© laraib - stock.adobe.com
Moderne Mobilität braucht moderne Infrastruktur in Gemeinden
Die Mobilitätswende findet bereits statt – von Eisenstadt bis Kleinzell im Mühlkreis. Doch während Klimaziele drängender werden, stehen Gemeindeverantwortliche vor der Herausforderung: Wie gelingt der Weg von der autogerechten zur menschengerechten Gemeinde? Wie nimmt man die Bevölkerung mit und was können kleine Gemeinden mit begrenzten Budgets konkret tun? Die gute Nachricht: Es gibt einen strukturierten Werkzeugkasten mit über 100 erprobten Maßnahmen und zahlreiche Fördermöglichkeiten. Dieser Bericht zeigt, wie der Weg zur zukunftsfähigen Gemeinde gelingt – von bewusstseinsbildenden Kampagnen bis zu infrastrukturellen Verbesserungen. Denn moderne Mobilität braucht moderne Infrastruktur, aber vor allem den Mut, erste Schritte zu gehen.
Der Wandel hat längst begonnen, zum Beispiel in Eisenstadt. Vor dem historischen Rathaus der burgenländischen Landeshauptstadt parken keine Autos mehr, sondern stehen Leihfahrräder bereit. Entspanntes Spazierengehen über die autofreie Hauptstraße, sicheres Fahrradfahren zur Schule – alles möglich. Was wie eine Zukunftsvision klingt, ist in der burgenländischen Landeshauptstadt bereits Realität – und das Ergebnis eines dreijährigen Prozesses im Rahmen des Projekts „Burgenland geht“.
„Die Bedingungen für das Zufußgehen und Radfahren zu verbessern, war keine technische, sondern vor allem eine politische Entscheidung“, erklärt eine Projektverantwortliche. „Wir mussten erst lernen, dass es nicht nur um Infrastruktur geht, sondern um einen Bewusstseinswandel – in der Politik, in der Verwaltung und bei den Bürgerinnen und Bürgern.“
Die Herausforderung: Mobilität neu denken
Jahrzehntelang waren österreichische Gemeinden auf das Auto ausgerichtet. Breite Straßen, großzügige Parkplätze, Siedlungen am Ortsrand – die autozentrierten Rahmenbedingungen prägen bis heute viele Gemeinden. Doch die Zeiten ändern sich: Klimaziele müssen erreicht, die Gesundheit der Bevölkerung muss gefördert und die Lebensqualität in den Ortskernen verbessert werden.
„Oft sind es die autozentrierten Rahmenbedingungen, die Aktive Mobilität für die Bürger:innen erschweren“, heißt es im Projektbericht der Universität für Bodenkultur Wien. „Es bedarf eines Entgegensteuerns der Politik und Verwaltung durch Verhältnisänderung, um eine Verhaltensänderung zu initiieren.“
Die gute Nachricht: Gemeinden haben einen wesentlichen Einfluss darauf, ob und wie viele Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. Und das gilt nicht nur für Städte wie Graz oder Salzburg, sondern genauso für Kleinzell im Mühlkreis, Hollersbach oder Parndorf.
Von der Strategie zur Umsetzung: Ein Werkzeugkasten für Gemeinden. Doch wo anfangen? Die Erfahrungen aus mittlerweile zahlreichen Projekten in ganz Österreich zeigen: Erfolgreiche Mobilitätswende braucht einen strukturierten Ansatz – und der lässt sich in drei Phasen gliedern.
1. Die Vorbereitungsphase: Status quo verstehen
Bevor Maßnahmen umgesetzt werden, muss klar sein, wo die Gemeinde steht. Ein systematischer Status-Check zeigt auf, welche Infrastruktur bereits vorhanden ist, wo Schwachstellen liegen und welche Bedürfnisse die Bevölkerung hat.
