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Wie wir beschäftigt werden

Der Trend zu mehr Selbstbedienung hilft der Wirtschaft Kosten zu sparen, stiehlt den Menschen aber Lebenszeit.

Kürzlich im Supermarkt: Von den sechs Kassen ist nur eine besetzt, dafür gibt es jetzt noch vier Selbstbedienungskassen. Auf die Frage nach dem Warum heißt es, dass die „Self Check Out"-Kassen Teil der Konzernstrategie sind und den Kunden die Wartezeit verkürzen sollen. In Pilotfilialen seien die Rückmeldungen von Kunden auf den „Kassomat" positiv ausgefallen, berichtete das Unternehmen in einer Aussendung.

In „meinem" Geschäft ist davon weder das eine noch das andere zu bemerken. Obwohl sich eine Mitarbeiterin redlich müht, Kunden zu den SB-Terminals zu locken und sie mit deren Funktion vertraut zu machen, ist das Interesse enden wollend. An den normalen Kassen stauen sich inzwischen die Kunden.

Ein Versuch zeigt einen Grund dafür auf. Das selbstständige Einscannen geht ja noch halbwegs einfach, aber richtig schwierig wird es, wenn man auch noch Barcode-Nummern, etwas zum Einlösen von Rabatten, händisch eingeben muss. Wenn man schon als Mittvierziger mehrere Anläufe braucht, bis man die verschiedenen Arbeitsschritte intus hat, wie soll dann die immer größer werdende Zahl von Senioren mit der Herausforderung der neuen Geräte fertig werden?

Bisher gab es SB-Kassen nur beim großen Möbelhaus aus Schweden. Auch dort hatte man den Eindruck, dass die Kunden sich lieber anstellen und das Einscannen der Ware lieber von den Profis des Kassenpersonals erledigen lassen als selbst Hand anzulegen. Aber da man nicht so häufig einen Pax-Kasten oder ein Billy-Regal braucht, war das Problem nicht so drängend.

Jetzt erobert das zwangsverordnete Do-it-yourself aber immer mehr Lebensbereiche. Egal ob den Burger im Fastfood-Restaurant oder die Fahrkarte am ÖBB-Terminal – allerorten darf, soll, ja muss man sich an Automaten selbst abmühen, bis man das Gewünschte bekommt. Und wenn man Fragen hat, kann man ja auf eine Website gehen und dort FAQs durchstöbern.

Wenn es hoch hergeht, dann gibt es vielleicht eine Hotline, bei der man nach minutenlangem Hängen in der Warteschleife einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin im Callcenter erreicht. Die Auskunft kostet natürlich sieben Cent pro Minute, denn so eine Telefonauskunft kostet Geld und die Menschen, die dort arbeiten, wollen natürlich bezahlt werden. Man lernt also: Mach es selbst, denn für Leistungen, die früher selbstverständlich waren, muss nun bezahlt werden. Das wird uns sogar noch als Vorteil verkauft.

Der Amerikaner Craig Lambert beschreibt in seinem Buch „Zeitfresser: Wie uns die Industrie zu ihren Sklaven macht", wie es die Wirtschaft schafft, uns diverse Zusatzarbeiten machen zu lassen und somit unsere Freizeit verkürzt. Der Trend zum „Do-it-yourself" sei quasi der Beleg für die Mündigkeit des Verbrauchers, wird uns weisgemacht. Die Wahrheit sieht aber anders aus: Als Konsument wird man zusätzlich belastet, ohne einen Vorteil davon zu haben. Zudem vernichtet die Verlagerung von Dienstleistungen auf den Kunden Arbeitsplätze. Wollen wir das?

 

 

 

 

 

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