Für die Kommunalpolitik gilt es, die örtliche soziale Infrastruktur zu unterstützen und zu vernetzen, um gemeinsame Projekte zu ermöglichen.
© shutterstock/Rawpixel.com

Sozialer Zusammenhalt in gesellschaftlicher Vielfalt

Die Sorge um den sozialen Zusammenhalt ist allgegenwärtig. In vielen Demokratien erstarken illiberale Kräfte, da die Gesellschaften ökonomisch wie kulturell polarisiert sind. Megatrends wie Digitalisierung, Globalisierung, Migration und Klimawandel haben eine erhebliche Veränderungsdynamik und einen permanenten Krisenmodus ausgelöst.

Durch diese Megatrends hat sich ein Grundgefühl der Unübersichtlichkeit und des Kontrollverlusts verfestigt. Der Verunsicherung und Segregierung kann das Ziel eines inklusiven Zusammenhalts entgegengesetzt werden, da sich eine kohäsive Gesellschaft durch „belastbare soziale Beziehungen, eine positive emotionale Verbundenheit ihrer Mitglieder mit dem Gemeinwesen und eine ausgeprägte Gemeinwohlorientierung“ auszeichnet.

Gerade wegen der unüberschaubaren Herausforderungen sind Kommunen in besonderer Weise dazu geeignet, das soziale Miteinander wirksam zu fördern. Erstens, weil sie das unmittelbare Zusammenleben der Menschen direkt gestalten. Zweitens können sie ein inklusives Identifikationsangebot stiften, da der geteilte Lebensraum eines der wenigen Merkmale ist, welche Menschen in einer Gesellschaft voller Differenzen gemein haben. Drittens bietet die örtliche Begrenzung nicht nur Übersichtlichkeit, sondern auch die Möglichkeit, responsiv, also schnell und gezielt, auf die Bedürfnisse der Bevölkerung einzugehen.

Doch wie kann kommunales Handeln den lokalen Zusammenhalt wirksam stärken? Dazu gilt es zunächst den Wandel der gesellschaftlichen Struktur zu analysieren.

Die Gesellschaft ist heterogener geworden. Es haben sich Formen sozialer Beziehungen, des Zusammenlebens und der Religiosität pluralisiert, unterschiedliche Gruppen sind eingewandert, die Parteienlandschaft hat sich ausdifferenziert und eindeutige Milieuzugehörigkeiten lösen sich immer mehr auf. Da sich Lebensstile zunehmend unterscheiden, ist eine Fülle an interpersonalen Abweichungen vorhanden.

Die Konfrontation mit fremden und unvertrauten Temperamenten, Mentalitäten, Wertvorstellungen, Erscheinungs- und Konversationsformen kann bereichernd, aber auch überfordernd wirken. In einer Gesellschaft der Differenzen nimmt unvertraute Fremdheit zu, da gleichzeitig auch verbindende Merkmale schwinden. Deshalb ist in einer vielfältigen Gesellschaft der Umgang mit Andersartigkeit eine Schlüsselressource.

Um diesen Umgang zu erlernen, ist neben Bildung insbesondere brückenbildendes, also über Gruppenzugehörigkeiten hinweg wirkendes Sozialkapital relevant. Erkenntnisse aus der Sozialpsychologie zeigen, dass sich durch kooperativen Kontakt zu Menschen, die einer anderen gesellschaftlichen Gruppen angehören, Vorurteile gegenüber dieser Gruppe verringern.  Um den sozialen Zusammenhalt zu stärken, ist demnach ein kommunales Handeln gefordert, welches die Interaktion verschiedener gesellschaftlicher Gruppen fördert. 

Begegnung zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen fördern

Dafür können Kommunen Begegnungsräume schaffen, Kontaktmöglichkeiten selbst initiieren und soziale Initiativen fördern. Begegnungsräume wie öffentliche Plätze oder soziale Einrichtungen können attraktive und niedrigschwellige Begegnungsformate anbieten. Für die Kommunalpolitik gilt es daher, die örtliche soziale Infrastruktur (Schulen, Mehrgenerationenhäuser, Vereine, Polizei, Kirchengemeinden, kulturelle Einrichtungen etc.) zu unterstützen und zu vernetzen, um gemeinsame Projekte zu ermöglichen. Sehr wertvoll sind dabei Bottom-up-Initiativen mit sozialer Orientierung, die es bedarfsgerecht zu fördern gilt. Dies kann finanziell erfolgen, aber auch durch Beratung oder durch die Vernetzung mit der lokalen Akteurslandschaft.

