Durch die Grenzkontrollen entstehen Mehrkosten für alle Betroffenen.
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Verschärfte Grenzkontrollen im Blickpunkt – nur heiße Luft?
Seit Mai 2025 gelten an allen deutschen Außengrenzen verschärfte Grenzkontrollen, um Asylsuchende zurückzuweisen und die irreguläre Migration bestmöglich einzudämmen. Davon betroffen ist auch die deutsch-österreichische Grenze. Was auf internationaler und deutscher Ebene viel Kritik und Empörung hervorgerufen hat, sorgte innerhalb der österreichischen Regierung allenfalls für verhaltene Reaktionen. Außenministerin Beate Meinl-Reisinger betonte sogar ihr Verständnis für die Entscheidung von Innenminister Dobrindt.
Meinl-Reisinger: „Wir verstehen die Sorge, finden's auch gut, wenn Deutschland hier sozusagen einen neuen Weg beschreitet, auch mit uns gemeinsam gegen illegale Migration vorzugehen. Aber natürlich können wir das nur am Boden europäischen Rechts machen.“ Kritik sieht anders aus. Eher wird hier die Bereitschaft signalisiert, gemeinsam mit Deutschland diese politische Entscheidung zu tragen.
Daran hat sich vier Monate nach den verschärften Grenzkontrollen bis heute nichts verändert. Als Dobrindt Anfang August die verschärften Grenzkontrollen bereits zum zweiten Mal verlängerte, gab es keinen öffentlichkeitswirksamen Widerstand der österreichischen Regierung. Ein vorläufiges Ende der verschärften Grenzkontrollen ist weiterhin nicht in Sicht.
Anders verhält sich die Reaktion aus Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dort gab es wesentliche Proteste gegen die verschärften Grenzkontrollen, aufgrund von zu befürchtenden Umsatzeinbrüchen der Wirtschaft; erschwerten Grenzübergängen und übergebührlichen Personalbelastungen der Polizei und Gemeinden. Nach einem halben Jahr Grenzkontrollen stellt sich deswegen die Frage, welche Befürchtungen sich bewahrheitet und welche Sorgen sich als heiße Luft herausgestellt haben.
Die lange Geschichte der Grenzkontrollen – altbekannte Probleme
In der derzeitigen Debatte um die Grenzkontrollen wird oft der Anschein erweckt, als gehe die Einrichtung der Grenzkontrollen auf den Beschluss des deutschen Innenministers Alexander Dobrindts zurück. Dabei handelt es sich jedoch – wie der Name suggeriert – um eine Verschärfung bereits bestehender Grenzkontrollen. Bereits 2015 führte Deutschland an der Grenze zu Österreich Grenzkontrollen ein, um, während der Flüchtlingskrise, Asylsuchende aus Drittstaaten an der Einreise nach Deutschland zu hindern. Der damalige Innenminister Thomas De Maizière betonte jedoch, dass europäisches Recht trotz der Grenzkontrollen geachtet und das Schengen-Abkommen nicht ausgehebelt werde.
Seitdem wurden die Grenzkontrollen immer wieder verlängert, bis Innenminister Dobrindt diese im Mai sogar verschärfte. Damals wie heute werden die Grenzkontrollen mit der Begrenzung irregulärer Migration legitimiert; wirtschaftliche Bedenken jedoch weitgehend mit einzelnen Beruhigungen beiseite gewischt. Die zehn Jahre zurückreichende Geschichte der Grenzkontrollen, muss bei der Betrachtung der jetzigen Grenzkontrollen stets mitgedacht werden.
Wirtschaftliche Folgen der verschärften Grenzkontrollen
Die Bewertung der verschärften Grenzkontrollen hinsichtlich der wirtschaftlichen Folgen ist äußerst ambivalent. Die eine Zahl, die den Verlust beziffert, gibt es nicht. Trotzdem lässt sich festhalten, ein Wirtschaftsmotor sind die Grenzkontrollen nicht. Am stärksten leiden unter den politischen Maßnahmen die Kleinen, also Gemeinden entlang der Grenzregion und familiengeführte Kleinunternehmen. Eine aussagekräftige Studie, die genau den wirtschaftlichen Verlust im Handel zwischen Deutschland und Österreich erfasst, gibt es bisher – auch aufgrund der erst „kurzen“ Wirkungszeit – nicht.
