Kindergarten Ramsau
Durch gezielt positionierte Dachflächenfenster beim Kindergarten Ramsau in Niederösterreich dringt das Licht in Bereiche, die sich mit Vertikalverglasungen alleine nicht mehr ausreichend belichten lassen. Die Planer der Baukooperative schaffen damit einen wohltuend gleichmäßig belichteten Multifunktionsraum.

Mehr Tageslicht in unsere Innenräume

Natürliches Licht ist neben Wasser und Sauerstoff die wichtigste Voraussetzung für Leben überhaupt, doch trotz dieser enormen Bedeutung sind wir in unserer Gesellschaft offensichtlich dabei, das Licht aus dem täglichen Leben zu verdrängen. Die Kunst, mit Tageslicht zu bauen, scheint verloren gegangen zu sein.

Noch vor zwei Generationen war es selbstverständlich, Wohnhäuser und Werkstätten so zu bauen, dass sie ein Maximum an Tageslicht ins Innere lassen. Heute, wo die bautechnischen Möglichkeiten ungleich größer wurden, sind immer mehr Wohnungen und Büros auch tagsüber auf Kunstlicht angewiesen.

Die Humboldt-Universität zu Berlin hat für ihre Studie „Healthy Home Barometer 2015“ 12.000 Europäer in zwölf Ländern befragt und dabei herausgefunden, dass 76 Prozent der Befragten daheim das Licht einschalten müssen, auch wenn es draußen noch lange nicht dunkel ist.

Hauptsache hell?

Mediziner betrachten diese Entwicklung mit Sorge, denn Licht spielt eine wichtige Rolle für das Wohlbefinden und die Gesundheit. Es war ein lang gehegter Irrglaube, dass wir Licht nur brauchen, um gut sehen zu können.

Nach dem Motto „Hauptsache hell“ wurden jahrzehntelang Büros und Wohnungen mit Lampen in allen Winkeln und Nischen gebaut, aber auf das Tageslicht vergessen. Der technische Fortschritt hat diese falsche Entwicklung noch verstärkt, denn tatsächlich macht es die Beleuchtungstechnik ja möglich, überall und zu jeder Zeit ohne großen Aufwand Licht hinzubringen.

Tageslicht – Faktor für Gesundheit

Was dabei übersehen wurde: Für unsere psychische und körperliche Gesundheit brauchen wir auch die Variabilität des natürlichen Lichtes, seine unterschiedlichen Farbtemperaturen und Stimmungen, die sich je nach Tageszeit, Witterung und Jahreszeit immer wieder verändern. Ein wesentlicher Teil des Hormonhaushalts wird über Licht gesteuert:

Ob das Gehirn das Schlafhormon Melatonin ausschüttet oder unseren Körper morgendlich aktiviert, hängt von der einfallenden Lichtmenge und auch Farbtemperatur ab. Wenn wir uns den ganzen Tag über gleichmäßig monotoner Kunstbeleuchtung aussetzen, kommt diese innere Uhr völlig durcheinander.

Denn wir modernen Menschen sind Indoor-Menschen. Laut WHO verbringen wir rund 90 Prozent unserer Zeit in Innenräumen – und halten uns damit genau in jener Umgebung auf, aus der uns das natürliche Licht immer mehr abhanden kommt.

Es kommt nicht auf die Glasflächen an

Was ist da schief gelaufen? Offenbar hat die Erfindung immer besserer Leuchtkörper altes Wissen über den richtigen Einsatz von Tageslicht in der Architektur verdrängt. Moderne Gebäude verfügen oft über sehr große Glasflächen, manchmal besteht die gesamte Fassade aus Glas.

Doch dabei entsteht erst recht ein paradoxer Effekt. Große Glasflächen schaffen nämlich „Disbalancen“, erklärt der Leiter des Lichtlabors an der Donau-Universität Krems, Gregor Radinger: Sie schaffen extrem helle Bereiche in der Nähe der Verglasung.

Dafür wirken die weniger gut ausgeleuchteten Stellen in der Tiefe des Raumes umso dunkler, die Bewohner drehen daher dort erst recht die Beleuchtung auf.

Bei älteren Gebäuden tritt dieser paradoxe Effekt nicht auf. Es ist bezeichnend, dass Gründerzeithäuser in den Städten, falls sie nicht gerade in engen Gassen stehen, relativ gut mit Tageslicht versorgt sind, obwohl sie nicht annähernd so große Fenster haben.

