Nicht allein die Wassermenge entscheidet, sondern die vorhandene Infrastruktur.
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Trockenheit
Wenn der Tankwagen das Wasser bringen muss
In Michelbach brachte wochenlang ein Tankwagen das Trinkwasser, in Laab im Walde entschied eine Prioritätsklausel im Wiener Wasserrecht über die Versorgung von 24 Stunden. Während Greenpeace eine Abgabe für Industriebetriebe fordert und Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl vor dauerhaften Einschränkungen warnt, zeigte der Sommer 2026 vor allem eines: wie unterschiedlich Gemeinden durch die Trockenheit kommen — je nachdem, ob eine Leitung zum Nachbarn besteht oder nicht.
Rund 850 Menschen leben in Michelbach im Bezirk St. Pölten. Wochenlang bekamen sie einen Teil ihres Trinkwassers per Tankwagen geliefert: etwa 300 Kubikmeter pro Woche, zugekauft bei Nachbargemeinden um 15 bis 17 Euro je Kubikmeter. Eine von drei Ortsquellen ist versiegt. „Bei uns in der Gemeinde sieht es sehr, sehr schlecht aus“, sagte Bürgermeister Gerhard Berger (ÖVP) Mitte August gegenüber ORF Niederösterreich. Michelbach ist kein Einzelfall, sondern ein Symptom eines Sommers, der von Kärnten bis ins Waldviertel dieselbe Frage stellte: Was tun, wenn die eigene Quelle nicht mehr reicht?
Grundwasserstände auf niedrigem Niveau
Der Befund für ganz Österreich ist nüchtern, nicht dramatisch, aber eindeutig. Nach einem trockenen Winter und einem sehr trockenen Frühjahr lag das Niederschlagsdefizit 2026 österreichweit bei knapp 50 Prozent, im April fiel nur rund ein Drittel der üblichen Menge. Die mittlere Frühjahrstemperatur lag rund 1,4 Grad über dem Klimamittel 1991 bis 2020.
Bei den Grundwassermessstellen meldeten Behörden und Umweltorganisationen im Jahresverlauf zwischen 70 und 90 Prozent niedrige oder sehr niedrige Werte, je nach Stichtag und Region: rund 80 Prozent Ende April, über 90 Prozent unterdurchschnittlicher Pegelabfluss Ende Mai, weiterhin rund 80 Prozent Ende Juni, mit leichter Erholung in Tirol, Kärnten und der Steiermark, aber Verschlechterung in Vorarlberg. Auch die Donau-Pegel erreichten Werte, die zuletzt in den Dürrejahren 2003 und 2018 gemessen wurden.
Sparaufrufe, Verbote und Abschaltungen
Wie breit die Betroffenheit ist, zeigt eine Zählung, über die das Onlinemedium „eXXpress“ am 17. August berichtete: Mindestens 111 österreichische Gemeinden hatten zu diesem Zeitpunkt zum Wassersparen aufgerufen, rund 70 davon allein in Niederösterreich; in Kärnten waren solche Aufrufe teils bereits rechtlich verordnet und mit Strafandrohung versehen. Sichtbar wird das vor allem dort, wo eine Gemeinde an genau einer Quelle hängt.
In Gaishorn am See im Bezirk Liezen ließ Bürgermeister Werner Haberl das öffentliche Trinkwasser ab Mitte Juli nachts zwischen 22 und 6 Uhr abdrehen, um die Reservoirs über Nacht auffüllen zu lassen; Gartenbewässerung, Poolbefüllung und Autowäsche wurden untersagt, die Feuerwehr blieb für Notfälle in Bereitschaft. Köttmannsdorf in Kärnten verhängte ein Rasensprengverbot mit Bußgeldern bis 2.180 Euro, Henndorf im Salzburger Flachgau untersagte die Nutzung von Trinkwasser zur Golfplatzberegnung. Die Wassergenossenschaft im niederösterreichischen Neukirchen im Waldviertel verfügte zeitweise nur noch über ein Drittel der sonst üblichen Wassermenge; erst die Androhung einer nächtlichen Abschaltung durch Bürgermeister Helmut Hahn ließ den Verbrauch spürbar zurückgehen.
Ein langfristiger Trend
Diese Häufung ist kein reiner Wetterausschlag. Eine im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums laufende Studie zum Wasserhaushalt im Klimawandel zeigt einen längerfristigen Trend: Die Verdunstung stieg zwischen 1980 und 2010 um rund 80 Millimeter pro Jahr, ein Plus von 17 Prozent; seit 2010 verlangsamt sich dieser Anstieg zwar auf drei bis fünf Prozent, allerdings nicht, weil sich die Lage entspannt, sondern weil die zunehmend trockenen Böden selbst immer weniger Wasser zum Verdunsten bieten.