In einer sehr anschaulichen und fundierten Dokumentation des Deutschlandfunk Kultur im Juni 2025 wird die Grenzregion Freilassing (Deutschland) auf die Folgen der verschärften Grenzkontrollen untersucht. Diese Dokumentation kann stellvertretend für die gesamte Grenzregion herangezogen werden, da es sich mit Berichten aus anderen Regionen deckt.
In der Reportage wird zwar festgestellt, dass die Grenzkontrollen eine bedeutende Auswirkung auf Freilassing und die umliegende Region haben, aber dass dies eher aus der vermehrten Anwesenheit von Grenzpolizisten resultiert. Zudem habe sich der Anblick der Grenzpolizisten normalisiert und die Kontrollen würden nun auch nur noch sporadischer stattfinden als ursprünglich.
Trotzdem haben die Grenzkontrollen wirtschaftliche Auswirkungen auf die Geschäfte in den Innenstädten der grenznahen Region, auf das Verkehrsaufkommen in der Region mit teils erheblichen Folgen für die Gemeinden und letztendlich auch mit Auswirkungen auf die Logistikbranche.
Weniger Touristen mit Folgen für die Innenstadt
Anhand von Gesprächen mit Geschäftsbesitzern in der Innenstadt Freilassings stellte die Reportage fest, dass trotz der touristischen Saison, viele Österreicherinnen und Österreicher zu Hause bleiben.
Die geringere Anzahl an Besuchern mache sich auch in den Umsatzzahlen bemerkbar. Ein Geschäftsinhaber berichtet von einem Rückgang des Umsatzes um bis zu 40 Prozent, weshalb er sein traditionell familiengeführtes Geschäft schließen müsse, sollten die verschärften Grenzkontrollen noch sehr viel länger aufrechterhalten werden. Belastend hinzu kämen auch noch Altlasten aus der Corona-Pandemie. Die Folgen Coronas werfen also immer noch einen langen Schatten in die Gegenwart.
Stauaufkommen belasten Gemeinden
Durch verschärften Grenzschutz kommt es in der Grenzregion zwischen Deutschland und Österreich zu einem erhöhten Verkehrsaufkommen, was zu Staus und Umfahrungen führt. Diese führen zu einer besonders starken Kostenbelastung der Gemeinden. Eine Gemeinde, die besonders stark betroffen ist: die Stadt Kufstein in Tirol.
Kufstein liegt direkt an der A12, der Inntalautobahn und ist damit unmittelbar von den Grenzkontrollen betroffen. Insbesondere an Reisetagen staut sich der Verkehr auf deutscher Seite kilometerlang und an ein Durchkommen ist kaum zu denken. Dies führt aufgrund der Routenplanung zu einer Umfahrung des Staus durch die Stadtgemeinde, mit erheblichen Folgen. Die Polizei berichtet teilweise von einem regelmäßigen „Verkehrskollaps“ des innerstädtischen Verkehrs. Zufahrtswege für Einsatzkräfte (Polizei, Feuerwehr, Rettung) werden erheblich erschwert und verlängert.
Um den Verkehrsnotstand innerhalb der Stadt einzudämmen, hat die Verwaltung einige Maßnahmen ergriffen. Bereits bestehende landesweite Fahrverbote des Landes Tirol werden teilweise ausgeweitet, die den Durchzugsverkehr durch das Stadtzentrum verringern sollen. Außerdem wurden aktive Ampeln installiert, die bei einem hohen Verkehrsaufkommen automatisch einschalten und regulierend auf den Verkehr einwirken. Zudem nutzt die Stadt durch eine Kooperation mit Google und anderen Anbietern ein smart Navi-Update, das Nutzer auf andere Umgehungsstraßen umleitet. Zuletzt werden auch Tempobegrenzungen eingesetzt, um die Verkehrsunfallswahrscheinlichkeit und die Menge an Abgasen zu reduzieren.
