Der Platz in der Erde erscheint nahezu endlos, er ist aber tatsächlich begrenzt.
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Was im Ort so alles unter der Erde liegt
Unter der Erde – quasi zu unseren Füßen – verbirgt sich ein komplexes Netz aus Lebensadern und Versorgungseinheiten. Dicht an dicht verlaufen Kanäle für Trink- und Abwasser, Strom, Gas, Glasfaser und vieles mehr. Diese technische Infrastruktur verursacht hohe Kosten, die von den Gemeinden gestemmt werden müssen. Wirft man einen Blick in die Zukunft, dann tut sich ein weiterer Aspekt auf: Auch unter der Erde ist der Raum begrenzt!
Schule, Kindergarten, Feuerwehrzentrale oder das Rathaus sind Teile der Infrastruktur, die über der Erde angesiedelt sind und die wir täglich bewusst nutzen. Daher können wir ihren Wert aktiv schätzen. Doch direkt unter unseren Füßen befindet sich eine zweite, unsichtbare Infrastruktur, die für uns genauso wichtig ist und die dafür sorgt, dass das tägliche Leben funktioniert. Ohne diese „zweite Ebene“ gäbe es weder fließendes Wasser noch Strom aus der Steckdose, kein Internet, keine Straßenbeleuchtung und keine funktionierende Abwasserentsorgung.
Die unterirdische Welt der Leitungen und Netze
Eine der wichtigsten Aufgaben der unterirdischen Infrastruktur ist die Versorgung der Bevölkerung mit sauberem Trinkwasser. Von Quellen, Brunnen oder Speichern gelangt das Trinkwasser über Hauptleitungen in das Ortsnetz, von dort über Hausanschlussleitungen in die einzelnen Gebäude.
Nicht weniger relevant: Das Abwasser. Über die Kanalisation werden Abwässer gesammelt und zu Kläranlagen geleitet. Viele Gemeinden verfügen bereits über getrennte Systeme für Schmutz- und Regenwasser, um die Kläranlagen zu entlasten. Eine zunehmende Herausforderung für die Kanalisation sind die in den letzten Jahren vermehrt auftretenden Starkregenereignisse. Große Wassermassen innerhalb von kürzester Zeit bringen Abwassersysteme rasch an ihre Kapazitätsgrenzen. Rückhaltebecken, größere Kanäle und moderne Steuerungssysteme gewinnen deshalb vermehrt an Bedeutung.
Strom wird längst nicht mehr über Masten geführt, er gelangt über unterirdische Kabel zu den Verbrauchern. Mit der zunehmenden Nutzung von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und Photovoltaikanlagen steigen auch hier die Anforderungen an das Netz. Die Betreiber sind gefordert, der Ruf nach leistungsfähigeren Kabeln und zusätzlichen Netzkapazitäten wird stetig lauter.
Auch die Kommunikation geht unterirdische Wege. Früher prägten oberirdische Telefonleitungen das Ortsbild, heute werden zunehmend Glasfaserkabel verlegt. Schnelles Internet ist besonders für Unternehmen ein wichtiger Standortfaktor geworden. Denn Gemeinden mit guter, digitaler Infrastruktur werden bei Betriebsansiedelungen bevorzugt.
Nicht jeder Ort verfügt über ein Gas- oder Fernwärmenetz, doch dort, wo sie vorhanden sind, spielen sie eine wichtige Rolle. Beide Leitungssysteme haben gesonderte Anforderungen. Gasleitungen unterliegen hohen Sicherheitsanforderungen, Fernwärmenetze brauchen isolierte Rohrleitungen, damit die Wärme effizient transportiert werden kann.
Neben den großen Versorgungsnetzen befinden sich auch zahlreiche weitere Einrichtungen im Erdreich, beispielsweise die Versorgungssysteme für die Straßenbeleuchtung, Ampelanlagen oder Verkehrsleitsystemen. Deren Versorgung erfolgt meist über gesonderte Kabelsysteme. Drainagen und Entwässerungseinrichtungen sorgen für Schutz vor Feuchtigkeitsschäden, Leerverrohrungen sorgen für die Zukunft vor.
