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Wasserknappheit in Österreich:
Regierung setzt auf ein Wasserentnahmeregister
Das Grundwasser liegt auf einem Rekordtief, mehr als neun von zehn Flusspegeln sind unter dem Mittel: Beim zweiten Trinkwassergipfel legt der Bund einen Gesetzesentwurf vor – doch der Zeitplan bleibt offen, und die Kritik ist laut.
Wer wie viel Wasser aus Österreichs Grundwasserkörpern entnimmt, lässt sich derzeit nicht sagen. Genau das soll sich ändern: Landwirtschafts- und Umweltminister Norbert Totschnig (ÖVP) hat beim zweiten Trinkwassergipfel am 28. Juli 2026 im Umweltministerium den Entwurf für ein digitales „Wasserentnahmeregister" vorgestellt – der erste Gipfel dieser Art fand 2023 statt. Es ist die bislang konkreteste Reaktion des Bundes auf einen Sommer, in dem Hitze und Trockenheit die Versorgung in zahlreichen Gemeinden an ihre Grenzen bringen.
Ein Register gegen den Blindflug
Kern des Entwurfs ist eine Meldepflicht für große Wasserentnahmen. Künftig soll jede Entnahme ab 200.000 Kubikmeter jährlich beziehungsweise 1.400 Kubikmeter täglich zentral erfasst werden – unabhängig davon, ob sie aus Landwirtschaft, Industrie oder öffentlicher Versorgung stammt (Quelle: ORF und Salzburg24/APA, 28.7.2026). „Heute wurde der Gesetzesentwurf des Hauses an die Koalitionspartner übermittelt", sagte Totschnig. Der Vorteil einer zentralen Datenbank liege darin, dass alle Entnahmen erstmals an einer Stelle sichtbar würden.
Offen bleibt allerdings, wann die Verordnung tatsächlich in Kraft tritt. „Zeitliche Fristen sind schwer zu nennen", räumte der Minister ein (ORF, 28.7.2026). Das Register sei zudem „nur ein Baustein" einer größeren Strategie zur langfristigen Versorgungssicherheit.
Warum jetzt: Die Zahlen hinter der Krise
Der Handlungsdruck ist messbar. Laut der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach (ÖVGW) lagen die Grundwasserstände zum Zeitpunkt des Gipfels zu rund 90 Prozent auf niedrigem bis sehr niedrigem Niveau – mit weiter sinkender Tendenz (Quelle: ÖVGW/OTS, 28.7.2026). Diese Entwicklung zeichnete sich schon im Frühjahr ab: Nach dem offiziellen Wasserhaushaltsbericht des Umweltministeriums war der Frühling 2026 mit einer Temperaturanomalie von +1,4 °C und einem Niederschlagsdefizit von fast 50 Prozent der trockenste seit Beginn der Aufzeichnungen; der Anteil der Grundwassermessstellen mit niedrigen Ständen stieg von rund 65 Prozent Ende März auf etwa 80 Prozent Ende Mai (Quelle: BMLUK, Wasserhaushalt Frühling 2026).
Auch die Flüsse gehen mit einer schweren Hypothek in den Sommer, und ihre Pegelstände wirken unmittelbar auf die Wasserverfügbarkeit: Sinkende Abflüsse bedeuten weniger Grundwasserneubildung, höhere Wassertemperaturen und wachsende Nutzungskonflikte. Ende Mai lagen an mehr als 90 Prozent der Pegelmessstellen die monatlichen Abflüsse unter den langjährigen Monatsmitteln (Quelle: BMLUK, Frühling 2026); der WWF beziffert den Anteil der Messstellen mit niedrigen bis sehr niedrigen Abflüssen für Mai ebenfalls auf rund 90 Prozent (Quelle: WWF, 8.6.2026). Besonders betroffen sind nach WWF-Auswertung der offiziellen Hydrographie-Daten die Vöckla in Oberösterreich (‑89 Prozent gegenüber dem langjährigen Mittel), der Kamp in Niederösterreich (‑84 Prozent), die Leitha (‑76 Prozent) sowie die steirische Mürz (‑71 Prozent) und Mur (‑68 Prozent) (Quelle: WWF, 8.6.2026). Auch der Neusiedler See sank kontinuierlich und lag Ende Mai 18 Zentimeter unter dem langjährigen Mittel (Quelle: BMLUK, Frühling 2026). „Intakte Flüsse sind die beste Vorsorge gegen zunehmende Wasserknappheit", sagt WWF-Expertin Marie Pfeiffer.