Für die Umsetzung der Maßnahme ist einerseits die Polizei zuständig, andererseits wurden auch unabhängige Dienstleister beauftragt, um die Umleitung des Verkehrs durchzuführen. Die daraus resultierenden Kosten sind für die Gemeinde eine große zusätzliche Belastung. Kosten, die nicht nur an anderer Stelle eingespart werden müssen, sondern an anderer Stelle auch fehlen. Dadurch entstehen im wirtschaftlichen Fachjargon sogenannte Opportunitätskosten, also entgangene Nutzen in anderen Bereichen, die aufgrund der verschärften Grenzkontrollen nicht verwirklicht werden können.
Auswirkung auf die Logistikbranche
Als die verschärften Grenzkontrollen im Mai 2025 eingeführt wurden, waren die Sorgen zunächst groß, dass die Logistikbranche einer der großen Verlierer dieser Entscheidungen sein wird. Bei österreichischen Frächtern sorgte diese Entscheidung für alles andere als Jubelstürme, befürchteten sie doch massive Verzögerungen bei grenzüberschreitenden Lieferfahrten Die Wirtschaftskammer Salzburg sah sich sogar dazu genötigt, vor den Grenzkontrollen zu warnen: der Warenverkehr dürfe, angesichts der global angespannten Wirtschaftslage, nicht beeinträchtigt werden.
Befürchtet wurde, dass durch das große Stauaufkommen längere Lieferzeiten entstehen, was weitreichende Folgen nach sich ziehen würde. Just-In-Time- und Just-In-Sequence-Lieferungen verzögern sich und sind schwerer zu planen; Fahrtzeiten werden länger, wodurch mehr Sprit- und Arbeitszeitkosten anfallen, und zuletzt werden grenzüberschreitende Lieferketten gestört, was vor allem bei schnell verderblichen und industriellen Zwischengütern der Fall ist.
Nach einem halben Jahr verschärfter Grenzkontrollen bleiben die genauen Auswirkungen auf die Logistikbranche unklar. Obwohl im Vorfeld zahlreiche Studien vorlagen, die anhand theoretischer Annahmen schwere Auswirkungen prognostizierten, gibt es keine aktuellen Zahlen, die über die wahren Auswirkungen Auskunft geben. Die IHK in München versicherte auf Nachfrage, dass ihnen keine negativen Auswirkungen für die Regionen Bayern, Tirol und Salzburg bekannt seien.
Dabei hatte eine Studie der Allianz Trade von 2024 überprüft, wie sich stichprobenhafte Grenzkontrollen auf die Logistikbranche auswirken. Als Ergebnis wurden ein 20-minütiger längerer Grenzübertritt (im Durchschnitt) festgestellt, was zu einer Steigerung der Transport- und Importkosten von bis 1,7% führe. Durch diese Mehrkosten verringere sich der allgemeine importierte Warenwert in Deutschland um ganze 1,1 Milliarden Euro pro Jahr.
Ähnliches wurde für Österreich prognostiziert. In einer Studie, die von der Wirtschaftskammer Österreich in Auftrag gegeben wurde kam heraus, dass wiedereingeführte Grenzkontrollen zu Mehrkosten von bis zu 12,2 Millionen Euro pro Tag (!) führen können. Bei niederschwelligen Grenzkontrollen, vergleichbar mit den jetzigen verschärften Grenzkontrollen, wurden Mehrkosten in Höhe von 1,5 Milliarden Euro pro Jahr prognostiziert. Damit wäre Österreich sogar stärker betroffen als Deutschland.
Die düstere Prognose, die die Studien für eine Zukunft mit Grenzkontrollen zeichnen, hat sich – Stand jetzt – nicht bewahrheitet. Aktuelle Studien zu den wirtschaftlichen Auswirkungen der verschärften Grenzkontrollen gibt es nicht. Trotzdem darf davon ausgegangen werden, dass es gewisse Mehrkosten für die Logistikbranche gibt.
