Schulpsychologin mit einem Kind
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Interdisziplinäre Teams wären die beste Lösung für Schulen

Das Thema Schulärzte beschäftigt den Österreichischen Gemeindebund schon seit längerer Zeit. Sowohl inhaltlich, wie auch grundsätzlich. Dass es um die Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich nicht zum Besten steht, ist allgemein bekannt.

Valide Daten über die Kinder- und Jugendgesundheit in Österreich existieren nicht. Eigentlich sollten hier die Schulärzte aktiv sein. Eine Dokumentation findet aber aus verschiedenen Gründen nicht statt.

Und wie man so hört, beschränkt sich die schulärztliche Untersuchung im Wesentlichen auf ein Verwiegen und Vermessen im Schnelldurchlauf, Datenblätter – wenn vorhanden – verstauben im Schulkeller, der allenfalls den Kindern mitgegebene „Elternbrief“ bleibt nicht selten unbeachtet, wenn er denn überhaupt den Weg nach Hause findet.

Erweiterung Mutter-Kind-Pass

Der Vorschlag des Gemeindebundes, die schulärztliche Untersuchung im Wege einer Erweiterung des Mutter-Kind-Passes und im Wege einer Stärkung des Hausarztes zu ersetzen, bezieht sich in erster Linie auf den Pflichtschulbereich, da dort der größte Reformbedarf besteht (Kompetenzzersplitterung, Unzahl an Verantwortlichen, keine einheitlichen Strukturen, keine einheitlichen Abläufe) - hohen Kosten steht kein Mehrwert gegenüber. Das belegt auch ein Zwischenbericht der eigens eingesetzten Evaluierungsarbeitsgruppe „Schulgesundheit“.

Will man daher die Kinder- und Jugendgesundheit aber auch etwa das kostenfreie Impfprogramm ernst nehmen, so führt kein Weg vorbei, im Wege einer Erweiterung des Mutter-Kind-Passes ein bundesweit einheitliches System zu schaffen, mitsamt Dokumentation und Datenerfassung, einfachen und geordneten Strukturen sowie verständlichen Abläufen für Eltern, Kind und Arzt.

Gesundheitsministerium negiert Probleme

Dessen ungeachtet hat das Gesundheitsministerium eine Verordnung in Begutachtung geschickt, die das bestehende System fortschreibt und all die Probleme negiert, die durch das Schularztsystem nicht nur nicht gelöst, sondern teils sogar von diesem hervorgerufen werden. So finden Schutzimpfungen mangels bundesweit einheitlichem System in jedem Bundesland, ja teils sogar von Schule zu Schule völlig unterschiedlich statt.

So ist es einmal der Hausarzt, der die Impfungen durchführt, ein anderes Mal der Amtsarzt an der Schule, in anderen Schulen werden die Eltern ersucht, das Gesundheitsamt aufzusuchen, und: es soll auch noch Schulärzte geben, die trotz haftungsrechtlichem Risiko Schutzimpfungen an Schulen durchführen.

Letzteres passiert immer weniger, da sich Schulärzte zurecht weigern, Impfungen an Schulen durchzuführen, da sie unter anderem nicht in der Lage sind, Schüler und vor allem Eltern über die Risiken aufzuklären. Obwohl aus diesem Grund die Länder in den letzten Jahren davon abgegangen sind, Schulärzten die Aufgabe der Schutzimpfungen zu übertragen, sollen die Schulärzte nunmehr auf Anordnung des Landeshauptmannes Schutzimpfungen durchführen müssen. So sieht es der Verordnungsentwurf vor.

Untersuchungen sollten bei niedergelassenen Ärzten erfolgen

All das hat der Gemeindebund zum Anlass genommen, seine Bedenken sowohl inhaltlich, aber auch in verfassungsrechtlicher Sicht zu veröffentlichen und gleichzeitig seine Vorschläge zur Stärkung der Kinder- und Jugendgesundheit zu veröffentlichen.

Die Untersuchungen inklusive der Beratung der Eltern sollten aus Sicht des Gemeindebundes in den Ordinationen der niedergelassenen Ärzte oder bei Kinderärzten erfolgen, verknüpft mit einem erweiterten Mutter-Kind Pass als Anreizsystem. Viele Ärzte aus der Praxis befürworten diesen Vorschlag, da sie in ihren Ordinationen die geeigneten Untersuchungsmöglichkeiten haben.

Diskussion wird nicht ehrlich und vollständig geführt

In der Folge ist eine breite und längst notwendige öffentliche Diskussion entstanden, die aber – so mutet es an – nicht immer ehrlich und vollständig geführt wird.

