Silvia Karelly
Silvia Karelly: "Ich habe gewusst, dass der Weg kein leichter wird. "

Die Bergbäuerin im Chefsessel

Silvia Karelly hatte in ihrem Leben schon einige schwere Schicksalsschläge zu überwinden. Doch die Optimistin hat sich immer wieder aufgerappelt und ist mittlerweile die erste Bürgermeisterin im oststeirischen Fischbach.

Frau Bürgermeisterin, wie sind Sie in die Politik gekommen?

Ich war schon früh im Bauernbund engagiert, nachdem ich zuhause bereits mit 18 Jahren den Betrieb von meinen Eltern, die leider sehr früh verstorben sind, übernommen habe. Durch die Landwirtschaft und Betriebsführung bin ich mit 18 Jahren zum Bauernbund gekommen und später auch in den Pfarrgemeinderat, in dem ich mit 25 Jahren zur Vorsitzenden gewählt wurde. Es ist aufgefallen, dass ich gerne mitarbeite und mich einbringe. So schreibe ich etwa auch Gedichte und habe bei Feierlichkeiten in der Gemeinde immer gereimte Laudationes geschrieben. Das hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich mache es nach wie vor sehr gerne, doch Zeit habe ich jetzt kaum noch dafür.

Mein Vorgänger hat mich vor 15 Jahren gefragt, ob ich in der Gemeinde und in der Fraktion mitarbeiten würde. Daraufhin habe ich am Gemeindeamt zu arbeiten begonnen, mich aber noch nicht in der Parteipolitik engagiert. Zur gleichen Zeit war meine Familiengründung und meine Kinder sind auf die Welt gekommen. Als ich gemerkt habe, dass die Motivation bei meinem Vorgänger nachlässt und er mich abermals gefragt hat, ob ich mir einen Wechsel vom Mitarbeiterteam und dem Sekretariat in den Bürgermeistersessel vorstellen könnte, habe ich den Sprung in die Politik gewagt und bin seit 26. Jänner nun Bürgermeisterin.

Was hat Sie in Ihrem Leben geprägt?

Wir leben in einem kleinen Bergbauerndorf auf einem bescheidenen Hof mit 20 Hektar in der steilsten Bergbauern-Zone 4. 1990, als ich 13 Jahre alt war, ist meine Mutter an HIV gestorben. Sie hat sich bei der Geburt meines kleinen Bruders angesteckt, nachdem sie viel Blut verloren hatte und infizierte Blutkonserven verabreicht bekommen hat. Damals wusste niemand darüber Bescheid. Von 1982 bis 1990 hat sie einen furchtbaren Leidensweg gehabt, und als man endlich festgestellt hat, was sie wirklich hatte, war es auch für meinen Vater schon zu spät.

Das waren die prägendsten Ereignisse meiner Kindheit und Jugend und für mich und meinen Bruder eine sehr schwere Zeit. In so jungen Jahren die Eltern leiden und sterben zu sehen und dann komplett auf sich alleine gestellt zu sein.  Trotzdem muss man sich wieder aufrappeln und Kraft tanken, denn das Leben geht weiter und man kann es sogar an eigene Kinder weitergeben. Auch wenn man noch so tief unten ist, man hat es immer wieder selbst in der Hand, sich hinaufzuarbeiten und das Licht am Ende des Tunnels wieder zu sehen.

Heute versuchen wir für unsere Kinder da zu sein und ihnen die liebevollen Eltern zu sein, die wir leider nur für ganz kurze Zeit an unserer Seite hatten. Ich habe mir ganz oft gewünscht, dass meine Eltern noch als Bezugspersonen da wären - einfach um sich auszutauschen, sich einen Rat zu holen oder Unterstützung in der Betreuung der Kinder zu haben. Ich bin mir sicher, sie hätten mit ihren sechs Enkelkindern eine Riesenfreude gehabt!

