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Almwirtschaft ist ein wesentlicher Faktor für die Landschaftspflege im alpinen Raum. Diesen Raum entdecken zunehmen auch Menschen als Erholungsgebiet – und dabei kommt es natürliche zu Begegnungen zwischen Menschen und Weidetieren.

Weidewirtschaft ist kein Kinderspiel

Seit mehr als tausend Jahren dienen Wiesen oberhalb der Baumgrenze nicht nur in Österreich als Sommer-Weidegebiet für die Nutztiere. Eine Tradition, die aufgrund der Konfliktpotenziale mit Touristen in Gefahr ist.

Bereits im 5. Jahrtausend vor Christus wurden natürliche Weideflächen oberhalb der Waldgrenze genutzt. Täler waren damals meist weglos, vermurt, verwachsen und versumpft, die Bewohner drangen von oben kommend in die mittleren Höhenlagen vor. Die Talböden mit Ausnahme der Schuttkegel mussten erst über Jahrhunderte mühsam nutzbar gemacht werden.

Im 7. Jahrhundert nach Christus begann der Auf- und Ausbau der Almwirtschaft, die der uns bekannten Form der traditionellen Almwirtschaft entsprechen dürfte. Im Spätmittelalter (14. und 15. Jahrhundert) erlebte die Almwirtschaft eine Blütezeit. Vor allem auf die Käseproduktion, die vorwiegend nur auf Almen und Schwaighöfen üblich war, legten Klöster und Landes- und Grundherren besonderen Wert. Die Errichtung neuer Almen ist bis etwa zum Jahr 1550 festzustellen.

Almwirtschaft geht seit dem 19. Jahrhundert zurück

Dann begann, und besonders unter dem Einfluss der Eisenindustrie, eine Umkehr: Der landwirtschaftliche Ackerbau bis in die Almregionen hinauf wurde von weideeinschränkenden Waldordnungen abgelöst, und die Almwirtschaft kam in eine immer misslichere Lage. Ihr Rückgang und die damals bedingte Bedrohung der Existenz des Bergbauernstandes veranlasste schließlich den Staat kurz vor Ende des 19. Jahrhunderts, entsprechend einzuschreiten.

Eine staatliche Kommission stellte bereits 1887 fest: „Die Almweide ist ein wichtiges Fundament des Nationalvermögens und Volkswohlstandes. Es sind daher unverzüglich Bestimmungen über Schutz, Pflege und Förderung der Almwirtschaft zu erlassen.“

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden dann die ersten Almschutzgesetze zur Förderung und Verbesserung der Almwirtschaft erlassen, um dem Auf und Ab in der Almwirtschaft, vor allem auch dem Verkauf von Almflächen für Jagdzwecke, Einhalt zu gebieten und eine planvolle Almwirtschaftsförderung einzuleiten.

Almwirtschaft wurde mehr als „nur“ Landwirtschaft

Die intensive Nutzung der Almgebiete in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ging gegen Ende der 60er und in den 70er Jahren zurück. Durch die relativ geringe Ertragsfähigkeit, verbunden mit hohem Arbeitsaufwand, schien der Almwirtschaft das Ende bevorzustehen; sie passte nicht zum damaligen Fortschrittsdenken.

In jenen Jahren wurde aber bereits die außerlandwirtschaftliche Bedeutung der Almnutzung erkannt. Durch die Unterstützung der erschwerten Arbeits- und Bewirtschaftungsbedingungen durch die öffentliche Hand wurde dieser Rückgang gestoppt und in manchen Fällen gab es wieder eine Aufwärtsentwicklung. Heute hat die Almwirtschaft in der Bevölkerung einen sehr hohen Stellenwert. Die Bewirtschaftung der Almen ist jedoch durch den allgemeinen Rückgang der Viehhaltung sowie die Abwanderung der Jugend gefährdet.

Zudem ist das Leben in den Bergen hart. Diese Floskel ist leider wahr – in den meisten Bergregionen der Welt haben die Menschen kaum Alternativen zu Land-, Forst- und Viehwirtschaft. Sie kämpfen mit kargen Böden, harschem Wetter und können im Wettbewerb auf großen Märkten nur schwer bestehen. Alternative Wirtschaftszweige zu finden ist für sie sehr wichtig.

Tourismus als Lösung?

Tourismus wird daher oft als naheliegende Lösung propagiert. Aber viele Tourismusprojekte abseits des Schitourismus sind bereits an zu langen Anfahrtswegen oder der Konkurrenz von benachbarten Destinationen gescheitert. Zudem bringen Touristen auch Müll mit und strapazieren mit ihrem Wasser- und Energieverbrauch die Region. Beileibe nicht jedes Bergdorf ist allein dem zusätzlichen Ressourcenverbrauch und den kulturellen Herausforderung, die die neuen Gäste mit sich bringen, gewachsen.

Zudem kommt es – zumindest gefühlt –  immer wieder zu Zwischenfällen mit den Touristen und den tierischen „Bewohnern“ der Almen, die vor allem medial ausgeschlachtet wurden und juristische Nachspiele hatten. Das „Kuh-Urteil“ von Ende Februar, das einen leider tödlichen Zwischenfall aus dem Jahr 2014 behandelt, ist da nur die Spitze des Eisbergs.

