Matrei am Brenner zählt wegen seiner Lage zu den ältesten Marktgemeinden
© Roman Klementschitz, Wien [CC BY-SA (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)]

Marktgemeinden in Österreich – von der Geschichte bis zur Gegenwart

7. Februar 2020
Marktgemeinden besitzen seit dem Mittelalter eine Sonderstellung in der österreichischen Gemeindestruktur und das ist Grund genug, dass wir uns einmal ausführlicher dieser besonderen Form der Gemeinde widmen.

Die geltenden Grenzen von Gemeinden und Marktgemeinden in Österreich wurden in den meisten Fällen bereits im Mittelalter oder in der frühen Neuzeit gezogen. Die Gemeindegröße ist ein viel diskutiertes und häufig auch ein brisantes Thema innerhalb der Dorfgemeinschaften. In der Mitte des 19. Jahrhundert hat sich die heutige Ausdehnung und Form der Marktgemeinden und der Dörfer vollzogen. So haben im Zuge der Wiedererrichtung von Gemeinwesen vor etwa 150 Jahren viele Gemeinden ihr Marktrecht verloren. Andere Ansiedlungen erhielten hingegen im Laufe der Zeit die Bezeichnung "Stadtgemeinde".

Das Faszinierende am Phänomen Marktgemeinde

Am Beispiel Oberösterreich lässt sich das Phänomen von Marktgemeinden in Österreich verdeutlichen. In Oberösterreich gab es vor dem Jahr 1848 rund 97 Märkte und 14 Städte. Die Bewohner der Marktgemeinden genossen als Bürger gegenüber den in ländlich geprägten Weilern und Dörfern lebenden Untertanen eine bevorrechtete Stellung. Heute gibt es im Bundesland Oberösterreich 151 Marktgemeinden. Diese Gemeinden tragen aber bloß den Titel Marktgemeinde, besitzen also keine rechtliche Sonderstellung mehr.

Der Wunsch, eine Gemeinde zu einer Marktgemeinde erheben zu lassen, ist aber dennoch immer noch präsent – Tendenz steigend. Doch worum geht es den Bürgern? Um Prestige? Welche Vorteile bringt eine derartige Ernennung? Welche Bedingungen müssen politisch betrachtet erfüllt werden? Wozu braucht es im 21. Jahrhundert noch den Titel "Marktgemeinde"? Was bedeutet Marktgemeinde überhaupt und welcher Unterschied besteht denn eigentlich in historischem Sinne zwischen einer Gemeinde und einer Marktgemeinde?

Was ist eine Marktgemeinde?

Ursprünglich hatten die Marktgemeinden stadtähnliche Rechte. Die Ortschaften erhielten bei der Ernennung das Marktrecht. In Österreich, Südtirol und Bayern galt das formell oder historisch verliehene Marktrecht als eine kommunalrechtliche Bezeichnung. Mancherorts wuchs der ursprüngliche Ortsname mit der Bezeichnung "Markt" zusammen.

Doch welche Voraussetzungen mussten in früheren Zeiten die Gemeinden mitbringen, um zu einer Marktgemeinde erhoben zu werden? Mit Sicherheit war oft die geografische Lage von Belang. Verkehrswege und Gütertransportmöglichkeiten trugen viel dazu bei, die wirtschaftliche Bedeutung der Gemeinde mit dem Titel "Markt" zu unterstreichen. Häufig waren es aber auch nur die Launen und die Willkür der weltlichen sowie geistlichen Landesfürsten, die es als günstig ansahen, ihr Herrschaftsgebiet mit bedeutenden Gemeinden, also Marktgemeinden, zu schmücken.

Dort, wo große Märkte abgehalten wurden, dort trafen sich die Leute. Das soziale und wirtschaftliche Leben war auch in den vergangenen Epochen der Menschheitsgeschichte vom regen Austausch von Waren und Informationen stark geprägt. So gesehen galt eine Marktgemeinde einst als eine überaus attraktive Ortschaft.

Seit der Gemeindereform von 1848/49 hat die Bezeichnung "Marktgemeinde" auf österreichischem Territorium jedoch die rechtliche Bedeutung verloren. Von nun an war nämlich das Abhalten von Märkten an eigene Bedingungen innerhalb der Gemeinden gebunden und somit unabhängig vom bis dato eingehaltenen formalen Marktrecht möglich. Das bedeutet faktisch gesehen: Die Bezeichnungen "Markt" und "Marktgemeinde" sind seitdem politisch betrachtet ohne Belang.

Welche Unterschiede gibt es zwischen einer Gemeinde und einer Marktgemeinde?

