Kommunikation
Zwischen Transparenz, Experimentierfreude und demokratischer Teilhabe
KI ist in den Gemeindeverwaltungen längst angekommen – doch wie gelingt ihr Einsatz verantwortungsvoll und demokratieverträglich? Stefan Lassnig, Jurist, Strategieberater und Medienunternehmer, gibt im Interview eine nüchterne Bestandsaufnahme: KI wird standardisierbare Aufgaben übernehmen und Arbeitsplätze kosten – das lässt sich nicht beschönigen.
Gleichzeitig eröffnet sie Gemeinden erhebliche Chancen: von der automatisierten Beantwortung häufiger Bürgeranfragen über die Vereinfachung von Behördensprache bis hin zu mehrsprachigen Serviceangeboten. Als zentrales Erfolgsprinzip benennt Lassnig konsequente Transparenz: Bürger:innen müssen wissen, wann sie mit KI kommunizieren – und wohin sie sich im Zweifelsfall an einen Menschen wenden können. Avatare, Chatbots und KI-Agenten funktionieren nur dann vertrauensbildend, wenn sie klar gekennzeichnet sind.
Künstliche Intelligenz ist in den Rathäusern und Gemeindeämtern angekommen. Sie beantwortet Bürgeranfragen, prüft Förderanträge und soll helfen, den demografischen Wandel zu bewältigen.
Doch wie gelingt der Einsatz von KI in der Praxis? Welche Chancen und Risiken birgt die Technologie für die kommunale Demokratie? Und wie können Gemeinden ihre Bürgerinnen und Bürger auf diesem Weg mitnehmen? Diese Fragen diskutiert Hans Braun mit Stefan Lassnig, einem profilierten Kenner der österreichischen Medien- und Politiklandschaft. Im folgenden Gespräch gibt er Einblicke in die praktischen Herausforderungen und Chancen, die KI für die kommunale Ebene mit sich bringt.
Der Realitätscheck: Arbeitsplätze und Automatisierung
Die Ausgangslage könnte kaum eindeutiger sein: Das Bundesland Kärnten kündigte an, bis 2030 rund 40 Prozent weniger Personal im Landesdienst durch Pensionierungen zu haben. Die Antwort: KI-Anwendungen sollen künftig standardisierte Aufgaben wie Förderprüfungen übernehmen. Doch ist das realistisch?
„Ja, ich fürchte schon, dass Aufgaben, die wirklich standardisierbar sind, in Zukunft vermehrt von KI-Lösungen erledigt werden”, sagt Stefan Lassnig ohne Beschönigung. „Alles, was sich streng nach Schema F standardisieren lässt, egal ob es Gemeinden oder jeden anderen Wirtschaftsbereich betrifft, wird künftig über KI abgewickelt werden können. Und das wird Arbeitsplätze kosten. Da bin ich mir ganz sicher. Überall dort, wo eine hochgradige Standardisierung möglich ist, werden wir das früher oder später umsetzen.“
Das Beispiel Kärnten zeigt, wie konkret diese Entwicklung bereits ist: Das Land entwickelte mit ‚KärntenGPT’ eine eigene, datengeschützte KI-Lösung, die vollständig in den eigenen Rechenzentren läuft – ohne Abhängigkeit von Cloud-Diensten großer Tech-Konzerne. Damit sollen künftig Förderanträge automatisiert geprüft werden können. Eine Aufgabe, die bisher Stunden dauerte, erledigt die KI in Sekundenschnelle.
Doch Lassnig warnt vor Vereinfachungen und pauschalen Lösungen. Nicht überall sei KI die Antwort auf den Fachkräftemangel: „Ich glaube, dass die beiden Entwicklungen parallel laufen und nicht unbedingt viel miteinander zu tun haben.” In der Gesundheitsbranche beispielsweise werde es noch Jahre dauern, bis Roboter standardisierte Aufgaben wie das Bringen des Essens ans Krankenbett übernehmen können. „Und dort wird der Fachkräftemangel noch länger bestehen bleiben.” Auch im handwerklichen Bereich, etwa bei Fensterbauern, die persönlich vor Ort sein müssen, sieht er KI noch nicht als Ersatz für menschliche Arbeitskraft.
