Die Kosten sind nicht das Problem

Die Gemeinde St. Georgen bei Salzburg hat sich auf einen langen Weg gemacht. Durchgängige Barrierefreiheit ist das Ziel. KOMMUNAL war auf Lokalaugenschein in der Vorbildgemeinde.

Es geht nicht immer nur um Rollstuhlfahrer“, sagt Fritz Amerhauser. „Es geht um alle Menschen, die nicht mehr so gut zu Fuß sind oder andere Beeinträchtigungen haben. Sie alle tun sich leichter, wenn die Einrichtungen in der Gemeinde barrierefrei sind.“ Amerhauser muss es wissen. Er war 20 Jahre lang Bürgermeister der 2800-Einwohner-Gemeinde an der Grenze zu Bayern. In seinem ehemaligen Büro am Gemeindeamt empfängt er uns gemeinsam mit seinem Nachfolger Franz Gangl. Funkelnde Augen kriegt Amerhauser immer noch, wenn er von seinem Lieblingsprojekt erzählt. Man merkt, wie wichtig ihm das ist. Franz Gangl war einige Jahre Amerhausers Vizebürgermeister und ist seit einem Jahr der Chef der Gemeinde. „Der Fritz lässt einfach nicht locker, wenn er etwas anpacken will“, sagt Gangl und schmunzelt. „Man soll ja nicht glauben, dass es da keine Widerstände gab, als er die Barrierefreiheit als Ziel ausgegeben hat. Da waren viele Menschen hier skeptisch und haben gesagt: ‚Brauch ma des wirklich?‘ Inzwischen merken die Leute aber, dass es allen das Leben einfacher macht, wenn man die Barrierefreiheit bei jedem Projekt, das man umsetzt, mitdenkt.“

 

Doch wie geht man diesen Weg zur Barrierefreiheit an? „Am wichtigsten ist es, dass man Bewusstsein schafft“, sagt der Alt-bürgermeister. „Man muss die Leute auf diesen Weg mitnehmen und nicht die Dinge von oben verordnen. Ich kann ja auch keinen Betrieb oder kein Geschäft dazu zwingen. Wenn die von der Sache nicht überzeugt sind, dann machen sie auch nichts.“ Ein gutes Beispiel dafür sei die örtliche Bankstelle gewesen. „Dort gab es sogar eine Rampe, aber die war so steil, dass man mit dem Rollstuhl oder mit Krücken gar nicht hinaufgekommen wäre. Das geht oft von der Kraft her nicht. Außerdem drehen die Räder des Rollis durch,wenn die Rampe zu steil ist.“ Nach einigen Gesprächen habe sich die Bank einsichtig gezeigt und hat die bestehende Rampe weggerissen und eine neue gebaut. „So etwas ist ein wichtiges Signal“, sagt Gangl. „Da sehen die Leute, dass das nicht nur Gerede ist, sondern dass wirklich etwas passiert.“

Dass es nicht immer um die Kosten geht, weiß Doris Becker-Machreich vom ÖZIV. Der Behindertenverband begleitet solche Vorhaben mit Beratung und Expertise. „Bei Neubauten geht man von Mehrkosten von zwei Prozent des Gesamtvolumens aus“, sagt Becker-Machreich. „Damit ist das gesamte Gebäude durchgehend barrierefrei ausgestaltet. Vom Aufzug, über flache Rampen bis hin zu breiten Türen.“ Auch die St. Georgener haben Unterstützung beim ÖZIV gesucht. „Oft ist es wichtig, dass man sich aktiv in die Rolle eines Betroffenen hineinversetzt“, sagt Amerhauser. „Es soll sich jeder einmal selbst in einen Rollstuhl setzen und ein paar Stunden lang versuchen, wie gut oder schlecht die Einrichtungen in der Gemeinde zugänglich sind. Das wirkt Wunder.“

In St. Georgen hat man diese Erfahrung allen Gemeindebürger/innen angeboten. Die Bewusstseinsbildung beginnt schon in den Schulen. „Für Kinder ist das eine ganz neue Erfahrung, wenn sie selbst spüren, wie es ist, sich mit einem Rollstuhl zu bewegen“, erzählt Amerhauser. Am Nachmittag war dann die gesamte Bevölkerung eingeladen „im Rolli auf Probefahrt zu gehen“. Das hat einiges an Umdenken bewirkt.

