Johannes Pressl und Hans Braun bei der FLGÖ-Fachtagung
„Nicht der Vorturner der Nation“: Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl und KOMMUNAL-Chefredakteur Hans Braun.
© Jürg Christandl

FLGÖ-Fachtagung einmal anders

Beim 72. Gemeindetag in Salzburg baten der Fachverband der leitenden Gemeindebediensteten Österreich (FLGÖ) und der Fonds Gesundes Österreich Amtsleiter, Bürgermeisterinnen und einen Gemeindebund-Präsidenten zum als Fachtagung „getarnten“ Aktiv-Workshop „Fit im Amt“. Eine Stunde in Arbeitskleidung, ohne Schweiß, aber mit Kniebeugen, Schuhplattler und einem Lied, an dem der ganze Saal scheiterte. Die wichtigste Übung haben die meisten gar nicht bemerkt.
Petra Gajar
Petra Gajar

Die anstrengendste Übung des Nachmittags hat niemand als solche erkannt. Petra Gajar vom Fonds Gesundes Österreich (FGÖ) spannte auf der Bühne eine unsichtbare Skala von eins bis zehn auf und schritt sie ab. Wer seine Zahl erreicht sah, sollte aufstehen. Wie weit war die Anreise? Wie gesund fühlt man sich nach Messerundgang, Mittagessen und einem Bier aus der Privatbrauerei? Und vor allem: Wie viel weiß man über Bewegung? Bei dieser Frage stand der Saal ziemlich geschlossen im oberen Drittel. „Sie haben gerade die wichtigste Kraftübung gemacht“, sagte Gajar dann. Die Kniebeuge. Wer vom Sessel aufsteht, absolviert eine halbe davon.

Damit war die Diagnose gestellt, bevor der Workshop richtig begonnen hatte: Am Wissen liegt es nicht.

Mehr Andrang als bei der Fachtagung

Reinhard Haider, Amtsleiter von Kremsmünster und Obmann des FLGÖ, hatte die „Fachtagung einmal anders“ eröffnet und nicht ohne Genugtuung festgestellt, dass mehr Leute gekommen waren als zu den gewohnten Fachtagungen. Das sagt einiges über Fachtagungen, aber noch mehr über den Bedarf. Leitende Gemeindebedienstete pendeln, so Haider, ständig zwischen Anspannung und Entspannung. Die Anspannung gewinnt meistens.

Gemeindebund-Präsident Johannes Pressl stellte gleich klar, dass er „nicht der Vorturner der Nation“ sei. Sein Bewegungsprogramm verdient trotzdem Nachahmung. Rund 80.000 Kilometer im Jahr legt er im Dienstauto zurück. Daheim in der Gemeinde fährt er dafür jeden Weg mit dem Rad, elektrisch unterstützt, was gut 4.500 Kilometer pro Jahr ergibt. Zu Weihnachten bekam er eine Warnweste geschenkt, inzwischen besitzt er auch eine Regenhose mit zwei Reißverschlüssen, die er selbst eher als Fetzen beschreibt. 

Der eigentliche Gewinn liegt aber woanders. Wer 20 Minuten durch die eigene Gemeinde radelt, sieht das Loch im Asphalt, die Blattläuse am Straßenbaum und den Container, der auf öffentlichem Gut steht und noch keine Gebrauchsabgabe zahlt. Bewegung als Ortsbegehung, Gesundheitsförderung mit eingebauter Verwaltungskontrolle. Effizienter lässt sich ein Bürgermeisteramt kaum führen.

Gajar nahm den Ball dankbar auf. Genau das sei Gesundheitsförderung: Bewegung, die so selbstverständlich in den Alltag eingebaut ist wie das Zähneputzen.

Big Five ohne Safari

Die Big Five kennt man aus Afrika: Nashorn, Büffel, Löwe, Elefant, Leopard. In der Bewegungslehre heißen sie Kraft, Ausdauer, Koordination, Schnelligkeit und Mobilität. Alle fünf täglich zu trainieren, gab Gajar offen zu, schafft niemand. Kombinieren aber geht. Und das wurde vorgeführt.

Für die Kraft: auf einem Bein stehen, mit dem anderen nach vorne, zur Seite und nach hinten pendeln, fünf Wiederholungen statt der empfohlenen acht bis zehn. Für die Ausdauer: die Faustregel, man solle sich so anstrengen, dass man noch reden, aber nicht mehr singen kann. Dazu eine Pulsformel, 180 minus Lebensalter, davon noch einmal zehn Prozent weg. Gajar, bald 60, rechnete vor und landete bei einem Tempo, bei dem sie nach eigener Aussage durch die Gegend schleicht. Genau dort, versicherte sie, gehe es den Fettreserven an den Kragen.

Dann wurde es kommunalpolitisch heikel. Gehen im Takt der Musik, drei Gangmuster, jedes mit einer Zahl, jede Zahl mit einer Stadt. Aus dem Publikum kamen Salzburg, Wels und Linz. Wien stand nicht zur Wahl. Wer gleichzeitig Städtenamen sortiert und Schrittfolgen koordiniert, denkt jedenfalls nicht an seine E-Mails.