Lassnigs Position ist dabei von einer nüchternen Realitätseinschätzung geprägt: „Ich fürchte schon, dass die KI Arbeitsplätze kosten wird, weil ich nicht glaube, dass für alle stupiden Tätigkeiten, die heute Menschen ausführen und künftig von KI übernommen werden, ein adäquater Ersatzarbeitsplatz zur Verfügung stehen wird.”
Speziell Menschen mit geringerer Bildung, die einfache Tätigkeiten verrichten, seien gefährdet. Sie in Tätigkeiten zu bringen, die mehr Bildung oder Ausbildung erfordern, sei keineswegs trivial: „Da wird man genau darauf achten müssen: Wie bilden wir diese Menschen aus und weiter? Welche alternativen Einsatzmöglichkeiten gibt es? Da wird man sehr aufpassen müssen.”
Transparenz als A und O
Wie sollten Gemeinden den Einsatz von KI kommunizieren? Sollten Avatare zum Einsatz kommen? Diese Fragen führen zu einem zentralen Punkt: der Transparenz im Umgang mit der neuen Technologie.
Lassnig verweist auf eine aufschlussreiche Studie der Rundfunk und Telekom Regulierungs-GmbH (RTR). Im „Online-Audio-Monitor Austria 2024” wurden 4.000 Menschen in Österreich repräsentativ befragt, wie sie zum Thema KI in Audio und Medien stehen.20 Zwei zentrale Erkenntnisse kristallisierten sich heraus: Je jünger die Befragten, desto weniger skeptisch stehen sie der KI gegenüber. Und: Je transparenter der Umgang mit KI, desto geringer die Skepsis.
„Die Skepsis gegenüber KI-Anwendungen ist insgesamt immer noch sehr hoch, und das ist meiner Meinung nach auch berechtigt”, betont Lassnig. „Aber es gibt zwei klare Entwicklungen: Je jünger die Menschen, desto normaler wird der Umgang mit KI. Und je transparenter man damit umgeht, desto weniger Angst entsteht.” Diese Erkenntnisse aus dem Medienbereich gelten laut Lassnig „durchaus auch für das gesamte Wirtschaftsleben und für das kommunale Leben.”
Was bedeutet das konkret? „Eine Grundvoraussetzung dafür, dass KI funktionieren kann, ist Transparenz”, erklärt Lassnig. „Man sollte klar kommunizieren: Wir bearbeiten deinen Antrag mit KI. Und wenn du mit der Antwort oder dem Ergebnis nicht einverstanden bist, gibt es eine Instanz, bei der wieder ein Mensch entscheidet.”
Die Devise lautet: Keine Geheimniskrämerei. „Wenn man nicht offen damit umgeht und Menschen vortäuscht, dass ihr Antrag von einem Menschen bearbeitet wurde, dann ist die Skepsis gegenüber dem Tool völlig berechtigt”, warnt er eindringlich.
Laut RTR-Studie sind 53 Prozent der österreichischen Online-Nutzerinnen und -Nutzer offen für KI-generierte Inhalte – vorausgesetzt, diese werden entsprechend gekennzeichnet. „Ich würde die Bürgerinnen und Bürger so früh wie möglich in den Prozess einbinden”, fordert Lassnig. Wichtig sei, von Anfang an transparent zu kommunizieren: „Okay, wir haben das für diesen Anwendungsbereich vor, und gleichzeitig sollte man auch sagen, für welche Bereiche man KI nicht einsetzen möchte.”
Dies sei „extrem wichtig”, denn sonst entstehe sofort die Angst, „dass KI allumfassend eingesetzt wird und man überhaupt keinem Menschen mehr begegnet. Das ist völlig unrealistisch und das muss man kommunizieren.”
Die unsichtbare KI: Wenn niemand merkt, dass es ein Chatbot ist
Ein interessanter Nebenaspekt offenbart sich in einer Anekdote des Interviewers: Nach der Buchung von Eintrittskarten über eine Onlineplattform ergaben sich Fragen, auf die es telefonische Antworten gab. Erst im Nachhinein realisierte der Autor dieser Zeilen: Das war ein Chatbot. „Das hat alles super funktioniert, aber ich hätte es nicht erkannt.”