Ortschaften bekamen vom Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert hinein das Marktrecht verliehen, sofern sie nicht zu groß, aber dennoch städtisch geprägt waren. Der Grund dafür liegt wohl insbesondere darin, dass mit der Verkündigung des Marktrechtes auch die Verleihung anderer Rechte, beispielsweise das Siegelrecht und das Wappenrecht, einherging.

Der Unterschied zwischen einer Marktgemeinde und einer normalen Gemeinde bestand Anno dazumal vorrangig darin, dass Marktgemeinden oftmals eine Zentralfunktion für die umliegenden Dörfer und Weiler einnahmen. Die Marktgemeinden in Österreich können somit gut als eine Art Zwischenstufe zwischen Stadt und Gemeinde verstanden werden.

In der Regel waren und sind Städte größer als Marktgemeinden und Gemeinden kleiner als Marktgemeinden. Dies gilt sowohl in Bezug auf die Fläche als auch die Einwohnerzahl. Die Bezeichnung "Markt" bescheinigte dem Ort eine gewisse Bedeutung, die nicht selten auch durch den Sitz von überörtlichen Einrichtungen erkennbar wurde. Gegenwärtig sind Marktgemeinden meistens Verwaltungszentren für mehrere Dörfer und werden umgangssprachlich gerne als Großgemeinden definiert.

Die Marktgemeinden in Österreich – von West nach Ost

 

Alte und junge Marktgemeinden in Vorarlberg

Im österreichischen Bundesland Vorarlberg befinden sich zwölf Ortschaften, die als Marktgemeinden anerkannt sind. Die flächenmäßig größte Marktgemeinde in Vorarlberg ist Nenzing, sie liegt im Bezirk Bludenz. Den Titel "Marktgemeinde" erhielt Nenzing allerdings erst im Jahre 1993. Die älteste Marktgemeinde ist Rankweil. Sie liegt im Bezirk Feldkirch und trägt ihren Titel seit dem Jahre 1618. Bei der einwohnerstärksten Marktgemeinde im Westen Österreichs handelt es sich um Lustenau im Bezirk Dornbirn. Die Ortschaft Lustenau wurde kurz nach der vorletzten Jahrhundertwende zu einer Marktgemeinde erhoben. Eine logistisch positive Rolle nimmt die Marktgemeinde Hard am Bodensee ein. Kaiser Franz Joseph I. verlieh der Gemeinde im Jahre 1905 ihr eigenes Wappen und erhob die Ortschaft zur Marktgemeinde. Zu den flächenmäßig kleinsten Marktgemeinden Österreichs, mit ungefähr 10 Quadratkilometern und rund 8.460 Einwohnern, gehört Wolfurt im Bezirk Bregenz.

Besondere Marktgemeinden in Vorarlberg auf einen Blick:

  • Nenzing
  • Rankweil
  • Lustenau
  • Wolfurt

Zwei interessante Marktgemeinden in Tirol

Im österreichischen Bundesland Tirol können 21 Gemeinden aufgelistet werden, denen im Laufe der Geschichte eine Markterhebung widerfahren ist. Im Folgenden werden zwei Tiroler Marktgemeinden stellvertretend für alle anderen etwas näher beleuchtet:

1. Matrei am Brenner

Bereits im Jahre 1251 wurde die Ortschaft Matrei am Brenner zur Marktgemeinde ernannt. Somit zählt Matrei am Brenner zu den ältesten Marktgemeinden Tirols. Sie wird seit geraumer Zeit zum Bezirk Innsbruck-Land gezählt. Die im nördlichen Teil des Wipptals gelegene Marktgemeinde ist von der Landeshauptstadt Innsbruck ungefähr 17 Kilometer entfernt. Matrei am Brenner hat einen sehenswerten sowie geschlossenen Ortskern, mit zum Teil schön verzierten Häusern. Nach Rattenberg ist die in der Nähe des Brennerpasses gelegene Marktgemeinde flächenmäßig die zweitkleinste Gemeinde in ganz Österreich.

2. Fulpmes

Das erste Mal urkundlich erwähnt wurde Fulpmes im Jahre 1286. Der alte Name Vultmeis leitet sich etymologisch betrachtet vom Wort "Wolf" ab. Die geschichtsträchtige Marktgemeinde Fulpmes ist in Bezug auf den wirtschaftlichen Aspekt in vielerlei Hinsicht von großer Bedeutung. Sowohl der blühende Tourismus als auch die Industrie sind für die Erfolgsgeschichte der Marktgemeinde Fulpmes verantwortlich. Vielleicht wurde die Ortschaft Fulpmes auch deshalb im März 2017 per Regierungsbeschluss zur Marktgemeinde erhoben. Ein wohlverdienter Titel, der sich auch zukünftig positiv auf das politische und soziale Leben in Fulpmes auswirken wird.

