johann Grubinger
Herzbluat/Gregor Wimmer
„In der Früh früher auf, am Abend länger am Schreibtisch oder am Traktor – aber zu den Mähzeiten gibt es keine Termine! Dafür genier‘ ich mich nicht und komme des Öfteren auf dem Traktor ins Gemeindeamt. Weil ein bisserl ein Spinner musst schon sein.“ „Jooon“ Grubinger über sein Verständnis von Work-Life-Balance und die Arbeit als Bürgermeister.

"Ein bisserl ein Spinner musst schon sein"

Seit Juli 2018 ist Johann Grubinger Bürgermeister der Gemeinde Thalgau im Salzburger Flachgau. Schon davor engagierte sich der Landwirt und Unternehmensberater nach Kräften in der Kommunalpolitik. Sein Amt interpretiert der 47-jährige Netzwerker und Kommunikator als Balanceakt zwischen Dienen und Vorgeben. Maximal 15 Jahre will Grubinger an der Spitze Thalgaus stehen – und die Gemeinde schon jetzt auf Entwicklungen vorbereiten, die in ein oder zwei Jahrzehnten virulent werden.

Am 20. Oktober dieses Jahres war es soweit. Thalgaus generalsaniertes Gemeindezentrum wurde nach sechsmonatiger Bauzeit eröffnet. Der Weg zu Johann Grubingers Bürgermeisterbüro ist nun barrierefrei und kein Baustellenslalom mehr. Vor drei Monaten hat er den Chefsessel seines Vorgängers, Freundes und Geschäftspartners Martin Greisberger eingenommen. Gemeinsam haben die beiden Regionalgeschichte geschrieben und die 6000-Einwohner-Gemeinde im Umland der Stadt Salzburg auf die Landkarte kommunaler Innovationen gesetzt. 2007 initiierte Thalgau einen mehrjährigen Prozess der Ortskerngestaltung. 3000 Fahrzeuge rollten damals Tag für Tag mitten durch den Ort. Greisberger focht das Umgestaltungskonzept mit Beharrlichkeit gegen alle Widerstände in den Landesgremien durch, Grubinger fungierte als Ideengeber und Querverbinder.

Erste Begegnungszone auf einer höherrangigen Straße

Nachdem für den gesamten Ortskern Tempo 30 verhängt, die Landesstraße neu trassiert, Gehsteige und Zebrastreifen entfernt und der Asphalt gelb eingefärbt worden war, wurde 2013 die erste Begegnungszone Österreichs auf einer höherrangigen Straße eröffnet. Eine Initiative Johann Grubingers sorgte für deren gestalterische Abrundung – und damit für große Akzeptanz in der Bevölkerung. In Zusammenarbeit mit Studierenden an der FH Kuchl, Schülern der HTL Hallein und international tätigen Künstlern entstanden Kristallen nachempfundene Stadtmöbel aus Holz, Stein und Metall. Sie garantieren hohe Aufenthaltsqualität und motivieren die Thalgauerinnen und Thalgauer, ihre sommerlichen Feste mitten auf dem Dorfplatz zu feiern.

„Gemeindevertreter aus ganz Österreich pilgern nach Thalgau, um sich die Begegnungszone anzuschauen. Nur die damals zuständige Landesrätin hat es nicht der Mühe wert gefunden, unsere Lösung in Augenschein zu nehmen“, so Grubingers kleiner Seitenhieb auf die Salzburger Landesregierung.

Der günstigen Lage wegen wird Thalgau gerne das „Tor zum Salzkammergut“ genannt und genießt als Weltcup-Standort einen besonderen Ruf in der Fallschirmspringerszene. Berge und Seen, aber auch die Landeshauptstadt Salzburg sind nur wenige Kilometer entfernt. Thalgau wächst kontinuierlich und verfügt über ein gerüttelt Maß an Infrastruktur: mehrere Schulen, ein Bezirksgericht, Sport- und Freizeitstätten. Zahlreiche Industriebetriebe – darunter Standorte internationaler Konzerne wie Sony DACD oder der Papiererzeuger Berberich – sorgen für Arbeitsplätze und ein ordentliches Kommunalsteueraufkommen. Braucht es da überhaupt noch einen Querdenker und Innovator als Bürgermeister?

