Gruppe von Senioren
Höhere Lebenserwartung und niedrigere Geburtenraten haben eine stetige Alterung der Gesellschaft zur Folge.
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Megatrend Alterung setzt sich fort

Während fast vierzig Prozent der österreichischen Gemeinden mit einer negativen Bevölkerungsentwicklung konfrontiert sind, erlebte der gesamte Bund in den letzten zwanzig Jahren einen stetigen Zuwachs - nicht zuletzt auch, auf Grund der Zuwanderung. Ihre namensgebende Form hat die Bevölkerungs-„pyramide“ aber bereits abgelegt: Vor allem der ländliche Raum wird in Zukunft immer mehr mit der Überalterung der Gesellschaft zu hadern wissen.

Österreichs Bevölkerung ist ständiger Veränderung ausgesetzt: sie altert, sie wächst, sie wandelt. Das zieht auch eine Reihe neuer Realitäten und Herausforderungen für Gemeinden nach sich.

Licht ins Dunkle der Wirren der demographischen Bewegungen brachte Stephan Marik-Lebeck, Leiter des Bereichs Demographie, Gesundheit und Arbeitsmarkt der Statistik Austria, bei der vom Bundesrat initiierten Enquete zum großen Thema Dezentralisierung.

„Die Demographie ist sozusagen das zugrundeliegende Thema; sie schafft die Basis für Veränderungen, die sich in den Regionen Österreichs abspielen, und nachfolgend sozusagen auch Fakten, auf die die Politik reagieren sollte“, waren Marik-Lebecks Einstiegsworte. Will man also nah am Menschen stehen, muss man manchmal einen Schritt zurück machen, um das große Ganze zu sehen.

Bevölkerungsveränderung 2001 bis 2011

Bevölkerungsveränderung 2012 bis 2019

Hohes Wachstum durch europäische Eingewanderte

Seit der Jahrtausendwende wuchs die österreichische Bevölkerung um ganze zehn Prozent. Diese Zunahme von grob acht auf heute 8,8 Millionen Einwohner in zwanzig Jahren ist fast ausschließlich auf Zuwanderung zurückzuführen, denn während etwa eine Dreiviertelmillion mehr Menschen nach Österreich wanderten, als das Land verließen, gab es nur um rund 40.000 mehr Geburten als Sterbefälle seit dem Jahr 2000.

Die Wanderungsgewinne bei ausländischen Staatsangehörigen sind dabei überwiegend aus Europa: Vier Fünftel der Eingewanderten stammten aus anderen EU- bzw. EFTA-Staaten.

Steigende Einwohnerzahlen verbunden mit dem Phänomen der Landflucht: das bedeutet ganz klar, dass die Städte Gewinner der Bevölkerungsentwicklung der letzten Jahrzehnte sind. „Die Bevölkerungszunahme korrespondiert sehr stark mit Ballungsräumen, aber auch mit Gebieten, die entlang der Verkehrsachsen liegen. Natürlich gibt es da auch mit der wirtschaftlichen Entwicklung einen klaren Zusammenhang“, erklärte Marik-Lebeck.

Wanderungsbilanz von 2012 bis 2019

Positive Geburtenbilanz in Westösterreich

Dabei ist ein generelles West-Ost-Gefälle zu beobachten. Im Westen Österreichs gibt es eine nahezu durchwegs positive Geburtenbilanz, während es im Osten mehr Gebiete gibt, in denen die Sterbefälle die Geburten überholen. Eine Bevölkerungsabnahme gab es in den letzten zwanzig Jahren also vor allem im östlichen Bereich, in der Obersteiermark, im niederösterreichischen Alpenland, aber auch in großen Teilen von Kärnten und im Waldviertel.

Höhere Lebenserwartung und niedrigere Geburtenraten haben eine stetige Alterung der Gesellschaft zur Folge. Der weitere Anstieg der Lebenserwartung und somit auch des Anteils der über 65-Jährigen in der Bevölkerung wird auch für die nächsten Jahrzehnte prognostiziert. 2019 bleiben nur wenige Gemeinden außerhalb der Ballungszentren mit hohem Anteil an junger Bevölkerung über. Diese findet man überwiegend im Most- und Weinviertel.

