Peter Schobesberger
„Die Gemeinde ist die Welt in einer Box.“ Peter Schobesberger über die Vielfalt des kommunalen Gestaltungsspektrums.
© Erich Steinwendner

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Ein Bürgermeister gibt ordentlich Gas

Peter Schobesberger ist der richtige Mann zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Beruflich genau darauf spezialisiert, treibt er eine ökologische und wirtschaftliche Energiewende im Bezirk Vöcklabruck voran. Höchste Priorität hat für ihn dennoch die Kinderbetreuung.

Es war ein völlig unerwarteter Wahlsieg, der Peter Schobesberger vor gut zwei Jahren in das Bürgermeisteramt verhalf. Mit der drittstärksten Fraktion in den Wahlkampf gestartet, ging der heute 37-jährige als Erster in die Stichwahl und gewann diese erdrutschartig mit 68 Prozent.

„Ich habe meinem damaligen Chef in der Lenzing AG gesagt, dass ich nach dem Wahlkampf wieder zu 100 Prozent verfügbar bin. Dann kam der völlig überraschende Wahlsieg und ich musste innerhalb weniger Tage meine Arbeitsübergabe durchdrücken. Das war der Sprung ins Eisbecken.“ 

Kinderbetreuung hat Priorität

Auch wenn das Klima für Schobesberger ganz weit oben steht, ist auf Platz eins seiner Prioritätenliste die Kinderbetreuung:

„Bei dem Thema ist meiner Meinung nach sonnenklar, dass wir aus ganz vielen Gründen einfach zu den Besten gehören müssen. Da geht es um Gleichberechtigung und um die Last der Familienarbeit. Da geht‘s um die Möglichkeit, dass Frauen einem Job nachgehen können und um Altersarmut. Und es geht auch um Integration, denn je früher und zahlreicher wir Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache aufnehmen, desto besser wird es ihnen einmal im Leben gehen, weil sie einen ganz anderen Bildungsweg einschlagen.“

Darum wurde in Vöcklabruck innerhalb weniger Monate nach Schobesbergers Amtsantritt ein neuer Kindergarten mit zwei Gruppen aus dem Boden gestampft. Personal wurde gesucht, ein Spielplatz gebaut, und dann wurden 43 Kinder aufgenommen, von denen 40 nicht Deutsch als Erstsprache haben.

Kindergarten in Vöcklabruck
Innerhalb von nur fünf Monaten nach Schobesbergers Amtsantritt wurden 43 neue Kindergartenplätze am Pfarrhofgries geschaffen. Seit Herbst  hat der neue Kindergarten auch nachmittags geöffnet.

„Ich glaube, da leisten wir unglaublich wichtige Arbeit, damit das ganze Gefüge in Zukunft funktionieren kann“, ist der Bürgermeister überzeugt. Dieses Jahr werden zusätzlich zwei weitere Krabbelgruppen folgen. „Es muss ein Angebot für maximale Abdeckung über das Jahr geben, also möglichst wenig Schließzeiten, gleichzeitig Mittagessen und Nachmittagsbetreuung. Das betrifft Krabbelstuben, Kindergärten, aber natürlich auch bei den Schülern den Hort und die Ganztagsschule. Wir haben vergangenes Jahr 1,1 Millionen Euro in die Sanierung einer Volksschule investiert, wobei wir auch Ganztagsschulgruppen saniert und neu installiert haben, um eine möglichst gute Abdeckung zu erreichen.“

Energie- und Umwelt-Spezialist

Vöcklabruck beschreibt Schobesberger als knackige Kleinstadt in Bestlage.

„Wir sind der zweitstärkste Wirtschaftsraum in Oberösterreich, landschaftlich wunderschön am Tor zum Salzkammergut situiert. Verkehrstechnisch liegen wir direkt an der Westbahnstrecke und sind auch in dieser Hinsicht zukunftsfit. Und unsere Stadt hängt zu hundert Prozent an der Fernwärme.“

Damit ist der Bürgermeister bei einem seiner Lieblingsthemen angelangt – der Energiewende. Um zu verstehen, welche Bedeutung sie für ihn hat, lohnt sich ein Blick auf seinen Werdegang. Nach der HTL in Vöcklabruck hat er nämlich an der TU Graz seinen Master in Wirtschaftsingenieurswesen mit der Spezialisierung auf Energie- und Umwelttechnik gemacht.