Daneben können Kommunen Begegnungsorte und -möglichkeiten selbst initiieren. Dabei sollten gemeinsame, verbindende Tätigkeiten im Mittelpunkt stehen. Beispiele sind lokale Festivitäten (zum Beispiel Straßen- und Stadt[teil]feste), die Gestaltung des unmittelbaren Nahbereichs (Grünflächen und Plätze) oder gemeinsame Aktivitäten (wie Sport und Musik). Anstatt Begegnungsformate isoliert zu organisieren, sollte eine breite Beteiligung lokaler Gruppen angestrebt werden. Dafür können Räume, Materialien, Ansprechpersonen und Moderatoren bereitgestellt werden.

gesellschaftlicher Zusammenhalt
Aufgeschlossen und sensibel für Bedürfnisse und Initiativen aus der Bevölkerung zu sein, gilt gerade für Kommunen ganz besonders.

Als besonders bedeutsam werden Bildungseinrichtungen (Kitas, Kindergärten, Schulen) eingestuft. Dort wird der Umgang mit Diversität eingeübt, indem kulturelles Kapital vermittelt wird und brückenbildendes Sozialkapital – auch zwischen Eltern – entstehen kann. Um soziale Mischung statt Segregation zu erreichen, müssen die Einzugsgebiete der Einrichtungen unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen zusammenbringen.

Zudem sollten Standorte in Problembezirken besondere Unterstützung erhalten, damit sie auch für privilegierte Gesellschaftsgruppen attraktiv sind.
Außerdem sollte die kommunale Wohnraumpolitik zum Ziel haben, Menschen mit unterschiedlichen Prägungen räumlich zu durchmischen, um alltägliche Berührungspunkte zu schaffen. Beispielsweise kann mithilfe von sozialem Wohnungsbau auch in attraktiven Gegenden bezahlbarer Wohnraum geschaffen werden. Speziell in heterogenen Nachbarschaften muss darauf geachtet werden, Konflikte idealerweise präventiv zu regulieren – auch indem Sicherheit und die Regeleinhaltung gewährleistet wird. Der öffentliche Raum sollte so sicher, sauber und attraktiv wie möglich gestaltet sein.

Lokale Kontexte wahrnehmen

Die Entwicklungen einer Kommune, die Struktur der Bevölkerung, deren Mentalitäten und damit auch deren Bedürfnisse können sehr unterschiedlich sein, wie der Kontrast zwischen dörflich-traditionellen und urban-progressiven Gegenden verdeutlicht. Deshalb ist die Grundlage wirksamer kohäsionsfördernder Maßnahmen die Berücksichtigung der spezifischen lokalen Kontexte.

Um die Bedürfnisse der Bürger vor Ort wahrnehmen zu können, muss kommunales Handeln in hohem Maße responsiv agieren. Durch den engen Kontakt mit der Bevölkerung können aufkommende Stimmungen, gegenwärtige Interessen und konkrete Problemlagen registriert werden. Insbesondere wenn gravierende Veränderungen anstehen, wie bei großen Infrastrukturprojekten, muss Kommunalpolitik umfassend und transparent informieren, auf die Äußerungen der Bürger eingehen und ggf. Mitbestimmung ermöglichen.

Zum lokalen Kontext zählt auch, dass kommunales Handeln in besonderem Maße sich an Menschen wendet, die sich von der kulturellen, wirtschaftlichen, sozialen oder politischen Modernisierung abgehängt fühlen. Es gilt anzustreben, sie durch Wertschätzung, aufsuchender Fürsorge, spezieller Ansprache bei Beteiligungsprojekten und passgenauen Qualifizierungsmaßnahmen gesellschaftlich wieder teilhaben zu lassen.

Kultur und Struktur der Verwaltung

Um den beschriebenen Ansprüchen gerecht werden zu können, braucht es neben finanziellen Ressourcen eine responsive, diversitätssensible sowie proaktive Kultur und Struktur in der kommunalen Verwaltung. Dazu zählt, aufgeschlossen und sensibel für Bedürfnisse und Initiativen aus der Bevölkerung zu sein, Diversität positiv wahrzunehmen und im Kontakt mit der ganzen Breite der lokalen Akteursstruktur zu sein.
Das muss sich auch in der Organisation der Verwaltung widerspiegeln, etwa indem übersichtliche Verwaltungsstrukturen bestehen und Ansprechpartner unbürokratisch kontaktiert werden können.