In der Fishbowl saß immer nur ein Teil der Gäste im inneren Kreis.
In der Fishbowl saß immer nur ein Teil der Gäste im inneren Kreis. Wer etwas beitragen wollte, rückte nach. Diskutiert wurden Nähe und Distanz, Sparzwang und Qualität, Community-Medien, Medienkompetenz sowie die Rolle der künstlichen Intelligenz.
© RURASMUS

Lokaljournalismus zwischen Nähe und Distanz

11. September 2026
Was macht guten Lokaljournalismus aus, wenn Redaktionen kleiner werden, KI Einzug hält und das Vertrauen in Medien schwindet? Beim Treffen „Wia gredt, so gschriebm“ kamen rund 20 Journalist:innen, Forschende und Medienschaffende aus Bayern und Österreich zusammen, um genau darüber zu diskutieren und neue Perspektiven für den ländlichen Raum zu entwickeln.

Lokaljournalismus erfüllt im ländlichen Raum eine besondere Aufgabe. Er berichtet über das unmittelbare Lebensumfeld der Menschen, schafft Orientierung und macht Entwicklungen vor Ort sichtbar. Gleichzeitig stehen viele Redaktionen unter Druck: Budgets werden enger, Teams kleiner, ganze Lokalteile verschwinden. Hinzu kommen sinkendes Vertrauen in Medien, die Konkurrenz sozialer Netzwerke und die Frage, welche Rolle künstliche Intelligenz künftig übernehmen wird.

Ausgehend von diesen Entwicklungen initiierten RURASMUS, der Verein Leischn und die Regionalentwicklung Oberland ein Dialogformat, das vergangenen Oktober mithilfe einer kleinen EU-INTERREG-Förderung (P2P) umgesetzt wurde. 

Katharina Spanlang und Magdalena Hubauer
„Wia gredt, so gschriebm“ ist ein grenzüberschreitendes People-to-People-Projekt von Interreg Bayern-Österreich. Katharina Spanlang und Magdalena Hubauer vom Verein Leischn führten durch den Tag. Die beiden arbeiten seit Jahren an der Schnittstelle von Kunst, Kultur und ländlichen Räumen und brachten die Runde mit Reflexionsfragen in Schwung.

Zusammengekommen sind rund 20 Menschen, die den Journalismus im ländlichen Raum aus unterschiedlichen Richtungen kennen: Angestellte und freie Journalist:innen, Personen aus Print und Radio, aus Kunst, Kultur und Medienbildung, Lehrer:innen und Community-Medien wie das Freie Radio Salzkammergut. Unter ihnen auch Michael Hirschler, eigens aus Köln angereister Vertreter des Deutschen Journalist:innen-Verbands (djv).

„Man kennt sich halt“

Melanie Haberl
„Es nutzt nix, wenn ich alle kenne, aber keiner kennt mich.“ Melanie Haberl forscht an der Universität Wien zu Journalismus und war selbst Lokaljournalistin. In ihrem Impuls beschrieb sie das Sich-Kennen im ländlichen Raum als fragile soziale Errungenschaft, die zugleich Vertrauensbasis und Zwickmühle für die Berichterstattung ist. 

Den ersten Impuls setzt Melanie Haberl, die an der Universität Wien unter anderem zu Lokaljournalismus forscht. Ihr Thema ist das Lokale zwischen Einhegung und Abgrenzung, also die besondere Rolle von Lokaljournalist:innen, die zugleich Teil der Gemeinschaft und ihre Beobachter:innen sind. 

Am Land berichten sie über Menschen, die man am nächsten Tag in der Bäckerei wiedertrifft. Haberl beschreibt darin zugleich die Stärke und die Zwickmühle des Regionaljournalismus. Dieses Sich-Kennen beschreibt Haberl als fragile soziale Errungenschaft, die gepflegt werden muss. 

Wer von außen in eine Region kommt, braucht Zeit, Netzwerke und Vertrauen, bevor überhaupt jemand etwas erzählt. Zugleich zeichnet sie ein Bild der Arbeitsrealität, das Haberl folgendermaßen schildert: „Was früher ein Artikel war, ist heute Posting, Podcast und Video, bei weniger Redaktionsstellen. Paradoxerweise wächst mit der Belastung auch die Bedeutung: Je mehr Desinformation und KI-Slop im Umlauf sind, desto wichtiger wird ein Journalismus, der vor Ort recherchiert. Deshalb lieben die meisten ihren Job trotz allem. Die offene Frage ist die Finanzierung.“

Wie erzählt man das Land?

Sara Geisler
Sara Geisler schreibt für das ZEIT-Magazin über ländliche Räume. Ihr Rezept gegen Postkartenklischees: nicht bei der Chronik bleiben, sondern jene Menschen finden, an denen sich etwas Größeres zeigt – und so das Allgemeingültige im Kleinen erzählen.  

Sara Geisler kennt den Blick von außen. Als Journalistin beim deutschen ZEIT-Magazin schreibt sie über den ländlichen Raum und macht kein Geheimnis daraus, warum sich das lohnt: „Viele Geschichten aus der Stadt sind längst erzählt, am Land warten die unentdeckten. Wer dort recherchiert, muss vor Ort sein, zuhören und Zeit mitbringen und genau das lässt sich mit künstlicher Intelligenz nicht ersetzen.“ Ihr Rezept geht über die reine Chronik hinaus. Statt eine Veranstaltung textlich abzufotografieren, sucht Geisler nach den besonderen Charakterköpfen, nach der einen Person, an der sich etwas Größeres zeigt. 