Bei der RAG Austria AG, die heute das größte Gasspeicher- und somit Energiespeicherunternehmen Österreichs ist, war er jahrelang mit der Projektleitung von Untertageprojekten betraut, ehe er zur Lenzing AG wechselte und bei dieser unter anderem für Projekte zur CO2-Reduktion verantwortlich war.

Schobesberger kennt sich auf diesem Gebiet also bestens aus. Die RAG spielt just in seiner Heimat überdies eine wichtige Rolle, denn sie betriebt hier bereits unterirdische Wasserstoffspeicher. Die Vöckla-Ager-Region verfügt nämlich über ausgezeichnete geologische Voraussetzungen für den Umstieg auf Wasserstoff. Das Gas kann hier in riesigen Mengen in Gesteinsschichten eingelagert werden. Schobesberger ist somit der richtige Mann, am richtigen Ort, und das zur richtigen Zeit, denn eine Energiewende ist überfällig, und nichts Geringeres als diese hat er sich vorgenommen.

„Wir haben perfekte Bedingungen, um die ersten zu sein, die sich vom russischen Gas lösen,“ sagt er und will mit Industrie, Bund, Land, und Nachbargemeinen einen Wasserstoff-Cluster in der Region realisieren. Genauer gesagt ist er schon mittendrin. In seinem Geburtsort, der Nachbargemeinde Gampern, wurden Ende April eine innovative Anlage zur saisonalen Speicherung von Wasserstoff aus erneuerbaren Energien in Betrieb genommen – der weltweit erste hundertprozentige Wasserstoffspeicher (KOMMUNAL berichtete).

Photovoltaikanlagen produzieren im Sommer Stromüberschüsse. Diese werden umgewandelt und in Form von Wasserstoff in den bereits bestehenden Gasspeichern der Region gespeichert. Eine neue Infrastruktur braucht es dafür nicht. In der kalten Jahreszeit wird der Wasserstoff dann in Blockheizkraftwerken wieder zu Strom umgewandelt. Die Abwärme dieser Kraftwerke kann zudem im regionalen Fernwärmenetz genutzt werden – dort ist der Verbrauch, genau wie beim Strom, im Winter am höchsten.

„Wir können durch die gemeinsame Nutzung von Strom und Wärme höchste Wirtschaftlichkeit erzielen. Wenn die Wasserstofftechnologie ihren Durchbruch erreichen kann, dann im Bezirk Vöcklabruck.“ ist Schobesberger überzeugt.

Die Kombination von Speichermöglichkeiten, Fernwärmenutzung und einem regionalen Leitungsnetz mit industriellen Abnehmern ist eine ideale Kombination. Ebenso soll das Projekt die Firmen unterstützen: „Durch die Wasserstoffnutzung im regionalen Gasnetz können auch Industriebetriebe endlich vom Klimagift Erdgas wegkommen.“ Vöckla-Ager soll eine Wasserstoff-Vorreiterregion werden und nicht nur dem Klima, sondern auch der Wirtschaft und dem Standort helfen.

„Ich schaue drauf, dass wir uns in Zukunft nicht nur CO2 sparen, sondern auch sehr viel Geld“, beschreibt Schobesberger seine Ambition. Die Lagerung in der unterirdischen Porenlagerstätte in über 1.000m Tiefe könnte Schule machen, denn von den rund 100 Milliarden-Kubikmeter-Erdgasspeichern in Europa befinden sich rund 85 Prozent im Sandstein, also porösem Gestein.

Peter Schobesberger mit Timelkams Bürgermeister Johann Kirchberger bei der Besichtigung des RAG Wasserstoffspeichers.
Peter Schobesberger mit Timelkams Bürgermeister Johann Kirchberger bei der Besichtigung des RAG Wasserstoffspeichers.

