Auch für die Klärschlammanlage wurde in Ybbsitz eine Lösung gefunden, die das in der Region tief verankerte Element Eisen zitiert.
Foto: LandLuft/M Kirchner

Eisen als Identitätsstifter

1. Februar 2016
Das im Mostviertel gelegene Ybbsitz ist eine der Siegergemeinden des LandLuft Baukulturgemeinde-Preises 2016. Warum, begründete die Jury folgendermaßen:





Ybbsitz passt deswegen gut in die Riege der Baukulturgemeinden, weil sie zeigt, wie die Besonderheiten der Landschaft von Menschen genutzt werden und ihr Wirtschaften aus speziellen Bedingungen Einzigartiges entstehen lässt. Geschichte wirkt fort und bleibt bis in die Gegenwart fruchtbar, wenn die unerbittlichen Veränderungsdynamiken auch als Chance begriffen und die Gestaltungsansprüche mit den Erfordernissen der Gegenwart abgeglichen werden. Ybbsitz setzt noch heute auf die Eisenbearbeitung als wirtschaftliche Grundlage. Eisen wurde als Thema eigener Identität und Außenwirkung neu – und so wirkungsvoll – etabliert, dass nicht nur ca. 60 Prozent der Bevölkerung davon leben, sondern auch der Tourismus aus dem „Thema Eisen“ seinen Nutzen zieht. Landesweite Auszeichnungen hat Ybbsitz bislang einige gesammelt, mit dem europäischen Dorferneuerungspreis 2006 auch eine beachtliche internationale Anerkennung. Die nationale Aufmerksamkeit ist längst überfällig und zu Recht mit dem Baukulturgemeinde-Preis erreicht.



Was man von Ybbsitz lernen kann:


  • Dass Gemeindeentwicklung nicht nur ein ad hoc Unternehmen ist. Ybbsitz hat zahlreiche strukturierte Initiativen gesetzt und Konzepte entwickelt oder entwickeln lassen: Seit 1986 gibt es Arbeitsgruppen für Zukunftsfragen, seit 1988 einen Dorferneuerungsplan, diesem folgten ein Verkehrskonzept und regelmäßig adaptierte Ortsentwicklungskonzepte, 2010 wurde ein Gemeindeenergiekonzept erarbeitet, dem wiederum ein politisches Bekenntnis zur Baukultur folgte.

  • Mit der Belebung der eigenen Geschichte trat die Vergangenheit der Eisenbearbeitung und des Schmiedehandwerks in den Focus und wurde zum zentralen Bestandteil eigener Identität. 1990 wurde der Verein Eisenstraße gegründet, 1996 die zuerst noch sehr umstrittene erste Stahlbrücke über einen der Dorfbäche gebaut. 16 weitere Brücken sind nachgefolgt und wurden zu einem Wesensmerkmal des Ortes und der Region.

  • Gleich mehrere alte Schmieden und Werkstätten wurden als Ateliers und Workshop-Räume wiederbelebt und für allerlei Fortbildungsveranstaltungen zum Eisenhandwerk geöffnet. Im Museum FeRRum, untergebracht im vorbildlich sanierten Kremayr-Haus, wird dieser Wirtschaftsgeschichte in Form eines Museums gedacht. Und der Themenweg „Schmiedemeile“ bildet gewissermaßen die Verbindungsachse quer durch Vergangenheit und Gegenwart der Eisenbearbeitung.

  • Ybbsitz beweist, dass Denkmalpflege und behutsame Konservierung kein Widerspruch sein müssen. Herrliche Altbestände werden sorgfältig restauriert, das Neue kann sich unprätentiös integrieren. Ohne Berührungsangst vor zeitgenössischem architektonischem Anspruch geht die Gemeinde auch ihre aktuellen Bauaufgaben an: Kindergarten, Schule, Kläranlage, ... Die Ambition der Verantwortlichen manifestiert sich in allen Ergebnissen.

  • Aber auch dem öffentlichen Verkehr wird in Ybbsitz durch fein gestaltete Buswartehäuschen Referenz erwiesen – mit Eisen als Themenvorgabe, versteht sich.



Foto: LandLuft/GHerder


  • Beraten und fachlich begleiten lässt sich die Gemeinde auch. Die Qualität wird nicht durch Wettbewerbe gesichert, so wie sich das LandLuft und Kammervertretern eigentlich wünschen, sondern eher durch einen Vertrauensarchitekten, der den Großteil des Baugeschehens verantwortet und (ähnlich der Rolle eines alten Klosterbaumeisters) sein Objekt in- und auswendig kennt und ein ganzes Berufsleben lang begleitet. Vielleicht ist diese Form der niederösterreichischen Mentalität gemäßer. Im Ergebnis bestätigt Ybbsitz seinen Weg zur Baukultur und beweist, dass es viele Modelle von- und unterschiedliche Zugänge zur Baukultur gibt.



Das alte Rollenbild des Bürgermeisters hat ausgedient. Das heißt nicht, dass es nicht starke Führungspersönlichkeiten braucht und verträgt, jedoch müssen diese lern- und kooperationsfähig sein und sich zum gegebenen Zeitpunkt zurücknehmen können. Das hat Josef Hofmarcher als Bürgermeister von Ybbsitz vorgelebt und erfolgreich praktiziert. Abschließend ein kleines, aber feines Detail: der Sohn des Bürgermeisters ist Architekt, vielleicht lässt sich sein Vater ja von ihm inspirieren?