„Die Menschen vor Ort sind die Expertinnen und Experten für ihre Gemeinde“, betont ein Projektleiter aus Oberösterreich. In Aigen-Schlägl dokumentierten Schülerinnen und Schüler selbst ihre Schulwege, in Kremsmünster wurde ein Ortsplan mit Alltagswegen entwickelt, in Kleinzell prüften Bürgerinnen und Bürger die Barrierefreiheit.
Zur Strategieentwicklung gehört auch die Einbindung der relevanten Akteure: Gemeinderat, Verwaltung, lokale Vereine, Schulen und nicht zuletzt die Bevölkerung selbst. Die Salzburger Gemeinden Hof, Hollersbach, Mittersill und Lamprechtshausen haben dafür eigene „Kommunale Mobilitätsbeauftragte“ ausgebildet – eine Investition, die sich langfristig auszahlt.
2. Die Umsetzungsphase: Von Bewusstseinsbildung bis Infrastruktur
Die Palette möglicher Maßnahmen ist breit – und lässt sich an die Größe und Ressourcen jeder Gemeinde anpassen.
Bewusstseinsbildende Maßnahmen schaffen die Basis: Informationskampagnen in der Gemeindezeitung, auf Social Media oder bei Veranstaltungen machen deutlich, welche Vorteile aktive Mobilität bringt – für die Gesundheit, fürs Klima und für den Geldbeutel. Eisenstadt setzte auf Kurzvideos und eine groß angelegte „GEHwinnspiel“-Aktion, bei der Bürgerinnen und Bürger mit Stempelpässen zum Zufußgehen motiviert wurden.
Aktivierende Maßnahmen bringen Menschen tatsächlich in Bewegung: gemeinsame Spaziergänge, Radtouren, ein „Pedibus“ für Schulkinder oder Bewegungsrallyes für Familien. In Kleinzell wurde ein Wegenetz mit Bänken und einer Bewegungsrallye ausgestattet – kostengünstig, aber wirkungsvoll.
Anreizorientierte Maßnahmen wie der „Walking Award“ für Gemeinderätinnen und -räte in burgenländischen Gemeinden oder kostenlose Leihfahrräder schaffen zusätzliche Motivation. Auch niederschwellige Radfahrkurse für Menschen mit Migrationshintergrund oder ältere Personen gehören dazu.
Es braucht ein aktives Entgegensteuern der Politik durch Verhältnisänderung, um eine Verhaltensänderung zu initiieren.“ Sandra Wegener, Projektleiterin des Projekts „Toolbox für Gemeinden“, Institut für Verkehrswesen, Universität für Bodenkultur Wien Foto: azad - stock.adobe.com
Infrastrukturelle Maßnahmen sind das Herzstück nachhaltiger Mobilitätsentwicklung: sichere Radwege, übersichtliche Gehsteige, ausreichend Abstellplätze für Fahrräder, verkehrsberuhigte Zonen. „Die Umsetzung von Infrastrukturprojekten für den Rad- und Fußverkehr fördert die Zustimmung in der Bevölkerung“, heißt es in den Erfolgsfaktoren des Projekts „Toolbox für Gemeinden“ („Too Ge“).
Wichtig: Auch mit kleineren Budgets lässt sich viel bewegen. Temporäre Maßnahmen wie Parklets, Pop-up-Radwege oder Begegnungszonen bei Festen zeigen schnell Wirkung und können später dauerhaft umgesetzt werden.
Strategische Maßnahmen sichern die Nachhaltigkeit: ein örtliches Fußverkehrskonzept oder ein Masterplan Gehen, die Einrichtung eines Fußverkehrsbeirats mit Mitgliedern aus Verwaltung, Politik und Bürgerschaft, ein Grundsatzbeschluss im Gemeinderat zur Förderung aktiver Mobilität. Alle drei burgenländischen Projektgemeinden haben sich zur Fußverkehrsförderung „klimaaktiv mobil“ des Bundes bekannt – und damit auch Zugang zu Förderungen gesichert.