Die Länder: „Der Wert von Wasser zeigt sich, wenn der Brunnen leer ist"
Für die Gemeinden ist die Versorgung eine Kernaufgabe – und zunehmend eine Herausforderung. Salzburgs Landesrat Maximilian Aigner (ÖVP) verwies auf die vergleichsweise komfortable Lage seines Bundeslandes mit über 2.200 Quellen und vielen selbstversorgenden Gemeinden, warnte aber: „Man erkennt den Wert von Wasser erst, wenn der Brunnen leer ist" (Quelle: Salzburg24/APA, 28.7.2026). Dass die Klimakrise auch dort ankommt, zeigte die vorübergehende Schließung einer Schutzhütte im Tennengebirge wegen Wassermangels. „Wir setzen auf Vorsorge, Bewusstseinsbildung und verlässliche Daten", so Aigner. Seit 2023 hat der Bund nach eigenen Angaben über 3.000 Projekte zur Trinkwasserversorgung mit rund 1,5 Milliarden Euro unterstützt – davon 233 Millionen Euro durch das Ministerium – und dabei rund 370 Brunnen und Quellen sowie mehr als 94.000 Kubikmeter Speichervolumen geschaffen (Quelle: ORF, 28.7.2026; Investitions- und Projektzahlen auch Salzburg24/APA).
Die Wasserversorger: „Schluss mit der Vogelstraußpolitik"
Deutlich weiter als die Regierung geht die ÖVGW, die über Landesverbände mehr als 2.000 Wasserversorger vertritt, die rund 80 Prozent der zentral versorgten Bevölkerung beliefern (Quelle: ÖVGW/OTS, 28.7.2026). „Es muss endlich Schluss sein mit der Vogelstraußpolitik im Wasserbereich. Wir laufen sehenden Auges in eine Versorgungskrise", sagt ÖVGW-Vizepräsident Nikolaus Sauer. Der Verband fordert drei Schritte: die rasche Umsetzung des Registers per Verordnung ohne Ausnahmen, einen gesetzlich verankerten Vorrang der Trinkwasserversorgung in Mangellagen sowie eine langfristige nationale Trinkwasserstrategie. „Jede Entnahme muss über Wasserzähler dokumentiert und nachweisbar kontrolliert werden", so Sauer.
Die Opposition: „Land am Strome wird zum Land am Rinnsal"
Scharfe Kritik kommt von den Grünen. Umweltsprecher Lukas Hammer sieht im Gipfel eine „PR-Show" und verlangt eine Reform des Wasserrechts, das „zu großen Teilen aus den 1950ern" stamme (Quelle: Grüne/OTS, 28.7.2026). Sein zentraler Einwand: Der Vorrang für Trinkwasser sei in der Praxis kaum umsetzbar. Drehe eine Gemeinde großen Verbrauchern wie der Industrie in der Krise das Wasser ab, drohten Entschädigungszahlungen – „dadurch wird eine Steuerung entweder sehr teuer oder einfach unrealistisch". Sein Befund: „Aus dem Land am Strome droht ein Land am Rinnsal zu werden."
Umwelt- und Arbeitnehmerseite: Register ja, aber lückenlos
Greenpeace und die Arbeiterkammer Wien unterstützen ein Register, verlangen aber vor allem Transparenz beim oft intransparenten Wasserverbrauch von Industrie und Landwirtschaft (Quelle: Greenpeace/AK Wien). Der WWF wiederum warnt davor, sich zu stark auf technische Lösungen zu verlassen, und fordert ergänzend die Renaturierung von Flüssen, Auen und Feuchtgebieten als natürliche Wasserspeicher (Quelle: WWF, 8.6.2026).
Der blinde Fleck: die Landwirtschaft
Kritisch beäugt wird zudem die Dauer bestehender Nutzungsrechte. Für die Beregnung sind in Österreich Bewilligungen von bis zu 25 Jahren möglich – 2018 wurde die Höchstdauer von zwölf auf 25 Jahre angehoben (Quelle: Rechnungshof Österreich; Greenpeace/AK Wien/younion). Der Rechnungshof kritisiert diese lange Bindung, weil eine nachhaltige Verteilung der knappen Ressource über einen so langen Zeitraum nicht gesichert sei; Greenpeace, Arbeiterkammer und younion fordern eine Verkürzung auf maximal sechs Jahre (Quelle: Greenpeace/AK Wien/younion). Wie stark der Bedarf wächst, zeigt Niederösterreich: Dort stieg die Zahl der Betriebe mit Bewässerungsinfrastruktur zwischen 2010 und 2020 von 2.195 auf 3.000, die bewässerbare Fläche von 60.700 auf 77.628 Hektar (Quelle: Rechnungshof Österreich). Zugleich mahnen Interessenvertretungen, Betriebe nicht mit Bürokratie und Zusatzkosten zu belasten, ohne erkennbaren Beitrag zum Wasserschutz. Der Interessenausgleich zwischen Versorgung, Landwirtschaft und Industrie dürfte damit zur eigentlichen Bewährungsprobe werden.
Ausblick
Mit dem Registerentwurf hat die Bundesregierung einen im Regierungsprogramm angekündigten Schritt eingeleitet – der Zeitplan für das Inkrafttreten ist aber ebenso offen wie die Frage, ob Vorrangregelung und Trinkwasserstrategie folgen. Für Gemeinden und Versorger bleibt die zentrale Botschaft: Verlässliche Daten sind die Voraussetzung für jede Steuerung. Der nächste Prüfstein ist die konkrete Ausgestaltung der Wasserentnahmeregister-Verordnung im Herbst.