Platzmangel, Übersichtspläne und Schutzmaßnahmen
Der Platz in der Erde erscheint nahezu endlos, er ist aber tatsächlich begrenzt. Alle Systeme haben ihren definierten Platzbedarf. Dazu kommt, dass viele der Netze historisch gewachsen sind. Werden neue Leitungen benötigt, stehen Planer vor der Herausforderung, dass sowohl bestehende unterirdische Anlagen geschützt als auch bei Neuverlegungen Mindestabstände eingehalten werden müssen. Die definierten Abstände erleichtern Wartungsarbeiten und reduzieren gleichzeitig das Risiko von gegenseitiger Beschädigung, wenngleich Grabungsarbeiten trotzdem mit größter Sorgfalt durchgeführt werden müssen.
„Die größte Kunst ist es, alle Einbautenträger unter einen Hut zu bringen. Dafür müssen im Vorfeld von Infrastrukturänderungen sämtliche vorhandene Einbauten erhoben werden. Falls nötig, müssen grabenlose Sondierungen wie zum Beispiel Kanalbefahrungen durchgeführt werden. Auf Basis des so gewonnenen Datenmaterials können und müssen Schutzmaßnahmen vor Baubeginn überlegt und getroffen werden“, berichtet ein Tiefbauspezialist aus der Praxis.
Im Prinzip gilt: Je besser die Planung im Vorfeld, umso weniger Konflikte und Probleme gibt es in der Ausführung. Werden Leitungen erst während des Bauens entdeckt, sind kurzfristige Maßnahmen wie technische Änderungen oder die Errichtung von Schutzzonen zu setzen.
In Wiener Neustadt beispielsweise werden die bestehenden Einbauten am Öffentlichen Gut – Wasser, Kanal, Glasfaser oder Stromleitungen – in einem internen, geographischen Informationssystem gesammelt und grafisch dargestellt. „Die Leitungen für beispielsweise Strom oder Glasfaser befinden sich jedoch zu einem Großteil nicht im Eigentum der Stadt Wiener Neustadt. Die Qualität bzw. die Aktualität der Darstellung hängt somit vom jeweiligen Einbautenträger ab“, weiß Magistratsdirektor Markus Biffl aus der Praxis zu berichten. „Die vorliegenden Einbautenlagepläne sind für jegliche Art von Bauvorhaben der Stadt enorm wichtig, weshalb regelmäßig Besprechungen mit den Einbautenträgern stattfinden.“
Viele Köche können den Brei verderben
Neben den historischen Leitungen und dem begrenzten Platz sorgt vor allem die Frage der Zuständigkeiten für große Herausforderungen bei Adaptionen und Erweiterungen der unterirdischen Netze. Frei nach dem Motto „viele Köche, ein Brei“ gibt es zahlreiche Institutionen und Unternehmen, die für einen Teil der Leitungsnetze zuständig sind. In Niederösterreich sind die Eigentümer dieser Netze unter der Erde hauptsächlich regionale Energieversorger, die Kommunen oder spezielle Infrastrukturunternehmen.
Der Großteil der Verteilernetze von Strom und Gas gehören der Netz Niederösterreich GmbH, einer Tochtergesellschaft der EVN AG. Sie ist Eigentümerin von rund 55.000 kilometern Strom- und 14.000 Kilometern Gasleitungen. Jährlich kommen rund 1.000 Kilometer Leitungen hinzu. Diese Expansionen sind einer der Hauptgründe für die kontinuierlich steigenden Netzkosten.
Die Wasserleitungen und Kanalnetze sind zu einem großen Teil im Besitz von Gemeinden, regionalen Wasserverbänden oder Genossenschaften. Die Telekom Austria oder die NÖ Glasfaserinfrastrukturgesellschaft (nöGIG) sind, neben anderen privaten Betreibern, Eigentümer der Telekommunikations- und Glasfaserleitungen.
Grundsätzlich gilt, dass die jeweiligen Betreiber für die Erhaltung und Erweiterung ihrer Netzsysteme verantwortlich sind. Diese vielfältigen Eigentümerstrukturen führen bei Infrastrukturprojekten nicht selten zu „kommunikativen Albträumen“ der Projektverantwortlichen in den Gemeindestuben des Landes.