Wenn heute ähnliche Schicksalsschläge einer Familie in der Gemeinde widerfahren, habe ich ein starkes Einfühlungsvermögen, wie es einem in der Situation geht. Uns hat damals der Altbürgermeister gefragt, ob man uns irgendwie helfen oder etwas für uns tun könne. Die Oma hat damals gemeint: "Ja, wenn ihr uns im Winter nur den Schnee rausschieben könntet, sodass man wenigstens eine geräumte Zufahrt hat." Das hat ihr enorm viel bedeutet, denn wir hatten damals keinerlei Gerätschaften, um den mitunter enormen Schneemassen auf über 1000 Meter Seehöhe Herr zu werden.

Heute ist es für mich wichtig, in solchen persönlichen Situationen als Ansprechpartner da zu sein und Hilfe anzubieten. Es ist wichtig zu wissen, dass jemand da ist und an einen denkt. Das gibt Auftrieb und Kraft.

Was war für Sie die schwierigste Entscheidung?

Die, das Bürgermeisteramt zu übernehmen. Das hat mir einige schlaflose Nächte bereitet, weil eine riesige Verantwortung damit verbunden ist. Meine Kinder sind 14, 12 und 7 Jahre alt. Die brauchen die Mama, die beruflich ohnehin schon sehr eingespannt ist, doch noch sehr. Die Entscheidung habe ich mir nicht leicht gemacht, sie mit meiner Familie ausführlich besprochen und alles abgewogen. Es war zwar eine Überwindung, doch die Motivation und Freude für die Ortschaft und für die Menschen da zu sein, etwas zu bewegen und Verantwortung zu übernehmen, hat letztendlich überwogen.

Die Entscheidung war auch deshalb schwierig, weil die politische Situation bei uns keine leichte ist. Wir haben eine sehr starke FPÖ-Fraktion, die ganz massiv gegen mich eingestellt war und ist. Ich habe gewusst, dass der Weg kein leichter wird. Es wurden alle redlichen und unredlichen Geschütze aufgefahren, Kampagnen weit unter der Gürtellinie. Das muss man erst einmal aushalten. Ich hatte zwar das Gefühl das aushalten zu können, doch  wie geht es meiner Familie dabei? Meinem Mann und meinen Kindern? Wenn die Mama so im Mittelpunkt der Angriffe steht, wobei die Kinder ja wissen und merken, wie sehr sich die Mama einsetzt, bemüht und wie viel Zeit sie investiert - dass dann jemand so Stimmung gegen sie macht, haben sie nur schwer verstehen können. Das bekommen die Kinder alles mit und man kann sie davon nicht fernhalten. 

Es herrscht also keine große schwarz-blaue Harmonie in Fischbach?

Nein, nicht wirklich - trotz jener im Bund. Ich habe beiden Fraktionen (FPÖ und SPÖ) eine konstruktive Zusammenarbeit zum Wohle unserer Gemeinde und unserer Bevölkerung angeboten. Wenn der Wille dazu fehlt, kann man es nicht wirklich ändern, denn es liegt immer an den handelnden Personen. Bei uns ist die FPÖ eben eine männerdominierte Gesinnungsgemeinschaft, die mich als Frau in diesem Amt nicht akzeptiert.

Ging es um das Geschlecht?

Auch. Da gibt es Personen, die bringen das Wort „Frau Bürgermeisterin“ nicht über ihre Lippen. Das kann ich nicht ändern. Ich versuche mich durch gute, solide Arbeit zu profilieren, und ich glaube, bei den Menschen kommt das ganz gut an. Ich merke, dass viel wohlwollende Unterstützung in der Bevölkerung vorhanden ist. Vereine, wie z.B. der Kameradschaftsbund oder der Wanderklub, die ebenfalls sehr „männerlastig“ sind, haben mich eingeladen. Ich war die erste Frau, die bei den Versammlungen dabei war und es war ein überaus herzlicher Empfang. Da habe ich überhaupt keine Ressentiments oder Vorbehalte gegenüber einer Frau in der Bürgermeisterfunktion gespürt. Ich bin halt die erste Bürgermeisterin der Gemeinde. Meine Töchter sind stolz auf mich und das zählt.

