Uhr auf der Gemeinde und von 14 bis 22 Uhr im Metallwerk. Das kann man schon mal eine kurze Zeit machen, aber auf Dauer ist das nix“, erzählt die Mutter von drei Kindern. 

Die Pläne für die nächste Zeit

Maximilian (27), Benedikt (25) und Leonie Manon (21) sind aus dem Gröbsten schon länger heraus, weshalb sich ihre Mutter nun verstärkt den Gemeindeanliegen widmen kann.

Allzu große Brötchen kann man in einer kleinen Wohnsitzgemeinde wie Musau freilich nicht backen. Arbeitsplätze gibt es kaum und praktisch die gesamte arbeitende Bevölkerung pendelt aus. Zu tun gibt es trotzdem genug. Zum Beispiel Ausbesserungsarbeiten auf der Alm, auf der es unter anderem ein Stück des Weges weggerissen hat. Geplant wird auch schon für den Winter, in dem es heuer einen Advent-Weg geben soll, bei dem die Bevölkerung verschiedene Stationen gestaltet, und bei dem ein Glühweinstand selbstverständlich auch nicht fehlen wird.

„Und ansonsten sind es viele kleine Sachen, die anzugehen sind. Das hätte ich mir nie gedacht, um was man sich als Bürgermeisterin alles kümmern muss. Nichts dramatisch Großes, aber unheimlich breitgestreut viele und kleine Sachen. Das breite Spektrum an Aufgaben ist im Bürgermeisteramt ja im Prinzip für alle genau das gleiche - egal ob die Gemeinde groß oder klein ist.

Verlässliche Mitarbeiter machen es leichter

Tschol schätzt sich gerade deshalb überaus glücklich, dass sie sich als Neue auf zwei erfahrene Mitarbeiter in der Gemeinde verlassen kann: „Der Amtsleiter ist seit 32 Jahren im Dienst, unsere Verwaltungsassistentin seit zehn Jahren und beide sind einfach spitze!“ Die zwei sind eine immense Unterstützung für sie. Wichtig ist Tschol auch der Austausch mit den Nachbargemeinden. Zufälligerweise haben in einigen von denen in letzter Zeit ebenfalls politische Wechsel stattgefunden, dadurch sitzt man gewissermaßen im gleichen Boot und das verbindet. 

Dem Thema Mittagsbetreuung steht die Bürgermeisterin mit ambivalenten Gefühlen gegenüber. Einerseits versteht sie natürlich die Eltern, andererseits ist es ein großer Aufwand für so eine kleine Gemeinde wie Musau. Sie ist sich aber sicher: “Wenn der Bedarf für eine Mittagsbetreuung kommen sollte, so werden wir auch das gemeinsam schaffen. Die Musauer sind stolz darauf, ihren eigenen Kindergarten und ihre eigene Volksschule zu unterhalten.“ 

Mariahilfkapelle in Musau
Die Mariahilfkapelle ist neben der Kapelle Maria Heimsuchung und jener in der Brandstatt,  eine der drei kleinen Kapellen in Musau. Foto: Bruno413 CC BY-SA 4.0

Ob diese Menge erreicht wird, ist fraglich. Die Anzahl der Kinder in der Volksschule und im Kindergarten ist überschaubar. „Als mein Sohn hier in die Schule ging, waren sie nur zu sechst in der Klasse, das war schon eine familiäre Atmosphäre,“ erinnert sich Tschol zurück. Für den Unterricht war die geringe Schüleranzahl natürlich toll. „Da sind ganz andere Methoden und Unternehmungen möglich.“ Mit ein Grund warum die Musauer stolz auf ihre Schule und ihren Kindergarten sind.

Viel an Infrastruktur gibt es davon abgesehen nicht. Kirche gibt es zum Beispiel keine, dafür aber die drei kleinen Kapellen. Einen Spielplatz, einen Fußballplatz, den „Musigstadl“ und ein Wirtshaus können die Musauer noch vorweisen. So wenig Infrastruktur sie haben, so wenig Probleme haben sie auch. Das größte war wohl der Verkehr, so lange die Straße durch den Ort als Ausweichroute für die Fernpassstraße benutzt wurde.

„Das war regelmäßig Stau ohne Ende. Rettung oder Feuerwehr kamen da überhaupt nicht mehr durch. Daher gelten nun an Wochenenden Fahrverbote ausgenommen für den Ziel-, Quell- und Anrainerverkehr. Das hat die Situation wieder normalisiert“, zeigt sich Tschol sichtlich erleichtert, wenn gleich sie auch Verständnis für die Durchreisenden zeigt: „Das stößt manchmal auf Widerstand und das verstehe ich auch, denn ich hätte selbst auch keine Gaudi damit, aber es war einfach dringend notwendig.“

Im Gespräch mit KOMMUNAL erzählt Christine Maria Tschol noch viele Begebenheiten und Anekdoten über ihre Heimat, die aus Platzgründen an dieser Stelle nicht wiedergegeben werden können. Eines festzuhalten ist ihr allerdings ein Herzensanliegen -  nämlich Danke zu sagen, „bei allen Mitarbeitern, Helfern und Unterstützern, dem Bürgermeisterstellvertreter und dem Gemeinderat, der freiwilligen Feuerwehr Musau, der Musikkapelle Musau, dem Sportclub Musau, der ganzen Musauer Bevölkerung - und besonders bei meiner Familie!“  

Zur Person

Christine Maria Tschol

Alter: 58
Gemeinde: Musau 
Einwohnerzahl: 384 (1. 1. 2023)
Bürgermeister seit: 14. März 2024
Partei: Liste „Wir für Musau“