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Die Dorfkirche Nätebow im Mecklenburger Bollewick. Um Abwanderung zu verhindern, ist Selbstbewusstsein oft wichtiger als Geld.

Wie Landflucht gestoppt werden kann

Mi, 03.10.2018 - 11:25

Die Abwanderung vor allem junger Menschen aus den ländlichen Räumen in urbane Ballungszentren verbindet die Länder Europas wie kaum ein anderes Phänomen unserer Zeit. Kein Flächenstaat, der unter diesem Problem nicht leidet. Vor allem junge Frauen mit höherer Bildung sind kaum am Land zu halten. Ein Expertenpool aus fünf Staaten zeigte unterschiedliche Wege, die aus der gefährlichen Spirale führen könnten.

„Die Leidtragenden befinden sich beim Thema Landflucht auf beiden Seiten. Neben leeren Dörfern am Land, leiden auch die Städte unter dem übermäßigen Zuzug. Verstaute Straßen, überhöhte Mietpreise und sinkende Luftqualität sind nur die Spitze des Eisbergs. Durch eine Attraktivierung des ländlichen Raums können wir besonders jungen Familien eine Perspektive in den Regionen ermöglichen. Das Wichtigste dabei: Arbeitsplätze sichern und Betriebe mit Hilfe des Breitbandausbaus ansiedeln“, so der frühere Salzburger Landeshauptmann Franz Schausberger, Vorsitzender des Instituts der Regionen Europas (IRE) und Organisator der Konferenz.

Qualität vor Quantität

„Die Prognosen für den ländlichen Raum sehen sehr unterschiedlich aus. Wir sollten uns nicht darauf konzentrieren, möglichst viele Menschen auf das Land zu schaffen. Viel wichtiger ist es, brauchbare Anreize für den Umzug in die Regionen zu schaffen. Dazu gehört neben Bildung, Mobilität und Gesundheit auch eine funktionierende Verwaltung. Um die kreativen Köpfe von der Stadt auf das Land zu locken, sollte man ungenutzte Dorfstrukturen auf moderne Art und Weise nutzen, anstatt neue zu errichten“, meint Michael Beismann, von der Universität Innsbruck.

Selbstbewusstsein wichtiger als Geld

Bertold Meyer, Bürgermeister der ostdeutschen Gemeinde Bollewick in Mecklenburg-Vorpommern, musste nach der Wende bei null anfangen. „Die Voraussetzungen, die wir nach der Deutschen Einheit 1990 vorgefunden haben, waren alles andere als ideal. Wir galten sogar als Altersheim Deutschlands. In die blanke Not getrieben, mussten wir ungewöhnliche Wege gehen. So haben wir eine verfallene Scheune innerhalb fünf Jahren in ein florierendes Kulturzentrum umgebaut. Durch den Ausbruch aus der Abwärtsspirale interessierten sich immer mehr Menschen für unseren kleinen Ort und schöpften neuen Mut, der bis heute anhält. Das Wichtigste ist nicht Geld, sondern Selbstbewusstsein“, so Meyer.

Abwanderung bringt auch Kulturverlust

 

Alois Steinbichler von der Kommunalkredit Österreich und Mario Winkler von der Hagelversicherung warnten davor, die Folgen der ländlichen Abwanderung nur aus ökonomischer Sicht zu sehen. Es drohe auch ein enormer Kulturverlust. Mit über 2400 Blasmusikkapellen, 4000 Feuerwehren und zig tausend Vereinen schlage das soziokulturelle Herz Österreichs eindeutig am Land, sei in schrumpfenden Gemeinde aber in Gefahr. Auch die Landschaftspflege sei bedroht, denn der Bodenverbrauch durch Verkehr, Gewerbe und Handel sei enorm und entziehe den Produzenten die Erwerbsgrundlage, warnte Winkler.

 

Wie Kroatien Familien auf dem Land hält

 

Pedrag Stromar, stellvertretender Ministerpräsident und Minister für Bildung und Raumnutzung in Kroatien, präsentierte ein ganzes Bündel an Maßnahmen, mit dem sein Land bereits recht erfolgreich gegen die Abwanderung ankämpft und ein Ansteigen der Gehälter im ländlichen Raum erreicht hat.

Weil Familien eher am Land bleiben, wenn die Kinderbetreuung gesichert ist, hat Kroatien mit EU-Förderung die Öffnungszeiten der Betreuungseinrichtungen sehr ausgedehnt. Viel investiert wurde zudem in den Ausbau der Schülertransporte, um auch Kindern aus entlegenen Regionen den Besuch einer höheren Schule in den Ballungsräumen zu ermöglichen.

Außerdem wird die erhöhte Wohnbauförderung für wachsende Familien im ländlichen Raum wird immer besser angenommen – die Zahl der Anträge steigt stetig. Auch ein EU- Pilotprojekt, das Investoren im ländlichen Raum für einige Jahre die Energiekosten reduziert, zeigt laut Stromar bereits Wirkung. Nachholbedarf bestehe laut Umfragen unter jungen Menschen noch beim Ausbau der Bahn und der digitalen Netze.

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