3. Die Evaluationsphase: Lernen und verbessern
Was funktioniert? Was muss angepasst werden? Regelmäßige Evaluierungen – durch Befragungen, Verkehrszählungen oder die Analyse von Nutzungsdaten – helfen, Maßnahmen zu optimieren. In Graz wurden über drei Jahre hinweg Daten zur Nutzung von Mikromobilitätsangeboten erfasst und ausgewertet, um das Angebot gezielt zu verbessern.
Erfolgsfaktoren: Was wirklich zählt.
Die Analyse von Dutzenden Projekten in österreichischen Gemeinden zeigt klare Erfolgsfaktoren:
Bewusstseinsbildung in der Gemeindepolitik ist der erste Schritt. Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sowie Gemeindemitarbeitende müssen von der Notwendigkeit überzeugt sein – und als Vorbilder vorangehen. Die „GEHmeindeRADsitzung“, bei der der Gemeinderat gemeinsam mit dem Rad zur Sitzung fährt oder zu Fuß geht, mag symbolisch sein – wirkt aber.
Rasche und gut geplante Bürgerbeteiligung sichert die Zustimmung der Bevölkerung. „Die Involvierung von politisch Verantwortlichen, etwa durch Einladung zu Veranstaltungen, in denen Ideen und Wünsche der Bürger:innen direkt an die Verantwortlichen gerichtet werden können, ist entscheidend“, so ein Projektergebnis.
Niederschwelliges Angebot bedeutet: einfacher und oft kostenfreier Zugang. Leihfahrräder gratis zur Verfügung stellen, Essensangebot bei Veranstaltungen, Berücksichtigung der Lebenswelten der Menschen. „Wer den ganzen Tag körperlich anstrengende Arbeit verrichtet, wird mit aktiver Mobilität weniger anfangen können als jemand, der den ganzen Tag im Büro sitzt“, heißt es in den Projektempfehlungen.
Vernetzung und Austausch mit anderen Gemeinden spart Zeit und Geld. Das Klimabündnis Österreich bietet Lehrgänge für „Kommunale Mobilitäts- und Radbeauftragte“ sowie für „Fußverkehrsbeauftragte“ an. klimaaktiv mobil unterstützt mit Beratung, Leitfäden und Förderungen.
Ressortübergreifende Zusammenarbeit ist entscheidend: Mobilität betrifft nicht nur das Verkehrsressort, sondern auch Raumplanung, Gesundheit, Bildung, Soziales und Wirtschaft. Der Ansatz „Health in all Policies“, der im Grazer Projekt „Pro Rad. Pro Aktiv“ verfolgt wurde, zeigt, wie fruchtbar diese Zusammenarbeit sein kann.
Kleine Gemeinde, große Wirkung
„Wir haben nur 1.200 Einwohner, glauben Sie, wir können da wirklich etwas bewegen?“ Diese Frage stellen sich viele Bürgermeisterinnen und Bürgermeister kleiner Gemeinden. Die Antwort: Gerade in kleineren Gemeinden sind viele Wege kurz genug, um zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt zu werden – wenn die Rahmenbedingungen stimmen.
Kleinzell im Mühlkreis hat es vorgemacht: Mit überschaubarem Budget wurden Wegenetze beschildert, Bänke aufgestellt und eine Bewegungsrallye für Familien eingerichtet. Das Modell wurde mittlerweile erfolgreich in eine vierte Gemeinde transferiert.
Auch Digitalisierung ist kein Privileg großer Städte mehr. Die kostenlose App „Gem2Go“ bietet auch kleinen Gemeinden die Möglichkeit, ihre Bürgerinnen und Bürger zu mehr Bewegung zu motivieren. Der Gesundheitsroutenplaner von klimaaktiv mobil zeigt, welche Gesundheitseffekte verschiedene Routen haben – ein niederschwelliges Angebot für alle.
