Stefan Bachmann, Bürgermeister von Blons
Stefan Bachmann über die Hands-on-Mentalität in Blons: „Wenn der Graben offen ist, heißt es selbst Hand anlegen, denn wenn man alles offiziell ausschreiben würde, wäre so etwas überhaupt nicht umsetzbar.“

„Ich bin kein Sesselkleber“

Stefan Bachmann ist Bürgermeister von Blons im Biosphärenpark Großes Walsertal. Im Interview erklärt der gelernte Tischler, wie die Bevölkerung durch privates Engagement, Ehrenamt und Vereinsstrukturen die Abgangsgemeinde zukunftsorientiert gestaltet.

Herr Bürgermeister, wie sind Sie in die Politik gekommen?

Ausschlaggebend dafür war meine Betriebsratstätigkeit. Ich war zwar zuvor schon in der Gemeindevertretung, aber nur als Ersatz. Ursprünglich stamme ich aus Bings bei Bludenz und war somit anfänglich kein waschechter Blonser. Während ich beim Bundesheer in Lochau stationiert war, wurden wir während eines nassen Sommers 1980 ins Walsertal abkommandiert, um den Bauern zu helfen die Ernte einzubringen. So bin ich das erste Mal nach Blons gekommen.

Im Gasthaus habe ich meine Frau kennengelernt und 1983 haben wir dann geheiratet. Ich trat der Feuerwehr bei und war dort relativ rasch stellvertretender Kommandant. Auf diese Weise hab ich mich in Blons und dessen Vereinsleben schnell integriert.  

Heute arbeiten Sie hauptberuflich als Gewerkschaftssekretär?

Ja, ich bin Gewerkschaftssekretär bei der Produktionsgewerkschaft. Als Christgewerkschafter bin ich ein Minderheitenvertreter und habe einiges zu tun. Das kann ich nicht vernachlässigen, daher ist die Doppelbelastung ziemlich hoch.

Ich habe dort keinen Stellvertreter, der mir Aufgaben abnehmen würde, und daher muss ich die Termine selber wahrnehmen. Wir haben uns auf eine ausgeglichene Arbeitsteilung geeinigt. Doch das ist schwierig zu trennen, wenn am Wochenende gewerkschaftliche Veranstaltungen sind, dann fällt dies trotzdem in meinen Arbeitsbereich.

Hat Ihnen die Gewerkschaftserfahrung im Bürgermeisteramt geholfen?

Ja, grundsätzlich hat beides mit dem Zusammenarbeiten mit Menschen zu tun, welches ich sehr schätze. Ich war vorher jahrelang bei einer Textilfirma Betriebsratsvorsitzender und nachdem die Firma geschlossen hat, habe ich mich überreden lassen, dass ich in der Gewerkschaft das Amt des Sekretärs annehme.

Ursprünglich bin ich ja Handwerker, genauer gesagt Tischler, und somit wäre das eigentlich nicht unbedingt meine erste Wahl gewesen. (lacht) 

Sie haben angekündigt sich aus dem Bürgermeisteramt zurückzuziehen?

Ja, nach 15 Jahren ist es einfach genug. Wir haben eine junge dynamische Gemeindevertretung, die auch ihre Vorstellungen hat, und ich bin in dieser Truppe der Älteste.  Ich selber sehe es als gutes Zeichen kein Sesselkleber zu sein, sondern den jungen Platz zu machen. Diese Entscheidung hat nichts mit Frust zu tun, aber die Doppelbelastung bei zwei Jobs hinterlässt auch Spuren.   

Was war Ihre schwierigste Entscheidung?

In einer Kleingemeinde wie Blons gibt es viele Herausforderungen. Ein großes Thema dabei spielte der Ausbau der Kanalversorgung im ganzen Gemeindegebiet. Wir hatten zwei Wassergenossenschaften, welche wir zusammenschließen mussten. Das war ein Prozess, den man nicht von heute auf morgen umsetzen konnte.

Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir einen neuen Kanal sowie Löschwasser- und Wasserversorgung, welche aber hohe Baukosten mit sich tragen. Wir haben natürlich mit Zahlen und mit Sachverständigengutachten gearbeitet, anhand derer man von Kosten im Bereich von 1,4 Millionen Euro ausgegangen ist. Mittlerweile belaufen sich die tatsächlichen Kosten auf 2,7 Millionen Euro. Das belastet natürlich, wenn man vorher alle verfügbaren Daten und Berechnungsgrundlagen einholt, und dann trotzdem eine solche Kostenexplosion entsteht. 

Blons ist eine Abgangsgemeinde. Das verursacht finanziell zusätzlich ein Prekariat.

Wir müssen alle Projekte über die Gebarungskontrolle des Landes absichern lassen. Im Bereich Wasser und Kanal sind wir noch im grünen Bereich. Wir haben auch über einen Kilometer Fernwärme gebaut, was für eine Gemeinde mit 350 Einwohnern nicht selbstverständlich.

Blons ist eine Streusiedlung. Wie sieht es mit der Wirtschaftlichkeit der Infrastruktur aus?

