Investitionen in die Trinkwasserversorgung stärken die langfristige Versorgungssicherheit. Die eingesetzten Fördermittel verbleiben überwiegend in der heimischen Wirtschaft und tragen zur Sicherung von Arbeitsplätzen sowie zur Stärkung der Konjunktur bei.
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Infrastruktur
Trinkwasser sichert mehr 100.000 Arbeitsplätze
Eine Studie des Instituts Economica untersucht die wirtschaftlichen Effekte der Wasserversorgung in Österreich. Die Analyse erfolgte im Auftrag der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach und umfasst sowohl den laufenden Betrieb als auch die Investitionstätigkeit der Branche.
Die Studie unterscheidet zwischen einer Kern- und einer weiten Definition der Wasserversorgung. Die Kerndefinition umfasst ausschließlich den Sektor E36 der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung, also die leitungsgebundene Trinkwasserversorgung.
Die weite Definition bezieht zusätzlich Bereiche ein, die eng mit der Wasserversorgung verbunden sind. Dazu zählen die Abwasserentsorgung, die Herstellung wasserwirtschaftlich relevanter Produkte wie Rohre und Armaturen, Installations- und Wartungsleistungen sowie die Forschung im Wasserbereich. Auch wasserintensive Produktionsbereiche wie die Herstellung von Bier, Erfrischungsgetränken und Mineralwasser fließen in die Berechnung ein.
Wirtschaftliche Effekte der Kerndefinition
In der engen Abgrenzung generierte die Wasserversorgung im Jahr 2024 eine gesamte Bruttowertschöpfung von 1,33 Milliarden Euro. Davon entfielen 744,9 Millionen Euro auf direkte Effekte. Die Branche sicherte oder schuf 8.650 Beschäftigungsverhältnisse, was 7.387 Vollzeitäquivalenten entspricht. Die Löhne und Gehälter beliefen sich auf 423,3 Millionen Euro. Die fiskalischen Effekte, also Steuern und Abgaben, summierten sich auf 287,3 Millionen Euro.
Die durchschnittlichen Bruttolöhne und -gehälter pro Vollzeitäquivalent betrugen etwa 67.000 Euro. Dies deute auf ein hohes Qualifikationsniveau der Beschäftigten hin, so die Studienautorinnen und -autoren.
Deutlich höhere Werte in der weiten Definition
In der erweiterten Betrachtung erreichten die gesamten Bruttowertschöpfungseffekte 12,50 Milliarden Euro. Das entspricht etwa 2,82 Prozent der gesamtösterreichischen Bruttowertschöpfung.
Die Beschäftigungseffekte beliefen sich auf rund 97.410 jährliche Beschäftigungsverhältnisse. Zusammen mit den Beschäftigungseffekten aus den Investitionen ergeben sich insgesamt rund 100.500 Beschäftigte. Die Löhne und Gehälter betrugen 4,19 Milliarden Euro, die fiskalischen Effekte summierten sich auf 3,70 Milliarden Euro.
Investitionen der Wasserversorgung
Die Investitionen der Wasserversorgung im Jahr 2024 beliefen sich auf 448,9 Millionen Euro. Davon flossen 379,5 Millionen Euro an inländische Unternehmen. Diese Investitionstätigkeit generierte eine gesamte Bruttowertschöpfung von 305,1 Millionen Euro und sicherte 3.137 Beschäftigungsverhältnisse. Die damit verbundenen Löhne und Gehälter betrugen 166,2 Millionen Euro, die fiskalischen Effekte 145,6 Millionen Euro.
Die Studie betrachtete auch die Investitionen der Jahre 2022 und 2023. Im Jahr 2022 beliefen sich die gesamten Wertschöpfungseffekte auf 195,4 Millionen Euro, im Jahr 2023 auf 358,0 Millionen Euro.
Hohe Multiplikatoreffekte
„Für jeden in die Trinkwasserversorgung investierten ‚Förder-Euro' werden zum Beispiel bei einer Förderquote von 15 Prozent 6,48 Euro an Investitionen bzw. 4,40 Euro an inländischer Wertschöpfung generiert", erklärte Nikolaus Sauer, Vizepräsident der Österreichischen Vereinigung für das Gas- und Wasserfach, bei der Präsentation der Studie.
Drei Szenarien bis 2030
Für den Zeitraum 2024 bis 2030 entwickelte die Studie drei Investitionsszenarien. Das Basisszenario schreibt das Investitionsniveau von 2024 konstant fort. Dies ergibt ein kumulatives Investitionsvolumen von 3,14 Milliarden Euro. Die damit verbundenen Bruttowertschöpfungseffekte würden sich auf 2,14 Milliarden Euro belaufen, die Beschäftigungseffekte auf 22.000 Beschäftigungsverhältnisse.