Förderungen nutzen: Geld ist da
Eine häufige Sorge von Gemeindeverantwortlichen: „Das können wir uns nicht leisten.“
Dabei gibt es in Österreich zahlreiche Fördermöglichkeiten:
- klimaaktiv mobil fördert Radverkehrsanlagen, Fußverkehrsprojekte, Bewusstseinsbildung und Mobilitätsmanagement.
- Der Klima- und Energiefonds unterstützt innovative Mobilitätsprojekte.
- Länderspezifische Programme bieten zusätzliche Förderungen (z. B. in Niederösterreich, Salzburg, Oberösterreich).
- Die Initiative „Gesunde Gemeinde“ verknüpft Gesundheitsförderung mit Mobilität.
Der Leitfaden „Aktionsprogramm klimaaktiv mobil“ beschreibt detailliert, welche Projekte wie gefördert werden. Die Beratung ist kostenlos.
Datenbasiert entscheiden: Moderne Tools für Gemeinden
Moderne Mobilität bedeutet auch: datenbasiert planen und entscheiden. Internationale Standards wie die „Mobility Data Specification“ (MDS) oder die „General Bikeshare Feed Specification“ (GBFS) ermöglichen es auch österreichischen Gemeinden, Sharing-Angebote professionell zu steuern.
- Wichtige Kennzahlen (KPIs) helfen, den Erfolg von Maßnahmen zu messen:
- Wie viele Wege werden zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegt?
- Wie hat sich die Verkehrssicherheit entwickelt?
- Werden benachteiligte Stadtteile gut versorgt?
- Wie viel CO₂ wird eingespart?
Auch hier gilt: Diese Tools sind nicht nur für Großstädte relevant. Schon die systematische Erhebung von Radverkehrszahlen an neuralgischen Punkten oder regelmäßige Bürgerbefragungen liefern wertvolle Erkenntnisse für die Planung.
Ausblick: Die lebenswerte Gemeinde der Zukunft
Die Vision ist klar: Gemeinden, in denen Menschen jeden Alters sicher und selbstbestimmt mobil sein können. Wo Kinder gefahrlos zur Schule gehen und ältere Menschen ohne Angst vor rasendem Verkehr einkaufen können und wo die Ortszentren wieder Orte der Begegnung sind – nicht Transiträume für Autos.
Diese Vision ist keine ferne Utopie, sondern in vielen österreichischen Gemeinden bereits Realität. Die Beispiele aus Eisenstadt, Graz, den Salzburger Gemeinden oder Kleinzell zeigen: Es funktioniert – wenn der politische Wille da ist, die Bürgerinnen und Bürger eingebunden werden und die richtigen Maßnahmen ergriffen werden.
Die gute Nachricht: Niemand muss das Rad neu erfinden. Mit der Toolbox für Gemeinden, den Angeboten von Klimabündnis und klimaaktiv mobil, den Förderprogrammen des Bundes und der Länder sowie dem Austausch mit anderen Gemeinden stehen alle Werkzeuge bereit.
Moderne Mobilität braucht moderne Infrastruktur – aber vor allem braucht sie den Mut, erste Schritte zu gehen. Die Zeit dafür ist jetzt.
Für diesen Beitrag wurden verschiedene Dokumente mit Hilfe der KI analysiert und zusammengefasst.
Infos
- klimaaktiv mobil
- Klimabündnis Österreich: Ausbildungen, Workshops, Vernetzung
- mobil-ans-ziel.at: Informationen und Best Practices für Gemeinden
- Fonds Gesundes Österreich (FGÖ): Publikationen zu Aktiver Mobilität und Gesundheit
- VCÖ: Vorbildhafte Mobilitätsprojekte
Die Toolbox für Gemeinden mit detaillierten Beschreibungen von rund 100 Maßnahmen steht auf www.aktive-mobilitaet.at zur Verfügung