Über das vergangene Jahrzehnt sind die Grundwasserspiegel im Schnitt um 30 bis 50 Zentimeter gesunken, am stärksten in Salzburg, Oberösterreich und im östlichen Kärnten. Der Niederschlag verschiebt sich zudem zunehmend ins Winterhalbjahr, während für die Sommermonate bis zur Jahrhundertmitte tendenziell weiter sinkende Werte erwartet werden.
Wer zahlt für die Leitung?
Aus Sicht der Gemeinden kommt zur Trockenheit noch ein zweites Problem hinzu: die Unklarheit, wer die Lage eigentlich überblickt. Der „eXXpress“-Recherche vom 17. August zufolge verweist das zuständige Ministerium bei Nachfragen auf die Länder, die Länder wiederum auf die Gemeinden; eine laufend aktualisierte, zentrale Übersicht darüber, wo genau gespart werden muss, gibt es trotz umfangreich vorhandener Wasserdaten nicht.
Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl reagierte darauf mit einer klaren Absage an dauerhafte Einschränkungen: „Wir waren in Österreich immer ein Land der Möglichkeiten und nicht ein Land der ständigen Einschränkungen“, sagte Pressl laut „eXXpress“. Statt auf Sparappelle setzt er auf Investitionen: weniger Leitungsverluste in alten Netzen, neue Brunnen, und, wörtlich genannt, Notverbindungen zwischen Versorgern.
Dass Österreichs Trinkwassernetz Instandhaltung braucht, ist unter den Beteiligten unstrittig — strittig ist, wer dafür aufkommt. Laut ÖVGW-Bereichsleiterin Anna Selitsch fördert der Bund die Trinkwasser- und Abwasserinfrastruktur derzeit mit rund 100 Millionen Euro jährlich – notwendig wären nach Einschätzung der Versorger mindestens 150 Millionen Euro pro Jahr, um das Netz zu erhalten (ORF.at, 27. August 2026).
Industrieabgabe als Finanzierungsmodell
Genau in diese Lücke von rund 50 Millionen Euro stößt ein aktueller Vorstoß von Greenpeace: Die Umweltorganisation fordert eine Abgabe von 10 Cent pro Kubikmeter auf den industriellen Grundwasserverbrauch, der laut ihrer Berechnung bei rund 330 Milliarden Liter pro Jahr liegt.
„Wer mit unserer gemeinsamen Ressource riesige Gewinne macht, muss sich auch an den Kosten für unser Trinkwassernetz beteiligen“, sagte Greenpeace-Wasserexperte Sebastian Theissing-Matei in einer Aussendung vom 27. August 2026. Als Vorbild verweist Greenpeace auf Frankreich, wo je nach Region von unter einem bis 12 Cent pro Kubikmeter fällig werden, und auf Deutschland, wo die Sätze von 5 Cent in Nordrhein-Westfalen bis 31 Cent in Berlin reichen; ein Modell nach Berliner Vorbild würde laut Greenpeace rund 102 Millionen Euro jährlich einbringen, eines nach bayerischem Vorbild rund 33 Millionen Euro.
Widerstand gegen eine Wassersteuer
Im zuständigen Ministerium sieht man das anders. „Wir gehen davon aus, dass eine Bepreisung das Problem nicht löst“, sagte Sektionsleiterin Monika Mörth, eine solche Abgabe sei vielmehr „ein Inflationstreiber“, dessen Kosten am Ende an die Endkonsumentinnen und -konsumenten weitergereicht würden (ORF.at, 27. August 2026).
Auch die Industriellenvereinigung lehnt eine nationale Wassersteuer ab: „Die Industrie geht schon sehr effizient mit dem Thema Wasser um. Wenn man eine zusätzliche nationale Wassersteuer drauflegt, verteuert es nur das Leben der Menschen“, so IV-Vizegeneralsekretär Peter Koren. Selitsch selbst fordert zwar dringend „eine nachhaltige Finanzierung über die Siedlungswasserförderung“, positioniert sich aber nicht für eine Industrieabgabe als deren Quelle. Ergebnis: Der Investitionsbedarf ist beziffert, der Weg zur Finanzierung nicht.
Die Leitung zum Nachbarn
Die Notverbindungen, die Pressl für den Gemeindebund einfordert, gibt es in Teilen Österreichs bereits — nur nicht flächendeckend. In Tirol setzen Wasserverbände wie Prutz-Faggen-Ried im Oberen Gericht oder der Wasserverband Mittleres Zillertal im Unterland seit Jahren auf Verbindungsleitungen zwischen benachbarten Gemeinden, über die sich Mitgliedsgemeinden bei Engpässen kurzfristig gegenseitig aushelfen (tirol.ORF.at, 28. Juli 2026). Genau dieses Prinzip war es auch, das Anfang August im niederösterreichischen Laab im Walde den Unterschied machte.