Den Höhepunkt der Koordination bildete eine Partnerübung, die sich Stufe für Stufe zum Schuhplattler auswuchs. Zu zweit abwechselnd bis drei zählen. Dann statt der Eins klatschen. Dann statt der Zwei stampfen. Schließlich statt der Drei auf die Oberschenkel schlagen, und zwar wortlos. Gajar sprach diplomatisch von einem „Diskussionswettbewerb“, der dabei entstehe. Wer je eine Gemeinderatssitzung erlebt hat, kennt das Phänomen.

Es folgten Fingerübungen für den Schreibtisch, Daumen hoch und kleiner Finger raus, gleichzeitig und gegengleich, dann „Hase und Jäger“. Warum das so schwerfällt? Weil wir es im Alltag nicht brauchen, sagte Gajar. Genau deshalb bilde das Gehirn dabei neue Synapsen. 

Reinhard haider und andere beim Dehnen
Die Goldenen Zwölf: eine Minute Dehnung, ideal vor der Gemeinderatssitzung.

Mit einem Hampelmann à la Charlie Chaplin war die Schnelligkeit abgehakt. Springen stärkt Sehnen und Knochen und wirkt gegen Osteoporose, wie Gajar mit Blick in den Saal betonte, ausdrücklich auch bei Männern. Für die Mobilität gab es die „Goldenen Zwölf“, eine Dehnung von einer Minute im Stehen, empfohlen für die Zeit vor der Gemeinderatssitzung. Gemacht wurde sie zweimal: weil sie so gut ist und weil der Saal schon wieder zu lange gesessen hatte.

Was die Gazelle dem Amtsleiter voraushat

Den theoretischen Unterbau lieferte das Gazellen-Modell. Die Gazelle grast entspannt, hört den Löwen im Gras rascheln, hebt den Kopf, der Cortisolspiegel steigt. Der Löwe kommt näher, die Gazelle flieht, der Löwe dreht ab. Und dann tut die Gazelle etwas, das der Mensch verlernt hat: Sie schüttelt sich. Sie schüttelt den Stress buchstäblich ab, bis der Cortisolspiegel wieder unten ist, und frisst weiter, als wäre nichts gewesen.

Der Tag eines Amtsleiters oder einer Bürgermeisterin verläuft ähnlich, nur ohne das Schütteln. Der erste Blick aufs Handy, die Kinder kommen zu spät zum Frühstück, das Auto springt nicht an, im Büro wartet schon die erste Besprechung. Der Löwe heißt im Gemeindeamt Prüfbericht, Förderfrist oder Bauwerber mit Anwalt. Er kommt auch nicht einmal am Tag, sondern in Schüben. Das Cortisol baut sich auf, abgebaut wird es durch Bewegung oder durch Oxytocin, das Gegenhormon, das bei guten Gesprächen und beim Singen ausgeschüttet wird.

Also wurde gesungen. „My Bonnie Is Over the Ocean“, der Saal in zwei Gruppen geteilt, die eine stehend, die andere sitzend, bei jedem B wird gewechselt. Gajar wollte damit die Wirkung der Spiegelneuronen zeigen. Das gelang gründlicher als geplant: Nach dem Refrain saßen plötzlich alle. „Das gibt's ja nicht!“, rief Gajar. Doch, das gibt es. Der Mensch macht, was der Nachbar macht. Auch das ist eine Erkenntnis, die in der Kommunalpolitik nicht ganz unbekannt sein dürfte.

Arbeit und ein Glas Wein

Zum Schluss das Klaviermodell. Jeder Mensch hat viele Tasten, die ihm guttun: Laufen, Lesen, Gärtnern, Saxophon spielen, Freundinnen treffen, mit den Kindern spielen. Unter Stress werden es immer weniger. Am Ende bleiben zwei übrig, Arbeit und ein Glas Wein. „Auch eine super Kombination“, merkte Gajar trocken an, und der Saal lachte eine Spur zu wissend.

Max Weber hat die Bürokratie als stahlhartes Gehäuse beschrieben. Dass es für viele, die darin arbeiten, vor allem ein gepolstertes Sitzgehäuse ist, konnte er noch nicht ahnen. Dass man es zwischendurch verlassen darf, muss man sich offenbar erst sagen lassen. Gajar formulierte es so: Wer nicht zu ihren Seminaren komme, habe nicht keine Zeit. Er erlaube es sich nicht.

Den Schlusspunkt setzte die alte Geschichte von den zwei Wölfen, die in jedem Menschen miteinander ringen. Der eine voller Ärger, Neid und Sorgen, der andere voller Freude, Gelassenheit und Vertrauen. Welcher gewinnt? Der, den man füttert.

Damit ist eigentlich alles gesagt. Nichts von dem, was in dieser Stunde in Salzburg vorgeführt wurde, war neu. Die Skala zu Beginn hat es bewiesen: Wir wissen alle, was für uns gut ist. Es fehlt keine Studie, kein Förderprogramm und kein Gemeinderatsbeschluss. Es fehlt nur das Aufstehen. Und dass wir das können, hat der ganze Saal schon in der ersten Viertelstunde gezeigt.

Schlagwörter