Hebburn Central
Das 25-Meter-Becken des Schwimmbades im Hebburn Central.

Ein Musterbeispiel für ein Gemeindezentrum

Newcastle upon Tyne ist die größte Stadt im Nordosten Englands und hat eine mehr als 2000 Jahre alte Geschichte. Einst standhaftes Kastell im Verlauf des Hadrianswalls, hat die Kommune Weitblick und Mut zu Neuem bewiesen und ein innovatives Konzept für ihr Gemeindezentrum umgesetzt. Hebburn Central verbindet unter anderem ein Hallenbad mit einer öffentlichen Bibliothek sowie Einrichtungen der öffentlichen Verwaltung. Wie geht das?

Ist man auf der Suche nach innovativen Konzepten für Sportanlagen, im Speziellen für Breiten- und Trendsportanlagen, so führt die Reise zurzeit unweigerlich nach Dänemark. Hier verstehen es die Kommunen, der organisierte Sport und Planer bereits seit einiger Zeit, das geänderte Bewegungsverhalten der Bevölkerung zu erkennen und darauf entsprechend der neuen Anforderungen zu reagieren.

Dabei werden in den Projekten durchaus ungewöhnliche „Zutaten“ miteinander vermengt, um in den meisten Fällen erstaunliche „Gerichte“ zuzubereiten, zum Beispiel ein Parkhaus mit einem an der Fassade zum Dach hinaufführenden Sprintstiegenhaus mit Ziel Motorikpark oder ein Kulturzentrum mit innovativen Bewegungsräumen und -angebot für alle Altersgruppen. Die Kreationen sind alle nicht alltäglich, doch das über den Horizont Hinausdenken hat sich bei jedem einzelnen Projekt ausgezahlt, denn die Auslastung ist gut und die Objekte werden von der Bevölkerung extrem gut angenommen.

Newcastle upon Tyne liegt nicht in Dänemark, aber man hat den dänischen Geist übernommen und hatte Mut, mit dem Gemeindezentrum Hebburn Central neue Wege zu beschreiten.

Tyne brauchte ein identitätsstiftendes Zentrum für die Bevölkerung

Das Hebburn Central ist am Südufer des Tyne gelegen. Ein Gebiet mit starker industrieller Vergangenheit im Schiffsbau. Die Deindustrialisierung hat deutliche Spuren im Gemeindegebiet hinterlassen. Die großen Schiffswerften sind Großteils gewichen und jene, die noch bestehen, haben sich auf die Wartung, Instandhaltung und Reparaturen spezialisiert. Der Wandel ist sowohl am Stadtzentrum ablesbar als auch an der Bevölkerung nicht spurlos vorübergegangen. Für die Stadtverantwortlichen war es daher wichtig, ein neues, identitätsstiftendes Zentrum für die Bevölkerung zu schaffen.

Das Architekturbüro FaulknerBrowns Architects wurde 2012 vom South Tyner Gemeinderat beauftragt, einen Masterplan für die Revitalisierung des Stadtzentrums zu erstellen.

Schnell wurde den Verantwortlichen und Planern klar, dass es für einen Neustart ein neues Herz braucht, welches das Stadtzentrum belebt. Besser noch, es sollte die nötige Strahlkraft haben, um die geplanten Folgemaßnahmen zu unterstützen.

Bevölkerung wurde eingebunden

Bewusst setzte man daher auch auf die Beteiligung der Bevölkerung. In einem Zeitraum von nur zwei Monaten wurden 15 Workshops abgehalten, woran sich über 1000 Bürger und Bürgerinnen beteiligten. Ein deutliches Zeichen für das große Interesse an diesem Projekt. Auch andere internationale und nationale Beispiele zeigen, dass Beteiligungsprozesse in den meisten Fällen die Akzeptanz eines Projekts in der Bevölkerung steigern. Wichtig dabei ist immer das ehrliche Miteinander aller Beteiligten und eine klare Kommunikation.

Umfangreiche Nutzungsmöglichkeiten

Das Ergebnis des Beteiligungsprozesses, des Masterplans für die Revitalisierung des Stadtzentrums und der architektonischen Auseinandersetzung ist das Hebburn Central, ein Gebäude mit ungewöhnlichem, aber interessantem Raumprogramm und Nutzungsmix.

