Helmut Mödlhammer: „Wir haben die Verpflichtung, dass wir allen Menschen in unserem Land einigermaßen gleichwertige Lebensbedingungen zur Verfügung stellen, und zwar in allen Bereichen der Daseinsvorsorge.“

Mödlhammer sagt Adieu

Mo, 27.03.2017 - 15:06

In seiner letzten Pressekonferenz als aktiver Präsident des Österreichischen Gemeindebundes zog Helmut Mödlhammer Bilanz über seine Amtszeit an der Spitze der Interessensvertretung der Gemeinden.

„Ich nehme vor allem in Anspruch, dass in meiner Amtszeit der politische Stellenwert der Gemeinden und die öffentliche Wahrnehmung der kommunalen Arbeit stark an Gewicht gewonnen haben“, so Mödlhammer. „Es ist wichtig, dass die Gemeinden eine starke Interessensvertretung haben, denn Gesetze und Regeln können sie ja nicht selbst beschließen. Also sind wir auf öffentlichen Druck und Lobbying im Sinne der Gemeinden angewiesen, das sind unsere stärksten Waffen, um uns auf Bundes- und Landesebene Gehör zu verschaffen.“

Gemeinden haben als einzige den Schuldenstand verringert

„Wir haben auch“, so Mödlhammer, „gravierende Herausforderungen in den letzten Jahren gut bewältigt. Wir haben die Finanz- und Wirtschaftskrise ohne gröbere Schäden durchgestanden, wir haben – mit Ausnahme von zwei Rechnungsjahren – immer Überschüsse erzielt und unsere Maastricht-Ziele erreicht. Wir sind die einzige Ebene, die den Schuldenstand seit einigen Jahren real verringert. Und das, obwohl ständig neue Aufgaben auf unserem Rücken abgeladen werden.“

Pragmatische Lösungen in der Flüchtlingsfrage

Kinderbetreuung, Nachmittagsbetreuung, aber auch die adäquate Unterbringung von Flüchtlingen seien von den Gemeinden pragmatisch angegangen und gelöst worden. „Die Flüchtlingsunterbringung hat dann begonnen zu funktionieren, als man endlich eingesehen hat, dass kleinere Quartiere besser und leichter zu schaffen sind als große Einheiten“, so Mödlhammer. „Das ist auch symptomatisch für die Vielfalt und die Breite der kleinen Gemeinden. Diese Kleinheit ist oft auch ein Schatz, den wir bewahren sollten, denn in der Kleinheit funktioniert vieles besser und letztlich durchs Ehrenamt auch kostengünstiger.“

Auseinanderdriften von Stadt und Land verhindern

„Am wichtigsten war und ist mir immer noch, dass wir das Auseinanderdriften der ländlichen und städtischen Räume verhindern“, sagt Mödlhammer. „Wir haben die Verpflichtung, dass wir allen Menschen in unserem Land einigermaßen gleichwertige Lebensbedingungen zur Verfügung stellen, und zwar in allen Bereichen der Daseinsvorsorge.“ Es habe früher einen größeren gesellschaftlichen Konsens darüber gegeben, dass alle Menschen Zugang zu bestimmten Leistungen haben müssen. Strom, Wasser, Kanal, Straßen, öffentlicher Verkehr, usw. „Heute ist es ein immer aufwändigerer Kampf, um die ländlichen Gebiete gegenüber den Zentralräumen nicht eklatant zu benachteiligen.“ Dieser Kampf sei aber wichtig, sonst stehen wir bald vor entvölkerten Landstrichen, die dann dauerhaft auch nicht mehr bewirtschaftet oder gepflegt würden. „Die Menschen spüren diesen Versuch der Vernachlässigung auch sehr stark“, sagt Mödlhammer. „Die Protestwählerstimmen in den ländlichen Gebieten waren auch bei der Präsidentschaftswahl kein Zufall. Wenn Menschen sich vernachlässigt und allein gelassen fühlen, dann sind sie für politische Wechselströmungen leichter zu haben.“

Immer neue Belastungen für Gemeinden

Die Gemeinden selbst, so Mödlhammer, stehen vor weiteren Belastungen. „Wir sind in den letzten Jahren ständig damit beschäftigt, zusätzliche Belastungen zu vermeiden. Wir leiden inzwischen unter der Bundes- und Landesbürokratie, wie viele Bürger auch.“ Viele Gemeinden würden beispielsweise gar nicht mehr um Förderungen ansuchen, „der Aufwand dafür steht manchmal in keinem Verhältnis mehr zur möglichen Förderung“.

Umgekehrt bürde man den Kommunen Dinge wie einen zweiten Wahltag auf. „Das führt nachweislich zu keiner höheren Wahlbeteiligung, das belegen alle Daten. Es ersetzt auch nicht die Briefwahl. Ich bin wirklich ratlos, wenn wir über solche Dinge reden müssen, wir haben haufenweise Rückmeldungen aus den Gemeinden, die das für Unfug halten und nicht mehr wissen, wie sie die Wahlkommissionen für einen zweiten Wahltag besetzen sollen. Das interessiert auf Bundesebene aber keinen, entsprechende Anfragen werden nicht einmal mehr beantwortet. Und dann wundert man sich, wenn die Menschen das Vertrauen in die höheren Ebenen verlieren.“

In der Kommunalpolitik sieht Mödlhammer auch strukturellen Änderungsbedarf: „Es ist evident, dass der Frauenanteil in kommunalen Spitzenfunktionen immer noch zu niedrig ist. Die Zahl der Bürgermeisterinnen steigt zwar ständig, ist aber natürlich immer noch viel zu gering. Diese steigende Zahl sollte sich ebenso noch mehr in unseren Gremien niederschlagen.“

Aufgabenreform und Strukturreform nicht gelungen

Mödlhammer zeigte sich aber auch selbstkritisch und nachdenklich angesichts einiger wichtiger Themenfelder, die in seiner Amtszeit nicht gelöst werden konnten. „Eine umfangreiche Aufgabenreform ist seit Jahren überfällig“, sagt Mödlhammer. „Ich bin gegen viele Mauern gerannt, es tut mir weh, dass es für so eine Reform offenbar keinen politischen Willen gibt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich kritisiert habe, dass in die Kinderbetreuung bis zu vier Ministerien, neun Bundesländer und alle Gemeinden involviert sind. Es liegt auf der Hand, dass dieser gordische Knoten der Zuständigkeiten einiges an Problemen und Reibungsverlusten mit sich bringt.“ Seit Jahren fordert Mödlhammer eine Kompetenzreform. „Die Sache ist nicht so schwierig, wie man sie macht: Die Ebene, die eine Aufgabe am besten erledigen kann, soll sie auch ausführen und dafür die Finanzmittel ohne Umwege bekommen“, so Mödlhammer. „Kinderbetreuung sollte alleinige Gemeindeverantwortung sein, die Gesundheitsagenden und die dafür nötigen Finanzmittel sind am besten bei den Ländern aufgehoben. Auch im Bildungswesen gibt es viel zu viele Mehrfachzuständigkeiten. Ich hoffe, dass dieses Thema nicht von der Agenda verschwindet, denn da gibt es viel Möglichkeit, dass man Geld einspart.“

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