Das erhöhte Verkehrsaufkommen, von dem auch die Stadtgemeinde Kufstein spricht, wird vereinzelt zu verlängerten Lieferzeiten führen. Diese Mehrkosten sind angesichts der Grenzkontrollen wohl unausweichlich. Ein struktureller Wettbewerbsnachteil, wie im Vorfeld befürchtet, hat sich durch die verschärften Grenzkontrollen allerdings nicht eingestellt.
Fazit
Die seit Mai 2025 eingeführten verschärften Grenzkontrollen durch den deutschen Innenminister Dobrindt sind ein Ärgernis – für Anrainer, Gemeinden und Wirtschaft. Es entstehen Mehrkosten für alle Betroffenen, dies ist auch unausweichlich. Die großen Befürchtungen sind allerdings nicht eingetreten. Die Grenzkontrollen haben nicht das Ende von Schengen und des Binnenmarktes herbeigeführt und auch der große strukturelle Wettbewerbsnachteil ist in diesem Ausmaß nicht eingetreten.
Trotzdem entstehen Kosten. Kosten, die vor allem (wieder einmal) die Kleinen zu tragen haben. Familiengeführte Geschäfte in den Innenstädten, die immer noch unter den Folgen der Corona-Pandemie leiden und jetzt durch die ausbleibenden Besucher erneut große Gewinneinbuße hinnehmen und sich die Existenzfrage stellen müssen. Es trifft die Gemeinden wie Kufstein entlang der Grenzregion, die eigenständig Maßnahmen ergreifen müssen, um die innerstädtische Verkehrsbelastung einzudämmen und auf den hohen Kosten sitzen bleiben.
Die Auswirkungen der Grenzkontrollen können derzeit nur bedingt in Zahlen ausgedrückt werden, dafür fehlt zuverlässiges Material. In den nächsten Jahren hingegen wird sich zeigen, ob die ganzen Befürchtungen für einen strukturellen Wettbewerbsnachteil nur heiße Luft waren oder ob nicht doch, vor allem in den mehrbelasteten Gemeinden, Probleme auftreten, die hätten vermieden werden können, wenn nicht so viele Ressourcen auf die Eindämmung für die Auswirkungen der verschärften Grenzkontrollen aufgewandt worden wären (Stichpunkt Opportunitätskosten). Bis dahin werden die verschärften Grenzkontrollen weiterhin kontrovers diskutiert werden.
Literatur
Allianz (2024) Allianz Trade Analyse: Deutsche Grenzkontrollen verteuern Waren und verursachen wirtschaftliche Einbußen. Online unter: https://www.allianz-trade.de/presse/pressemitteilungen/deutsche-grenzkontrollen-verteuern-waren.html; letzter Zugriff: 9.01.2026
Deutschlandfunk Kultur (2025) Wo Kontrollen zum Alltag gehören. Online unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/grenzkontrolle-oesterreich-102.html; letzter Zugriff: 09.01.2026
Nonnenmannn S. (2018) Grenzkontrollen treffen Transporteure in Österreich sehr hart. In: Verkehrsrundschau. Online unter: https://www.verkehrsrundschau.de/nachrichten/transport-logistik/grenzkontrollen-treffen-transporteure-in-oesterreich-sehr-hart-2984477?utm_source=chatgpt.com; letzter Zugriff: 09.01.2026
Spiegel Politik (2015) De Maizière verkündet Einführung von Grenzkontrollen. Online unter: https://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-thomas-de-maiziere-verkuendet-grenzkontrollen-a-1052724.html; letzter Zugriff: 09.01.2026
Vichtl, W. (2025) Nur leise Kritik aus Österreich. In: Tagesschau. Online unter: https://www.tagesschau.de/ausland/europa/migrationspolitik-oesterreich-reaktionen-deutschland-100.html; letzter Zugriff: 09.01.2026
WKO (2025) Warenverkehr darf nicht beeinträchtigt werden. Online unter: https://www.wko.at/sbg/news/warenverkehr-darf-nicht-beeintraechtigt-werden; letzter Zugriff: 09.01.2026