Historische und neu gekürte Marktgemeinden im Bundesland Salzburg

Im österreichischen Bundesland Salzburg liegen 24 Marktgemeinden. Ein Großteil dieser Marktgemeinden besteht schon seit einigen Jahrhunderten. Laut historischen Quellen wurde Mauterndorf im Bezirk Tamsweg vor mehr als 800 Jahren vom damalig herrschenden Erzbischof von Salzburg zum Markt erhoben. Dies geschah nicht ohne Grund, zumal die Ansiedlung im Mittelalter als der bedeutendste Handelsplatz des Lungaus galt. Bereits im 13. Jahrhundert wurde eine Mautstelle errichtet. Diese war für die Namensgebung der Ortschaft mitverantwortlich.

Zu den frisch gekürten Marktgemeinden auf österreichischem Boden gehört die Marktgemeinde Obertrum am See. Das gesamte Gebiet der relativ kleinen Gemeinde mit knapp 4.850 Einwohnern umfasst drei Ortschaften. Neben Obertrum am See mit ungefähr 4.000 Bewohnern umschließt das Gemeindegebiet noch die Ortschaft Au mit circa 270 Einwohnern und Mühlbach, ein Ort mit mehr als 565 Einwohnern. Den Dorfbewohnern von Obertrum im Bezirk Salzburg-Umgebung wurde vor genau 20 Jahren (2000 n. Chr.) die Würde verliehen, sich zukünftig als Bürger einer Marktgemeinde bezeichnen zu dürfen.

Oberösterreichische Marktgemeinden: Klein, aber fein

Was die Anzahl der Marktgemeinden in den verschiedenen Bundesländern Österreichs anbelangt, so nimmt Oberösterreich mit seinen 151 Marktgemeinden den zweiten Platz ein, und zwar gleich hinter Niederösterreich. Bei manchen Marktgemeinden in Oberösterreich können die historischen Quellen nicht genaue Informationen liefern, wann die entsprechenden Ortschaften zum Mark erhoben wurden. Die Einwohnerzahl aller Marktgemeinden Oberösterreichs ist vierstellig. Das bedeutet, dass es in diesem Bundesland bislang keine städteähnliche Ortschaft gibt, die zur Marktgemeinde ernannt wurde. Die wirtschaftliche und die geografisch günstige Position einer Ortschaft war somit im vergangenen Geschehen auf dem heutigen Hoheitsgebiet Oberösterreichs die treibende Kraft, um mit dem Titel "Markt" ausgezeichnet zu werden.

Marktgemeinden in Kärnten – von der Römerzeit bis ins 21. Jahrhundert

In Kärnten befinden sich 47 Marktgemeinden. Während der Antike besiedelten die Römer auch den Raum Greifenburg. Historische Hinweise und Funde belegen die Anwesenheit römischer Soldaten. Vermutlich wurde im schmalen Talbecken des Oberen Drautals eine römische Straßenstation errichtet. Das spräche für die bereits damals vorherrschende optimale wirtschaftliche Lage des Fleckens. Bedingt durch den konstant ansteigenden Handelserfolg im ausklingenden 14. Jahrhundert gewann allen voran die Bürgerschaft Greifenburgs an Bedeutung.

Die österreichische Marktgemeinde Weitensfeld im Gurktal zählt rund 2.058 Einwohner und liegt im Bezirk Sankt Veit an der Glan. Das Adelsgeschlecht der Babenberger schenkte den Ort im Jahr 1202 dem Domstift Gurk. Schon ein Jahr später erhielt die Niederlassung das prestigefördernde Marktrecht. Die Gemeinde Magdalensberg wurde hingegen erst im Jahr 2013 zu einer Marktgemeinde erhoben. Die somit jüngste Kärntner Marktgemeinde gehört zum Bezirk Klagenfurt-Land. Durch das Gemeindegebiet Magdalensbergs fließen der neun Kilometer lange Bach Raba und der zweitlängste Fluss Kärntens, nämlich die Gurk.

