Bürgermeister Peter Eisenschenk mit Flüchtlingen, die in Tulln untergebracht sind, und Vertretern der Pfarre sowie dem Dolmetscher.

„Wenn wir Menschen in Not helfen, helfen wir uns selbst“

Die Stadtgemeinde Tulln geht ins Sachen Asyl in die Offensive und wird in Zusammenarbeit mit Politik, Pfarren und Ehrenamtlichen ab Oktober 100 Flüchtlinge in Wohncontainern beherbergen. Im Gespräch mit der „NÖ Gemeinde“, der Zeitschrift des Gemeindevertreterverbandes der VPNÖ, sprach Bürgermeister Peter Eisenschenk über sein Menschenverständnis, den gesellschaftlichen Wandel und die Rolle der FPÖ in der Asyldebatte.

NÖ Gemeinde: Herr Bürgermeister, Sie gehören zu den Bürgermeistern in Niederösterreich, die offensiv an das Thema der Flüchtlingsunterbringung heran gehen und in Ihrer Gemeinde schon sehr bald 100 Asylsuchende aufnehmen wollen. Was ist ihr Beweggrund dafür?



Eisenschenk: Für mich sind es zwei Gründe, in der Asyldebatte aktiv zu werden. Erstens sehe ich es als Verantwortung meinem Amt als Bürgermeister und der Bevölkerung gegenüber hier zu handeln und zu helfen. Zweitens agiere ich auch als Privatperson Peter Eisenschenk, weil ich denke, dass eine Gesellschaft stets den Menschen im Mittelpunkt haben muss, egal woher der Mensch stammt. Ich bin überzeugt davon, dass wir, wenn wir Menschen helfen, uns selbst helfen. Es ist nicht nur Mitgefühl, das wir zeigen, unser Handeln stabilisiert auch die Gesellschaft. Denn es ist ein klares Zeichen gegen den Egoismus und gegen jene Kraft, die unsere Gesellschaft mit Macht- und Profitgier teilt. Die Grundstimmung in der Gesellschaft muss sich ändern, damit den Menschen wieder bewusst wird, dass Habgier und Konsumrausch nicht zu einem gelingenden Lebensgefühl führen.



Wie kann man sich die Unterbringung vorstellen und wie will man die Flüchtlinge vor Ort integrieren?



Mit der Idee für Tulln wollen wir in der Asyldebatte weg vom Lagerdenken hin zu kleinen sozialverträglichen Einheiten. Aktuell werden in Tulln bereits 27 Flüchtlinge betreut. 20 durch die Bezirksstelle des Roten Kreuzes und 7 durch die Plattform der Tullner Pfarren. Die zusätzlichen 100 Flüchtlinge sollen in vom Land NÖ zur Verfügung gestellten Wohncontainern – das sind völlig eingerichtete Wohnungen – entweder an einem – idealerweise an mehreren – Standorten in Tulln untergebracht werden. Ich appelliere aber auch an die Bevölkerung und die Katastralgemeinden, Grundstücke oder Wohnungen zur Verfügung zu stellen. In dem Zusammenhang möchte ich anmerken, dass derzeit auf Landesebene rechtliche Grundlagen im Bereich der Bauordnung, Kanal- und Wasserleitungsgesetz vorbereitet werden, um etwaige Hindernisse zu beseitigen. Darüber hinaus haben wir seitens der Stadtgemeinde ein Flüchtlingstelefon für Hilfsangebote, aber auch zur Beantwortung aller Fragen eingerichtet. Zwei Mitarbeiterinnen wurden dafür speziell geschult.

Dadurch, dass Menschen zu uns kommen, über deren Asylstatus noch nicht entschieden wurde, wird es auch eine gewisse Fluktuation geben. Aber wir haben es hier mittlerweile mit einer Völkerwanderung zu tun, d. h. wir müssen uns auf Veränderungen in unserer Gesellschaft einstellen. Die Unterbringung bei uns in Tulln ist ein erster Schritt. Integrationsmaßnahmen wie Kindergarten- und Schulplätze, Arbeitsmöglichkeiten wird man sich dann in einem zweiten Schritt anschauen müssen. Ich denke, dass durch die Flüchtlingsunterbringung in Tulln für keinen Tullner ein Nachteil entstehen wird. Im Gegenteil: Ich denke vielmehr, dass es das Freiwilligenengagement stärkt und man dadurch sehr viel zurückbekommt.



Im Tullner Gemeinderat ist ja auch die FPÖ vertreten. Wie reagiert diese Partei auf Ihre Pläne und wie denken Sie über die Hetze in den FPÖ-Kreisen?



Bis jetzt habe ich keine Reaktionen seitens der Tullner FPÖ gespürt. Aber das wird noch kommen. Tatsache ist, dass sich die FPÖ bis jetzt – egal ob auf Bundesebene oder bei uns im Bezirk – in keiner Weise konstruktiv in die Flüchtlingsdebatte eingebracht hat. Das einzige, was sie von sich geben, ist zu Angst schüren, mit Slogans zu ­­­zündeln und die Bevölkerung aufzuhetzen. Darin sind sie große Meister. Ich denke wir sind in einer Phase angekommen, wo wir uns viel mehr um das Einen unserer Gesellschaft annehmen müssen, als sie zu spalten.