Im Gebäude finden ein Schwimmbad, eine Turnhalle, die örtliche Bibliothek, ein Fitness-Bereich, ein Tanzstudio und Büroräumlichkeiten der Verwaltung Platz. Ergänzt wird das Angebot im Freiraum durch einen Kunstrasenplatz und einen Kinderspielbereich. Insgesamt teilen sich die Flächen in 60 Prozent für sportliche und 40 Prozent nicht sportliche Nutzungen auf.

Nutzungsmix liegt im Trend

Internationale Trends zeigen, dass das Hebburn Central kein Einzelfall ist. Ein Nutzungsmix aus verschiedenen Angeboten kann positive Synergien fördern. Seien es energietechnische Synergien, wie zum Beispiel bei der Bossard Arena im schweizerischen Zug, wo die angrenzende Wohnsiedlung zum Teil mit Hilfe der Abwärme der Eisbereitungsanlage geheizt wird, oder wie in Newcastle, Synergien zwischen einzelnen Institutionen, um ein belebtes Ortszentrum zu schaffen.

Die diversen Angebote bewirken, dass das Gebäude zu unterschiedlichen Zeiten mit Leben gefüllt wird. Schulen nutzen das Schwimmbad, ein 25-Meter-Becken mit kleiner Tribünenanlage und ein Lehrbecken vormittags. Auch die Bibliothek und die Turnhalle werden von den Schüler/innen genutzt, während zeitgleich Amtsgänge in den Räumlichkeiten der Verwaltung passieren. In den Nachmittags- und Abendstunden sind dann Berufstätige die Hauptnutzer/innen. 2016, im Jahr nach der Eröffnung, waren es 243.245 Nutzer/innen.

Leben im Innenraum soll gezeigt werden

Die Angebote sind dabei räumlich so ansprechend angeordnet, dass die Funktionen sich nicht voreinander verstecken. Im Gegenteil, das Haus signalisiert Offenheit nach außen, hin zum Stadtraum.

Das Leben im Innenraum soll gezeigt werden, neugierig machen und so neue Nutzer/innen anlocken. Dem entspricht auch die architektonische Gestaltung. Große Öffnungen in der Fassade findet man dort, wo es etwas zu sehen gibt. So verschmilzt die Bücherei scheinbar mit dem angrenzenden Stadtraum und man wird geradezu zu den Bücherregalen hingezogen.

Hebburn Central
In der Biblithek wird man geradezu in die Bücherregale gezogen.

Im Gebäude selbst sind vielfältige Blickbeziehungen möglich und die Wegeführung ist so geschickt verwoben, dass man unweigerlich die Vielfältigkeit der Angebote wahrnimmt. Als Leseratte bekommt man Lust, den rauchenden Kopf bei ein paar Längen im Pool abzukühlen, und umgekehrt, als Schwimmer, sich in der Bücherei in die neuesten Trainingsphilosophien einzulesen.

Die Vielfältigkeit und Offenheit trägt in jedem Fall zu einer auffällig positiven Stimmung im Gebäude bei. Gemeindemitarbeiter/innen berichten sogar, dass sie bei Angelegenheiten mit Konfliktpotenzial wesentlich seltener Probleme haben, da alle Beteiligten bei Besprechungen durch die positive Grundstimmung entspannter zur Sache gehen.

Gebäude wird von der Bevölkerung genutzt

Neben diesen subjektiven Erfahrungen ist der Erfolg des Gemeindezentrums der anderen Art auch in Zahlen messbar. Nach Eröffnung des Hebburn Central im August 2015 wurden in den ersten drei Monaten 1100 Jahresmitgliedschaften mehr bei den Sportangeboten und 600 Mitgliedschaften mehr in der Bücherei abgeschlossen. Das untermauert den Erfolg des architektonischen Konzepts des Hebburn Central und des Masterplans für die weitere Stadtentwicklung.

Dieser kurzfristige Erfolg soll jedoch in eine langfristig nachhaltige Entwicklung umgemünzt werden. Es gibt bereits erste Anzeichen, dass die Entwicklung in die richtige Richtung geht.

Durch die ganztägige Belebung des Stadtzentrums infolge des Nutzungsmixes im Gemeindezentrum ist eine höhere Bereitschaft für Investitionen im Stadtteil aus dem privaten Sektor spürbar. Das Herz hat also bereits spürbar zu schlagen begonnen.

