KOMMUNAL-Chefredakteur Hans Braun
Hans Braun: "Die Gemeinden sind es, die eine gesunde und lebenswerte Umwelt gestalten, sie sind es, die die vielfältigen Traditionen ihrer Regionen hochhalten, und sie sind es, die der steigenden Anzahl der älteren Menschen ein Leben in Würde in ihrer gewohnten Umgebung ermöglichen."

„Wirtschaftlichkeit“ überdenken, nicht die ländlichen Räume

Der deutsche Leibnitz-Institut (IWH) empfiehlt, den ländlichen Raum im Osten Deutschlands aufzugeben und Förderungen nur mehr auf die Städte zu konzentrieren. Warum? Weil das „wirtschaftlicher“ sei!

Das ist unwirtschaftlich! Dieser Satz ist in Diskussionen öfter zu hören, wenn es um Vorschläge wie beispielsweise „Glasfaserinfrastruktur als Daseinsvorsorge“ zur Stärkung des ländlichen Raums geht. Aber dass ein wissenschaftliches Institut der Politik offen vorschlägt, die ländlichen Räume aufzugeben und statt dessen Städte zu fördern, ist eine neue Qualität.

Laut IWH-Präsident Reint Gropp „sind die Bestrebungen der deutschen Bundesregierung nach Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse ‚unrealistisch und falsch‘“. Er empfiehlt der Politik, zumindest für den ländlich geprägten Osten Deutschlands, „sich auf die Regionen zu konzentrieren, die größere Wachstumschancen böten, also die Städte. Dort entstehen jene hochwertigen Dienstleistungen, die die Wirtschaft mehr und mehr bestimmen. Heute arbeiten bereits drei Viertel der Beschäftigten im Westen in Städten, während es im Osten nur die Hälfte ist.“

Diese Begründung muss man sich ja auf der Zunge zergehen lassen! Die Politik reagierte zwar schnell (Bodo Ramelow, Ministerpräsident von Thüringen, nannte die Studie unverhohlen „Blödsinn“), der Schaden ist trotzdem angerichtet. Auch bei uns gibt es ja immer wieder Stimmen, die aus „Aspekten der Wirtschaftlichkeit“ vom Aufgeben zumindest von Teilen des ländlichen Raums sprechen.

Büßen müssen das die Gemeinden und die Menschen vom Land, die ihre Arbeitskraft und ihr Engagement – um nicht zu sagen, ihr Herzblut – in den ländlichen Raum stecken. Sie sind es, die eine gesunde und lebenswerte Umwelt gestalten, sie sind es, die die vielfältigen Traditionen ihrer Regionen hochhalten, und sie sind es, die der steigenden Anzahl der älteren Menschen ein Leben in Würde in ihrer gewohnten Umgebung ermöglichen. 

Leben ohne Grünräume macht krank

Gleichzeitig gibt es ernsthafte Studien, die belegen, dass ein Leben ohne Grünräume in der Stadt krank macht. Eine brandaktuelle dänische Studie hat mit Hilfe von Satellitenaufnahmen aus den Jahren 1985 bis 2013 die Landschaft rund um die Elternhäuser von fast einer Million Dänen untersucht. Dann haben sie für die Studie die Daten mit dem Risiko abgeglichen, im weiteren Lebensverlauf eine von 16 verschiedenen psychischen Erkrankungen zu entwickeln. Das Resultat: Menschen, die im Grünen aufgewachsen waren, hatten ein bis zu 55 Prozent geringeres Risiko für psychische Erkrankungen als Menschen ohne solche Umgebung.

Städte saugen schon genug Lebenskraft ab; es ist an der Zeit, mehr an den ländlichen Raum zu denken und ihm die gleichen Bedingungen, die gleichen Unterstützungen und Förderungen zu geben. Und es ist die Aufgabe der Politik, für die Menschen im ländlichen Raum das „Diktat der Wirtschaftlichkeit“ zu überwinden.

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