Die Alterung ist jedoch ein Trend, der nach und nach alle Gemeinden, bis auf die Städte, trifft. Halten sich derzeit die unter 20- und die über 65-Jährigen noch die Stange bei je ungefähr zwanzig Prozent, soll der Anteil der Jungen bis ins Jahr 2050 auf 18,8 Prozent schrumpfen und der Anteil der Senioren auf 27,3 Prozent steigen.

Geburtenbilanz von 2012 bis 2019

Zuwanderung begrenzt Alterung

Die Alterung der Gesellschaft ist zwar ein sich fortsetzender Trend, wird von der Zuwanderung aber deutlich gebremst. Zuziehende aus dem Ausland bestehen vorwiegend aus jungen Personengruppen. Ungefähr die Hälfte der in den letzten Jahren Zugewanderten ist zwischen 18 und 39 Jahren alt. Hinzukommt, dass im Ausland Geborene im Durchschnitt 1,83 Kinder bekommen, während in Österreich geborene Frauen durchschnittlich 1,37 Mal Mutter werden - also um gut ein halbes Kind weniger.

Breites Bildungsangebot vs. Ruhe und Frieden

Die Wanderungen innerhalb Österreichs teilte der Experte in drei wesentliche Muster: die Bildungswanderung, die Suburbanisierung bei Familiengründung und die Ruhestandswanderungen.

In die Rubrik Bildungswanderung fallen vor allem junge Erwachsene, also Menschen im Alter von 18 bis 26, die zur Fortsetzung ihrer Ausbildung, etwa in Form eines Studiums an einer Hochschule, ihre Heimatgemeinde verlassen. In dieser Gruppe verzeichnen fast ausschließlich Universitätsstädte eine positive Bilanz, großer Gewinner ist Wien.

Bildungswanderung

Dabei sieht die altersspezifische Binnenwanderung von Menschen zwischen 27 und 39 wieder etwas anders aus: Durch sie verzeichnen vor allem die Speckgürtel der österreichischen Landeshauptstädte ein Plus. In dieser Gruppe fährt Wien sogar ein leichtes Negativsaldo ein. „Da steht im Vordergrund, dass junge Familien überwiegend nach Wohnraum im Grünen suchen“, erläutert der Demographie-Experte Marik-Lebeck. In den Vororten suchen also viele die Ruhe und Natur des ländlichen Raumes, aber die räumliche Nähe zum breiten Angebot an Arbeitsplätzen.

Ruhestandswanderung

Suburbanisierung

Senioren im Alter von 60 bis 74 Jahren hingegen zieht es vornehmlich in ländliche Regionen. „Da steht die Lebensqualität im Vordergrund. Das sind Leute, die am Ende ihres Berufslebens stehen. Sie ziehen dann aufs Land und verwirklichen dort den Traum, einfach in Ruhe das ländliche Leben zu genießen“, so Marik-Lebeck.

Wie sieht unser Morgen aus?

In ihren Bevölkerungsprognosen bietet die Statistik Austria außerdem einen Blick in die Zukunft. Dabei werden durch Annahmen zu Geburtenrate, Sterblichkeit und Migration Hauptszenarien, hohe Wachstumsvarienten und niedrige Alterungsvarienten erstellt, um die mögliche Bandbreite der zukünftigen Entwicklung abschätzen zu können. Das Hauptszenario für 2030 liegt bei einer Einwohnerzahl von rund 9,3 Millionen, das Wachstumsszenario prognostiziert über 9,7 Millionen, das Alterungsszenario im Vergleich beinahe schon karge 9 Millionen Einwohner. Die Hauptvariante verrät uns außerdem eine Gesamtbevölkerung von 9,6 Millionen Einwohner im Jahr 2050, im Jahr 2080 werden fast eine Milliarde Menschen in Österreich erwartet.

Angenommen wird, dass die Einwanderung unsere künftigen Geburtendefizite weiterhin kompensieren kann. Die Zahl der über 65-Jährigen soll in den nächsten 20 Jahren dennoch um die Hälfte zunehmen. Einzig für Kärnten prognostiziert Statistik Austria auf lange Sicht ein Bevölkerungsschrumpfen, und zwar von derzeit rund 560.000 Einwohner auf etwa 540.000 im Jahr 2080.

Einig sind sich alle Prognosevarianten: die Alterung unserer Gesellschaft wird noch viele Jahrzehnte anhalten. Die Frage nach effizienten Pflege- und Pensionsmodellen wird also nicht nur erhalten bleiben, sondern auch drängender.