Gemeindesekretärin, jetzt Bürgermeisterin, daheim die Landwirtschaft - bleibt da überhaupt noch Freizeit?

Wirklich wenig. Es sind die Veranstaltungen der Vereine, die man ein bisschen versucht mit dem Familienleben zu koordinieren, sodass man bei der einen oder anderen die Kinder auch mal mitnimmt oder einbindet und das Ganze als Familienausflug nutzt. Momentan bin ich wirklich sehr, sehr eingespannt, denn ich habe auch arbeitsmäßig nicht zurückstecken oder reduzieren können, nachdem unser Amtsleiter krankheitsbedingt in die Berufsunfähigkeitspension gegangen ist - und das praktisch zeitgleich mit meinem Amtsantritt als Bürgermeisterin. So schnell kann man niemanden einarbeiten. Jetzt haben wir zwar jemanden sehr tüchtigen neu aufgenommen, doch der ist erst knapp zwei Monate bei uns im Gemeindeamt und braucht noch mehr Einarbeitungszeit. Dass alles zusammenkam ist schon heftig… momentan könnte der Tag ruhig 48 Stunden haben! 

Welche Aufgaben stehen in der Gemeinde an?

Wir haben ein paar herausfordernde Projekte, die mein Vorgänger teilweise schon begonnen hat. Zum Beispiel die Erweiterung  des Freizeitlandes. Wir haben bereits eine Badeteich-Anlage, nun sollen noch Tennisplätze dazukommen sowie ein Multifunktionsspielplatz, ein sogenannter „Funcourt“. Wir haben sehr aktive Sektionen in der Sportunion, die schon sehnsüchtig darauf warten, dass dahingehend etwas passiert. Jetzt müssen wir einiges an Geld in die Hand nehmen und es gibt viel Arbeit mit der Planung.

Gerade ist ein neuer Gefahrenzonenplan in der Revision. Diesbezüglich ist 30 Jahre lang nichts gemacht worden. Es ist eine Riesenherausforderung, vor allem in den Einzugsgebieten der gelben und roten Zone die anstehenden Bauvorhaben zu koordinieren. In Zeiten zunehmender Naturkatastrophen ist diese Dringlichkeit nicht zu unterschätzen. 

Bei der Feuerwehr Fischbach steht die Anschaffung eines neuen HLF (Hilfeleistungslöschfahrzeug) bevor. Das ist finanziell eine große Herausforderung, zumal auch die Adaptierung der Umkleiden und sanitären Einrichtungen für unsere Mädchen bzw. Feuerwehrfrauen dringend notwendig ist.

Die Gemeindestraßen sind eine ständige Herausforderung. Wir haben über 80 Kilometer Gemeindestraßen zu erhalten. Das ist ein ewiges Projekt, aber ganz fundamental um die Versorgung zu gewährlisten und die Leute so am Land zu halten. Wir sind diesbezüglich übrigens auf einem guten Weg und haben wieder einen Bevölkerungszuwachs. Wir waren schon einmal bei knapp 1500 Einwohnern, jetzt haben wir wieder 1530. Vor allem das aktive Dorfleben und Vereine wie der Musikverein, unsere beiden Feuerwehren, die Sportunion, die Landjugend, der Volkstanzkreis etc., halten die Jugend im Ort und verankern sie hier. Dadurch kommen die meisten nach dem Studium auch wieder zurück und nehmen das Pendeln in Kauf. 

Der Mensch hinter der Bürgermeisterin

Zuhause ist für mich: meine Heimat, Geborgenheit und meine Familie.  

Ich rege mich auf über: Ungerechtigkeiten.

Ich fahre: einen 13 Jahre alten Subaru Forester Allrad

Ich habe Angst vor … Angst macht mir eigentlich selten etwas. Ich stelle mich den Herausforderungen.

Das will ich unbedingt noch erleben: Oma und vielleicht sogar Uroma werden.

Mein Lebensmotto: Mit Zuversicht und Gottvertrauen mutig in die Zukunft schauen.

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? optimistisch

 

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