Lassnig greift dieses Beispiel auf: „Das mit dem Chatbot ist ein gutes Beispiel.“ Wenn Gemeinden die gängigen Anfragen standardisieren – „Wann kommt die Müllabfuhr? Wann findet die Schneeräumung statt?” – und über einen Chatbot beantworten lassen, „sei es per Sprache oder per Text: Wenn das gut funktioniert und die Informationen stimmen, wird es den Leuten zunehmend gleichgültig sein, ob das ein Mensch oder eine Maschine ist.”
„Ich glaube, allein die Bequemlichkeit und Schnelligkeit werden schnell dazu führen, dass dies eine akzeptierte Form der Kommunikation wird”, prognostiziert er. Dennoch wiederholt er: Der Prozess sollte von Anfang an transparent gestaltet werden.
Die Zweischneidigkeit der Geschwindigkeit
Doch die neue Schnelligkeit birgt auch Tücken. Was passiert, wenn Bürgerinnen und Bürger sich daran gewöhnen, in Sekundenschnelle Antworten zu bekommen _ und plötzlich muss ein Mensch eingreifen, weil der Fall komplizierter ist und die Bearbeitung Tage dauert? Die Erwartungshaltung könnte sich durch KI fundamental verändern.
Doch Lassnig sieht darin kein unlösbares Problem: „Wenn es wirklich kompliziert ist oder wenn jemand keine Standardanfrage stellt, sondern eine ganz spezielle Anfrage hat, finde ich es durchaus zumutbar, dass die Bearbeitung länger dauert.”
Ein Beispiel aus der digitalen Verwaltung macht seine Position deutlich: „Was wirklich mühsam ist, und da hat sich in der digitalen Verwaltung in den letzten Jahren glücklicherweise schon viel geändert: Warum muss ich für einen Meldezettel auf ein Amt gehen, dort eine Nummer ziehen und warten? Wo doch alles in Systemen gespeichert ist und über die ID Austria abgesichert abgerufen werden kann und in immer mehr Gemeinden auch funktioniert. Das versteht wirklich niemand.”
Standardisierte Prozesse sollten digitalisiert und automatisiert werden. „Und wenn ich eine KI-basierte Anwendung für Standardanfragen habe, werden die Menschen dafür auch Verständnis aufbringen.” Für komplexere Fälle sei es hingegen legitim, wenn die Bearbeitung länger dauert: „Wenn es komplizierter wird oder wenn bewusst keine standardisierbare Anfrage vorliegt, dann dauert die Bearbeitung eben länger. Das lässt sich gut argumentieren.”
Behördensprache: Die KI als Dolmetscherin
Ein oft übersehenes Potenzial von KI in der Kommunalverwaltung liegt in der Vereinfachung von Behördensprache. Kann KI das klassische „Beamtendeutsch” in verständliche Sprache übersetzen und damit Bürgerservices inklusiver gestalten?
„Definitiv”, antwortet Lassnig. Er erinnert an das Thema Mehrsprachigkeit: „Das ist ein Bereich, in dem KI ein wirklich nützliches Werkzeug sein kann, damit man besser verstanden wird. Und tatsächlich ist Behördendeutsch für viele eine Fremdsprache.”
Die KI könne eingesetzt werden, um „Inhalte in Sprachen zu übersetzen, die Menschen verstehen, sei es eine Fremdsprache oder sei es eben Behördensprache in Alltagssprache. Das wäre eine enorme Bereicherung.” Allerdings „schlägt der Jurist in mir auch Alarm”, gibt Lassnig zu, „weil natürlich die Gefahr bei einer Vereinfachung darin besteht, dass es juristisch nicht mehr korrekt ist.”
Die Lösung? „Ich glaube, man kann der KI das durchaus beibringen. Man definiert die häufigsten Formulierungen, die in Bescheiden vorkommen, und legt fest: Wenn dieser Satz auftaucht, formulierst du ihn so um, juristisch korrekt, aber verständlich.” Wichtig sei dabei, „gemeinsam mit Juristinnen und Juristen zu arbeiten. Dann lässt sich ein Service etablieren, das wirklich einen Mehrwert bietet.”
Hier zeigt sich auch ein philosophischer Aspekt: Wenn Bürgerinnen und Bürger die Gesetze nicht mehr lesen und verstehen können, wie kann man dann erwarten, dass sie diese einhalten?