In einer für alle Menschen offenen Arbeitsgruppe wurde dann nach und nach der Zustand der Gemeindeeinrichtungen erhoben. „Da geht es auch um die Kirche, um den Friedhof, um Gehsteigkanten und Zugänge zu Geschäften“, sagt Amerhauser. „Jeder geschotterte Weg ist für Rollstuhlfahrer ein unüberwindbares Hindernis. Für ältere Menschen mit Krücken oder Stock aber ebenso. Daran muss man einfach nur denken, wenn Gehwege sanierungsbedürftig sind. Dass man es gleich g’scheit macht und die Wege fugenfrei pflastert.“ Nach einem Spaziergang zur Kirche und über den Friedhof führen uns Gangl und Amerhauser zu einer der größten Baustellen von St. Georgen. „Hier erweitern wir die Schule und den Kindergarten“, erzählt Gangl stolz. „Sechs Gruppen wird der neue Kindergarten haben, ebenfalls alles barrierefrei zugänglich. Auch beim Zubau der Schule achten wir natürlich darauf.“

Geholfen hat den Salzburgern auf ihrem Weg auch die mediale Begleitmusik. „Wir haben mit unseren Maßnahmen immer wieder Aufmerksamkeit bei den Medien erregt“, sagt Amerhauser. „Das hat uns natürlich auch geholfen und den Menschen hier gezeigt, dass dieser Weg auch Anerkennung und Wertschätzung findet.“

„Barrierefreiheit heißt auch Familienfreundlichkeit“, meint Bürgermeister Gangl zufrieden. „Alles, was für Rollstühle gut befahrbar ist, kann man mit Kinderwägen ebenso gut erreichen. Barrierefreiheit hat einen Nutzen in alle Richtungen.“ Auch der relativ neue Nahversorger ist barrierefrei. „Dazu zählt, dass man Behindertenparkplätze einrichtet. Die Höhe der Regale ist ein Thema, ein Rollstuhlfahrer kann nicht so weit nach oben greifen wie ein nicht beeinträchtigter Mensch.“

Wenn man nach den Kosten fragt, winken beide Lokalpolitiker ab. „Es geht kaum um die Kosten“, sagt Amerhauser. „Es verlangt ja niemand, dass alles auf einmal passiert. Es würde schon reichen, wenn bei jeder Sanierung, bei jedem Projekt der Gemeinde die Barrierefreiheit mitgedacht wird.“ Und es gehe um Überzeugungsarbeit bei Betrieben und Geschäften, ergänzt sein Nachfolger. „Viele Geschäfte haben eine einzelne Stufe vor ihrem Portal. Es ist meistens kein großer Aufwand, das abzuflachen. Damit ist schon viel gewonnen. Oder Geländer bei kleinen Steigungen, damit ältere Menschen sich anhalten können, auch das sind wichtige Kleinigkeiten.“ Die Gemeinde selbst wiederum schaut darauf, dass Gehsteigkanten abgeflacht werden, denn alles über drei Zentimeter Kantenhöhe wird für Rollstuhlfahrer schwer überwindbar.

Im privaten Bereich ist die Überzeugungsarbeit oft schwierig, weiß Amerhauser. „De facto denkt ja fast niemand beim Hausbau daran, dass er vielleicht irgendwann einmal pflegebedürftig sein wird und keine Stufen mehr steigen kann. Oder daran, dass es sinnvoll wäre, die Türen gleich breiter zu machen. Wir versuchen inzwischen aber jeden Bauwerber auch auf solche Dinge hinzuweisen, bevor er mit dem Hausbau beginnt.“

In manchen Fällen muss man trotzdem Geld in die Hand nehmen. Das St. Georgener Kulturzentrum „Sigl-Haus“ zum Beispiel hat nun einen Treppenlift. „Es muss nicht immer gleich ein Aufzug sein, dort, wo es die Baulichkeiten nicht anders zulassen, ist ein Treppenlift völlig ausreichend“, bestätigt Becker-Machreich vom ÖZIV.

Einziger Wermutstropfen der St. Georgener ist das eigene Gemeindeamt, ein Altbau, der auf einem kleinen Hügel liegt. „Hier haben wir gemacht, was man in so einem alten Gebäude eben machen kann“, seufzt Amerhauser. „Man kommt ebenerdig hinein und erreicht die wichtigsten Büros, bei Bedarf kann man mit einer Klingel Hilfe holen.“ Perfekt sei das nicht, aber ein deutlicher Fortschritt. Ein kompletter Umbau scheitere derzeit an den Kosten. „Wenn wir das Gemeindeamt in jeder Hinsicht barrierefrei zugänglich machen wollen, dann müssten wir wahrscheinlich einen Neubau andenken“, sagen Amerhauser und Gangl.

Bis Ende 2015 sollten alle öffentlichen Gebäude barrierefrei zugänglich sein. So sieht es das Behindertengleichstellungsgesetz vor. „Das wird sich wohl nicht einmal bei uns vollständig ausgehen“, befürchten die beiden Kommunalpolitiker. Der Bund hat sich selbst schon eine Fristverlängerung genehmigt. „Es soll keine Gemeinde glauben, dass sie das bis in alle Ewigkeit vor sich herschieben kann“, mahnt Amerhauser. „Das wichtigste ist aber, dass man sich auf den Weg macht. Kleine Schritte setzen, bis man am Ziel ist. Das dauert gar nicht so lange, wie viele glauben.“

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