Aber wenn man sich die Statistik ansieht, wie viele Attacken von Weidetieren es tatsächlich gab, relativiert sich das Problem.

Karl Gabl vom Kuratorium für Alpine Sicherheit hat dazu eine Statistik erstellt, die er bei einem Kuh-Gipfel in Innsbruck präsentiert hat.Demnach waren in den vergangenen zehn Jahren rund 30 Millionen Wanderer in Österreichs Bergen unterwegs. „Uns sind in diesen zehn Jahren 54 Vorfälle mit Weidevieh bekannt - mit und ohne Verletzte“, so Gabl. Österreichweit gab es dabei zwei Todesfälle. Im Gegensatz dazu beläuft sich die Zahl der Alpintoten in dieser Statistik insgesamt auf 3000. Es gab 120.000 verunfallte Bergsportler, wovon 85.000 verletzt wurden.

Die Rolle der Gemeinden und die Frage nach der Schuld

Gemeinden sind sowohl Hüter als auch Förderer der traditionellen Almwirtschaft. Das kommunale Wegenetz macht Almauf- und Abtriebe erst möglich. Zudem fördern Gemeinden natürlich auch jede Möglichkeit, die notorisch leeren Kassen zu befüllen – sowohl die eigenen als auch die der Menschen im Ort.

Da spielt der Tourismus eine große Rolle, denn gerade die intakte Natur und die lokalen Brauchtümer sind ein großer Magnet für Besucher. 30 Millionen Wanderer in zehn Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Die geschmückten Tiere mit ihren stolzen Besitzern beim Almabtrieb zu beobachten (und zu fotografieren), ist allemal ein Highlight jedes Bergurlaubs. Dazu kommen immer mehr Mountainbiker, Paragleiter oder sonst Vertreter einer der unzähligen Freizeitsportarten.

Hunde an die Leine nehmen

Doch die Medaille hat auch eine Kehrseite. Dass bei so vielen Wanderern jährlich viele dabei sind, die keine Ahnung von Tieren oder auch einer natürlichen Umwelt mit ihrer vielfältigen Tierwelt haben, ist naheliegend. Dieses Wissen haben vor allem „Stadtmenschen“ zu einem großen Teil verloren. Wenn dann Kühe auf der Alm plötzlich zum Fotomotiv werden, kann es zu dramatischen Begegnungen kommen, vor allem, wenn Hunde dabei sind. Diese werden von Kühen allein aufgrund der genetisch vererbten „Vorsicht vor Wölfen“ besonders argwöhnisch beobachtet.

Grundregel ist, Hunde auf der Alm an die Leine zu nehmen und Abstand zu Kühen oder anderen Weidetieren halten – leider wird das oft nicht beachtet, eben weil manchmal das grundlegendste Wissen fehlt.

Kuh und Hund
Wenn Kühe und Hunde mitsammen aufwachsen oder Hunde als Herdenschutzhund bei den Tieren leben, besteht keine Gefahr. Aber das gilt nicht für „zufällige Besuche“. Foto: Shutterstock/Cameron Watson

Statt nun darüber zu diskutieren, ob man nun Almen einzäunt, Wege sperrt oder Hunde verbietet (die Versicherungsfrage scheint ja geklärt zu sein), könnte man auch hergehen und ein bisschen mehr Selbstverantwortung der Menschen einfordern.

Das Wissen, wie man Weidetieren begegnen sollte und wie man sich in natürlichen Umgebungen benehmen sollte, ist vorhanden. Es müsste nur genutzt werden.

Die letzten Ereignisse der vergangenen Wochen nach dem „Kuh-Urteil“ sprechen ja auch für sich: Tirol hat gleich alle Almbauern versichert, die Umweltministerin Köstinger will ein „Maßnahmenpaket“ schnüren, das unter anderem „Benimmregeln“ und „mehr Haftung“ für Almbesucher beinhalten soll.

Broschüre macht fit fürs Kuh-Rendezvous

Nutztiere im Freien anzutreffen, ist ein besonderes Erlebnis. Damit es dabei zu keinen Missverständnissen zwischen Mensch und Herdentier kommt, sollte man ein paar Regeln beachten. Die Weidebroschüre zeigt, wie das Drohverhalten von Rindern aussieht und was im Notfall zu tun ist. Sie gibt auch Tipps für das Zusammentreffen mit Schafen, Ziegen und Pferden.

Enthalten ist auch ein Rätselspaß für die ganze Familie. Im Quiz soll beispielsweise herausgefunden werden, wie ein Ziegenauge aussieht. Damit ist die Broschüre nicht nur eine hilfreiche Vorbereitung für den nächsten Ausflug, sondern auch eine lustige Unterhaltung bei der Rast im Grünen.

zu bestellen auch beim Verein „Tierschutz macht Schule“

Tel.: 01/876 91 27
Mail: office@tierschutzmachtschule.at
Web: www.tierschutzmachtschule.at/fit-fuers-kuh-rendezvous
 

 

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