Lassnig verweist auf rechtswissenschaftliche Untersuchungen: „Wenn Menschen verstehen, warum es bestimmte Regeln gibt, sind sie viel eher bereit, sich daran zu halten. Wenn sie nicht verstehen, worum es geht – oder noch schlimmer, wenn sie es überhaupt nicht verstehen können – wird es problematisch.” Gerade im kommunalen Bereich sieht er großes Potenzial, da Bürgerinnen und Bürger persönlich auf die Gemeinde zugehen und sich Dinge erklären lassen können.
Die Sprachbarriere: KI als Integrationswerkzeug
Das Potenzial für Mehrsprachigkeit durch KI sei „sensationell”, betont Lassnig. Moderne KI-Systeme können in Echtzeit übersetzen – eine Chance für Gemeinden mit hohem Anteil an Menschen mit Migrationshintergrund. „Man kann mit jemandem, der beispielsweise nur Türkisch spricht, in seiner Muttersprache kommunizieren, sei es bei Förderungen oder amtlichen Auskünften. Das kann gerade in der Anfangsphase eine enorme Erleichterung sein”, erklärt Lassnig.
Gemeinden müssten nur klar ausweisen, wo und wie KI-Angebote zum Einsatz kommen und gleichzeitig deutlich machen, dass das Erlernen der Landessprache weiterhin von großer Bedeutung bleibt.
Avatare und Fake-Videos: Die dunkle Seite der Medaille
Ein brisantes Thema ist der Einsatz von Avataren in der politischen Kommunikation. Bereits heute nutzen Bürgermeisterinnen und Bürgermeister digitale Stellvertreter, um Botschaften zu vermitteln. Doch wie geht man verantwortungsvoll damit um?
Entscheidend sei, dass „auf den fertigen Produkten immer klar gekennzeichnet” ist: „Das ist ein Avatar. Aber die Inhalte sind authentisch und stammen wirklich von dieser Person oder sind zumindest mit ihr abgestimmt.”
Noch wichtiger: Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sollten „immer kommunizieren, auf welchen Kanälen diese Avatare eingesetzt werden. Also: Mein Avatar ist ausschließlich auf meinem Facebook-Kanal und auf der Gemeinde-Website zu sehen – sonst nirgends. Wenn der Avatar dort erscheint, ist er authentisch. Wenn ihr irgendwo anders einen Avatar von mir seht, ist er nicht echt.”
Diese Klarstellung sei notwendig, weil: „Es wird irgendwann auch im Kommunalbereich Fake-Videos geben.” Auch wenn diese „nicht so viel Aufsehen erregen” wie bei internationalen Politiker:innen, „ist es im Prinzip dieselbe Technologie – das ist jetzt schon möglich. Und das kann kommunal natürlich auch erhebliche Auswirkungen haben.”
Daher lautet seine Empfehlung: „Wir werden verstärkt darauf achten müssen, dass wir den Bürgerinnen und Bürgern beibringen: Wenn ihr das auf diesem Kanal seht, ist es sicher authentisch. Und wenn ihr das auf einem anderen Kanal seht, solltet ihr zumindest nachfragen, ob es echt ist.”
Social Media: Welche Kanäle für welche Zwecke?
Bei der Frage nach den richtigen Social-Media-Kanälen für Gemeinden zeigt sich Lassnig pragmatisch: „Für Kommunikatorinnen und Kommunikatoren in Gemeinden ist wichtig: Man muss nicht auf jeden Zug aufspringen.” Seine klare Empfehlung: „Facebook und Instagram, allerdings mit unterschiedlichen Zwecken. Facebook richtet sich vor allem an die ältere Generation, Instagram an die jüngere. Für Gemeinden finde ich auch TikTok interessant, weil dort viele junge Leute Inhalte konsumieren.”