F & E für die Kommunalpolitik von morgen

Zwischen den Zeilen verrät Johann Grubinger, den seine Freunde „John“ (sprich: Jooon) nennen, wie er sein Amt anlegen möchte: „In Wahrheit bräuchte jede Gemeinde einen Kreativmanager, der sie als Ganzes weiterbringt, der sich gemeinsam mit Unternehmen, Organisationen und anderen Orten neue Konzepte überlegt – im Bildungsbereich, in Sachen Verkehr, Ökologie, Integration und Standortmarketing. Das ist übrigens auch der Grund, warum wir uns freuen, Mitglied im Verein Zukunftsorte zu sein. Dessen Rolle sehe ich in den kommenden Jahren als Versuchslabor, als Forschungs- und Entwicklungsabteilung des Gemeindebundes bzw. der Bundespolitik. In den Zukunftsorten können mögliche Lösungen für die Probleme von morgen schon heute ausprobiert werden, weil diese Gemeinden in jeweils unterschiedlichen Themenbereichen einen Entwicklungsvorsprung haben.“

Wer Innovation vorantreiben und die Gemeinde weiterentwickeln will, braucht ein gewisses Kommunikationstalent. Das beginnt beim aktiven Zugehen auf Neubürger und beim Einbinden der Vereine. „Beim Neubau unseres Schulgebäudes haben wir darauf geachtet, möglichst viele Nutzungen unterzubringen, u. a. einen Kletterturm. Die Kinder nutzen ihn mit Begeisterung, weshalb sich die Mitgliederzahl des Alpenvereins im Ort seither fast verdoppelt hat“, erzählt Grubinger. „Und der Feuerwehrhauptmann drängt darauf, dass wir neu Zugezogene rasch nach einer möglichen Feuerwehrvergangenheit fragen und sie einladen, auch am neuen Wohnort aktiv zu werden.“

Nicht alles lässt sich durchsetzen

Trotz sorgfältiger Planung und guter Kommunikation scheitern innovative Projekte bisweilen am Widerstand anderer. Auch diese Erfahrung blieb Grubinger in 14 Jahren kommunalpolitischen Engagements nicht erspart.

Etwa bei jenen Klimazielen, die sich Thalgau als sogenannte „e5-Gemeinde“ gesetzt und weitgehend erreicht hat. Durch den Kauf von Anteilsscheinen konnten zwei PV-Anlagen auf Schulgebäuden installiert werden. Und die verbindliche Zusage der Gemeinde, alle kommunalen Gebäude an ein Fernwärmenetz anzuschließen, ermutigte einen privaten Betreiber zum Bau eines Biomassekraftwerks.

Auch eine Windkraftanlage hätte nach zwölfjähriger Vorbereitung errichtet werden sollen, stieß aber auf den Gegenwind von Landespolitik, Energieunternehmen und dem Bundesheer. Letzteres befürchtete Störungen der umliegenden Radar- und Überwachungsanlagen. „Windkraft-Ausbau steht im Salzburger Energie-Masterplan drin. Wäre es den Verantwortlichen ernst damit, hätte man uns bauen lassen – so wie es der oberösterreichische Zukunftsort Munderfing vorgezeigt hat“, ärgert sich Grubinger.

Und er schiebt noch eine Breitseite gegen überschießende Regulierungen nach: „Wir haben in der Gemeinde viele klima- und energierelevante Kleinkraftwerksbetreiber, denen man mit neuen Verordnungen das Leben schwer macht. Klimaschutz und Naturschutz stehen in unauflösbarem Widerstreit, wenn du von heute auf morgen ein paar hunderttausend Euro in Fischaufstiegstreppen investieren sollst. Wie soll das gehen? Früher sind die Fische ja auch durchgekommen.“

Ländlicher Kreativ- und Wissenschaftsstandort

Genug geärgert! Besser die Zeit für Zukunftsfragen nutzen. Welche Ziele möchte der Bürgermeister nach 15 Jahren Amtszeit erreicht haben?