Und als sei das noch nicht genug des Zuständigkeiten-WirrWarrs, mischen auch noch die Eigentümer der Liegenschaften mit. Denn ab dem Hausanschluss ist der jeweilige Liegenschaftseigentümer Besitzer und somit für seine Zuleitungen verantwortlich.
Neue Siedlungen sind ein teurer Spaß
Wenn es um die Frage der Kosten für die unterirdische Infrastruktur geht, stehen vor allem die Kommunen im medialen Fokus. Kaum eine Gemeinderatssitzung kommt ohne Tagesordnungspunkte zur Infrastruktur aus. Kanal- und Wassergebühren sind vor allem im Umfeld von Erhöhungen oft heißdiskutierte Themen in den Gemeinden. Dabei sind der Bau und die Erhaltung verschiedenster Leitungen ureigenste Aufgaben einer Gemeinde, die durch Eigenmittel, Gebühren und Abgaben, aber auch durch Förderungen und Kredite, finanziert werden müssen.
Besonders bei Siedlungsentwicklungen oder -erweiterungen sind zumeist auch Adaptionen der Infrastruktur notwendig, was erhebliche Kosten mit sich bringt. Diese Kosten gilt es, im Gemeindebudget entsprechend abzubilden. Um die Erhaltungs- und Baukosten vorab realistisch berechnen zu können, bietet das Land Niederösterreich den Gemeinden den kostenlosen Niederösterreichischen InfrastrukturKostenKalkulator (NIKK) an. Dieser berechnet exakt, ob sich neue Bebauungszonen langfristig durch die Gebühreneinahmen finanzieren lassen.
Gut geplant ist halb versorgt
Neben der budgetären Komponente der unterirdischen Infrastruktur wäre aber auch eine kurz-, mittel- oder langfristige Planbarkeit für die Gemeinden wünschenswert, abgebildet im Infrastrukturplan.
Doch den einen allgemein gültigen Infrastrukturplan gibt es in der Praxis eher selten. Meist sind die Inhalte auf mehrere Steuerungsinstrumente wie Entwicklungskonzept, Raumordnungsplan, Verkehrskonzept, Energiekonzept oder Investitions- und Finanzplan verteilt. Sie machen sichtbar, welche öffentliche Infrastruktur vorhanden ist, welche zukünftig benötigt wird und wie sie entwickelt und finanziert werden kann.
All das zusammen bildet die Grundlage für politische Entscheidungen, Raumplanung, Investitionen sowie die langfristige Entwicklung einer Gemeinde. Ziel ist es, den zukünftigen Bedarf aufgrund der Bevölkerungsentwicklung abzuschätzen, Engpässe und Sanierungsbedarf zu erkennen, Investitionen zu priorisieren, die Lebensqualität der Bevölkerung zu sichern und die Gemeindeentwicklung mit der Raumordnung und der Flächenwidmung abzugleichen.
Magistratsdirektor Markus Biffl aus Wiener Neustadt kennt die planerischen Herausforderungen aus der Praxis: „Bei Entwicklungsgebieten ist die Abstimmung der städteplanerischen Ziele (Bebauungsplan, Flächenwidmungsplan, Anzahl der zu erwartenden Bevölkerung) mit den jeweiligen Einbautenträgern im Vorhinein maßgebend. Die Einführung von Raumordnungsverträgen in §17 NÖ Raumordnungsgesetz hat in den letzten Jahren die Möglichkeit geschaffen, für Infrastrukturmaßnahmen entsprechende Maßnahmen zu setzen, die im Zusammenhang mit der Widmung von Bauland unmittelbar oder voraussichtlich in einem Planungszeitraum von zehn Jahren erforderlich werden. Die Stadt Wiener Neustadt nützt diese Möglichkeit bei der Umwidmung bzw. bei der Änderungen von Bebauungsplänen laufend.“
Die unterirdische Infrastruktur ist ein wahrlich komplexes Themenfeld. Viele Menschen wissen gar nicht, welche Werte im öffentlichen Souterrain liegen. Schließlich sind Kanal, Wasser, Strom & Co. eine unsichtbare Selbstverständlichkeit. Die „vergrabenen Millionen“ werden meist nur dann zum Thema, wenn sie Kosten oder Probleme verursachen.