Eine deutliche Position bezieht er zu X (ehemals Twitter): „Das sollten öffentliche Institutionen nicht mehr nutzen. Das ist die Plattform eines klar antidemokratischen Menschen mit dezidiert antidemokratischer Haltung, und das lässt sich mit dem Auftrag einer demokratischen Einrichtung nicht vereinbaren.“ Diese Entscheidung habe er auch für seinen eigenen Podcast getroffen, trotz 40.000 Follower:innen: „Das hat uns auch wehgetan. Aber wir haben das bewusst gemacht, und ich finde, dass alle öffentlichen Einrichtungen diesen Schritt gehen sollten.“
Zusätzlich empfiehlt er YouTube, „weil viele Menschen YouTube bereits als Suchmaschine nutzen. Dort nicht präsent zu sein, wäre ein Fehler.“ LinkedIn könne für Gemeinden interessant sein, „die stark im Wirtschaftsbereich aktiv sind und viele Unternehmen beheimaten.“
Besonders wichtig: „Die eigene Website sollte selbstverständlich sein und gut gepflegt werden, denn sie wird in Bezug auf Glaubwürdigkeit und als verlässlicher Kommunikationskanal immer wichtiger.“
Sein Fazit: „Man muss sich gut überlegen: Wo bin ich glaubwürdig? Was traue ich mir zu? Was lässt sich professionell umsetzen? Das erfordert eine sorgfältige Abwägung.“
Datenschutz und geopolitische Abhängigkeiten
Ein heikles Thema, das im Gespräch zur Sprache kommt, sind Rechenzentren und Cloud-Dienste. Die meisten liegen nicht in Europa, sondern in den USA – was zunehmend problematisch wird.
„Ich finde es erschreckend, dass wir überhaupt über dieses Thema reden müssen”, sagt Lassnig. „Hätte mir vor ein paar Jahren jemand gesagt, man müsse aufpassen, weil die USA sich in einen faschistischen Staat verwandeln könnten, hätte jeder gelacht. Tatsächlich muss man inzwischen darüber nachdenken, wo man seine Daten speichert, mit wem man zusammenarbeitet und ob die USA ein verlässlicher Partner sind.”
Seine klare Empfehlung: „In der derzeitigen Situation, die sich in einem Jahr möglicherweise wieder ändert, würde ich Kommunen tatsächlich raten, eher nach europäischen Partnern Ausschau zu halten. Sei es beim Thema Server oder bei KI-Lösungen. Es besteht einfach die Gefahr, dass man irgendwann an einen Punkt kommt, an dem eine Zusammenarbeit nicht mehr möglich ist.”
Er warnt: „Es ist schlimm genug, dass ich überhaupt darüber nachdenken muss. Aber realistisch betrachtet, wie sich die letzten Wochen entwickelt haben, muss man damit rechnen. Und wenn man sich dieses Risiko ersparen will, sollte man jetzt schon, sofern möglich, auf europäische Partnerschaften setzen.”
Die Gefahr sieht er konkret: Gemeinden verfügen über sensible Informationen über ihre Bürgerinnen und Bürger. Wahlbeeinflussung habe es zwar immer schon gegeben, „aber die Professionalität, mit der das heute geschehen kann, ist völlig neu. Es lässt sich leider nicht mehr ausschließen, dass Autokraten versuchen, über solche Wege an Informationen zu gelangen und diese für autokratische Zwecke zu missbrauchen.”
Datenschutzbestimmungen müssten „in jedem Fall eingehalten werden – unabhängig davon, ob Menschen oder Maschinen damit arbeiten.” Er würde „keinen Unterschied machen zwischen menschlicher und maschineller Arbeit. Man kann einer KI genauso beibringen, welche Daten sie verarbeiten darf, an wen sie diese weitergeben darf und welche tabu sind.”
Die Fehlerquote: Abgegrenzte Bereiche als Schlüssel
Eine zentrale Sorge beim Einsatz von KI ist die Fehleranfälligkeit. Auch kommerzielle Systeme wie ChatGPT oder Claude warnen: „Kann Fehler machen, überprüfen Sie die Ergebnisse.” Doch gilt das auch für den kommunalen Einsatz?
Lassnig teilt seine persönliche Erfahrung: „Je offener und breiter das Themenfeld ist, mit dem ich die KI beschäftige, desto höher ist die Fehleranfälligkeit. Wenn ich Fragen stelle, für die es unzählige Quellen gibt, erhalte ich regelmäßig fehlerhafte Ergebnisse.”
Anders sei es bei klar abgegrenzten Aufgaben: „Wenn ich beispielsweise einen Bescheid hochlade und die KI bitte, diesen in verständlichem Deutsch zusammenzufassen, funktioniert das hervorragend. Die Datenquelle ist begrenzt, und es wird lediglich der Inhalt umformuliert.”
Seine Schlussfolgerung: „Wenn eine Gemeinde einen sehr klar abgegrenzten Bereich definiert, in dem KI eingesetzt wird, lässt sich die Fehlerquote so weit senken, dass sie der menschlichen Fehlerquote entspricht – denn Menschen machen ja auch Fehler, das darf man nicht vergessen.”