Johann Grubinger zögert nicht lange: „Thalgau ist ein Schulstandort mit Volks-, Mittel- und Sonderschule sowie einem polytechnischen Lehrgang. Für eine weiterführende höhere Schule haben wir wohl zu wenig Einwohner und liegen zu nah an der Grenze zu Oberösterreich. Aber wir haben genug Betriebe und motivierte Leute, die uns als Standort für eine Außenstelle einer Universität oder Fachhochschule prädestinieren. Am besten in Kombination mit der regionalen Kreativwirtschaft und mit starker Start-up-Orientierung. Das wäre auch ein Lockmittel für zusätzliche Betriebsansiedlungen und somit für neue Arbeitsplätze. Als Gemeinde können wir den Betrieben bei der Standortsuche sowie bei den Kommunalsteuern entgegenkommen. Klar muss aber sein, dass sich die gesetzten Maßnahmen spürbar auf die Zufriedenheit der Bürger auswirken“, so Grubinger.

Sein Vertrauen in die Kreativwirtschaft scheint ungebrochen – im Gegensatz zu manchen Sonntagsrednern aus den Großstädten des Landes. Kein Wunder: Johann Grubinger hat gemeinsam mit Martin Greisberger den ersten Co-Working-Space im Flachgau ins Leben gerufen, unternehmerische Kompetenz in die Gemeinde gelockt und ein Gebäude im Zentrum Thalgaus vor dem Leerstand bewahrt. Im „LOCAL21“ betreibt u. a. der Verein QUERLAND, ein Zusammenschluss von Kreativunternehmen im Raum Fuschlsee/Mondsee, sein Büro. Grubingers und Greisbergers Unternehmen „communaldesign21“ – es berät Kommunen bei der Entwicklung zukunftsfähiger Verkehrslösungen – ist auch mit von der Partie.

Johann Grubinger
"Die Arbeit am Hof erdet mich und ist Ausgleich zum Bürgermeisteramt.“

Kraft vom Bauernhof

Die Kraft für sein umtriebiges Berufsleben tankt Johann Grubinger zuhause auf dem eigenen Bauernhof, wo er mit Partnerin Sandra Schroffner, dem gemeinsamen Sohn Jonas (6) und seinen Eltern lebt. Ebenfalls dort wohnhaft: zwei neuseeländische Kune-Kune-Schweine, neun Pferde, Hunde, Schafe, Katzen, Geflügel, Kaninchen und Meerschweinchen.

Nach seiner Lehre als Polsterer und Tapezierer arbeitete Grubinger als Einrichtungsberater, entwickelte sein Kommunikationstalent und entdeckte seine Liebe zum Design. Später kehrte er auf den Bauernhof zurück, um den Betrieb nach drei Jahren mangels Perspektiven komplett einzustellen. Die Motivation für den Neubeginn kam von Lebensgefährtin Sandra, ihres Zeichens Land- und Pferdewirtin, Reitlehrerin, Reittherapeutin, Lebens- und Sozialberaterin. Ihr ist es zu verdanken, dass sich das „Zacherlgut“, seit Generationen ein Familienbetrieb, heute als biologisch geführter „Begegnungshof“ für tiergestützte Therapie präsentiert. „Am Hof ist meine Frau der Boss, ich beschränke mich aufs Futter mähen und gehe bei der Schaffleischproduktion zur Hand“, so Grubinger.

Work-Life-Balance funktioniert dann so: „In der Früh früher auf, am Abend länger am Schreibtisch oder auf dem Traktor – aber zu den Mähzeiten gibt es keine Termine! Die Arbeit am Hof erdet mich und ist Ausgleich zum Bürgermeisteramt“, so Grubinger. „Ich geniere mich auch nicht dafür, des Öfteren mit dem Traktor ins Gemeindeamt zu kommen. Weil ein bisserl ein Spinner musst schon sein. Ein paar in der Gemeinde denken sich dann vielleicht: Was ist denn das für ein Kasperl? Aber auch sie müssen zugeben: Der Grubinger ist ein Vorausdenker, bringt wichtige Projekte ins Rollen und packt an.“ 

Johann Grubinger

Alter: 47

Gemeinde: Thalgau

Einwohnerzahl: 5931 (1. Jänner 2018)

Bürgermeister seit: 2018

Partei: ÖVP

 

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