
Die Wohnungen älterer Menschen sind oft für deren Bedürfnisse zu groß.
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Wie wollen die Alten wohnen?
Mit dem Wohnen im Alter und den damit verbundenen Wünschen und Vorstellungen der Österreicherinnen und Österreicher hat sich Prof. Franz Kolland, Soziologe und Gerontologe an der Universität Wien, intensiv auseinandergesetzt. Im Rahmen des Bürgermeister-Round-Table zur Pflege gab er den Gemeindevertretern Einblicke in seine Forschungsergebnisse.
Der demografische Wandel in den letzten hundert Jahren zeigt, dass die Altersgruppe der über 65-Jährigen immer größer wird. Leben in Österreich aktuell rund 1,6 Millionen Senioren, werden es in 15 Jahren schon rund 2,4 Millionen sein. Aufgrund vieler Faktoren steigt die Lebenserwartung und die Senioren sind auch gesünder und länger fit als früher.
Gemeinden fehlt der Blick aufs Alter
In Richtung Bürgermeister stellte Kolland fest, dass „die meisten Bürgermeister in jugendzentrierten Gemeinden leben. Hier braucht es ein Umdenken.“ Den Gemeinden fehle der Blick aufs Alter, auf die Herausforderungen der älteren Generation abseits von Pflegeheim und 24-Stunden-Betreuung.
Die ältere Generation hält aber auch oft zu lange an ihrer gewohnten Umgebung fest und ist erst spät bereit, sich mit einer Umstellung der Wohnsituation zu befassen. Franz Kolland plädiert daher dafür, Übergänge zwischen Pflegeheim und mobiler Pflege zu erleichtern, denn in den USA geht etwa ein Drittel der Pflegeheimbewohner wieder nach Hause, in Österreich ist das Pflegeheim die Endstation.
Babyboomer wollen auch im Alter in der Mitte der Gesellschaft sein
Die Babyboomer-Generation, also die Geburtsjahrgänge von 1952-1972, tritt bereits seit einigen Jahren allmählich in den Ruhestand. Während es heute etwa 80.000 Geburten pro Jahr gibt, kamen damals bis zu 145.000 „Babyboomer“ auf die Welt.
Während die Älteren früherer Generationen bescheidenere Ansprüche ans Leben im Alter haben, so stellen, laut Kolland, „die Babyboomer selbstbewusste Anforderungen und gelten als kritische Konsumenten, denen Individualität genauso wichtig wie Gemeinschaft ist. Sie wollen in der Mitte der Gesellschaft wohnen und leben.“
Die meisten Senioren leben im Eigentum
Die Wohnung, das Haus ist für die Menschen der Rückzugsort, die man über Jahrzehnte eingerichtet hat. Bei den Rechtsverhältnissen zeigt sich, dass etwa zwei Drittel der Senioren im Wohnungs- oder Hauseigentum leben (17 Prozent in Mietwohnung, 12 Prozent Genossenschaften).
Zum Vergleich: In Großbritannien liegt der Eigentumsanteil bei etwa 85 Prozent. Wenige Menschen wollen ihre Wohnungen aufgeben, auch wenn sie nicht barrierefrei sind. Was im Alter von 50 oder 60 kein Problem ist, kann dann mit fortschreitender Alterung schon herausfordernd werden.
Wohnungen sind oft zu groß
„Viel zu viele leben auch nach dem Auszug der Kinder oder dem Tod eines Partners in viel zu großen Wohnungen, deren Unterhalt im Alter herausfordernd werden kann. Viele ältere Menschen verzichten jedoch darauf, rechtzeitig vorzusorgen. So sind nur 16 Prozent der Wohnungen barrierefrei, das bedeutet ohne Stiegen in der Wohnung oder mit bodengleicher Dusche“, betont Franz Kolland.

Trotzdem plant die überwiegende Mehrheit (76 Prozent) keinen Umbau. Prof. Kolland empfiehlt den Gemeinden eine Wohnberatung für die ältere Generation, mit Tipps für Barrierefreiheit, Anpassung der Einrichtung und eventueller Umzüge etc. In Richtung Bund und Länder schlägt der Soziologe vor, schon bei Errichtung von Wohnungen und Einfamilienhäuser Barrierefreiheit mit zu planen und auch zu fördern.
Mehrgenerationenhäuser werden bevorzugt
In seiner Studie „Wohnmonitor Alter 2018“ hat Kolland die Wohnsituation und die Wohnbedürfnisse älterer Menschen erhoben.
- Wenig überraschend will die Mehrheit der über 60-Jährigen in Zukunft in Mehrgenerationenhäusern (52 Prozent), wo ältere und jüngere Menschen selbstständig in ihren eigenen Wohnungen leben aber bei Bedarf gemeinsame Aktivitäten möglich sind.
- Auch das Leben in einem abgegrenzten Gelände, in dem nur ältere Personen in eingeschossigen Häusern leben, mit Freizeit- und Einkaufsmöglichkeiten (sogenannten Wohndorf) können sich 49 Prozent vorstellen.
- Die klassische Wohngemeinschaft dürfte nur ein Nischenthema sein, nur 15 Prozent könnten sich eine WG vorstellen.
Positive Einstellung zu Pflegeheimen
Die Zahlen zeigen deutlich, dass es weiterhin einen starken Wunsch nach Gemeinschaft mit privaten Rückzugsmöglichkeiten gibt. 54 Prozent der Österreicher haben eine grundsätzlich positive Einstellung zu Pflegeheimen.
Geschätzt werden dort vor allem das soziale Leben, die Qualität der Pflege und der Wohnkomfort. Aufholbedarf haben aber die Pflegeheime wenn es um die Ausstattung der Zukunft geht. 83 Prozent der 60-74-Jährigen erwarten WLAN im Heim (nur 42 Prozent der Generation 75+) und 50 Prozent wollen neueste Technologien wie Sprachsteuerungen.
Die Gemeinden sind besonders beim Wohnen in der Zukunft gefordert. Neben einer zunehmenden Vielfalt an auch individuellen Wohnformen, braucht es mehr Bewusstsein für alters-sensibles Wohnen, Barrierefreiheit schon bei der Planung des Hauses und die Einbindung aller Altersgruppen ins Gemeindegeschehen.