Er nutzt KI selbst für Podcast-Zusammenfassungen: „Das funktioniert exzellent. Wir haben ein in sich geschlossenes Transkript und weisen die KI ausdrücklich an, sich ausschließlich daran zu halten. Unter diesen Bedingungen liegt die Fehlerquote bei null.”
Für kommunale Anwendungen bedeutet das: „Wenn man sich genau überlegt, für welche Bereiche man KI nutzt, wo man das Datenmaterial begrenzen kann und qualitativ hochwertiges Material zur Verfügung stellt, dann bin ich sehr optimistisch, dass das gut funktioniert.”
Bildung: Erwachsene im Fokus
Wenn es um KI und Bildung geht, liegt der Fokus oft auf Kindern und Jugendlichen. Doch Lassnig sieht das anders: „Es wird viel über digitale Bildung geredet, gerade im Medienbereich. Dabei geht es meist um Kinder und Jugendliche. Ich sehe das größere Problem aber bei den Erwachsenen.”
Diese würden noch viele Jahre berufstätig sein, hätten aber oft keine Ahnung vom Umgang mit diesen Technologien – und das sehe man ständig. Seine Einschätzung: „Die nachkommenden Generationen wachsen ganz selbstverständlich damit auf. Schwierig wird es für Menschen in mittlerem Alter, die noch lange im Berufsleben stehen, aber diese technische Kompetenz nicht mit der Muttermilch aufgesogen haben. Für sie kann es herausfordernd werden.”
Die Zukunft: Audio-first und KI-Agenten
Wie wird die Zukunft der Gemeindekommunikation aussehen? Lassnig sieht einen klaren Trend: „Die Möglichkeit, per Spracheingabe, etwa über Alexa oder ähnliche Geräte, zu kommunizieren, wird massiv unterschätzt. Da steckt enormes Potenzial drin, besonders wenn die KI dann auch Dialekte versteht.”
Sein Urteil: „Ich kenne niemanden, der das ausprobiert und als nicht nützlich empfunden hat.” Für jüngere Generationen sei Spracheingabe bereits selbstverständlich.
Bei digitalen Systemen, die Aufgaben eigenständig erledigen, zeigt er sich optimistisch für die nahe Zukunft: „Im Moment ist es dafür noch etwas zu früh.” Es gebe zwar bereits Anwendungen für Textumformulierungen, „aber der nächste Schritt wird sein, dass ich einen KI-Agenten habe, dem ich sage: Ich habe hier eine Rede und möchte sie auf diesen fünf Plattformen posten – und das geschieht dann in Sekundenschnelle.”
Für Gemeinden bedeutet das: Im Moment, wenn man es jetzt machen will, müsste man sich eine professionelle Hilfe organisieren. Er geht aber davon aus, dass die Entwicklung rasend schnell gehen wird. Er erinnert daran, dass noch vor wenigen Jahren alle nach Programmierer:innen suchten – heute macht das die KI.
Seine Prognose: „Ich gehe davon aus, dass man das in ein bis zwei Jahren so einfach bedienen kann, dass es nur mehr per Spracheingabe funktioniert, ohne dass man noch etwas manuell eingeben muss.” Der Grund: „Es entstehen ganze Industrien, die genau daran arbeiten, dass dies möglich wird.”
Vernetzung und öffentliche Infrastruktur
Können kleine Gemeinden diese Entwicklung allein bewältigen? Lassnig sieht die Notwendigkeit von Kooperation: ‚„Vermutlich werden sich kleine Gemeinden zusammenschließen müssen, oder Bund und Länder geben Vorgaben und stellen die notwendigen Werkzeuge und Plattformen zur Verfügung.”
Die Frage, ob es auch eine öffentliche Aufgabe sei, solche Plattformen bereitzustellen, findet er spannend. Er würde sich nicht wundern, „wenn man zumindest verstärkt darüber nachdenkt, ob das sinnvoll wäre.”
Seine Begründung: Eine kleine oder mittlere Gemeinde sei verloren in diesem Dschungel, „wenn nicht jemand vor Ort sitzt, der sich mit der Thematik auskennt.” Er verweist auf bestehende Kooperationen im Kommunalbereich (dem Gemeindebund, RIS, KDZ) als Beispiele dafür, „dass Zusammenarbeit sinnvoll ist. Diese Vernetzung wird künftig noch wichtiger werden”.