Offenbar sind für gutes Licht in der Wohnung oder im Büro andere Parameter als die Größe der Glasfläche maßgeblich. Wichtig ist zum Beispiel die Frage, woher das Licht kommt.

Licht von oben ist am besten

„Licht von oben ist das biologisch wirksamste Licht“, weiß die stellvertretende Leiterin des Instituts Écomedicine der Paracelsus-Universität Salzburg, Carina Grafetstätter: „Licht von oben trifft direkt auf die Retina und beeinflusst so die biologischen Abläufe im Körper am stärksten.“ Außerdem ist die Ausbeute bei Licht von oben – dem sogenannten Zenitlicht  – größer als bei seitlich einfallendem Licht, dem Horizontlicht. An diffusen Tagen kann bei gleich großer Glasfläche von oben die dreifache Menge an Tageslicht in den Innenraum dringen wie bei seitlichem Lichteinfall.

Die Regelungen, die in Österreich für das Bauen und Planen von Gebäuden gelten (konkret etwa die OIB-Richtlinie 3), nehmen auf solche Erkenntnisse bisher keine Rücksicht, hier werden nach wie vor Verhältnisse der Fensterfläche zur belichteten Bodenfläche vorgeschrieben.

Die Größe der Glasfläche lässt aber nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die tatsächliche Tageslichtversorgung von Räumen und Gebäuden zu. Entscheidende Faktoren sind die Positionierung der Fensterflächen, die Durchlässigkeit der Verglasung und die bauliche Situation. So weisen die erwähnten Gründerzeithäuser hohe Fensterelemente mit Oberlichten auf. Durch den oberen Bereich der Fenster fällt das Licht tief in den Raum und sorgt für gleichmäßige Belichtung.

Sehr aufschlussreich sind hier die Ergebnisse von Messungen des Architekten Christoph Hinterreither von SOLID architecture beim Projekt Kindergarten Neufeld an der Leitha. Dort konnte durch das gezielte Positionieren von Oberlichten im Gruppenraum mit einem Fensterflächenanteil von 18 Prozent eine deutlich bessere und vor allem gleichmäßigere Belichtung erzielt werden als im gleich großen Gruppenraum mit einem Fensterflächenanteil von 40 Prozent.

Kindergarten Neufeld
Architekt Christoph Hinterreiter von SOLID architecture hat beim Projekt Kindergarten Neufeld an der Leitha die Tageslichtversorgung evaluiert. Durch das gezielte Positionieren von Oberlichten konnte im Gruppenraum mit einem Fensterflächenanteil von 18 Prozent eine deutlich bessere und vor allem gleichmäßigere Belichtung als im ident großen Gruppenraum mit einem Fensterflächenanteil von 40 Prozent erzielt werden.

Neue Norm für Wohlbefinden

Es wird höchste Zeit, beim Thema Licht gründlich umzudenken. Einen wesentlichen Schritt dazu leistet bereits die neue europäische Norm EN 17037, die am 15. Februar auch als ÖNORM EN 17037 publiziert wurde. Dort wird die Beleuchtungsstärke, gemessen in Lux, als Ansatzpunkt genommen, nicht mehr die Fensterflächen. Mindestens die Hälfte der Stunden, an denen draußen Tageslicht herrscht, sollte im Innenraum auf 50 Prozent der Fläche ein Wert von 300 Lux erreicht werden, kein Bereich sollte unter 100 Lux abfallen.

Diese Festlegung, die etwas kompliziert klingen mag, gibt den Planern wesentlich mehr Freiheiten und führt eindeutig zu besseren Ergebnissen als die starre Regelung, die derzeit noch durch die OIB-Richtlinie 3 vorgeschrieben wird.

Auch die Europäische Union  macht das Tageslicht zum  Thema. In der Richtlinie über die Gesamtenergieeffizienz von Gebäuden (RL 2018/844) heißt es ausdrücklich, dass „der visuelle Komfort verbessert werden soll“.

Die Bedeutung des Tageslichts für unsere Gesundheit wieder in den Mittelpunkt zu rücken und vor allem die Art, wie wir Gebäude planen und bauen, so weiter zu entwickeln, dass ausreichend natürliches Licht in den Innenräumen verfügbar ist – dieses Ziel sollte allen ein Anliegen sein.  

Volksschule Absam
Unter dem historischen Walmdach der alten Volksschule Absam Dorf entstand auf nur 550 Quadratmeter eine Musikschule mit sechs Übungsräumen und einem großen Vortragsraum.


 

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