Bikesharing
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Wie Bike- und Carsharing vorangetrieben werden

Fahrradfahren ist en vogue. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund, warum Städte sich immer mehr vom Autoverkehr frei machen wollen. Nicht zuletzt ist es der Umweltschutzgedanke, der Elektromobilität zu einem Siegeszug verholfen hat und vor allem anderen der Wunsch, unsere Städte und Gemeinden „den Menschen zurück zu geben“.

Kennen Sie die Bilder aus dem Manhattan der frühen 1900er-Jahre? Als die Straßen mit Unmengen an Pferdefuhrwerken und Kutschen verstopft waren? Nicht mal zehn Jahre später, Henry Ford hatte in der Zwischenzeit das Fließband erfunden und Autos verfügbar und erschwinglich gemacht, waren dieselben Straßen mit Autos verstopft. Es hat zwar einige Zeit gedauert, bis das in Europa angekommen ist – aber so war es.

Heute sind in praktisch allen Städten Staus an der Tagesordnung, Parkplatznot und mangelnde Luftqualität inkludiert. Noch in den 60er/70er-Jahren nahmen städteplanerische Aktivitäten vor allem auf den Autorverkehr Rücksicht. So manche Autobahn oder Schnellstraße quer durchs Siedlungsgebiet wurde mit den Worten eröffnet, dass man nun „für die nächsten 100 Jahre Raum fürs Auto“ geschaffen habe.
Das hat sich ein bisschen umgedreht. Zunehmend werden Projekte wie Car-Sharing, Bike-Sharing und öffentlicher Verkehr vorangetrieben. Aber wie setzt man an? Wie startet man so eine Entwicklung?

Stuttgart zeigt es vor

Einen Weg, wie es funktionieren könnte, zeigt Stuttgart auf. Dass gerade die baden-württembergische Hauptstadt sich hier auf dünnes Eis begibt, ist klar, haben doch mit Daimler und Porsche zwei der absoluten automobilen Aushängeschilder Deutschlands hier ihren Sitz. Insgesamt bietet alleine Daimler in der Region Stuttgart rund 90.000 Arbeitsplätze an.

Aber nicht nur die Betriebe sind ein Teil Stuttgarts. So laufen gleich zwei Bundesstraßen mit bis zu sechs Spuren mitten durch das Stadtgebiet und den Lebensraum der Menschen. 

Umdenken Schritt für Schritt

Dann kam im  Januar 2013 mit Fritz Kuhn ein neuer Oberbürgermeister. Der ehemalige Vorsitzende von „Bündnis 90/Die Grünen“ setzte auf eine schon länger bestehende Bewegung der Menschen auf, die mehr nachhaltige Mobilität in der Stadt forderten. Kuhn beschloss nicht nur, die Fahrzeugflotte der Stadt auf Elektro- oder Hybrid-Modelle umzustellen.

Michael Münter, Leiter des Referats strategische Planung und nachhaltige Mobilität in Stuttgart und einer der Vortragenden auf der Urban Future Global Conference (UFGC): „In Chargen zu je 50 Fahrzeugen schreibt Stuttgart Neubeschaffungen aus. In Summe werden wir 250 Autos anschaffen, die allermeisten  davon reine Elektroautos sowie einige wenige Plug-in-Hybride“.

Auch die mehreren Transporter der Stadt und die einigen Dutzend Spezialfahrzeuge sollen in den kommenden Jahren Schritt für Schritt umgestellt werden. „Hier setzen wir unter anderem auch auf Biogas, zum Beispiel bei den Müllfahrzeugen. Damit schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe, denn aus dem in der Stadt anfallende Biomüll machen wir Biogas und treiben damit die Autos an“, so Münter.

Post und Mercedes machen mit

Die Aktivitäten der Stadtverwaltung stehen dabei keineswegs allein. Die Post hat mittlerweile vollelektrische Street-Scooter – das sind keine Roller, sondern Kastenwagen – im täglichen Einsatz. Und Daimler betreibt die rund 550 Autos seiner  car2go-Flotte in Stuttgart rein elektrisch.

„Das ist natürlich nicht alles so einfach gewesen“, erinnert sich Münter. Oberbürgermeister Kuhn hat zwar die Grundrichtung vorgegeben, dann aber einen „Lenkungskreis Nachhaltige Mobilität“ installiert, bestehend aus den Vizebürgermeistern, den betroffenen städtischen Ämtern und den Verantwortlichen der Verkehrsunternehmen und des Tarifverbunds, die sich etwa alle zwei Monate zusammensetzen und die kommenden Schritte besprechen. Und dieses Themen übergreifend koordinierende Referat von Münter untersteht zudem direkt dem Oberbürgermeister.

Gesellschaft ist als Ganzes gefordert

Dass wir als Gesellschaft schon wegen des Klimawandels etwas für die Förderung nachhaltiger Mobilität tun müssen, scheint klar zu sein. Gerade Bürgermeisterinnen und Bürgermeister sitzen hier an den Schaltstellen, wenn man so will. Das Problem ist, dass eine Schwalbe noch keinen Sommer macht. Will heißen, dass ein Bürgermeister einer großen Stadt einiges bewegen kann, aber wenn die Gemeinden der Umgebung nicht mit an Bord sind und ihren Teil beitragen, bleibt es Stückwerk.

Die Region Stuttgart wird besser vernetzt

Fritz Kuhn hat sich darum an die Aufgabe gemacht, die Region Stuttgart noch stärker zu vernetzen und zusammenzubringen. Hierzu hat er z. B. die Oberbürgermeister der Region nach seinem Amtsantritt persönlich besucht und Kontakte geknüpft. Für deutsche Verhältnisse ist das ein ebenso ungewöhnlicher Schritt, wie er das für Österreich wäre, aber eines ist sicher: Er schafft Vertrauen. 

Nach den Autos kam der nächste Schritt

„Vergangenes Jahr haben wir für Familien die Anschaffung von elektrischen Lasten-Fahrrädern mit 400.000 Euro gefördert. Jeder, der so ein Rad gekauft hat, wurde mit 1500 Euro gefördert. Und wenn der- oder diejenige zudem auf die Anschaffung eines Autos verzichtet oder das alte verkauft, gibt es drei Jahre später nochmal 500 Euro obendrauf, als sogenannten Nachhaltigkeitsbonus. So schnell konnten wir gar nicht schauen, wie die das Geld weg war. 2019 haben wir die Fördersumme auf 500.000 Euro erhöht“, erzählt Münter.

Die Aktion hatte aber Folgen der anderen Art. Wenn bis zu 300 Lastenräder neu in der Stadt unterwegs sind, fällt noch stärker als bisher auf, was alles zu bedenken ist. Die Mittelinseln sind plötzlich zu schmal, die Radwege müssen auch verbreitert werden und es müssen geeignete Abstellflächen geschaffen werden.

Aber der jüngste Vorstoß Stuttgarts wird richtig einschlagen: Der Gemeinderat  von Stuttgart hat den Beschluss gefasst, innerhalb des sogenannten Cityrings, also des Kerns der Innenstadt, alle oberirdischen Parkplätze – mit Ausnahmen wie beispielsweise für Behinderte – abzuschaffen. „Das wird uns vor Herausforderungen stellen, aber es ist der richtige Weg. Viele Menschen wünschen sich gerade in den Innenstädten mehr Platz zum Flanieren und eine attraktivere Aufenthaltsqualität“, wie Münter meint.