24/7-Service und der persönliche Kontakt
Geht durch all diese Digitalisierung der persönliche Kontakt verloren? Lassnig beruhigt: „Ich bin fest davon überzeugt, dass es eine Mischung aus standardisierten Abläufen, die rund um die Uhr automatisiert erledigt werden, und persönlichem Service geben wird.” Das Beispiel Meldezettel zeige: „Es ist völlig unproblematisch, wenn ich den Meldezettel digital zu Hause ausdrucken kann. Dafür braucht es keinen menschlichen Kontakt.”
Aber: „Überall dort, wo es beratungsintensiv ist, oder wo ältere Menschen sagen: Ich möchte keine E-Mail schreiben, sondern persönlich vorbeikommen – dort sollte diese Möglichkeit weiterhin bestehen. Ich glaube, dass beides nebeneinander gut funktionieren kann.”
Der praktische Rat: Experimentieren und lernen
Auf die Frage, welchen konkreten Ratschlag er Bürgermeisterinnen und Bürgermeistern geben würde, fasst Lassnig zusammen: „Ich würde zu Transparenz und Experimentierfreude raten. Das Thema wird nicht verschwinden, wir müssen uns damit auseinandersetzen. Und dann ist ein offensiver Zugang besser als Abwarten. Dieser offensive Zugang besteht aus Transparenz und aktivem Ausprobieren.”
Sein Appell: „Ich würde nicht nur abwarten, sondern bereits jetzt experimentieren. Einfach um zu lernen und Erfahrungen zu sammeln. Und dann im richtigen Moment entscheiden: Jetzt setzen wir es ernsthaft um.”
Wichtig dabei: „In unkritischen Bereichen experimentieren, die Bürgerinnen und Bürger vielleicht sogar einbinden: Schaut, wir probieren hier etwas aus. Zulassen, dass mal etwas nicht funktioniert, das fände ich wichtig.”
Der Vorteil: „Man muss nicht sofort alles vollständig umsetzen. Man kann auch sagen: Wir testen etwas, schauen, wie es funktioniert, wie es ankommt, welche Stolpersteine es gibt. Aber im Bewusstsein: Wir wollen gar nichts Perfektes präsentieren, sondern gemeinsam dazulernen.”
Und: „Auch keine Angst vor Fehlschlägen. Man kann offen kommunizieren: Ja, es kann passieren, dass etwas nicht funktioniert, aber uns ist wichtig, dass wir gemeinsam lernen – ihr als Bürgerinnen und Bürger, wir als Gemeinde.”
Agilität statt starrer Planung
Die rasante Entwicklung wirft auch die Frage auf: Sind Fünfjahrespläne überhaupt noch sinnvoll? Lassnig ist skeptisch: „Zu Beginn meiner Berufstätigkeit haben wir auch Drei-Jahres-Pläne gemacht. Inzwischen mache ich das in meinem eigenen Unternehmen nicht mehr, weil ich es für sinnlos halte, die Realität ändert sich einfach zu schnell.”
Seine Alternative: „Ich glaube schon, dass man grobe Ziele braucht und ungefähr wissen sollte, wohin man mit seiner Gemeinde und für die Bürgerinnen und Bürger möchte. Aber eine Frage wie: Welche Kanäle wollen wir in zehn Jahren bespielen?, das ist völlig sinnlos.”
Die Entwicklung im Bereich der digitalen Kommunikation sei einfach zu dynamisch für langfristige Detailplanung. Wichtiger sei es, grundsätzliche Werte und Ziele zu definieren und dann agil auf neue Entwicklungen zu reagieren.
Gestalten statt Abwarten
Das Gespräch mit Stefan Lassnig macht deutlich: Der Einsatz von KI in der Gemeindekommunikation ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern bereits Realität. Die Technologie entwickelt sich rasant – schneller, als sich Fünfjahrespläne umsetzen lassen.
Doch die Technologie allein ist nicht die Antwort. Entscheidend ist, wie Gemeinden damit umgehen. Die zentralen Erfolgsfaktoren kristallisieren sich klar heraus:
Transparenz ist das A und O. Bürgerinnen und Bürger wollen nicht getäuscht werden, sind aber durchaus bereit, KI-Lösungen zu akzeptieren, wenn diese offen kommuniziert werden. Je transparenter der Umgang, desto geringer die Skepsis. Je jünger die Generation, desto selbstverständlicher wird der Umgang mit KI.