Über das konkrete Beispiel lässt sich das Allgemeingültige im Kleinen erzählen, und davon gibt es am Land oft mehr als in der Stadt. Eine Teilnehmerin formuliert es so: „Jede Art zu schreiben ist erlaubt, nur nicht die langweilige.“

Welche Bilder zeichnen wir vom Land?

Isabel Stumfol
„Mein Anspruch ist, etwas zu verstehen und auf den Punkt zu bringen!“ Isabel Stumfol, Vorständin von RURASMUS, Schreibtrainerin, Autorin und Raumplanerin, fragte nach den Bildern, die wir vom Land zeichnen. Welche Wörter fallen, welche werden weggelassen, welche Stereotype schreiben sich fort? 

Isabel Stumfol, Vorständin von RURASMUS und selbstständig als Schreibtrainerin, Autorin und Raumplanerin, dreht die Perspektive. Sie fragt nicht, wie über einzelne Ereignisse berichtet wird, sondern welche Bilder insgesamt vom Land gezeichnet werden bzw. werden sollen. In ihrem Impuls geht es um die Narrative des ländlichen Raums, um die Diskrepanz zwischen Idealisierung und Realität. Anhand von Beispielen, Zitaten und Presseartikeln zeigt Stumfol, welche Wirkung Sprache auf die Wahrnehmung haben kann: Welche Wörter fallen, welche werden bewusst weggelassen, welche Stereotype schreiben sich fort?

„Bittet man ein KI-Sprachmodell um einen Text über das Land, erzählt es häufig von großen Herausforderungen und nur selten von Potenzialen. Kein Wunder, denn die Modelle wurden mit genau solchen Texten gefüttert. Ein Grund mehr, dass wir unsere Formulierungen bewusst wählen“, sagt Stumfol.

Fragen an die Zukunft

Nach den drei Impulsen formiert sich die Runde neu und wählt dafür das Diskussionformat „Fishbowl“. In der Fishbowl sitzt immer ein Teil der Gäste im inneren Kreis, wer etwas beitragen möchte, rückt nach. Moderiert wird sie von Magdalena Hubauer und Katharina Spanlang vom Verein Leischn. Sie stellen die Reflexionsfragen und achten darauf, dass die Runde nicht bei Behauptungen stehen bleibt, sondern gemeinsam weiterdenkt. 

So dreht sich das Gespräch um die Praxis des Lokaljournalismus und seine Widersprüche: Wie hält man die Nähe zur Region und wahrt zugleich die kritische Distanz? Und wie soll Qualität entstehen, wenn überall gespart wird? Dass sich das nicht ausschließt, bringt ein Gast aus dem Lokaljournalismus auf den Punkt: „Für die Abonnent:innen ist der Blick auf das Lokale das Wichtigste. Qualität und Lokaljournalismus sind kein Widerspruch.“ 

Eine weitere Teilnehmerin berichtet, wie gut Local First funktioniert, anhand des Beispiels des anonymen Kärntner Jugend-Kollektivs „Klagenfurt Elite”, das auf Instagram rund 120.000 Follower:innen erreicht, weil es konsequent über das Kleine vor der Haustür berichtet. 

In der Fishbowl folgen die Themen Community-Medien und Medienkompetenz: Freie Radios in ländlichen Räumen zeigen, wie Bürger:innen selbst zu Medienschaffenden werden, Schulradios helfen jungen Menschen, die Informationsflut einzuordnen. 

Beim Thema „Künstliche Intelligenz“ ist sich die Runde einig, dass KI bei kleinen Tätigkeiten helfen kann und die gewonnene Zeit den großen Geschichten zugutekommen könnte. Die Sorge, ersetzt zu werden, ist in manchen Bereichen da, aber insbesondere nicht in ländlichen Räumen. „KI kann meinen Job im Lokal- und Regionaljournalismus nicht übernehmen”, sagt eine Teilnehmerin.

Mehrwert über die Grenze

Am Ende steht die Frage, was bleibt. Ilona Kaffl von der Regionalentwicklung Oberland, fasst zusammen: „Wir haben bemerkt, dass es einen grenzüberschreitenden Dialog über Journalismus in ländlichen Räumen braucht.“ 

Zwischen bayerischen und österreichischen Journalist:innen sind neue Kontakte entstanden – quer durch Praxis, Forschung, Bildung und Community-Medien. Das Treffen bot Raum für fachlichen Austausch, schärfte den Blick für ländliche Narrative und viele Teilnehmende wollen die Diskussion in ihre Redaktionen und Arbeitsfelder mitnehmen. Dass es nicht bei einem netten Nachmittag bleibt, zeigt sich bereits: Aus dem Treffen ist die Radiosendung „Der Widerhall“ beim Freien Radio Salzkammergut entstanden. Zudem wird gemeinsam mit Partner:innen an einem Folgeprojekt gearbeitet: Geplant ist, den grenzüberschreitenden Dialog über Journalismus im ländlichen Raum fortzusetzen. 

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