Das Szenario „Funktionserhalt" berücksichtigt den Investitionsbedarf zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit der bestehenden Infrastruktur. Das kumulative Investitionsvolumen beträgt hier 2,33 Milliarden Euro. Die Bruttowertschöpfungseffekte würden 1,58 Milliarden Euro erreichen, die Beschäftigungseffekte 16.300 Beschäftigungsverhältnisse.
Das Szenario „Werterhalt" bildet eine vorausschauende Sanierungsstrategie ab. Es erfordert kumulative Investitionen von 4,28 Milliarden Euro. Die Bruttowertschöpfungseffekte würden 2,91 Milliarden Euro betragen, die Beschäftigungseffekte 29.900 Beschäftigungsverhältnisse.
„Würde der Bund stärker in den Werterhalt der Trinkwasserversorgungsanlagen investieren, könnten nahezu doppelt so viele Arbeitsplätze gesichert werden, wie es bei Maßnahmen der Fall wäre, die lediglich den Betrieb der Anlagen aufrechterhalten", heißt es in der Studie.
Klimawandel erhöht Investitionsbedarf
Die Studie weist auf die Herausforderungen durch den Klimawandel hin. Längere Trockenperioden, häufigere Starkniederschläge und höhere Temperaturen beeinträchtigen den Grundwasserspiegel und können die Versorgungssicherheit regional einschränken. Die Anpassung erfordert Investitionen in Redundanzen, überregionale Verbundleitungen, moderne Aufbereitungstechnologien und die Modernisierung alternder Infrastruktur.
„Vor allem die technischen Anpassungen an den Klimawandel sowie der Erhalt der in die Jahre gekommenen Infrastruktur sind sehr kostenintensiv. Diese Investitionen sind auch ein guter Motor, um die geringe österreichische Konjunkturdynamik anzutreiben", so Sauer.
Förderungen und fiskalische Rückflüsse
Im Jahr 2024 standen den Investitionen von 449 Millionen Euro Förderungen in Höhe von 69,3 Millionen Euro gegenüber. Die fiskalischen Rückflüsse in Höhe von 145,6 Millionen Euro übersteigen den eingesetzten Förderungsbarwert deutlich.
„Die Förderung als Kofinanzierung der Wasserversorgung ist nicht nur eine zentrale öffentliche Aufgabe, sondern auch ein wirtschaftlich höchst wirksames Instrument. Die eingesetzten Fördermittel führen zu positiven gesamtwirtschaftlichen Effekten und refinanzieren sich wieder über Staatseinnahmen", erklärte Studienautor Christian Helmenstein vom Economica Institut.
Die fiskalischen Effekte verteilten sich im Jahr 2024 wie folgt: Der größte Anteil entfiel mit jeweils rund 37 Prozent auf die Sozialversicherungen und den Bund. Es folgten die Länder mit 11 Prozent, die Gemeinden mit 10 Prozent und andere Körperschaften des öffentlichen Rechts mit knapp 5 Prozent.
Die Studie untersuchte auch hypothetische Erhöhungen des Förderungsniveaus. Eine Erhöhung der Förderungen um 25 Prozent würde ein zusätzliches Investitionsvolumen von 112,2 Millionen Euro induzieren. Die fiskalischen Effekte würden auf 182,0 Millionen Euro steigen. Bei einer Erhöhung um 50 Prozent würde das zusätzliche Investitionsvolumen 224,4 Millionen Euro betragen, die fiskalischen Effekte 218,4 Millionen Euro.
Forderungen der Branche
Die Österreichische Vereinigung für das Gas- und Wasserfach fordert eine jährliche Kofinanzierung der Trinkwasserversorgung in Höhe von mindestens 150 Millionen Euro seitens des Bundes für den Werterhalt von bestehenden Anlagen. Zusätzlich werden weitere Mittel des Bundes im Rahmen der Anpassungen an den Klimawandel gefordert.
„Investitionen in die Trinkwasserversorgung stärken die langfristige Versorgungssicherheit. Die eingesetzten Fördermittel verbleiben überwiegend in der heimischen Wirtschaft und tragen zur Sicherung von Arbeitsplätzen sowie zur Stärkung der Konjunktur bei", so Sauer.
Methodische Grundlagen
Die Studie basiert auf der Input-Output-Methodik der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung. Diese ermöglicht die Erfassung von direkten, indirekten und induzierten Effekten. Direkte Effekte entstehen unmittelbar im Unternehmen, indirekte Effekte ergeben sich aus Liefer- und Leistungsbeziehungen, induzierte Effekte resultieren aus der Einkommensverwendung der Beschäftigten.
Für die weite Definition nutzten die Forscherinnen und Forscher das Konzept des Satellitenkontos. Dieses ermöglicht die konsolidierte Erfassung sektorübergreifender Aktivitäten. Ergänzend wurden Daten von ausgewählten Wasserversorgungsunternehmen erhoben und ausgewertet.