Geld sparen ist allerorts ein Bestreben, und auch für Schobesberger ist es es essenziell, denn „wir haben als Stadt ein Dauerproblem und das sind furchtbar enge Finanzen. Zwar haben wir an sich ein sehr gutes Kommunalsteueraufkommen, aber was wir gerade merken, ist, dass die extrem steigenden Umlagen uns regelrecht an die Wand drücken. Wir haben eine Finanzkraft von 22 Millionen Euro. Allein die Umlage vom Sozialhilfeverband steigt von 2023 auf 2024 um eine Million. Wie man das durchstehen kann, ohne dass man an die Wand geklatscht wird, ist mir ein Rätsel. Wir probieren unser Möglichstes mit allen Grauslichkeiten, die nie ein Politiker machen will. Dazu kommt, dass wir die Hauptstadt von einem Bezirk mit 140.000 Einwohnern sind. Dementsprechend gibt es bei uns Infrastruktur, wie ein Hallenbad, ein Freibad, eine Eishalle, eine große Veranstaltungshalle, usw., die ein Bezirk wie Vöcklabruck haben muss. Da kann man nicht sagen, das sei nur Luxus. Das ist sehr teure Infrastruktur. Für die stehen wir gerade, leisten sie aber eigentlich für den ganzen Bezirk.“

So sei auch die Sonderschule fast für den ganzen Bezirk zuständig, erhalten müsse sie Vöcklabruck jedoch allein. Das könne sich über kurz oder lang nicht ausgehen, so Schobesberger.

Nicht glücklich mit dem neuen Finanzausgleich

Die Frage, ob der neu ausverhandelte Finanzausgleich dahingehend ein Hoffnungsschimmer sei, verneint der Bürgermeister:

„Die Finanzausgleichsverhandlungen halte ich für einen ganz großen Witz. Was anderes fällt mir dazu nicht ein. Wir haben allein beim Personal für die Kinderbetreuung, wohlgemerkt wenn ich vom gleichen Personalstand ausgehe, innerhalb von zwei Jahren Steigerungen um 27 Prozent. Unsere Einnahmen – Stichwort vertikaler Verteilungsschlüssel – ändern sich jedoch nicht. Es hat eine Körperschaftssteuersenkung vom Bund gegeben, durch die in Folge auch wir weniger Geld bekommen. Gleichzeitig gibt es eine CO2-Steuer als ausschließliche Bundesabgabe. Es sind aber die Gemeinden, die Radwege, Schnellladesäulen und PV-Anlagen bauen müssen. Der Bund tut es nämlich nicht. Dieser Finanzausgleich geht an der Sache vorbei und wird dazu führen, dass ganz viele Gemeinden ihre Gemeindeautonomie defacto abgeben werden müssen. Das kann aber nicht im Sinne des Gesetzgebers sein, denn wozu gibt es eine Gemeindeautonomie, wenn die Hälfte der Gemeinden unter Kuratel gestellt wird?“

Vöcklabruck
 Vöcklabruck ist Zentrum des zweitgrößten Wirtschaftsraumes in Oberösterreich und birgt im Untergrund ideale geologische Voraussetzungen für die Wasserstoffspeicherung. 

Schobesberger ist spürbar enttäuscht. Und er ist sich im Klaren, dass er als Verantwortungsträger die künftig notwendigen Mittel irgendwie selbst auftreiben muss. Das bahnbrechende Vorhaben der Wasserstoffnutzung kann als Standortvorteil ein Teil der Lösung sein. Auch deshalb würde Schobesberger noch gerne lange Zeit Bürgermeister bleiben:

„Wir haben jetzt so viele Eisen im Feuer. Es gibt so viele Projekte, die gestartet wurden und Reformen, die ein bisschen brauchen, bis sie greifen. Ich würde es schon ganz gern erleben, zu sehen, dass sich das alles ausgezahlt hat und einen Sinn ergibt. Das Bürgermeisteramt ist – solange man keine Abgangsgemeinde ist – ein unglaublich reizvolles, weil man in allen möglichen Themenbereichen wirklich sehr gute Entscheidungen treffen kann, die den Punkt, an dem die Gemeinde steht, massiv verbessern können. Man hat viel mehr Gestaltungskraft, als wenn man in irgendeinem anderen Gremium einer von hundert ist. Die Gemeinde ist die Welt in einer Box. Hier gibt es von den Gremien her alles – genauso wie im Bund, im Land, und in der EU – nur mit dem Unterschied, dass man einen riesigen Zuständigkeitsbereich hat, und so in jedem Bereich versuchen kann, das Beste herauszuholen. Das ist extrem reizvoll. Ich hoffe, ich sehe das in ein paar Jahren auch noch so.“     

Zur Person

Peter Schobesberger

Alter: 37
Gemeinde: Vöcklabruck 
Einwohnerzahl: 12.769 (1. 1. 2023)
Bürgermeister seit: 4. November 2021
Partei: SPÖ