Besondere Marktgemeinden in Kärnten:

  • Greifenburg
  • Gurk
  • Magdalensberg

Marktgemeinden in der Steiermark mit wirtschaftlicher Bedeutung

Den dritten Platz in der Anzahl-Rankingliste nimmt in Österreich das Bundesland Steiermark ein. Stolze 122 Marktgemeinden liegen auf steirischem Boden. Nur in einer einzigen Marktgemeinde sind mehr als 10.000 Einwohner registriert, und zwar in Gratwein-Straßengel. Im Jahre 2015 entstand diese Marktgemeinde unter anderem aus den beiden Marktgemeinden Judendorf-Straßengel und Gratwein. Die Lokalität wurde erstmals im ausgehenden 12. Jahrhundert urkundlich erwähnt. Gratwein-Straßengel liegt an jenen alten Handelsrouten, die einst von Warenhändlern eingeschlagen wurden, um die Alpen zu überqueren. Dort, wo intensiver Handel getrieben wurde, gewannen auch die Weiler und die wachsenden Dörfer ein höheres Ansehen. Die wirtschaftliche Bedeutung der beiden ehemals getrennt regierten Gemeinden Gratwein und Judendorf-Straßengel führte wohl ohne Zweifel auch dazu, dass der Raum, wo heute die beiden Ortschaften liegen, im Jahr 1479 zu einer Marktgemeinde erhoben wurde.

In Niederösterreich gibt es die meisten Marktgemeinden in Österreich

Was die Anzahl der Marktgemeinden auf Bundesebene angeht, so nimmt Niederösterreich mit Abstand eine Spitzenstellung ein. Denn in diesem Bundesland gibt es sage und schreibe 327 Marktgemeinden. Eine sehr alte Gemeinde ist Vitis, die heute im Verwaltungsbezirk Waidhofen/Thaya zu finden ist. Sie wurde zum ersten Mal im Jahre 1150 urkundlich erfasst. Wann genau Vitis mit dem formalen Recht ausgestattet wurde, einen Markt abhalten zu dürfen, kann aus den vorliegenden historischen Quellen nicht exakt eruiert werden. Die Ortschaft Vitis war während der Renaissancezeit mit etlichen kriegerischen Auseinandersetzungen konfrontiert und zwischen der Barockzeit und dem Zeitalter der Aufklärung suchten verheerende Brände den Markt heim. Zwischen dem 18. und dem 19. Jahrhundert etablierte sich Vitis zu einem der wichtigsten Märkte des Waldviertels. Der überregionale Vieh- und Rossmarkt sowie die damals wirtschaftlich lukrative Heimweberei brachten der Bevölkerung von Vitis Ansehen und Wohlstand.

Viele Marktgemeinden im Burgenland haben ihr Marktrecht verloren

Das südöstlich gelegene Bundesland Burgenland besteht aus 171 politisch autonomen Gemeinden. Von diesen Gemeinden wurden im Laufe der Geschichte mehr als 67 Ortschaften zu Marktgemeinden erhoben. Einige von ihnen erfuhren in den Jahren 1972 und 1973 eine Weiterverleihung des Marktrechtes. Dazu gehören beispielsweise Bernstein im Burgenland, Großpetersdorf, Eberau und Kobersdorf. Im direkten Vergleich zu den anderen österreichischen Bundesländern gibt es im Burgenland relativ viele ehemalige Marktgemeinden, also Gemeinden, die ihr Marktrecht und somit auch die erfolgsverheißende Bezeichnung "Marktgemeinde" verloren haben.

Warum wollen noch heute viele Gemeinden zu Marktgemeinden in Österreich erhoben werden?

Vom Hochmittelalter bis hin zur frühen Neuzeit hat sich die offizielle Verleihung des Marktrechts herausgebildet. Die zu Marktgemeinden erhobenen Ortschaften genossen dadurch den Vorteil, regelmäßig Märkte abhalten zu dürfen. Schon damals war der Erhalt dieses Titels stets auch eine Konkurrenzfrage. Schließlich profitierten die Marktgemeinden in Österreich während der Habsburger-Monarchie vom erworbenen Privileg. Der wirtschaftliche Vorteil war ein ausschlaggebender Punkt. 

Noch heute ist es Menschen in einer Gemeinde erlaubt, einen Antrag zu stellen, ihren Wohnort zu einer Marktgemeinde erheben zu lassen. Obwohl dies inzwischen rechtlich belanglos und wirtschaftlich in den meisten Fällen irrelevant ist, hat die Bezeichnung "Marktgemeinde" für viele Österreicher nach wie vor einen hohen Prestigewert. 

So ist die Ernennung zu einer Marktgemeinde in Österreich auch gegenwärtig eine durchaus willkommene und oftmals lang herbeiersehnte Kür, die in den Augen der politischen Volksvertreter und auch der Bürger sowohl eine historische Bedeutung hat als auch für die Zukunft der Gemeinde eine enorm wichtige Rolle spielen kann.