  • So kritisiert etwa Salzburgs Landesgesundheitsreferent Christian Stöckl diesen Vorstoß mit dem Hinweis, dass es wichtig sei, dass Ärzte in den Schulen anwesend sind. Hier verkennt Stöckl die Situation in den Pflichtschulen am Land: Schulärzte sind in den (Pflichts-)Schulen nicht anwesend. Außerdem sollte bekannt sein, dass gerade in Salzburg ein signifikanter Schulärztemangel besteht.
  • Auch die oberösterreichische Gesundheitsreferentin Christine Haberlander sieht die Abschaffung des schulärztlichen Dienstes eher kritisch, weil Schulärzte einen sehr wertvollen Beitrag bei der Betreuung der Kinder leisten würden und wichtige Ansprechpartner seien. Auch sie meint, die Ärzte seien vor Ort und immer schnell verfügbar. Wiederum eine Fehlannahme.
  • Die Ärztekammer sprach sich ebenfalls gegen diesen Vorschlag aus, wiewohl jährliche Vorsorgeuntersuchungen bei Hausärzten gerade den niedergelassenen Bereich stärken würden. Dass gerade von dieser Seite die Bemerkung kommt, dass mit einer Aufwertung des Systems Schulärzte künftig schnell auf Impflücken reagieren können, ist bemerkenswert.
  • Bundesschulsprecher Timo Steyer und der Bundesobmann der Schülerunion, Sebastian Stark sind der Meinung, dass die Schulstandorte in Österreich von Schulärzten profitieren. In diesem Zusammenhang muss an der Aufstockung des Unterstützungspersonals angesetzt werden. Schulpsychologen sowie Schulsozialarbeiter können das gesamte Schulpersonal in ihrer Arbeit entlasten.

Bei den vielen positiven Stellungnahmen zum bestehenden System, kann man die berechtigte Frage aufwerfen, ob all diese Vertreter in ihrer eigenen Schulzeit je einer schulärztlichen Untersuchung beigewohnt haben, bzw. ob sie die Situation vor Ort tatsächlich kennen.

Interdisziplinäre Teams für Schulen

Kinder mit besonderen Bedürfnissen, soziale Probleme und verhaltensauffällige Kinder fordern Eltern und Pädagogen gleichermaßen. Die Lehrer haben recht, wenn sie vor allem an Brennpunktschulen und Schulen mit auffälligen Schülern oder Schülern mit besonderen Bedürfnissen professionelle Unterstützung vor Ort fordern.

All das hat aber mit der Frage des Schularztsystems nichts zu tun. Der Schularzt ist nicht Psychologe, der Schularzt ist nicht Sozialarbeiter, der Schularzt ist nicht Therapeut, der Schularzt ist nicht Pflegefachkraft. Schulärzte sind daher weder zuständig noch in der Lage, Aufgaben zu erfüllen, die von Psychologen, Sozialarbeitern, Therapeuten und Pflegefachkräften zu erfüllen wären.

Dem Österreichischen Gemeindebund ist völlig klar, dass den speziellen an vielen Schulstandorten bestehenden Bedürfnissen Rechnung getragen werden muss – aber mit dem Schularztsystem ist das nicht zu bewerkstelligen.

„Die Diskussion um die Abschaffung der Schulärzte zeige, wie schlecht es um die medizinisch-psychologische Betreuung in den Schulen stehe“, sagt Gerhard Pušnik von der Vorarlberger Lehrerinnen-Initiative. Er fordert, die Betreuung an Schulen durch multiprofessionelle Teams.

Ein richtiger Ansatz

Denn geht es um die tatsächlichen und speziellen Bedürfnisse an einzelnen Schulen und nicht um die (Vorsorge-)Untersuchung von Kindern und Jugendlichen (mitsamt Dokumentation, Datenerfassung, medizinischer Abklärung etc.), so sollten interdisziplinäre Teams unter der Leitung und Koordinierung des Landes, vorzugsweise der Bildungsdirektion (die ja seit der letzten Novelle eine „Bund-Länder Behörde“ ist und daher für alle Schulen eines Bundeslandes zuständig wären) eingerichtet werden.

Diesen Teams, die aus Schulpsychologen, Sozialarbeitern, Therapeuten, Pflegepersonal aber auch aus Ärzten bestehen können, käme die Aufgabe zu, für einzelne Schulstandorte und je nach Bedarf und Bedürfnis beratend und unterstützend zur Seite zu stehen.

 

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