Abwärme der Sportler wird genutzt

Der erhöhte Herzschlag und die unvermeidlich damit verbundene Wärmeentwicklung der Aktiven auf den Laufbändern des Fitnessbereichs im Hebburn Central wird energieeffizient im Gebäude genutzt. 400 Watt an Wärme produziert ein/e Sportler/in durchschnittlich auf dem Laufband. Diese Abwärme wird über Wärmetauscher aufgenommen und dazu genutzt, das Wasser des 25-Meter-Beckens zu erwärmen.

Gerade bei Sportanlagen wie Schwimmbädern sind eine energieeffiziente Bauweise, aber auch intelligente Maßnahmen zur Reduktion der laufenden Kosten wichtig. Das Schwimmbad wurde im Fall des Hebburn Central daher so ausgerichtet und die Fensteröffnungen so angeordnet, dass ein hoher Anteil an Sonneneinstrahlung genutzt werden kann, um den Schwimmbadbereich zu erwärmen.

Vorfertigung verkürzte die Bauzeit

Neben diesen intelligenten planerischen Maßnahmen wurde ebenso an der Bauteiloptimierung gearbeitet. Die Fassadenelemente wurden zum Großteil vorgefertigt angeliefert, um so einerseits die Bauzeit zu verkürzen und andererseits einen hohen Qualitätsstand der Produkte zu erreichen. Der U-Wert der Wandkonstruktion übertrifft die Vorgaben um das Doppelte und auch die Dichtheit der Gebäudehülle konnte durch die gewählte Bauweise erhöht werden. Die Dachflächen werden mit Hilfe einer Solaranlage ebenfalls zur Energiegewinnung genutzt.

All das bedeutet natürlich ein Mehr an Erstinvestitionen, doch die Langzeitwirkung ist der ausschlaggebende Kostenfaktor. Gerade Sportstätten wie Schwimmbäder, aber auch Eisanlagen haben erfahrungsgemäß hohe Betriebskosten. Hier macht es in jedem Fall Sinn, Mehrinvestitionen zu prüfen, um auf lange Sicht Betriebskosten und damit die Belastung für das Gemeindebudget zu senken. Umso mehr empfiehlt es sich, jedmögliche Synergien zu nutzen.

Beim Hebburn Central ist das gelungen, und das Engagement schlägt sich neben der positiven Entwicklung der Stadt auch in der Vorbildwirkung für weitere Projekte nieder. Zirka 98 Prozent der Arbeiten wurden an Betriebe in einem Umkreis von 30 km vergeben, das stärkt den örtlichen Bezug zusätzlich.

Hebburn Central
Das Hebburn Central von außen.

Wie es zu innovativen Sportstätten kommt

Im Forschungsprojekt EnergieFit – e7 Energie Markt Analyse und Österreichisches Institut für Schul- und Sportstättenbau – wurden unter anderem Best-Practice-Beispiele für innovative Energietechnologien im Sportstättenbau aufbereitet.

Es zeigte sich, dass die Rahmenbedingungen für die Umsetzung in den meisten Fällen von den Kommunen ausgehen. Smart City-Programme geben oftmals den Anreiz, Projekte in einem breiteren Kontext zu denken und somit auch langfristige Nachhaltigkeit zu erreichen.

Aus Erfahrung weiß man, dass es diese Projekte sind, die den Unterschied in einer Gemeinde ausmachen. Auszeichnungen wie der IOC IPC IAKS Award, der RIBA Award, der British Construction Industry Award und das Erfüllen von Nachhaltigkeitsstandards wie BREEAM, wie im Fall des Hebburn Central, sind Anerkennungen, welche den Stellenwert der Planung der Gemeinde für ihre Bürger noch einmal klar verdeutlichen und alle mit Stolz erfüllen.

Das Beispiel des Hebburn Central zeigt, dass öffentliche Infrastruktur, die identitätsstiftend und innovativ ist, langfristig eine Win-win-Situation darstellt. Der internationale Vergleich zeigt, dass hierfür jedoch Player aus den unterschiedlichen Bereichen den Mut haben müssen, gemeinsam
und budgetübergreifend an einem Strang zu ziehen.

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