Experimentierfreude ist gefordert. Gemeinden sollten nicht abwarten, bis perfekte Lösungen auf dem Markt sind. Sie sollten in unkritischen Bereichen experimentieren, aus Fehlern lernen und ihre Bürgerinnen und Bürger aktiv in diesen Lernprozess einbinden. Scheitern gehört dazu, solange es transparent kommuniziert wird.
Abgrenzung ist entscheidend. KI funktioniert am besten in klar definierten Bereichen mit begrenzten Datenquellen. Standardisierte Prozesse können automatisiert werden, komplexe Fälle erfordern weiterhin menschliches Urteilsvermögen. Diese Unterscheidung muss klar kommuniziert werden.
Datensouveränität ist existenziell. In Zeiten geopolitischer Verwerfungen sollten Gemeinden auf europäische Partner setzen, eigene Rechenzentren nutzen und die Kontrolle über sensible Bürgerdaten behalten. Das Beispiel KärntenGPT zeigt, dass dies möglich ist.
Vernetzung wird wichtiger. Kleine Gemeinden können diese Entwicklung nicht allein bewältigen. Kooperationen, gemeinsame Plattformen und öffentliche Infrastruktur werden zunehmend notwendig – vielleicht sogar als staatliche Aufgabe.
Bildung für Erwachsene ist zentral. Die größte Herausforderung liegt nicht bei der jungen Generation, die mit KI aufwächst, sondern bei Menschen mittleren Alters, die noch Jahre im Berufsleben stehen, aber ohne diese digitale Grundkompetenz aufgewachsen sind.
Der persönliche Kontakt bleibt. 24/7-KI-Service und menschliche Beratung können koexistieren. Standardisiertes läuft automatisch, Beratungsintensives bleibt persönlich. Ältere Menschen, die lieber persönlich auf das Amt gehen möchten, sollen dies weiterhin tun können.
KI kann Barrieren abbauen und demokratische Teilhabe stärken – durch Mehrsprachigkeit, durch Vereinfachung von Behördensprache, durch barrierefreie Zugänge zu Informationen. Sie kann aber auch Arbeitsplätze kosten, neue Abhängigkeiten schaffen und Missbrauch ermöglichen.
Die Entscheidung liegt bei den Gemeinden: Gestalten sie die Entwicklung aktiv und transparent, oder werden sie von ihr überrollt? Experimentieren sie verantwortungsvoll, oder warten sie ab, bis andere die Standards setzen? Behalten sie die Kontrolle über ihre Daten, oder geben sie diese an globale Tech-Konzerne ab?
Lassnigs Botschaft ist klar: Der offensive Zugang ist besser als das Abwarten. Transparenz ist wichtiger als Perfektion. Und die Zukunft gehört jenen, die bereit sind zu experimentieren, zu lernen und gemeinsam mit ihren Bürgerinnen und Bürgern neue Wege zu gehen.
In einer Zeit rasanter technologischer Entwicklung ist Agilität wichtiger als starre Planung. Wichtiger als die Frage ‚Welche Kanäle nutzen wir in zehn Jahren?’ ist die Frage: ‚Wie gehen wir heute mit den Möglichkeiten um, die sich uns bieten - und wie bleiben wir lernfähig für das, was morgen kommt?’
Die KI-Revolution in den Amtsstuben hat begonnen. Sie wird Arbeitsplätze verändern, Prozesse beschleunigen und die Art, wie Gemeinden mit ihren Bürgerinnen und Bürgern kommunizieren, fundamental wandeln. Doch ob sie die demokratische Teilhabe stärkt oder schwächt, hängt davon ab, wie wir sie gestalten – transparent, experimentierfreudig und immer mit dem Menschen im Mittelpunkt.
Stefan Lassnig
ist Jurist, Betriebswirt, Strategieberater und Medienunternehmer. Als Geschäftsführer der Agentur „missing link” berät er Organisationen in Strategie- und Kommunikationsfragen. Sein Schwerpunkt liegt auf der digitalen Transformation, strategischer Kommunikation und der Entwicklung zukunftsfähiger Medienkonzepte.