Zweite Leitung verhindert Versorgungsengpass
Wiener Wasser stoppte dort am 3. August für rund 24 Stunden die Lieferungen, weil das Wiener Wasserrecht der Stadt bei Knappheit eine bevorzugte Stellung einräumt – ein Vorgang, den der zuständige Ortsvorsteher Thomas Stagl als „noch nie dagewesen“ bezeichnete.
Für Laab im Walde blieb die Sache dennoch folgenlos: Die Gemeinde hängt zusätzlich an der Leitung der Triestingtal Wasser, die allein rund 1.700 Kubikmeter täglich liefern kann, während Wiener Wasser normalerweise mehr als 2.000 Kubikmeter beisteuert. „Wir hätten also auch gestern mehr als doppelt so viel wie nötig zur Verfügung gehabt“, rechnete Bürgermeister Peter Klar gegenüber regionalen Medien vor (meinbezirk.at Mödling, 4. August 2026). Der Sparappell an die Bevölkerung blieb trotzdem aufrecht, als Vorsichtsmaßnahme, nicht aus akuter Not.
Der Unterschied zwischen Michelbach, das Wasser tageweise teuer zukaufen muss, und Laab im Walde, das eine 24-stündige Liefersperre ohne Versorgungsengpass übersteht, liegt damit nicht in der Menge des Regens, der über beiden Gemeinden gefallen ist. Er liegt darin, ob eine zweite Leitung existiert.
Entscheidend ist die Verbindung
Der Sommer 2026 hat nicht bewiesen, dass Österreich das Wasser ausgeht — die Versorgung bleibt, wie das Ministerium betont, insgesamt robust und zu praktisch 100 Prozent aus heimischem Grund- und Quellwasser gesichert. Bewiesen hat er etwas Genaueres: Wo Gemeinden über Verbund- oder Notleitungen an Nachbarn angeschlossen sind, blieb die Lage beherrschbar, notfalls mit Sparappellen. Wo eine einzelne Quelle oder ein kleiner Genossenschaftsbrunnen die einzige Absicherung ist, griffen Bürgermeister zu Ordnungsmitteln — nächtliche Abschaltung, Bußgeld, teurer Wasserkauf per Tankwagen.
Ob die fehlenden rund 50 Millionen Euro jährlich für den Ausbau genau solcher Verbundlösungen künftig von einer Industrieabgabe, aus dem laufenden Budget oder aus einer anderen Quelle kommen, ist eine politische Entscheidung, die noch nicht gefallen ist. Pressls Satz vom „Land der Möglichkeiten“ lässt sich an dieser Stelle umdrehen: Möglichkeiten hat nicht, wer am meisten spart, sondern wer am besten verbunden ist. Dass diese Entscheidung fällt, wird nach diesem Sommer schwerer zu vermeiden sein als zuvor.
Info: Quellenrecherche und Analysen wurden mit KI-Hilfe durchgeführt.
Notverbundleitungen zwischen Wasserversorgern
- Kärnten baut am größten Netz: Der Wasserverband Kärnten errichtet eine Hauptverbindung Klagenfurt–Villach (rund 30 Mio. Euro, Einreichung 2026, Baubeginn 2028) sowie eine Teilstrecke im unteren Drautal (Villach–Weißenstein–Paternion), die bereits seit 2025 gebaut wird.
- Vorarlberg ist am dichtesten vernetzt: Lustenau hängt über eine Haupt-Notverbundleitung am Wasserverband Rheintal, der Trinkwasserverband Bregenzerwald bindet zehn Gemeinden zusammen. Weitere Notverbünde – Hard-Fußach–Lauterach, Wolfurt–Lauterach, St. Gerold–Thüringerberg, Doren–Sulzberg – sind in Bau oder Planung.
- Tirol setzt auf kleinteilige Wasserverbände: Zum Beispiel Prutz-Faggen-Ried im Oberen Gericht oder der Verband Mittleres Zillertal – Nachbargemeinden helfen einander bei Engpässen über gemeinsame Leitungen aus.
- Wien sichert sich intern ab statt über externe Notverbünde: zwei unabhängige Hochquellenleitungen aus Niederösterreich und der Steiermark, vier Grundwasserwerke (Lobau, Moosbrunn, Donauinsel, Nußdorf) und rund 1,6 Mio. Kubikmeter Speicherreserve – etwa vier Tagesverbräuche.
- Ein zentrales, bundesweites Register fehlt: Der Ausbau ist Ländersache und liegt bei den regionalen Wasserverbänden. Der Bund steckt mit dem Trinkwassersicherungsplan und dem Trinkwassergipfel 2026 nur den politischen Rahmen ab.
Quellen: KOMMUNAL, Land Vorarlberg, tirol.ORF.at, Stadt Wien, BMLUK (Stand: September 2026)