Wir stehen zur Weilerbildung. Das Walsertal ist von den Walsern besiedelt worden. Das waren alles Bauern und die haben sich verstreut angesiedelt. Bis 2004 hatten wir keinen klassischen Ortskern.

Erst mit dem Bau des Gemeindezentrums 2004 hat Blons einen Ortskern erhalten und sich somit alles auf einen Platz konzentriert. Das war auch eine richtige Entscheidung, aber die Finanzen sind dadurch auch heute noch stark belastet. Zu diesem Ortskern gehören ein Dorfladen und ein Gasthaus, das wir über einen Verein selbst betreiben.

Früher gab es einmal zwei Gasthäuser in Blons, doch da sich keine Pächter mehr fanden, haben wir das nun über den Verein selbst geregelt. Überhaupt ist das Vereinsleben bei uns sehr, sehr gut. Viele in der Gemeinde hier sind in zwei bis vier Vereinen aktiv. 

Wie wird das Thema Pflege in Blons angegangen?

Grundsätzlich über unseren Krankenpflegeverein. Zusätzlich sind wir auch beim Sozialzentrum der Integrierten Altenpflege (IAP) in Ludesch mit dabei. Nach einem Spitalsaufenthalt kann man dort noch 14 Tage verbringen. Anschließend versucht man so gut es geht die Leute nach Hause zu bringen.

Durch den Krankenpflegeverein und die Zusammenarbeit aller Beteiligten wird jedes Mal eine individuelle Lösung, welche mitunter sehr unterschiedlich ist, erarbeitet. Die Leitung vom Sozialausschuss ist beim Krankenpflegeverein selbst, und es gibt natürlich auch die 24-Stunden-Pflege. Neuerdings haben wir ein Tageszentrum eingerichtet, in diesem pflegende Angehörige ihre Pflegebedürftigen zur Betreuung hinbringen können. Dies dient natürlich zu deren Entlastung. Dieses Projekt läuft nun schon seit zwei Jahren.  

Auch die Telekommunikationsfrage wurde als „Blons-Net“ über eine Vereinsstruktur gelöst?

Ja, der Telekommunikationsverein startete bei uns durch eine Privatinitiative. Große Netzbetreiber sahen kein vorrangiges Interesse hier auszubauen, weil sie keinen großen Gewinn sehen. Die Einnahmen sind grundsätzlich gering, daher wurde die anfängliche Idee der Genossenschaft schnell durch die eines Vereins ersetzt. Die Genossenschaft hätte Kosten verursacht, die hiermit in keinem Verhältnis stehen.   

Viele Gemeinden haben ein ähnliches Problem. Wie sind sie das angegangen?

Es wollten sich Steuerberater hier ansiedeln, doch wir erfüllten ihre Anforderungen nicht. Schon mein Vorgänger, der eine Firma für Softwareentwicklung betreibt, sah die Notwendigkeit selbst zu handeln.

Der Server von Blons-Net steht nun bei uns im Gemeindezentrum. Die Errichtung, der Betrieb und die Wartung erfolgen alle ehrenamtlich. Wir suchten Unterstützung und Förderungen, wo wir nur konnten. Doch wenn der Graben offen ist, heißt es selbst Hand anlegen, denn wenn man alles offiziell ausschreiben würde, wäre so etwas überhaupt nicht umsetzbar.   

Kurz gesagt - ohne Ehrenamt, ohne freiwillige Bereitschaft, wäre das alles nicht möglich?

Ja, das muss man ganz klar sagen! Der Telekommunikationsverein ist eine private Initiative in der Gemeinde, welche vom damaligen Bürgermeister Othmar Ganahl aus ging. Er hat sich bereits mit den ganzen Infrastrukturprojekten, wie der Fernwärme, dem Ortszentrum und dem Kanal befasst. Im Zuge dieser Projekte konnte man mit Leerverrohrungen auch die Streusiedlungen anbinden.

Sobald heute ein Güterweg saniert wird, ist man gleich an Ort und Stelle und nutzt Synergien. Das Einziehen der Glasfaserkabel passiert auch ehrenamtlich. Da ist sehr viel Engagement von jungen Leuten dabei. Gott sei Dank! - denn wenn wir die Infrastrukturmaßnahmen jetzt nicht setzen, haben wir unsere Chancen verspielt.

Zur Person - Stefan Bachmann

Alter: 57

Gemeinde: Blons

Einwohnerzahl: 349 (1. Jänner 2018)

im Amt sei: 2004

Partei: ÖVP

Der Mensch hinter dem Bürgermeister

Zuhause ist für mich: ... dort, wo ich mich richtig wohl fühle.

Ich rege mich auf … wenn man wegen Kleinigkeiten ein Geschrei macht.

Ich fahre... einen VW Tiguan

Wovor haben Sie Angst? Davor, dass der Egoismus zu stark zunimmt.

mein Lebensmotto: ...bei Entscheidungen immer enkeltauglich denken

Wie würden Sie sich selbst beschreiben? Ich bin immer für andere da.

 

 

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